Der Narrenturm

Geist

Zeitgeschichte im Untergrund
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#1
1784 wurde der Narrenturm unter Kaiser Josef II. erbaut und war das erste "psychiatrische Krankenhaus".
Wir durften uns vorige Woche den Keller ansehen, der zu Heizzwecken angelegt wurde. Dumm war nur, dass die Beheizung auf diese Weise nicht funktionierte, der Keller war also seiner einzigen Bestimmung beraubt.
 

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H

Harald 41

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#5
Hallo @geist;:gut: ebenfalls :danke für die interessanten Bilder vom Narrenturm, über den habe ich vor ca. einer Woche gegoogelt, da ich in einem Luftbild darüber gestolpert bin.
Nehme an der ist nicht öffentlich zugänglich??

LG Harry
 

josef

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#8
Narrenturm soll umfassend renoviert werden...

Narrenturm als „Museumsjuwel“

Die Tausenden Präparate kranker oder entstellter Körperteile im Narrenturm im Alten AKH sind ein „Sammlungsschatz“. Durch eine umfassende Renovierung soll er laut Kulturministerin Claudia Schmied (SPÖ) zum „Museumsjuwel“ avancieren.
Wachspräparate von durch Krankheiten entstellten Körperteilen, eingelegte Organe und verkümmerte Skelette - es gebe kaum eine Krankheit, die hier nicht als Präparat zu sehen sei, hob Schmied die Bedeutung der Sammlung hervor.

Denkmal zur Geschichte der Krankenversorgung
Nachdem die Präparate „ein bisschen spooky“ seien, verwundere es kaum, dass hier bereits der eine oder andere Krimi gedreht worden sei, so die Ministerin, die es „von der Choreographie her großartig“ und „kurios“ fand, ihre letzte Pressekonferenz im Kulturbereich dieser Legislaturperiode ausgerechnet im Narrenturm abzuhalten.

Der 1784 erbaute Narrenturm gilt laut dem Naturhistorischen Museum (NHM) als bedeutendstes Denkmal zur Geschichte der Krankenversorgung. Immerhin war der von Kaiser Joseph II. mitinitiierte Rundbau das erste Krankenhaus der Welt, das ausschließlich zur Pflege von psychisch kranken Menschen errichtet wurde - auch wenn die Kranken unter teils menschenunwürdigen Bedingungen untergebracht wurden. Erst ab Anfang der 1970er Jahre wurde die pathologisch-anatomische Sammlung im Narrenturm angesiedelt, zunächst wurden die 139 Zellen einzeln angemietet.

Nutzung hinterließ Spuren
Die Jahre und die Nutzung als „Irrenhaus“ bis in die 1860er Jahre, nach dessen Auflassung als Krankenschwesterwohnheim, Arztdienstwohnungen und Werkstätten der Unikliniken hinterließen ihre Spuren am fünfstöckigen Gebäude. Der Putz bröckelt, durch viele Stellen der Außenfassade lugt das Mauerwerk.

Mehrere Sanierungsphasen
Bei laufendem Museumsbetrieb wird der denkmalgeschützte kreisrunde Bau mit einer Spange in der Mitte, in der früher Ärzte- und Schwesternzimmer untergebracht waren und wo künftig neue Ausstellungsräume entstehen sollen, nun in mehreren Phasen saniert: Mit Ende 2012 wurde mit neuer Infrastruktur für das Museum wie der Schaffung eines barrierefreien Zugangs und der Renovierung der Innenhoffassaden begonnen, 1,6 Mio. Euro gibt es dafür vom Kulturministerium.
Ende 2014 soll die Außenfassade folgen, die Kosten in vermutlich nochmals dieser Höhe soll die Stadt Wien übernehmen, eine mündliche Zusage dafür gibt es laut NHM-Generaldirektor Christian Körberl bereits. Das Budget für den Innenbereich soll laut Schmied wieder aus dem Kulturministerium kommen.

Reaktivierung der historischen Belüftungsanlage
Architekt Thomas Kretschmer, der bereits seit einem Jahrzehnt die Gebäudestruktur des Narrenturms „durchleuchtet“ hat, sieht als Herausforderung bei der Renovierung vor allem die Entscheidung, welche durch die Nachnutzung entstandenen Umbauten (etwa Duschräume für die Krankenschwestern etc.) rückgebaut und was restauriert werden soll. Fix ist etwa bereits eine Reaktivierung der historischen Belüftungsanlage. Parallel zu den Arbeiten wird ein Forschungsprojekt durchgeführt, bei dem etwa die Blitzschutzanlage - laut Kretschmer eine der ältesten der Welt - beleuchtet werden soll.

Auch bei der Sammlung steht das NHM vor Herausforderungen: Zwar seien in den vergangenen Jahrzehnten Kataloge zur nach wie vor für wissenschaftliche Zwecke genutzten Sammlung herausgegeben worden, die Präparate seien allerdings nach einem System katalogisiert, „das für mich nicht wirklich nachvollziehbar war“, so Maria Teschler-Nikola, Leiterin der Abteilung für Anthropologie im NHM. Dazu kämen „Überraschungen“: So habe man Präparate entdeckt, die ursprünglich vom NHM verliehen, aber nie zurückgegeben worden waren. „Die sind uns schon abgegangen.“

„Sammlung der Grauslichkeiten“
Nun gehe es darum, die Sammlung zu sichten und zu entscheiden, was davon künftig gezeigt werden soll und ob Teile eventuell abgegeben werden. Bis die Sammlung in einem neuen Arrangement zu sehen ist, wird es laut Köberl jedenfalls „sicher einige Jahre dauern“.
Die im Medizinstudentenjargon „Sammlung der Grauslichkeiten“ genannte Sammlung war bereits 1796 gegründet worden, 1971 übersiedelte das damals eigenständige Bundesmuseum in den Narrenturm. Seit 2012 ist es in das NHM eingegliedert. 2012 zog das Museum im Narrenturm 24.000 Besucher an.
Text- u. Bildquelle: http://wien.orf.at/news/stories/2605897/
 

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josef

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#9
Neuer Blick auf Krankheit im Narrenturm
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Nach einer langwierigen Renovierung des historischen Narrenturms am Alsergrund steht die dort angesiedelte bekannte pathologisch-anatomische Sammlung seit Kurzem wieder dem Publikum offen. Die neu konzipierte Schau gewährt nun einen zeitgemäßen Blick auf Krankheit und Tod.
Online seit heute, 14.19 Uhr
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So will man das erneuerte markant-runde Gebäude auch als Ort für in der Gesellschaft oft beiseitegeschobene Diskussionen positionieren, hieß es bei einer Presseführung am Dienstag. Seit 2012 gehört der Narrenturm zum Naturhistorischen Museum (NHM) Wien. Damals erfolgte auch der Startschuss für die aufwendigen Renovierungsarbeiten.

Zuletzt verzögerten auch noch die Lockdowns den Start in die neue Ära für das 1784 eröffnete Gebäude, das einst die „k. k. Irrenanstalt zu Wien beherbergte“. Über den landläufigen Namen – Narrenturm – „stolpert man heute“, sagte NHM-Generaldirektorin Katrin Vohland am Dienstag. Trotzdem war die von Kaiser Joseph II. (1741-1790) initiierte Einrichtung damals ein „großer Fortschritt in Geschichte der Psychiatrie“.

Nichts für schwache Nerven
Das durchaus „merkwürdige Gebäude“ beherbergt nun im Erdgeschoß eine weltweit einzigartige wissenschaftliche Sammlung, die rund 14.000 Objekte umfasst. Deren Inhalt ist bekanntlich nichts für schwache Nerven, zeigt sie doch explizit die Auswirkungen von Erkrankungen in ihren mannigfaltigen Ausprägungen.

Fotostrecke
APA/Herbert Neubauer
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Eine alte Schmiede im Narrenturm
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NHM-Generaldirektorin Katrin Vohland bei der Ausstellungseröffnung im Narrenturm

Hier sehe man Krankheiten in Erscheinungsbildern, die man durch die Segnungen der modernen Medizin vielfach so nicht mehr sehe und folglich auch nicht analysieren könne, so Vohland. Das hat auch zur Folge, dass sich die neue, in einem Rundgang im Erdgeschoß untergebrachte Ausstellung nicht unbedingt für einen netten Museumsbesuch mit kleinen Kindern eignet.

Wissenschaftliche Reflexion statt Grusel
Im Gegensatz zu früher, wo sich die Schausammlung vor allem an Ärzte oder Medizinstudenten richtete, habe man nun aber vor allem darauf geachtet, die ethische Frage der Darstellungsform menschlicher Überreste ins 21. Jahrhundert zu holen, erklärte der Kustos der Sammlung, Eduard Winter. Das Ergebnis sei nun der „Versuch, das zeitgemäß zu machen“, den wissenschaftlichen Charakter zu bewahren und „nicht in Voyeurismus zu verfallen“.

Er wünsche sich, dass man nicht zum Gruseln und Ekeln kommt, sondern den Kontext sieht, so Winter. Es gehe um wissenschaftliche Reflexion und nicht ums „Leichenschauen“. Die in den Exponaten exemplarisch illustrierten Krankheiten werden daher ausführlich erklärt. Es gehe um die Erkrankung und Behandlung, nicht aber um den speziellen Menschen, der sie hatte.

Erbgut der „Spanischen Grippe“ entschlüsselt
Derartige Sammlungen wurden zwar länger eher wie ein „Stiefkind“ behandelt, erfahren aktuell aber eine Aufwertung, so Winter. Vielfach werden nun alte Präparate mit modernen Forschungsmethoden untersucht. Nicht zuletzt sei aus einer alten Probe erst kürzlich das Erbgut der vor mehr als 100 Jahren grassierenden „Spanischen Grippe“ erneut entschlüsselt worden, betonte Winter.

Insgesamt habe man den Rundgang „bewusst klinisch gestaltet“, so der Wissenschaftler. In den ersten fünf Räumen widmet man sich der Geschichte der Sammlung und der Pathologie, in den folgenden sechs einstigen „Zellen“ stehen Themen der allgemeinen Pathologie im Mittelpunkt. Dann folgen sieben Räume die einzelne Organsysteme im Fokus haben. Das Rondo beschließt eine Darstellung der Geschichte des Gebäudes selbst.

Blick in eigenen Körper
Einen Blick ins Innere des eigenen Körpers kann man in der in Zusammenarbeit mit Fachärzten konzipierten Schau auch an einer Augmented Reality Station werfen. „Mir gefällt die Darstellung, dass man von den Krankheiten ausgeht. Dadurch wird das einer größeren Öffentlichkeit zugänglich“, sagte Vohland.

Letztlich lasse sich auch nachvollziehen, wie sich der Mensch und seine Sicht auf den Körper und seine Endlichkeit über die Zeit hinweg verändert. „Wir verdrängen Tod ja schon sehr stark aus unserem normalen Leben“, die Auseinandersetzung mit der Sterblichkeit in der Schausammlung sei ein „Angebot“ an die Gesellschaft, so die NHM-Generaldirektorin. Dass es sich um eine Forschungssammlung handelt, sollte dem Besucher bewusst sein.

Schaulustige auf Fassade zum „Narrenschauen“
Auf Inszenierung habe man explizit verzichtet, betonte auch die Direktorin der Anthropologischen Abteilung des NHM, Karin Wiltschke-Schrotta. Vom Bund kamen für die Bauarbeiten etwas mehr als sieben Mio. Euro, wie der Leiter der Sektion Kunst und Kultur im Kulturministerium, Jürgen Meindl, erklärte. Die „behutsame Renovierung“ habe die Ausstellung letztlich „erheblich attraktiviert“.

Gewissermaßen attraktiv war das im Stil des revolutionären Klassizismus gehaltene Gebäude für die Wiener immer in irgendeiner Form, sagte der für die Neugestaltung mitverantwortliche Architekt Thomas Kratschmer. Belegt sind Episoden, in denen Schaulustige die Fassade zum „Narrenschauen“ erklommen haben. In Reaktion darauf wurden die Fugen geschlossen, die dies ermöglichten. Das war auch im Sinne des Kaisers, der die Einrichtung „ausdrücklich als Krankenhaus“ und nicht etwa als Verwahrungsort für Belustigungsobjekte verstanden werden wollte – eine Sicht, die damals alles andere als selbstverständlich war, sagte Kratschmer.
07.09.2021, red, wien.ORF.at/Agenturen

Link:
Neuer Blick auf Krankheit im Narrenturm
 
#10
Wundert mich dass in dem Artikel "Gugelhupf" nicht vorgekommen ist... unter dem Namen kenne ich den doch schon ein paar Jahrzehnte. (Narrenturm kannte ich natürlich auch) ;)

Was wirklich für mich interessant ist, ist dass die Fugen wegen dem Narrenschauen entfernt wurden... Man lernt nie aus. :)

"Belegt sind Episoden, in denen Schaulustige die Fassade zum „Narrenschauen“ erklommen haben. In Reaktion darauf wurden die Fugen geschlossen, die dies ermöglichten. "
 

josef

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#11
"Narrenschauen" in Wien
1784 wird der Narrenturm in Wien gebaut. Er soll vermeintliche "Irre" von der Bevölkerung fernhalten – und zieht stattdessen Schaulustige an
Im Gastblogbeitrag schreibt Anna Stärk für wasbishergeschah.at, wie der 1784 von Kaiser Joseph II. gebaute Wiener Narrenturm zunächst Menschen mit psychischen Erkrankungen isolieren sollte, aber durch "Narrenschauen" zur beliebten Schaulustattraktion wurde.
Im Gastblogbeitrag schreibt Anna Stärk für wasbishergeschah.at, wie der 1784 von Kaiser Joseph II. gebaute Wiener Narrenturm zunächst Menschen mit psychischen Erkrankungen isolieren sollte, aber durch "Narrenschauen" zur beliebten Schaulustattraktion wurde.

Wien an einem Sonntag in den 1780er-Jahren: Um den Wiener "Narrenturm" haben sich Leute versammelt, die einen lustigen Nachmittag erleben wollen. Durch die Fenster beobachten sie die Insassen, die im Turm eingesperrt sind, weil sie als wahnsinnig gelten: Die Schaulustigen lachen über das Gebrüll, das die "Irren" von sich geben. Wenn einmal nichts zu sehen ist, helfen sie nach. Sie rufen Beleidigungen und hoffen, dass die Eingesperrten zu toben anfangen. Manche Besucher:innen gehen sogar noch weiter: Sie klettern an der Fassade hoch und piken die Insassen mit Stöcken. Die Menge unten lacht.


Vor gut 240 Jahren wird der "Narrenturm" als psychiatrische Klinik gebaut. "Narrenschauen" wird zur beliebten Freizeitaktivität der Wiener:innen.
Wien Museum

Eingesperrt im Turm
Menschen mit psychischen Erkrankungen, aber auch Menschen mit Behinderungen gelten damals als gefährliche "Irre", die man von der Gesellschaft fernhalten muss. Den Habsburger-Kaiser Joseph II. besorgt eines besonders: Welchen Einfluss hat es auf Jugendliche und schwangere Frauen, wenn sie in Kontakt mit "Irren" kommen? Darum lässt er in Wien einen Turm bauen, in dem Menschen mit psychischen Erkrankungen leben – weggesperrt von der restlichen Bevölkerung.


Joseph II. (1741-1790) lässt den "Narrenturm" bauen, um vermeintliche "Irre" von der restlichen Bevölkerung zu trennen.
gemeinfrei

Schon damals wundern sich viele Menschen über die seltsame Form des "Narrenturms". Das kreisrunde Gebäude ähnelt eher einer Festung als einem Spital. Gebaut wurde es nicht nach medizinischen Kriterien sondern nach dem Geschmack des Kaisers.


Bereits Zeitgenoss:innen wundern sich über die runde Form des "Narrenturms".
ÖNB Bildarchiv.

Alles am Turm zielt darauf ab, die Insassen zu isolieren und Kontakte zur Bevölkerung zu verhindern: In den kleinen Zimmern lebt oft nur eine einzige Person. Gemeinschaftsräume oder Speisezimmer gibt es nicht. Sogar das medizinische Personal soll sich so weit wie möglich von den Patient:innen fernhalten. Selbst die modernen Toiletten mit Ablauf in jedem Zimmer gibt es hauptsächlich deshalb, damit die Pfleger:innen nicht den Raum zum Nachttopf-Leeren betreten müssen.

Sichtschutz gegen Schaulustige
All diese Bemühungen scheitern jedoch an der Faszination, die der Turm auf die Bevölkerung ausübt: Für viele Menschen aus Wien wird das "Narrenschauen" eine beliebte Beschäftigung an Sonn- und Feiertagen. Für Reisende, die nach Wien kommen, sind die "Irren" im Narrenturm eine Sehenswürdigkeit.

Nach dem Tod von Kaiser Joseph II. im Jahr 1790 wird der Narrenturm nach und nach umgestaltet. Ein neuer Krankenhausdirektor erkennt das Problem, dass die Patient:innen ständig von Schaulustigen gequält werden. Er lässt die Fugen in der Fassade der untersten zwei Stockwerke füllen, damit niemand mehr an den Wänden des Turmes hinaufklettern kann. 1796 lässt er außerdem eine dreieinhalb Meter hohe Mauer um den Turm bauen – nicht um Kranke einzusperren, sondern um Zuschauer:innen loszuwerden.

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Um Schaulustige fernzuhalten, lässt der neue Direktor eine Mauer bauen und die Fassade der untersten beiden Stockwerke glätten. So kann niemand mehr am Gebäude hochklettern.
gemeinfrei

Heute befindet sich im Narrenturm keine psychiatrische Einrichtung mehr, sondern ein Museum. Dort können Wiener:innen und Tourist:innen ganz offiziell ihrer Neugier nachgehen – mit einem Besuch in der pathologisch-anatomischen Schausammlung. In den einstigen Patient:innenzimmern des Narrenturms sind nun anatomische Präparate, historische Wachsabgüsse von Krankheiten und medizinische Instrumente ausgestellt.
(Anna Stärk, 11.12.2025)
Anna Stärk ist Historikerin und Redakteurin bei wasbishergeschah.at.

"Narrenschauen" in Wien
 
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