"Deitsche Sproch, schwere Sproch"

josef

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#41
Fernsehen führt immer mehr zur "Verpiefkesierung" der Sprache in Österreich

Servus" und "Pfiati" vertschüssen sich

"Tschüss" statt "Servus" oder "Pfiati", "die" statt "das Cola" bzw. "die" statt "das E-Mail": Die gesprochene Sprache in Österreich ändert sich. Und zwar altersspezifisch, wie Forscher berichten: Die jüngere Generation tendiert stärker zu Deutschlandismen.

Die Ergebnisse sind eine Art "Nebenprodukt" einer nun abgeschlossenen Studie zur Rolle des österreichischen Standarddeutsch in seiner Funktion als Bildungs- und Unterrichtssprache an österreichischen Schulen. An dem vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten Forschungsprojekt haben die Linguisten Rudolf de Cillia, Jutta Ransmayr und Elisabeth Fink von der Universität Wien mitgearbeitet.

Insgesamt wurden dafür mehr als 1.250 Schüler der Sekundarstufe II sowie rund 160 Lehrer aller Schularten aus allen Bundesländern mit Fragebögen befragt und Interviews mit 21 Lehrern geführt. Außerdem nahmen die Forscher in sieben Schulklassen als Beobachter am Unterricht teil und organisierten je eine Gruppendiskussion mit Lehrern und Schülern.

Lehrer bevorzugen Austriazismen
Unter anderem gaben die Sprachwissenschaftler den Schülern und Lehrern 30 Beispielsätze vor, die Wahlmöglichkeiten zwischen je zwei Varianten (entweder Austriazismen oder Deutschlandismen) enthielten.

So hatten die Teilnehmer etwa die Wahl zwischen "der Bub" oder "der Junge", "in die Schule gehen" oder "zur Schule gehen", "einem Einser" oder "eine Eins", "Schweinsbraten" oder "Schweinebraten" bzw. "schmeckt sehr gut" oder "ist sehr lecker". Ergebnis: 61 Prozent der Lehrer, aber nur 46 Prozent der Schüler bevorzugten dabei die Austriazismen.

91 Prozent der Schüler und 60 Prozent der Lehrer entschieden sich für "die" SMS, 79 Prozent der Schüler und 57 Prozent der Lehrer drückten einen "Pickel" statt eines "Wimmerls" aus, 82 Prozent der Schüler und 43 Prozent der Lehrer schrieben "eine" E-Mail, 69 Prozent der Schüler und 35 Prozent der Lehrer gaben dem "Jungen" den Vorzug gegenüber dem "Bub", 53 Prozent der Schüler und 22 Prozent der Lehrer schlürften "die" Cola.

Weiter dominante Austriazismen
Es gibt aber auch durchaus dominante Austriazismen: Umgekehrt ließen 97 Prozent der Lehrer und 89 Prozent der Schüler das Jahr mit dem "Jänner" (statt Januar) beginnen, die gleichen Prozentsätze gaben "bin gestanden" den Vorzug gegenüber "habe gestanden".

"Schweinsbraten" statt "Schweinebraten" wollten 84 Prozent der Lehrer und 82 Prozent der Schüler verzehren, 96 Prozent der Lehrer und 82 Prozent der Schüler wählten den gemeindeutschen Ausdruck "schmeckt sehr gut" gegenüber "ist sehr lecker".

In einer eigenen Frage erhoben die Forscher außerdem, mit welcher Grußformel sich die Probanden verabschieden würden (Mehrfachnennungen möglich). Zur Auswahl standen dabei "Tschüss", "Baba", "Pfiati", "Ciao" und "Servus". Ergebnis: 79 Prozent der Schüler nannten "Tschüss", 32 Prozent "Ciao", 22 Prozent "Servus" und je zehn Prozent "Baba" und "Pfiati". Bei den Lehrern kam "Tschüss" auf 60 Prozent, "Servus" immerhin noch auf 50 Prozent, "Pfiati" auf 31 Prozent, "Ciao" auf 23 und "Baba" auf 22 Prozent.

TV-Konsum ist entscheidend
Je jünger die Probanden, desto eher zeigte sich eine Tendenz zu Deutschlandismen. Das galt auch für die Gruppe der Lehrer. Konstruierte man aus den Befragungsdaten zwei "Generationen" (bis 21 Jahre bzw. ab 41 Jahre unter Außerachtlassung der Gruppe dazwischen), wurde das Ergebnis noch deutlicher: 64 Prozent der älteren, aber nur 46 Prozent der jüngeren Generation - also weniger als die Hälfte - wählte durchschnittlich die Austriazismen.

Grund für die stärkere Verbreitung der Deutschlandismen dürfte das Medienverhalten sein, vermutet de Cillia. Die Forscher erhoben nämlich auch den TV-Konsum. Dabei zeigte sich, dass jene Schüler, die angaben, nur deutsche Kanäle zu sehen, signifikant öfter Deutschlandismen verwendeten als jene, die nur österreichische Sender einschalteten bzw. Programme aus beiden Staaten ansahen.


science.ORF.at/APA -
Kategorie: Österreichisches Deutsch Erstellt am 03.12.2015
http://science.orf.at/stories/1765083
 
#42
Habe soeben diesen wunderbaren thread über unsere wunderschöne deutsche Sprache gefunden.
(Hau grod den geiln sräd üwa unsa wundascheene deitsche Schbroch gfundn)
Auch für das grüne Mostviertel gibt es ein Übersetzungsbuch.
(A fias greane Mosdfial gibts a Üwasetzungsbiachl)

Mostviertler Lexikon
Josef Tazberger - Eigenverlag
ISBN 3-9501629-0-9
 

josef

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#43
Die „piefkinesische“ Unterwanderung der österreichischen Sprache

„Österreicher sind alle zweisprachig“

Muss sich Österreich vor der medialen Welle an bundesdeutschen Ausdrücken fürchten – essen die Österreicher bald nur noch „leckere Plätzchen“? Im ORF-Dialogforum zum Thema „Wie lecker ist Österreichisch?“ gingen Sprachwissenschaftler der aktuellen Entwicklung der sprachlichen österreichischen Identität auf den Grund.

Sie kamen nicht nur zu kulturpessimistischen und kleinkarierten Schlüssen, warum es sich gerade für ein kleines Land auszahlen würde, eine aktive Sprachpolitik zu betreiben. Den verstärkten Einzug hielt das Deutschlanddeutsch in Österreich ab den 1980er Jahren mit der Empfangbarkeit deutscher Fernsehender.

Typisch deutsche Ausdrücke verankerten sich zunehmend im österreichischen Sprachgebrauch. „Es ist eine Prestigefrage“, erklärte Rudolf Muhr, Sprachwissenschaftler der Universität Graz, das Phänomen. Aufgrund der Vielzahl an deutschen Medien übernehme die Bevölkerung deren Ausdrucksweise, weil sie aus dem Fernsehgerät komme und daher als höhere Sprache eingestuft werde.

„Leckere Sahne“
Doch das Aufkommen der Deutschlandismen verärgert auch viele Österreicher. Sie befürchten, dass ihre Sprache verschwinde. „Die ‚leckere Sahne’ ist in jeder Sitzung Thema“, berichtete ORF-Publikumsrat Ilse Brandner-Radinger von Beschwerdeschreiben der Zuschauern. Die Abneigung gegenüber dem „Piefkinesischen“ führt Muhr auf eine natürliche Angst vor Neuem zurück: „Man ist mit Wörtern konfrontiert, die man nicht kennt, und fühlt sich in seiner Identität angegriffen.“

Dass die Beschwerden beim ORF hauptsächlich von Menschen über 50 kämen, ist kein Zufall. „Die sprachlichen Unterschiede sind eindeutig in den Altersschichten festzumachen“, sagte Rudolf de Cillia, Sprachwissenschaftler an der Universität Wien. Maßgeblich sei die Sprache, in der man selbst sozialisiert wurde.

Altersfrage Austriazismus
Voneinander unabhängige Studien der beiden Sprachwissenschaftler zeigten, dass die Verwendung von Deutschlandismen klar altersspezifisch auftritt. „Mit dem Alter steigt die Grenze des akzeptablen Austriazismus“, so Muhr. Je jünger die Bevölkerung, desto eher würden binnendeutsche Ausdrücke verwendet. Gerade 47 Prozent der Jugendlichen kennen laut Erhebungen typisch österreichische Begriffe.

Aber nicht nur österreichische Ausdrücke fallen deutschen Synchronisationen und Fernsehsendungen zum Opfer, auch die Grammatik übernehmen Jugendliche von Binnendeutschland. „Ich bin gesessen“ wird zu „ich habe gesessen“, „das Cola“ zu „die Cola“. „Wenn man in der Unimensa ‚eine Cola’ bestellt, outet man sich ganz klar als deutscher Numerus-clausus-Flüchtling“, sagte die Poetry-Slammerin und Studentin Yasmo. Unter Jüngeren hingegen sei „eine Cola“ bereits gang und gäbe.

Zweisprachig bis zum „Weißwurstäquator“
Doch die vermehrte Anwendung macht die Unterscheidung zwischen der österreichischen und bundesdeutschen Sprache nicht mehr ganz einfach. Muhr definiert das österreichische Deutsch als „alles, was dem Sprachtyp Deutsch ähnlich ist und auf dem Boden der Republik Österreich gesprochen wird“. Österreichisches Deutsch beschränkt sich also nicht auf die Mundart, sondern umfasst auch die österreichische Varietät von Standarddeutsch.

Diese unbewusste „Zweisprachigkeit“ der österreichischen Bevölkerung, die sich bis zum „Weißwurstäquator“ erstreckt, sei derart verwurzelt, dass es im normalen Sprachgebrauch gänzlich normal ist, aus Standarddeutsch in die Umgangssprache zu wechseln, ohne dass es negativ auffallen würde, sagte Muhr. Das sei ein großer Unterschied zu Sprechern nördlich der Rhein-Main-Linie. „Die reden wirklich den ganzen Tag gleich - das ist für österreichische Verhältnisse unvorstellbar“, so Muhr.

Entwicklung durch Abgrenzung
Generell ändert sich die Sprache heutzutage viel schneller. Yasmo ist 25 Jahre alt und lernt bei Workshops, die sie in Oberstufen in Gymnasien gibt, selbst immer wieder neue Wörter. Obwohl die sprachliche Sozialisierung nur wenige Jahre Unterschied ausmacht, nimmt sie die Weiterentwicklung der Sprache deutlich wahr. Vorangetrieben werde diese Entwicklung dadurch, dass Kinder und Jugendliche ihre Sprache oft zur Abgrenzung verwenden, wie Petra Herczeg, stellvertretende Programmleiterin des Instituts für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Universität Wien, sagte.

Deutschlandismen nicht verbannen
Trotz ihres kontinuierlichen Wandels bildet die Sprache einen großen Teil der österreichischen Identität. Gerade deshalb setzen sich Muhr und de Cillia aktiv für den Erhalt des österreichischen Deutsch ein. „In Österreich gibt es keine Sprachpolitik, die ein positives Verhältnis zur Identität hat. Das sollte sich ändern“, sagte Muhr.

Aufgabe der Schule sei es, das sprachliche Bewusstsein zu schärfen. Deutschlandismen sollen nicht verbannt werden, sondern ins Repertoire aufgenommen und an den passenden Stellen verwendet werden. Die Lehrer sollten anregen, die österreichische Sprache zu verwenden. Um bei den Kleinsten anzusetzen, wünscht sich Muhr eine Kultur- und Sprachpolitik, die das österreichische Deutsch bei der Produktion von Kinderbüchern und Hörspielen fördert.

Anglizismen als Retter
Zu mindestens 0,4 Prozent trennt die Österreicher und Deutschen momentan noch die gemeinsame Sprache, so hoch ist der Anteil der als österreichisch gekennzeichneten Wörter im Duden. Was aber beide Länder eindeutig verbindet, ist der Hang zu Anglizismen. Bei „Wir sind cool und plantschen im Pool“, wie es Christine Nöstlinger festhielt, lassen sich weder Austriazismus noch Deutschlandismus erkennen.


Lilian Spatz, ORF.at
http://orf.at/stories/2329833/2329827/
 

josef

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#44
Dos de do obn hintam Weißwirschtäquata wida wos zmotschkan haum: :p
Niederösterreichisch für Fortgeschrittene
Der Niederösterreicher weiß, was es bedeutet, wenn einer sagt: „Bei an Lamuahatscha hot da Edi a Dochtl gfaungt!“ Damit auch unsere deutschen Urlaubsgäste diesen Satz verstehen, gibt es heuer wieder unseren Sommersprachkurs.
Sendungshinweis
„Niederösterreichisch für Fortgeschrittene“ in „Guten Morgen NÖ“ und „Der Sommernachmittag auf Radio NÖ“ bzw. „Die Radio NÖ Sommertour“, 3.7.2017 bis 1.9.2017
Der (fiktive) deutsche Feriengast Kai-Uwe ist mit Frau und Schwiegermutter wieder auf Urlaub in Niederösterreich. In der sommerlichen Radioserie „Niederösterreichisch für Fortgeschrittene“ erkundet er auch heuer die Fülle, den Witz und die Treffsicherheit der niederösterreichischen Mundart und lässt sich Dialektvokabeln wie „Noagerl“, „zizerlweis“ und „Blunzenstricker“ erklären.

„Im dem Tschocherl san die Topfngolatschn scho gaunz letschat!“ Damit Kai-Uwe den unzufriedenen Kaffeehausbesucher aus Baden versteht, müsste dieser auf Hochdeutsch sagen: „In dem kleinen Kaffeehaus sind die Quarktaschen schon zu weich!“ Das Tschocherl (oder Tschecherl) kann auch ein kleines Gasthaus sein, jedenfalls ein Lokal, in dem man tschechern, das heißt Alkohol trinken kann. Unter Topfengolatschen versteht man ein viereckiges, süßes Germteigtascherl mit einer Topfenfüllung. Die Bezeichnung kommt aus dem tschechischen Wort kolác für Torte.


dpa/dpaweb/dpa/A3724 Felix Heyder

Die körperliche Nähe der Gäste in Diskotheken hat schon manchmal zu handgreiflichen Reaktionen geführt - ein „Lamuarhatscha mit Dochtl“

„Bei an Lamuahatscha hot da Edi a Dochtl gfaungt!“ Der arme Edi! „Beim Tanzen zu einem verträumten Musikstück hat der Eduard eine Ohrfeige bekommen!“ Der Lamourhatscha wird eng, das heißt mit viel Körperkontakt getanzt. Wenn der zu weit geht, kann das zu einer Dachtel führen. Dieses Wort ist wohl aus dem mittelhochdeutschen daht (=denken) entstanden. Somit bedeutet die Dachtel ursprünglich Denkzettel.

„Des Oamutschkerl wohnt in ana Keischn auf der Gstettn.“Und das im Jahr 2017! „Das arme Geschöpf wohnt in einem baufälligen Haus auf dem verwahrlosten Grundstück.“ Früher hat man unter einer Keusche ein sehr einfaches Bauernhaus verstanden, im heutigen Sprachgebrauch benennt man so ein baufälliges Gebäude. Die Gstetten ist Brachland, ein nicht genutztes Stück Boden, um das sich niemand kümmert.

Montag, 3. Juli 2017
http://noe.orf.at/radio/stories/2852394/
 
Zuletzt bearbeitet:
#45
"....in dem man tschechern, das heißt Alkohol trinken kann..."

Davon abgeleitet ein bodenständiger Witz:

Wie heißen die Einwohner von Tschechien?
- Tschecheranten -
 

josef

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#46
Dialektarchiv ist UNESCO-Welterbe
Österreich ist voll regionaler und lokaler Dialekte. Heute wurde ihnen eine große Ehre zuteil: Die UNESCO hat eine riesige Tonbandsammlung heimischer Dialekte zum Weltdokumentenerbe erklärt. Darin enthalten sind Mundarten, die es zum Teil nicht mehr gibt.

„Jo, jetz bin I scho boid 30 Joa Kiahran, ned, owa jetz mit da Zeit fongt si scho di Kreftn ou oh Nochlossn, ned, und es gejd nimamea sou, wias gongan is, des vüle Kiafuadan, Mahn, ned, med da Fuadakraxn hoamdrougn.“ In etwa so könnte eine Transkription aussehen von dem, was eine Kuhmagd im steirischen Kainach einem Forscher im Jahr 1953 erzählte.
Das Interview mit dem Titel „Aus dem Leben einer Kuhmagd“ stammt aus dem Phonogrammarchiv der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Es ist Teil einer Dialekttonbandsammlung mit über 1.700 Aufnahmen und einer Gesamtdauer von 251 Stunden, aufgenommen in zahlreichen Orten aller Bundesländer. Laut ÖAW handelt es sich dabei um eine flächendeckende Dokumentation der österreichischen Dialektlandschaft im 20. Jahrhundert.

Tonbandaufnahmen aus 30 Jahren
Geadelt wird die Sammlung „Tonaufnahmen österreichischer Dialekte 1951-1983“ nun von der UNESCO, die sie am Freitag bei einer Zeremonie im Wiener Palais Harrach zum Weltdokumentenerbe erklärte – genauer gesagt: Sie wurde in das österreichische “Gedächtnis der Menschheit“aufgenommen. In diesem nationalen UNESCO-Register finden sich wichtige Dokumente, vom österreichischen Staatsvertrag über historische Tonaufnahmen des ORF-Vorgängers RAVAG bis zum Nachlass der Schriftstellerin Ingeborg Bachmann.


Phonogrammarchiv der ÖAW
Mit Aufnahmegeräten wie diesem wurden die Interviews gemacht

Bei der Zeremonie in Wien wurden heute neben den Dialektaufnahmen auch noch 17 andere Dokumente zum Weltdokumentenerbe erklärt, darunter das Moskauer Memorandum von 1955 und Interviews mit Opfern des Nationalsozialismus.

Die Dialektsammlung entstand Anfang der 1950er Jahre unter Leitung der Dialektologin Maria Hornung. 30 Jahre lang fuhren Sprachforscher und Sprachforscherinnen für ihre Interviews quer durch Österreich.
Freie Rede der Interviewten
Eine Besonderheit bei diesem Projekt ist laut dem Sprachwissenschaftler Christian Huber vom Phonogrammarchiv, dass die Sprecherinnen und Sprecher in alltäglichen Konversationen und in freier Rede aufgenommen wurden. „Dialektkundler haben damals eher mit Fragebögen gearbeitet, wo einzelne Wörter im Dialekt abgefragt wurden. Bei diesem Projekt haben sie die Leute aber dazu gebracht, selbst zu sprechen, eine Geschichte zu erzählen oder auf Fragen zu antworten.“

Die Interviewten erzählen somit oft aus ihrem unmittelbaren Lebensumfeld und geben traditionelle Geschichten zum Besten. Die Aufnahmen sind deshalb nicht nur sprachlich, sondern auch sozial- und kulturgeschichtlich relevant. „Sie repräsentieren einen bemerkenswerten Teil des kulturellen Erbes Österreichs und der Identität seiner Bevölkerung“, so die ÖAW.

Die Aufnahmen bilden daher die dialektale Sprache im tatsächlichen Gebrauch ab. Da die Tonbandsammlung drei Jahrzehnte umfasst, wird auch der Wandel österreichischer Dialekte deutlich. Durch das Alter der Aufnahmen sind auch Dialekte dokumentiert, die heute bereits verschwunden sind. Einige von ihnen sind äußerst schwer verständlich, wie z.B. jener aus dem Osttiroler Ort Kals.

Vom Aussterben bedroht?
Die Dialekte, die in Österreich gesprochen werden, fasst die Sprachwissenschaft als Variationen des Bairischen - nicht zu verwechseln mit bayrisch - zusammen, lediglich in Vorarlberg werden alemannische Variationen gesprochen. Neben den Sprachen Burgenland-Kroatisch, Jiddisch und Romani gelten in Österreich laut dem UNESCO-Atlas der gefährdeten Sprachen auch bairische und alemannische Dialekte als „potenziell bedroht“.

Gefährdet sind die Dialekte laut Huber insofern, als dass gewisse Ausdrücke, die ältere Generationen noch verwendet haben, heute nicht mehr bekannt sind. Das sei aber ein ganz normaler Prozess in der Geschichte jeder Sprache. Zudem würden sich die unterschiedlichen Dialekte in Österreich immer mehr angleichen. Das liegt daran, dass Menschen heute generell mobiler sind, aber auch am höheren Medienkonsum.

Auch der verstärkte Austausch mit Deutschsprachigen aus dem Ausland trage dazu bei, dass sich Dialekte stärker an das Hochdeutsche angleichen. Dazu kommt auch das gesellschaftliche Prestige oder Nichtprestige unterschiedlicher Dialekte. Manche Leute würden sich selbst als „hinterwäldlerisch“ empfinden, wenn sie ihren Dialekt sprechen, und daher lieber jenes Deutsch imitieren, das sie etwa aus dem Fernsehen kennen, so Huber.

Dialekt als Ausdruck kultureller Vielfalt
Wenn Dialekte aussterben, geht damit auch ein Stück kulturelle Vielfalt verloren. Andererseits sei es auch nicht sinnvoll, Dialekte, die niemand mehr spricht, künstlich am Leben zu halten, sagte Sprachwissenschaftler Huber: „Wenn die Dialektausdrücke ihre Funktion in der Kommunikation der Leute untereinander verlieren, warum sollte man sie überhaupt erhalten?“

Die Nostalgie darüber, dass Dialekte aussterben, teilt er nur bedingt. „Sprache verändert sich eben, sonst würden wir heute noch Althochdeutsch sprechen.“ Natürlich sei es immer schade, wenn etwas verloren geht, aber genau deshalb sei es wichtig, Dialekte zu dokumentieren.

Digitalisierung geplant
Bei der Zeremonie in Wien hat der UNECSO-Fachbeirat auch an die Politik appelliert: In Österreich fehle eine nationale Strategie zur Langzeitarchivierung des digitalen Wissenschafts- und Kulturerbes. Der Beirat fordert daher, ursprünglich analoge Dokumente digital verfügbar zu machen. Das sei besonders im Bereich der audiovisuellen Dokumente dringend, weil Abspielgeräte für analoge Tonbänder rar werden.

Auch der Großteil der Dialekttonbandsammlung ist bisher nur analog auf Magnetband vorhanden. Die ÖAW-Forschungsabteilung „Variation und Wandel des Deutschen in Österreich“ plant aber in Kooperation mit dem Forschungsprojekt „Deutsch in Österreich“, die Aufnahmen zu digitalisieren, zu transkribieren und eine Datenbank zu erstellen, die dann öffentlich zugänglich sein soll.

Julia Geistberger, Lukas Wieselberg, science.ORF.at

Mehr zu dem Thema:
Publiziert am 14.09.2018
Dialektarchiv ist UNESCO-Welterbe - science.ORF.at
 
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Zan Thema uandli redn und schreim:
I dad jå vurschlågn, daß ma zua Aufrechterhoidung vo unsan Dialekt den a do im Forum glei so schreim soitadn. Natiali unta Berügsichdigung vo Groß- und Klaschreiwung sowia da Grammtik.
 
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