Vor 100 Jahren, am 29. Dezember 1921, wurde die Trennung von Niederösterreich und Wien beschlossen

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#1
100 JAHRE NIEDERÖSTERREICH
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Niederösterreich: Ein Bundesland feiert Geburtstag
Vor genau 100 Jahren, am 29. Dezember 1921, wurde die Trennung von Niederösterreich und Wien beschlossen, in Kraft getreten ist sie am 1. Jänner 1922. Die Gründe dafür waren vielfältig. Bis zu einer eigenen Landeshauptstadt dauerte es noch einmal mehr als 60 Jahre.
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Niederösterreich war bis Herbst 1918 ein Kronland der österreichisch-ungarischen Monarchie. Noch bevor Kaiser Karl I. auf die Fortführung der Regierungsgeschäfte verzichtete, trat am 5. November 1918 im Niederösterreichischen Landhaus in der Wiener Innenstadt die Provisorische Landesversammlung zusammen, die aus 120 Mitgliedern bestand, und wählte den Christlichsozialen Leopold Steiner zum Landeshauptmann. Wien gehörte damals noch zu Niederösterreich.

Die ersten Landtagswahlen am 4. Mai 1919 brachte den Sozialdemokraten mit 64 Mandaten die absolute Mehrheit, die Christlichsozialen kamen auf 45 Mandate, die Deutschnationalen erhielten sieben Sitze. „Den sozialdemokratischen Erfolg ermöglicht hatte deren Dominanz in Wien, wo die Partei zu einer der erfolgreichsten Fraktionen der Welt werden sollte. Die einstimmig erfolgte Wahl Albert Severs bescherte der Sozialdemokratie ihren einzigen Landeshauptmann in Niederösterreich“, heißt es in dem im Haymon-Verlag erschienenen Standardwerk „Niederösterreich. Vom Ersten Weltkrieg bis zur Gegenwart“, verfasst von Stefan Eminger und Ernst Langthaler.

Die unterschiedlichen Motive für die Trennung
Die Trennung von Niederösterreich und Wien wurde seit Mitte des 19. Jahrhunderts diskutiert. 1919 wollten vor allem die Konservativen die Trennung, nicht nur die Vertreter der niederösterreichischen Bauern, sondern auch die Christlichsozialen der übrigen Bundesländer drängten auf die Teilung, vor allem deshalb, weil das nun sozialdemokratisch regierte Niederösterreich als das weitaus größte und bevölkerungsreichste Gebiet die anderen Länder dominiert hätte.

„Die Fronten verliefen teilweise auch durch die einzelnen Parteien. So argumentierten die Wiener Christlichsozialen und die niederösterreichischen Sozialdemokraten eher gegen eine Separation. Sie fürchteten ihre Marginalisierung und versuchten ihre Zustimmung zu einer Trennung an Bedingungen zu knüpfen“, schreiben Eminger/Langthaler.
Niederösterreichisches Landesarchiv
In diesem Saal im Niederösterreichischen Landhaus in der Wiener Herrengasse wurden Entscheidungen mit Auswirkungen auf die Landes- und Bundesgeschichte getroffen

Die rechtliche Grundlage für die Trennung von Niederösterreich und Wien und damit für die politische Eigenständigkeit der beiden Bundesländer hatte die im Herbst 1920 beschlossene Bundesverfassung geschaffen, die am 10. November 1920 in Kraft getreten war. Schon in der Bundesverfassung wurde Niederösterreich in zwei weitgehend autonome Landesteile (Stadt Wien und Niederösterreich-Land) getrennt. Am 30. November 1920 gab sich Niederösterreich-Land eine eigene Verfassung (siehe Bild ganz oben), einen knappen Monat später folgte Wien. Bis zur endgültigen Trennung existierte noch ein gemeinsamer Landtag und eine gemeinsame Verfassung.

Für die Trennung von Wien und Niederösterreich – drei Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und nach dem Zerfall der österreichisch-ungarischen Monarchie – wurden also vor allem macht- und staatspolitische Gründe, aber auch die großen Unterschiede in Alltag und Lebenskultur angeführt. Das sozialdemokratische Wien und das christlich-soziale Niederösterreich wollten die Trennung, jeder erwartete sich politische Vorteile durch absolute Mehrheitsverhältnisse.

Die Nachteile der Trennung
Nachteile gab es für die beiden neuen Bundesländer natürlich auch, auf niederösterreichischer Seite vor allem im Wirtschaftsbereich: „Niederösterreich hat durch die Trennung sicherlich seine wohlhabendsten und produktivsten Regionen verloren“, so der Historiker Stefan Eminger, Leiter des Referats für Zeitgeschichte im Niederösterreichischen Landesarchiv. „In sozialstruktureller Hinsicht ist Niederösterreich durch die Trennung noch stärker Agrarland geworden, als es ohnehin schon war.“

ORF/Julia Freytag
Erst 1986 wurde St. Pölten Landeshauptstadt von Niederösterreich

Wien war ab 1922 weiterhin Sitz der Niederösterreichischen Landesregierung. Das Niederösterreichische Landhaus in der Herrengasse in der Innenstadt blieb zwar nach 1921 zur Hälfte im Eigentum Wiens, wurde aber zur Gänze dem neuen Land Niederösterreich übertragen, solange Landtag und Landesregierung dort amtieren. Erst als 1986 St. Pölten Landeshauptstadt des größten österreichischen Bundeslandes wurde, übertrug Wien Niederösterreich seinen Anteil und erhielt dafür Grundstücke im Bereich der nördlichen Donauinsel.

Die Frage nach der Landesidentität
Das Trennungsgesetz aus dem Jahr 1921 löste damals unter anderem auch eine Frage nach der Landesidentität aus. „Dadurch, dass man mit Wien die Landeshauptstadt verloren hat und keine eigene Landeshauptstadt hatte, blieb die niederösterreichische Landesidentität relativ blass und wenig ausgeprägt“, sagt Stefan Eminger. Erst mehr als 60 Jahre nach dem Trennungsgesetz bekam Niederösterreich eine eigene Hauptstadt, Wien wurde von St. Pölten als der zentrale Standort und Mittelpunkt des Landes abgelöst.
19.12.2021, Reinhard Linke, noe.ORF.at

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#3
„100 JAHRE NIEDERÖSTERREICH“
100 Jahre mit wechselvoller Geschichte
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Niederösterreich ist ein vielfältiges Land, reich an Kultur und Geschichte. Seinen heutigen Namen trägt das Land noch nicht lange, dieser ist erst seit 100 Jahren sozusagen amtlich. noe.ORF.at mit einem Überblick, was in dieser Zeit passiert ist.
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Mit 1. Jänner 1922 wird die Trennung von Wien und Niederösterreich als jeweils selbstständiges Bundesland umgesetzt. Zu Beginn hatte das Land noch einfach „Ostarrichi“ für Österreich geheißen, später Erzherzogtum unter der Enns.

Niederösterreich setzt in den 1920er-Jahre alles daran, das Land zu modernisieren. Örtliche Elektrizitätsvereine sorgen dafür, dass ländliche Gebiete mit Strom versorgt werden, damit mit Motorenkraft die landwirtschaftliche Produktion vorangetrieben werden kann.
In der Thermenregion werden die ersten großen Freibäder gebaut, wie Bad Vöslau (Bezirk Baden) oder das Strandbad von Baden. Die erste Seilbahn Österreichs wird 1926 eröffnet, sie führt auf das Hochplateau der Rax (Bezirk Neunkirchen).

Raxalpen Touristik
Die erste Seilbahn Österreichs wurde am 9. Juni 1926 eröffnet. Der Preis für eine Bergfahrt betrug zu Beginn fünf Schilling.

Zweiter Weltkrieg dämpft den Fortschritt
Die politisch unruhigen 1930er-Jahre dämpfen den Fortschritt und der Zweite Weltkrieg zerstört viel Erreichtes. Wiener Neustadt wird etwa zum Ziel zahlreicher alliierter Luftangriffe und völlig zerbombt. Nach dem Zweiten Weltkrieg liegt das Land zehn Jahre lang in der sowjetischen Besatzungszone.

Die Wirren der Zwischenkriegszeit und vor allem der Zweite Weltkrieg machen fast alle Anstrengungen zunichte. Während Niederösterreich in die sowjetische Besatzungszone fällt, verschwinden in den 1950er-Jahren die nördlichen und östlichen Nachbarn – das heutige Tschechien und die Slowakei – für Jahrzehnte hinter dem Eisernen Vorhang. 1989, im großen Jahr des Zusammenbruchs der kommunistischen Regime, beginnt eine neue Ära. Der Stacheldraht wird zerschnitten.


HOPI MEDIA/Bernhard J. Holzner
Ein Bild, das um die Welt ging: Außenminister Alois Mock (l.) und sein ungarischer Kollege Gyula Horn schneiden im Juni 1989 den Eisernen Vorhang bei Sopron durch

Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs ergeben sich auch neue kulturelle, touristische und wirtschaftliche Perspektiven für Niederösterreich. Das Land rückt vom Rand in die Mitte Europas und wird zum verbindenden Brückenbauer.

1986: St. Pölten wird Landeshauptstadt
Wenige Jahre davor, 1986, gibt die Wahl einer eigenen Landeshauptstadt dem Land einen weiteren Schub. 1997 bezieht die Landesregierung ihren neuen Sitz in der Neuen Herrengasse in Sankt Pölten. Im benachbarten Kulturbezirk setzten die namhaften Architekten Klaus Kada mit dem Festspielhaus und Hans Hollein mit dem Landesmuseum markante architektonische Akzente.

Weitere spannende Museen entstehen im Laufe der Jahre: das Karikaturmuseum in Krems, ein historisches Bad in Baden wird zur Heimstätte der Werke von Arnulf Rainer, in Mistelbach entsteht das Hermann-Nitsch-Museum. In Maria Gugging (Bezirk Tulln) verschaffen sich die Künstler der Art brut Weltgeltung. Und schließlich erhält die Landesgalerie Niederösterreich in Krems ein architektonisches Gesicht mit Charakter.

ORF/Julia Freytag
1986 wird St. Pölten zur Landeshauptstadt, hier im Bild: der Sitz des Landtags am Ufer der Traisen, der einem Schiff nachempfunden ist

In Grafenegg (Bezirk Krems), im Wolkenturm, gastieren alljährlich die weltbesten Orchester sowie Künstlerinnen und Künstler. Rund 20 Sommertheaterbühnen versetzen zudem alljährlich 200.000 Besucherinnen und Besucher in Erstaunen.

Wirtschaft und Tourismus blühen auf
Auch die Wirtschaft blüht auf. Ab den 1990er-Jahren wächst das Jobangebot stärker als die Bevölkerungszahl. Niederösterreich wird führend bei der Ansiedlung hochspezialisierter Industriebetriebe. Mit der Donau-Universität in Krems und der Exzellenzforschungsstätte IST Austria in Maria Gugging bei Klosterneuburg (Bezirk Tulln) wird Niederösterreich auch Universitätsstandort.

Der Tourismus breitet sich im Laufe der Jahrzehnte auf das ganze Land aus. Die Birnbaumblüte im Mostviertel, die Waldviertler Kraftplätze, die Kellergassen des Weinviertels oder die Thermen im Süden seien hier erwähnt. Dazu kommen die kulinarische Genüsse der vier Landesviertel.

Mostviertel Tourismus, weinfranz.at
Die Birnbaumblüte lockt jedes Jahr zahlreiche Besucherinnen und Besucher ins Mostviertel

Mit der Semmeringbahn, der Wachau, dem Donaulimes und der Kurstadt Baden gibt es mittlerweile vier Weltkulturerberegionen in Niederösterreich, außerdem 71 Naturschutzgebiete und zwei Nationalparks.

Niederösterreich ist eben ein vielfältiges und vielgestaltiges Land – nicht nur in den wechselnden Farben der Jahreszeiten, sondern auch in den landschaftlichen Formen. Von den tiefsten Punkten im Osten mit etwas mehr als 150 Metern Seehöhe bis hin zu den höchsten Gipfeln des Landes, wie dem Schneeberg mit 2.076 Höhenmetern.
31.12.2021, Hannes Steindl, noe.ORF.at
100 Jahre mit wechselvoller Geschichte
 

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#4
„100 JAHRE NIEDERÖSTERREICH“
1923: Justizskandal nach „Blutbad“ durch Nazis
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Anfang der 1920er-Jahre sind die Nationalsozialisten zwar noch eine unbedeutende Kleinpartei, trotzdem zeigten sie bereits besondere Gewalttätigkeit. 1923 wurde in Spillern (Bezirk Korneuburg) ein Bursch erschossen, die Angeklagten wurden aber freigesprochen.
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„Spillern war bilderbuchartig für die zunehmenden Konflikte zwischen Nationalsozialisten und Sozialisten“, erzählt Christian Rapp, Wissenschaftlicher Leiter im Haus der Geschichte in St. Pölten. Obwohl die Nazis damals noch eine „unbedeutende Partei“ waren, sahen sie die Sozialisten „als starke Konkurrenz“, sagt Rapp: „Die Nazis haben sich als revolutionäre Arbeiterbewegung verstanden, aber national.“

Die Sozialisten waren damals zwar die viel „bedeutendere Partei, mitgliederstark und gut organisiert“, erklärt Rapp, im Gegensatz dazu waren die Nationalsozialisten in ihrem Auftreten „sehr aggressiv und stark bewaffnet“. Bereits im Herbst 1920, als Adolf Hitler in den St. Pöltner Stadtsälen auftrat, konnte ein Zusammenstoß zwischen Anhängern beider Gruppen nur knapp verhindert werden.

„Nazi-Schlägertruppe“ aus Wien
Am 29. September 1923 war in einem Gasthaus in Spillern eine Versammlung der Nationalsozialisten geplant. Diese hatten sich mit einer Schutztruppe aus Wien – vor allem Jugendliche – verstärkt. „Ein Schlägertrupp mit 25 Leuten, 17, 18, 19 Jahre alt und schwerst bewaffnet. Man hatte auch den Eindruck, sie sind aus Freude gekommen, dass etwas passieren könnte“, schildert der Historiker.

Bei den Sozialisten – Spillern galt damals als Arbeiterort – sorgte das Treffen für Empörung, dutzende Arbeiter umstellten das Lokal. Die Versammlung wurde daraufhin zwar aufgelöst, die Nazis marschierten auf der Straße Richtung Wien, begleitet von Beschimpfungen und Steinwürfen durch die Bevölkerung, sagt Rapp: „Und plötzlich hieß es ‚Kommando retour, Feuer! Sturm!‘“

Auf dieses Kommando hin fielen mehr als 30 Schüsse. Der unbeteiligte 16-jährige Franz Kovarik, der gerade aus einem Haus kam, wurde von einer Kugel am Kopf getroffen und starb, ein 17-jähriger Tischlerlehrling wurde durch einen Streifschuss verletzt. Am Begräbnis nahmen 15.000 Menschen teil. Der „Volksbote“ schrieb damals von einem „Blutbad“, das die „Hakenkreuzler unter den Arbeitern angerichtet haben“.

Fotostrecke
Gemeinde Spillern
15.000 Menschen nahmen am Begräbnis von Franz Kovarik teil
Gemeinde Spillern
Gemeinde Spillern
Der Anlass war zugleich eine Großkundgebung der Sozialdemokratie gegen den Nationalsozialismus
SPÖ Stockerau
Gemeinde Spillern

Freispruch sorgte für Empörung
Die Täter – insgesamt 28 Männer – wurden festgenommen, fünf davon am 11. Dezember vor Gericht gestellt. Doch trotz belastender Zeugenaussagen wurden die fünf Angeklagten von den zwölf Geschworenen freigesprochen, was in den Medien und der Öffentlichkeit für Empörung sorgte. Die Täter erhielten lediglich geringe Geldstrafen wegen Übertretung des Waffenpatents.

Christian Rapp spricht von einer „guten Prozessführung“ im Sinne der Angeklagten und einem „geschickten Verteidiger“, dem es gelang, „so viel Verwirrung hineinzubringen, dass die Geschworenen im Zweifel für einen Freispruch entschieden“. Denn während des Prozesses konnten sich manche nicht mehr erinnern oder die Aussagen waren sehr diffus. „Es war damals ein gewalttätiges Milieu und man unterstellt, dass manche auch unter Druck gesetzt wurden.“
ORF
Das Grab von Franz Kovarik erinnert in Spillern heute noch an den Tumult, ebenso eine Straße, die nach ihm bekannt wurde

Für viele Beobachter und Sozialisten war es ein weiterer Justizskandal, denn bereits zuvor gab es bei ähnlichen tödlichen Tumulten in Wien ebenfalls milde Urteile für die Täter. Das Gewaltlevel in der Ersten Republik sei generell „enorm hoch“ gewesen, bilanziert Rapp, regelmäßig gab es politisch motivierte Morde oder Raufereien mit schweren Verletzungen.

Blutsonntag in Klosterneuburg
Vier Jahre nach Spillern, im Juli 1927, kam es etwa im Klosterneuburger Freibad zu einem blutigen Tumult. Die Windjacken (Nationalsozialisten, Anm.) begannen laut damaligen Zeitungsberichten herumzustänkern, die Arbeiter ließen sich das nicht gefallen, woraufhin hunderte Menschen mit Schlagstöcken aufeinander einschlugen. „So kann es nicht weitergehen!“, resümierte eine Zeitung. Doch die Republik kam nicht zur Ruhe.

Wenige Tage später brannte – infolge der Urteile im Schattendorf-Prozess – in Wien der Justizpalast. Drei Mitglieder der Frontkämpfer hatten zu Beginn des Jahres 1927 bei Tumulten in der burgenländischen Gemeinde einen Mann und ein Kind erschossen. Der Freispruch der drei angeklagten Männer war für viele Sozialisten der Höhepunkt einer scheinbaren Klassenjustiz. Rapp sieht im Fall von Schattendorf jedenfalls viel Ähnlichkeit mit jenem von Spillern.

Unklar bleibt dem Historiker zufolge, welche Rolle die spätere Ideologie der Nationalsozialisten bei den Beteiligten in Spillern spielte. Denn innerhalb der Partei gab es unterschiedliche Gruppierungen, nicht alle davon wollten sich Adolf Hitler unterstellen, sagt Rapp. In der NSDAP spielten sie später jedenfalls „keine Rolle. Sie sind alle keine Pioniere gewesen“.
07.01.2022, Stefan Schwarzwald-Sailer, noe.ORF.at

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1923: Justizskandal nach „Blutbad“ durch Nazis
 

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„100 JAHRE NIEDERÖSTERREICH“
Neue Kraftwerke beenden kuriose Monopole
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Anfang der 1920er-Jahre stieg der Energiebedarf durch die Modernisierung des Landes stark an. Das Land setzte auf den Bau neuer Kraftwerke und beschloss die Elektrifizierung der Gebiete. Damit wurden auch kuriose „Mini-Monopole“ beendet.
Online seit heute, 19.45 Uhr
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Die Elektrifizierung Niederösterreichs begann mit der Mariazellerbahn. Für deren Versorgung war schließlich viel Strom notwendig. Deshalb wurde bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Wienerbruck (Bezirk Lilienfeld; siehe Karte) ein Wasserkraftwerk errichtet. Das damalige Landeselektrizitätswerk entstand als Abspaltung aus den Landesbahnen.

Die Kapazität des Speicherkraftwerks mit zwei Stauseen war aber größer, als es für die Stromversorgung der elektrischen Zugförderung erforderlich war. Deshalb erstreckte sich die Stromversorgung nicht nur auf das Gebiet entlang der Mariazeller Bahn, sondern bis in den Raum St. Pölten, „womit man den Aufstieg der Stadt als Industriestandort mitgefördert hat“, erzählt EVN-Unternehmenshistoriker Georg Rigele.

EVN
Seit mehr als 110 Jahren versorgt das Kraftwerk Wienerbruck mittlerweile viele Haushalte mit Strom

Ortsnetze mit tückischen „Mini-Monopolen“
Immerhin siedelten sich hier im Laufe des frühen 20. Jahrhunderts große Industriebetriebe an. Doch abgesehen von diesem Gebiet gab es in Niederösterreich damals vor allem viele kleine, sehr regionale Verbünde, etwa in einzelnen Orten oder Bezirken. Landesweit wurden im Jahr 1924 etwa 603 Ortsnetze mit elektrischem Strom versorgt, entweder über Wasserkraftwerke oder mit Dieselgeneratoren.



In der Praxis konnten die „Mini-Monopole“ aber so manche Tücken haben, weiß Rigele, etwa bei einem Wohnsitzwechsel in den Nachbarort: „Denn als Kunde eines E-Werks war man verpflichtet, Installationen, auch Glühbirnen, dieses Unternehmens zu verwenden.“ Im harmlosen Fall sei dort nur ein Stempel darauf gewesen, „aber wenn man besonderes Pech hatte, war sogar die Fassung speziell, sodass Sie Ihre Glühbirne woanders nicht einschrauben konnten.“

Ein Land wächst zusammen
Das Ziel der im Jahr 1922 gegründeten Niederösterreichischen Elektrizitätswirtschafts-Aktiengesellschaft (NEWAG) – seit 1988 EVN – war es also, die verschiedenen Versorgungsgebiete zu verbinden. Zunächst betraf das den Großraum St. Pölten mit dem Wirtschaftsraum Wiener Neustadt, später folgten sukzessive die weiteren Landeszentren, etwa Richtung Amstetten oder Stockerau.

EVN
Gleichzeitig wurden in dieser Zeit auch Gebiete nach und nach elektrifiziert, etwa das ganze Weinviertel. „Das wurde schon in den ersten zehn Jahren komplett elektrifiziert“, schildert Rigele. Wegen des steigenden Strombedarfs wurden in dieser Zeit auch neue Kraftwerke errichtet, etwa das Wasserkraftwerk Erlaufboden (Bezirk Lilienfeld), das noch heute Strom für etwa 4.000 Haushalte liefert, oder jenes in Oberndorf (Bezirk St. Pölten).
Mit diesen Investitionen wurde das Land auch weniger abhängig von teuren Rohstoffimporten. Denn nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg bzw. durch den Zerfall der Monarchie lagen die rohstoffreichen Gebiete – Erdöl aus Galizien oder Kohle aus Mähren und Schlesien – nun außerhalb der Landesgrenzen. „Deshalb war der Ausbau der Wasserkraft eine Priorität“, sagt EVN-Experte Rigele.

Die große Nachfrage nach Gas – für die EVN heute das zweite große Standbein – begann hingegen erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Die ersten Gaskraftwerke wurden zwar schon früher – mit Kohle – betrieben. Ab den 1950er-Jahren erlebte jedoch Erdgas aus dem Weinviertel – als Nebenprodukt der Ölförderung – einen großen Aufschwung. Das Land und die NEWAG gründeten daraufhin die Erdgasvertriebsgesellschaft (Niogas).

Konflikte um Zentralraum Wien
Für Konflikte zwischen den ehemals vereinten Bundesländern Wien und Niederösterreich sorgte immer wieder, dass die Wiener E-Werke – aus historischen Gründen – auch Teile Niederösterreichs versorgten, etwa im Wiener Becken. Doch trotz der Trennung 1922 wollte Wien diese Gebiete nicht abtreten. Deren Argument: Wir haben das Gebiet elektrifiziert, somit ist das unser Gebiet. Niederösterreich bzw. die NEWAG wollte hingegen immer die Kontrolle über das gesamte Land.

EVN
Das Stromversorgungsnetz der Wiener E-Werke im August 1969, weshalb es zwischen Niederösterreich und Wien Konflikte gab

Laut Rigele hatte das vor allem wirtschaftliche Gründe, denn der Wiener Zentralraum sei für Stromversorger das „perfekte Gebiet“: „Er hat einerseits topographisch sehr günstige Voraussetzungen, um ein Stromnetz zu betreiben, die Kosten sind geringer als im Alpenvorland, und andererseits ist die Fläche dicht besiedelt, mit Menschen und Betrieben.“

Dieser Konflikt wurde nie gelöst, vielmehr löste er sich selbst in Luft auf. Denn seit der Privatisierung des Strommarkts rund um die 2000er-Jahre können die Kunden ihren Versorger frei wählen. Zudem arbeiten EVN und Wien Energie – im Rahmen der EnergieAllianz Austria – mittlerweile eng zusammen. Die „Pointe der Geschichte“ ist laut Rigele: Wien Energie ist heute – 100 Jahre nach der gemeinsamen Gründung – wieder ein Großaktionär der EVN.
10.01.2022, Stefan Schwarzwald-Sailer, noe.ORF.at

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Neue Kraftwerke beenden kuriose Monopole
 

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#6
„100 JAHRE NIEDERÖSTERREICH“
„Am schwebenden Seil“ auf die Rax
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Der Bau der Rax-Seilbahn gilt als Meisterleistung der heimischen Ingenieurskunst. 1926 wurde Österreichs erste Seilschwebebahn eröffnet und trieb damit auch den Tourismus voran. Trotzdem sollte sie nur wenige Jahre später schon wieder gesprengt werden.
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Als „Mittelding zwischen Flugzeug und Omnibus“ beschrieb die Neue Freie Presse die Seilbahn nach der Eröffnung und lobte sie als „eine Ruhmestat österreichischen Erfindergeistes und österreichischer Arbeit“. Zwei Kilometer führte sie von Hirschwang (Bezirk Neunkirchen) auf die Rax und überwindet dabei mehr als 1.000 Höhenmeter. „Mit Lackschuhen auf die Rax“, titelte wiederum das Welt-Blatt.

Aus den Hüttenbüchern zeigt sich, dass die Rax zwar bereits um die Jahrhundertwende ein beliebtes Ausflugsziel war, „nur musste man die Rax aus eigener Muskelkraft besteigen“, erzählte Gemeindehistoriker Gottfried Brandstätter. Die einzige Ausnahme war der Schweizer Fauteuil-Alpenwagen, ein kleiner Wagen, der von Maultieren über den Schlangenweg zum Ludwighaus gezogen wurde.

Konkurrenz treibt Pläne voran
Wesentlich bequemer war der Weg ins Hochgebirge hingegen am Schneeberg, nur wenige Kilometer entfernt. Dort konnten Touristen seit der Eröffnung der Zahnradbahn 1897 „gemütlich“ auf den Berg fahren. „Deshalb begann sich auch der Tourismus immer mehr in diese Region zu verlagern und das war eigentlich der Grund, weshalb im Reichenauer Tal immer mehr Stimmen laut wurden, man möge doch auch die Rax mit einer Bahn erschließen“, sagte Brandstätter.



Zunächst gab es aber große Skepsis: Die Bergsteiger fürchteten um die Ruhe in den Alpen, die Gemeinde Wien sorgte sich um die Qualität bzw. Verschmutzung des Quellwassers. Nach intensiven Diskussionen genehmigte der Bund 1910 das Projekt, Pläne wurden ausgearbeitet. Die Strecke von Preiner Gscheid zum Ludwig-Haus erwies sich allerdings als zu Steinschlag- und Lawinengefährdet, weshalb die Pläne verworfen wurden.

Bau war „reine Handarbeit“
Erst nach dem Ersten Weltkrieg wurde ein neuer Anlauf unternommen, beflügelt durch den regen Ausflugsverkehr und den zunehmenden Berg-Tourismus. Erneut wurden Trassen geprüft und Pläne gezeichnet. Im September 1924 begannen die technischen Vorarbeiten. Das steile Gelände war aber eine Herausforderung, „weil es damals noch keine Hilfsmaschinen gegeben hat, das heißt das war reine Handarbeit“, erinnert sich Brandstätter.

Fotostrecke
Österreichische Bergbahnen
Errichtung des Zugseilspannturms
Österreichische Bergbahnen
Baubesprechung
Österreichische Bergbahnen
Österreichische Bergbahnen
Abbindeplatz, hier wurden die 14 Stützen der Materialseilbahn gefertigt
Österreichische Bergbahnen
Bau der Hilfsbahn Talstation
Österreichische Bergbahnen
Österreichische Bergbahnen
1925: Beginn des Seilziehens für die Materialbahnstützen
Österreichische Bergbahnen
Österreichische Bergbahnen
Raxbahn-Talstation Baubeginn
Österreichische Bergbahnen
1925: Parterregleiche Bergstation
Österreichische Bergbahnen
Seiltransport beim Erlangerpark Reichenau
Österreichische Bergbahnen
1926: Seilbringung über die Schwarza in Hirschwang
Österreichische Bergbahnen
Tragseileinziehen mit einer 10 Tonnen-Winde am Plateau

124 Männer und Frauen arbeiteten zwei Jahre lang fast rund um die Uhr an dem Bau, und zwar „unfallfrei“ wie Brandstätter hinzufügt, „obwohl auch im Winter durchgearbeitet wurde. Erstaunlich, dass hier nichts passiert ist“.
Eine letzte Schwierigkeit war, das Seil, dass per Bahn bis zum Bahnhof Payerbach geliefert wurde, nach Hirschwang zu bringen. Das Gefährt wog 40 Tonnen, schildert der Gemeindehistoriker: „Weil es damals noch keine asphaltierten Straßen gab, musste man entlang der Strecke Stahlplatten unter die Räder legen, damit der Wagen nicht umkippt und Brücken zusätzlich stützen.“
Kronen Zeitung
Der Einsatz zahlte sich aus, denn mit der Eröffnung am 9. Juni 1926 – im Beisein des Bundespräsidenten Michael Hainisch – kamen die Touristen in Scharen zurück – zum Wandern, zur Sommerfrische oder nur um die neue Attraktion zu sehen. In den folgenden Jahren stieg dadurch die Bedeutung der Raxalpe, für den Ausflugs- als auch den Fremdenverkehr.

Das Davos Österreichs
Die Rax-Seilbahn gilt deshalb auch als ein Meilenstein für den Tourismus in den Niederösterreichischen Alpen. Die Gäste reisten ab sofort nicht nur zur Sommerfrische in das Rax-Semmering-Gebiet, sondern auch der Wintersport wurde in den 1920-er Jahren immer populärer. Die Nähe zu Wien ist dabei ein besonderer Vorteil. Die Rax mit ihrer modernen Seilbahn wird damals sogar mit den noblen Schweizer Touristenorten Davos und St. Moritz verglichen.

Fotostrecke
Österreichische Bergbahnen
Eine Firmensonderfahrt
Österreichische Bergbahnen
Busse bringen Bergsportler

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Großer Andrang bei der Talstation

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Ausflügler auf dem Rax-Plateau

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Wintersport auf der Bergstation

Österreichische Bergbahnen

Österreichische Bergbahnen
Sprungbewerb auf der Gustav-Jahn-Schanze

Trotzdem dachte man während des Zweiten Weltkriegs darüber nach, die Stützen der Seilbahn zu sprengen. „Ein deutscher Offizier stellte aber fest, dass die Seilbahn und die Stützen keinen maßgeblichen Einfluss auf das Kriegsgeschehen haben“, erzählt Brandstätter, die Seilbahn blieb erhalten. Stattdessen wurde am Jakobskogel eine Beobachtungsstation errichtet, um die feindlichen Geschwader besser sehen zu können.

Blütephase im Zweiten Weltkrieg
Während des Zweiten Weltkrieges erlebte die Rax übrigens die Blütephase – mit bis zu 240.000 Besucherinnen und Besuchern im Jahr. „Diejenigen, die nicht im Krieg waren, hatten viel mehr Freizeit, es gab wenig Arbeit, also versuchte man in der Freizeit etwas zu unternehmen“, sagt Brandstätter, der anlässlich des 90-jährigen Jubiläums der Seilbahn ein Buch schrieb.

Nach dem Krieg fand die Seilbahn zu ihrer alten Beliebtheit zurück. Durch mehrere Umbauten wurde etwa der Fassungsraum der Seilbahnwagen von ursprünglich 23 auf 40 Personen erhöht. Die Technik der Bahn entwickelte sich seither ebenfalls weiter. Die Grundmauern der Stationsgebäude und die Stütztragwerke stehen aber bis heute – und nach wie vor fährt das Meisterstück heimischer Ingenieurskunst unfallfrei.
17.01.2022, Stefan Schwarzwald-Sailer, noe.ORF.at

Links:
„Am schwebenden Seil“ auf die Rax

Siehe auch: Raxalpe (Beiträge #2 - #4)
 
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#7
„100 JAHRE NIEDERÖSTERREICH“
Meterhoher Eisstoß lässt Donau erstarren
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Im klirrend kalten Winter 1929 bildet sich auf der Donau ein gewaltiger Eisstoß. Die Donau ist von Rumänien bis zur Wachau auf einer Länge von rund 900 Kilometern zugefroren. Ab den 1950er Jahren kommen vermehrt Eisbrecher zum Einsatz.
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Tiefsttemperaturen von bis zu minus 29 Grad prägen die Wintermonate im Jahr 1929. Nicht nur das Land liegt unter einer dicken Schneedecke, auch auf der Donau bilden sich meterdicke Eisschollen. Am 9. Februar erreicht der Eisstoß Wien. „Wenn es noch einige Tage kalt bleibt, wird die Donau bis weit über Wien hinauf zufrieren“, schreibt damals die Arbeiter-Zeitung.

Und so kommt es auch. Am 14. Februar staut sich der Eisstoß bereits bis nach Krems, neun Tage später erreicht er Schönbühel (Bezirk Melk, siehe Karte). Viele Menschen kommen, um dieses seltene Naturschauspiel zu bewundern und gehen auf der Donau spazieren. Der zugefrorene Strom dient als Fotomotiv für viele Ansichtskarten. An der Wiener Stadtgrenze türmen sich die Eisschollen bis zu zehn Meter hoch. Stellenweise ist die Eisdecke 50 Zentimeter dick.

Gastwirt machte „Bombengeschäft“
In Fischamend (Bezirk Bruck an der Leitha) nutzten die Menschen hingegen den kürzesten Weg, um ins „andere Land“ nach Schönau (Bezirk Gänserndorf) zu kommen, wie der Bezirksbote damals berichtet. Der Gastwirt machte dort ein „Bombengeschäft“, indem er an die Ausflügler Glühwein ausschenkte – um fünf Schilling pro Liter. Gleichzeitig besuchten viele Bewohner von Schönau und Mannsdorf (Bezirk Gänserndorf) Fischamend.

Immerhin war es damals der erste große Eisstoß in Niederösterreich seit 20 Jahren. Davor gab es im Jänner 1893 einen großen Eisstoß, der bis nach Ybbs (Bezirk Melk) reichte und mit 129 Kilometer einer der längsten in der jüngeren Geschichte war. In Nußdorf (Wien) konnte man damals ebenfalls lange Zeit über die zugefrorene Donau gehen. Der Weg war sogar mit Zweigen gekennzeichnet.

Wie sich ein Eisstoß aufbaut
Solche Eisstöße bauen sich langsam auf. Bei Frost bildet sich an den Ufern sogenanntes Randeis, das sich u.a. durch die Strömung löst. Während des Treibens auf dem Strom vergrößern sich die Schollen bis sie bei Krümmungen des Stromes, bei Einbuchtungen und an Stellen, wo die Strömung geringer wird, ansetzen. Die nachkommenden Schollen stauen sich immer mehr und bedecken bald die ganze Flussbreite mit Eis, die sich langsam stromaufwärts aufbaut.

Fotostrecke mit 10 Bildern
Verbund
Eiststoß 1929 bei Kritzendorf
Stadtarchiv Krems
Eisstoß in Stein an der Donau

Landesarchiv

Stadtarchiv Krems
Die Eisschollen türmen sich teils mehrere Meter

Stadtarchiv Krems
Eisstoß in Krems

Stadtarchiv Krems
Menschen wagen sich über das Eis

Verbund
Eisstoß 1929 Leopoldsdberg bei Wien

Stadtarchiv Krems
Die Donau ist durchgehend zugefroren

Stadtarchiv Krems

Stadtarchiv Krems

Von der hydrographischen Abteilung der niederösterreichischen Landesregierung werden die Eismassen damals genau beobachtet. Denn der Wasserspiegel stieg an manchen Stellen bereits um mehr als zwei Meter. „Hoffentlich nimmt der Eisstoß von uns Abschied, ohne besonderen Schaden anzurichten“ berichten Zeitungen.

Angst vor starkem Tauwetter
Denn auch wenn zunächst keine Gefahr bestand, könnte der Eisstoß schnell zu einer werden – vor allem für Wien. Wenn sich die Eismassen nach unten stauen und den Ablauf des Wassers unter der Eisdecke verhindern, tritt das nachströmende Wasser über die Eisdecke und überschwemmt die Ufer. „Man wird in den Kellern kniehoch im Wasser waten.“ Eine weitere Gefahr entstünde, wenn plötzlich starkes Tauwetter eintritt und die Schneemassen in den Bergen schmelzen.
In Niederösterreich werden deshalb Maßnahmen für ein erwartetes Hochwasser getroffen. Sandsäcke und andere Materiale werden vorbereitet, um die Donaudämme „im Augenblick der Gefahr“ sofort festigen zu können. Doch im Gegensatz zu früheren Eisstößen kommt es nicht zu Überschwemmungen. Nach einem Monat löst sich der Eisstoß Mitte März langsam wieder auf und der Donaustrom setzt sich wieder in Bewegung.

Gnadenstoß für das Donau-Eis
Es ist ein Extrembeispiel, doch auch in den folgenden Jahren friert die Donau immer wieder zu, etwa im Jahr 1958 beim Kraftwerk Ybbs-Persenbeug. Damit die Situation nicht gefährlich wird, setzt man drei sogenannte Eisbrecher ein, die im Stauraum das Eis aufbrechen und „kräftig umrühren“. Danach werden die Schleusen geöffnet, damit die Eisstücke abfließen können.

Mittlerweile liegt an jedem Donaukraftwerk zumindest ein Eisbrecher verankert, heißt es vom Betreiber Verbund. Die Eisschollen werden von den Schiffen weniger „gepflügt, viel mehr hüpft“ das Schiff auf die Eisplatten drauf und zermalmt sie von oben, erklärt Verbund-Sprecher Florian Seidl. Die Schiffe fassen immerhin ein Eigengewicht von etwa 80 bis 240 Tonnen. Damit können auch bis zu 60 Zentimeter dicke Eisplatten gebrochen werden.

Zum Einsatz kommen die Eisbrecher vor allem am Ende der Eisperiode. Denn „es bringt nichts, festes Eis während der Frostperiode zu brechen, damit erzeugt man nur noch dickere Eisschollen“, erklärt Seidl. Ziel sei es, damit die Donau für die Schifffahrt zugänglich zu machen, wozu der Verbund auch verpflichtet ist. Zum bisher letzten Mal war ein Eisbrecher in Niederösterreich 2012 im Einsatz, damals vor dem Kraftwerk Greifenstein (Bezirk Tulln).
28.01.2022, Stefan Schwarzwald-Sailer, noe.ORF.at

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Meterhoher Eisstoß lässt Donau erstarren
 

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#8
„100 JAHRE NIEDERÖSTERREICH“
Korneuburger Eid ebnet Weg in die Diktatur
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Die politische Lage in Österreich spitzt sich Ende der 1920er-Jahre zu. Der Korneuburger Eid sollte im Mai 1930 eigentlich die Heimwehr-Bewegung einen. Stattdessen ebnete das Gelöbnis den Weg in die Diktatur, der laut Historiker aber „keine Einbahnstraße“ war.
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Vor allem in Niederösterreich waren die Heimwehren lange Zeit „politisch kein dominierender Faktor“, erzählt der Leiter der Zeitgeschichteabteilung des Niederösterreichischen Landesarchivs, Stefan Eminger. Das lag zum einen an wichtigen Funktionären im Bauernbund, die mit den Heimwehren nichts anzufangen wussten, viele waren sogar Gegner und sahen darin nur Unruhestifter, erklärt der Historiker.

Zum anderen wollte man in Niederösterreich keine paramilitärischen Organisationen, wie es etwa in Tirol der Fall war. Dort hatten sich süddeutsche Freikorps und Heimwehrbewegungen schon ab den frühen 1920er-Jahren gegenseitig unterstützt. „Das wollte man in Niederösterreich nicht bzw. war das Konfliktpotenzial nicht so groß“, so Eminger.

Heimwehr-Boom nach Justizpalastbrand
Doch das ändert sich ab 1927 – mit dem Brand des Wiener Justizpalastes, der von Sozialisten als Folge der sogenannten Schattendorfer Urteile angezündet wurde. Daraufhin spitzt sich die politische Lage in Österreich zu. Es bilden sich zunehmend neue Heimwehrgruppen, Christlichsoziale und Deutschnationale rückten enger zusammen, „weil man vor den Sozialisten Angst hatte“, sagt Eminger.

In ihrem Linzer Programm hatten die Sozialdemokraten bewusst wehrhaft festgehalten, die Republik gegen eventuelle Versuche einer faschistischen oder monarchistischen Gegenrevolution notfalls auch mit Gewalt zu verteidigen. Beide Lager meinen, gemeinsam gegen den roten Schutzbund kämpfen zu müssen, dem unterstellt wird, einen Umsturz vorzubereiten. „Das ist natürlich von den Christlichsozialen auch nach Kräften geschürt worden.“

Klares faschistisches Konzept
Doch es kommt zwischen den Heimwehren zu Unstimmigkeiten. Eminger beschreibt sie als „inhomogen, zersplittert, zerstritten“. Um länger anhaltende Richtungsstreitigkeiten innerhalb der antimarxistischen Wehrverbände zu beenden, sucht der damalige Bundesführer Richard Steidle mit einem klaren faschistischen Konzept die konkurrierenden Gruppen zu einen. Nach außen sollte gleichzeitig ein eindeutiges politisches Profil transportiert werden.

Museumsverein Korneuburg
Etwa 52.000 Mitglieder der Heimwehren nahmen im Mai 1930 bei der Versammlung in Korneuburg teil

Zugleich will man damit einzelne Heimwehrführer wie Julius Raab, zugleich Landesführer der niederösterreichischen Heimwehr und prominentes Mitglied der Christlichsozialen Partei, zur Entscheidung nötigen, sich entweder gänzlich der Heimwehr oder aber seiner Partei zu unterstellen. Auf diese Weise sollte auch ein seit längerer Zeit schwelender Richtungsstreit innerhalb des Heimatschutzverbandes Niederösterreich beigelegt werden.

Absage an Demokratie und Parlament
Die Verlesung des Korneuburger Eids erfolgt am 18. Mai 1930 anlässlich einer Generalversammlung des Heimatschutzverbandes Niederösterreich, der Landesorganisation der Heimwehrbewegung. Während eines Tumults unter den anwesenden Delegierten verschafft sich Steidle durch ein Hornsignal Gehör, hält eine kurze Ansprache, zieht anschließend einen Zettel aus der Tasche und verliest jene Sätze, die bald nur mehr als Korneuburger Eid bezeichnet wurden.

In diesem Eid heißt es, dass man „den demokratischen Parlamentarismus und den Parteienstaat“ verwerfe und „an seine Stelle die Selbstverwaltung der Stände“ setzen und eine starke Staatsführung „aus den fähigsten und den bewährtesten Männern“ bilden wolle. Das Wort Faschismus kommt zwar nicht vor, „aber es geht eindeutig in die Richtung, und viele Heimwehrgruppen definieren sich auch als faschistische Gruppierungen“, stellt Eminger klar.

Die Heimwehren hatten laut Eminger von Beginn an zwei große Ziele: die völlige Ausschaltung der Sozialdemokratie sowie die Abschaffung der Demokratie und die Ersetzung durch einen „wie auch immer ausschauenden“ Ständestaat. Diese Demokratiefeindlichkeit sei ein Merkmal der Heimwehren gewesen, die ab 1918 immer stärker vom italienischen Diktator Benito Mussolini unterstützt wurden. Kritik an der Demokratie sei aber generell „ein Symptom der Zeit“ gewesen, sagt Eminger, die auch innerhalb der christlichsozialen Partei von Führungspersonen wie Ignaz Seipel immer wieder aufkam.


Museumsverein Korneuburg

Angesichts des stürmischen Beifalls der in Korneuburg Anwesenden legt Raab noch an Ort und Stelle vor Steidle den Eid ab. Seinem Beispiel folgen nun die übrigen Delegierten, darunter auch einige andere Abgeordnete der Christlichsozialen Partei und solche der Großdeutschen Volkspartei. Dieser Eid führt daraufhin auch zu heftigen Diskussionen im Landtag mit den Sozialdemokraten.

„Führende Abgeordnete für Faschismus“
„Das war aber noch keine Einbahnstraße in ein autoritäres System bzw. die Diktatur“, analysiert Eminger. Denn in der Bundesregierung, den Parteien und der Presse führt der Eid überwiegend zu Skepsis und Ablehnung. „Heimwehrprogramm: 100-prozentiger Faschismus“ titelt damals die eher kritisch eingestellte „Arbeiter-Zeitung“. Doch auch die „Freiheit“ schreibt: „Führende Abgeordnete gegen Abrüstung und für Faschismus“.

Fotostrecke mit 4 Bildern
anno/Der Abend
anno/Freiheit
anno/Arbeiter-Zeitung
anno/Der Abend

Und sogar innerhalb der Heimwehrbewegung ist das Gelöbnis umstritten und führt zu Spaltungen. „Der Korneuburger Eid war das letzte Tröpfchen, das die Heimwehren zerbrechen hat lassen.“ Die christlichsozialen Heimwehrangehörigen, allen voran Julius Raab, unterteilen in eine christlichsoziale Heimwehr, die sich eng an Partei anschloss und einen anderen Teil, dem Heimatschutz, mit dem „wir nichts mehr zu tun haben wollen“, schildert der Historiker.
Anfang der 1930er-Jahre gibt es in Niederösterreich sogar vier Gruppierungen der Heimwehr-Bewegung. Doch die kleineren rund um den Heimatschutz wechseln schon bald ins Lager der Nationalsozialisten. Innerhalb der Raab-Heimwehr sei der Korneuburger Eid nicht mehr angesprochen worden. Dennoch läutet das Jahr 1930 in Österreich eine Radikalisierung der Heimwehrbewegung und des mit ihr sympathisierenden bürgerlichen Lagers ein.

Der „Bürger-Block“ zerbricht
Spätestens 1932 fallen auch die „Bürger-Block-Regierungen“ zwischen Großdeutschen, Landbund und den Christlichsozialen als weitaus stärkste Partei auseinander. Bis dahin hatten diese bürgerlichen Parteien seit Bestehen der Ersten Republik durchgehend die Regierung gestellt. Doch 1932 hatte die Großdeutsche Partei so viel Zuspruch verloren, dass sie den „Bürger-Block“ verließen.

Die Christlichsozialen müssen somit eine neue Mehrheit finden. Unter Bundeskanzler Carl Vaugoin, einem Niederösterreicher, gab es bereits zuvor eine Phase der Koalition mit den Heimwehren, die allerdings nicht lange hielt, „weil der Widerstand innerhalb der eigenen Partei zu groß war.“ Nachfolger Karl Buresch – ebenfalls aus Niederösterreich – will auf die Heimwehren verzichten und stellt stattdessen ein Minderheitenkabinett zusammen, doch auch er scheitert bald.

Bibliothèque nationale de France via Wikimedia Commons
Die neue österreichische Regierung unter Karl Buresch (1932): in der ersten Reihe (v.l.) Vaugoin, Winkler, Buresch, Weidenhoffer, Heinl, in der zweiten Reihe (v.l.) Dollfuß, Schuschnigg, Czermak, Resch

Dollfuß koaliert mit Heimwehren
Daraufhin kommt ein dritter Niederösterreicher, Engelbert Dollfuß, zum Zug. Der bisherige Landwirtschaftsminister holt die Heimwehren erneut in die Regierung und bringt eine Mehrheit zustande. „Am Anfang war Dollfuß wohl noch nicht entschlossen, den autoritären Weg in die Diktatur zu gehen, aber im Laufe der Zeit, spätestens seit Regierungsantritt, entwickelte er sich immer mehr in diese Richtung“, sagt der Zeithistoriker Eminger.

Zudem lehnt sich Dollfuß zunehmend an Mussolini an, der die Ausschaltung der Sozialdemokratie immer befürwortet hatte, genauso wie Dollfuß’ Koalitionspartner, die Heimwehren. Der Landbund ist zwar ein weiterer Koalitionspartner, sei aber immer mehr an die Wand gedrückt worden und schließlich ganz aus der Regierung gefallen.

Anfang 1933 gelingt Adolf Hitler in Deutschland die Machtübernahme. Das gibt den einheimischen Nazis Auftrieb, die bereits bei den Landtagswahlen 1932 einen enormen Wahlerfolg feiern konnten. Gleichzeitig erreicht die Weltwirtschaftskrise ihren Höhepunkt, „mit einer Massenarbeitslosigkeit, die man sich gar nicht vorstellen kann“, skizziert Eminger die Gründe für die autoritäre Entwicklung.

Autoritärer Ständestaat
Von Machterhalt und Mussolini getrieben nutzen die Christlichsozialen im März 1933 eine Geschäftsordnungspanne des Nationalrates zu einem schleichenden Staatstreich, um mit einem klaren Verfassungsbruch den "autoritären Ständestaat“ zu etablieren. Zuvor war es bei der Nationalratssitzung am 4. März zu Unregelmäßigkeiten bei der Abstimmung gekommen.

Eine Debatte über die Geschäftsordnung führt schließlich zum Rücktritt der drei Parlamentspräsidenten und damit zur Beschlussunfähigkeit des Nationalrats. Die Wiederaufnahme der Sitzung wenige Tage später wird nicht erlaubt, in der Folge werden auch der Republikanische Schutzbund und die Kommunistische Partei aufgelöst.
Dollfuß verkündet am 11. September 1933 auf dem Trabrennplatz in Wien anlässlich des Deutschen Katholikentages als Ziel die Errichtung eines „sozialen, christlichen, deutschen Staates Österreich auf ständischer Grundlage und starker autoritärer Führung“. Österreich gliedert sich damit in ein in Europa bereits weit verbreitetes, autoritäres System ein, erzählt Eminger.

Nur gut drei Jahres nach dem Korneuburger Eid waren die Ziele also erreicht. Doch dabei blieb es nicht. In der Folgezeit gipfelte die zunehmende Polarisierung der politischen Lager schließlich in den Februarkämpfen des Jahres 1934, im Austrofaschismus und letztlich im Verlust der Souveränität Österreichs im März 1938.
31.01.2022, Stefan Schwarzwald-Sailer, noe.ORF.at

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Korneuburger Eid ebnet Weg in die Diktatur
 

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#9
„100 JAHRE NIEDERÖSTERREICH“
Krems, die Hochburg der Nazionalsozialisten
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Krems ist mit dem Aufstieg der NSDAP von Beginn an eng verflochten gewesen. Die Stadt galt seit den 1920er-Jahren als Hochburg der Nazis, war sogar Gauhauptstadt. Gleichzeitig war Krems Schauplatz eines tödlichen Attentats, das 1933 zum Verbot der NSDAP führte.
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„Krems ist in vielerlei Hinsicht historischer Boden“, erklärt der Historiker Robert Streibel, der sich in den vergangenen Jahren im Auftrag der Stadt mehrfach mit der Geschichte befasst hat. Zum einen war die Wachau Durchzugsgebiet der Nibelungen, „die als wirklich deutsch eingestuft wurde. Das hat dazu beigetragen, dass sich diese Gruppen dort sehr heimisch gefühlt haben“. Zudem war Krems immer schon eine Schulstadt und ein Zentrum eines Bürgertums.
Bereits 1887 fand in Krems ein Gautourenfest statt, bei dem etwa auch der Arierparagraph zur Anwendung kommen sollte, erzählt Streibel. Zudem sei es dabei bereits zu antisemitischen Übergriffen sowie Beschimpfungen gekommen. Trotzdem fühlten sich damals noch viele Juden, vor allem aus Böhmen, dem Deutschnationalen zugehörig, weshalb sie in deutschen Turnverein akzeptiert wurden.

Jürgen SchindlerCC BY-SA 3.0
Die Wachau – als Durchzugsort der Nibelungen – war für Deutschnationale laut Historikern schon immer „heimischer Boden“

Schönerer, der Rassenantisemit
Doch gerade der Antisemitismus fasst in Krems bzw. generell im Waldviertel schon sehr früh Fuß. Das leitet sich laut Stefan Eminger, dem Leiter des Referats Zeitgeschichte im Niederösterreichischen Landesarchiv, aus dem Erbe von Georg Ritter von Schönerer (österreichischer Gutsherr und Politiker, Anm.) ab, der schon zu Ende des 19. Jahrhunderts im Waldviertel seine Hausmacht „als Rassenantisemit“ hatte, „und der Rassenantisemitismus war einer der tragenden Säulen der Nationalsozialisten aller Prägungen.“


Österreichische Nationalbibliothek
Georg Ritter von Schönerer (1842-1921)

Das zeigte sich zunächst auch in Krems, wo die späteren Nationalsozialisten zwar auf verschiedene deutsch-nationale Gruppen aufgesplittert waren, durch den „kulturellen Background“ aber geeint waren, ergänzt Streibel. Politisch spielten sie damals noch keine Rolle. Zu Beginn der Ersten Republik waren die Nationalsozialisten „eigentlich so klein wie eine Sekte“, ergänzt Eminger.

NSDAP: Keine Partei „von Hitler’schem Zuschnitt“
Die Wurzeln der NSDAP in Niederösterreich finden sich in der Deutschen Nationalsozialistischen Arbeiterpartei (DNSAP), „die noch keine Partei von Hitler’schem Zuschnitt war, sondern ihre Anführer noch in internen Wahlen gewählt hat“, erklärt Eminger. Bei den Wahlen zur Konstituierenden Nationalversammlung im Februar 1919 erreichte sie in Niederösterreich 2.695 Stimmen. Ein Jahr später – bei der Nationalratswahl 1920 – kam sie auf 9.934 Stimmen.

Bereits in den frühen 1920er-Jahren trat die NSDAP auch in Krems bei Wahlen an, wobei sich der Zuspruch – vor allem wegen der großen Konkurrenz – in Grenzen hielt. Bereits 1922 war Adolf Hitler auch bei einer Veranstaltung in Krems zu Gast, trat dort aber nicht als Redner auf. Trotzdem bezeichnete der spätere NSDAP-Gauleiter Josef Leopold den Besuch als „entscheidendes Ereignis“, weshalb sich die NSDAP so früh gebildet habe.

Maria Langegg hatte den ersten Nazi-Bürgermeister
Einen ersten Erfolg feiern die Nazis bei den Gemeinderatswahlen 1924 in Maria Langegg, heute eine Katastralgemeinde von Bergern (Bezirk Krems), wo man den ersten Bürgermeister stellte. Laut Eminger seien die Vertreter damals eher dem gemäßigten Lager rund um „den Hitler-kritischen“ Karl Schulz zuzuordnen gewesen, „wo zumindest noch wichtige Reste einer demokratischen Grundhaltung Platz hatten“, im Gegensatz zur Hitlerbewegung.
Doch langsam gelingt es der deutschen NSDAP, in den folgenden Jahren immer mehr Einfluss auf die österreichischen Nationalsozialisten zu bekommen. 1926 teilt sich die nationalsozialistische Bewegung in die Schulz-Gruppe, die vor allem im Raum St. Pölten stark war, und die radikalere Kremser Clique auf, welche sich in weiterer Folge Hitlerbewegung nennt und sich der deutschen NSDAP angliedert. „Anfangs machte sie noch wenig von sich zu reden, außer durch Aufmärsche und tätliche Übergriffe.“

Kurzfristig treten beide Gruppierungen als NSDAP auf, jedoch verliert die Schulz-Gruppe rasch an Bedeutung. Schulz war laut Eminger stets gegen eine Fusion mit der Hitlerbewegung und wollte vor allem Wahlgemeinschaften mit anderen ideologisch nahestehenden Parteien knüpfen, wie etwa den Deutsch-Nationalen. Die Hitlerbewegung lehnte das jedoch „immer strikt ab“.

„Schlimmste Ausformung des Antisemitismus“
Zudem machten die Nazis aus ihren Absichten überhaupt nie einen Hehl, fügt Eminger hinzu: „Es ist zwar nie ein industrieller Massenmord an der jüdischen Bevölkerung in ganz Europa propagiert worden, aber der Antisemitismus, und zwar ein rassischer Antisemitismus, war immer da und wurde offen kommuniziert.“ Doch viele schreckte das nicht ab, „weil auch viele andere Parteien in Abstufungen diesen Antisemitismus oder eine Judenfeindlichkeit vertreten haben“.

Doch für die „schlimmste Ausformung des Antisemitismus“ seien immer die Nationalsozialisten gestanden. Im August 1926 wurde zudem innerhalb der wachsenden Hitlerbewegung der Gau Niederösterreich als Organisationseinheit eingeführt. Erster Gauleiter war Josef Leopold aus Langenlois (Bezirk Krems), der wegen seiner NSDAP-Mitgliedschaft auch aus dem Bundesheer entlassen wurde.

Niederösterreichisches Landesarchiv
1932 zog die NSDAP mit acht Abgeordneten in den Landtag ein

Nazis wollen Landtag „zerstören“
Nach der Landtagswahl am 24. April 1932 zogen acht Abgeordnete der NSDAP in den Landtag ein. Josef Leopold, der nun auch Fraktionsführer war und später zum Landesrat ernannt wurde, untermauerte bei seiner Antrittsrede die antidemokratische Ausrichtung seiner Partei und kündigte an: „Wir gehen nur in dieses parlamentarische Gremium, um es zu zerstören.“
Im selben Jahr feiern die Nationalsozialisten auch in vielen Gemeinden Erfolge. Diese Aufwärtsentwicklung wurde speziell durch die weltweite wirtschaftliche Krise begünstigt, sagt Eminger: „Alle Parteien haben Auswege aus dieser Wirtschaftskrise gesucht, die aber eine Weltwirtschaftskrise war, sodass ein einzelnes Land nur beschränkte Möglichkeiten hatte, da etwas zu tun.“

In Deutschland brachte man die Arbeitslosigkeit hingegen sehr schnell in den Griff. „Dass das damals natürlich vor allem Rüstungsinteressen geschuldet war, hat damals auch noch nicht so interessiert.“ Allerdings stellt die Hitlerbewegung ab 1932 auch in mehreren Gemeinden im Waldviertel den Bürgermeister, wie in Gmünd und in Zwettl.

Stadtarchiv Zwettl
Zwettl war 1932 eine der ersten Gemeinden, die einen nationalsozialistischen Bürgermeister hatten

Aufstieg und Fall
Und in Krems. Damals wurde laut Streibel auch eine eigene Zeitung herausgegeben, in der viele Firmen inserierten und sich bereits als „arisch“ bezeichneten. „Der Nationalsozialismus war damit in der Gesellschaft angekommen. Man hat den Spagat zwischen Bürgertum und Arbeitslosen gut geschafft.“ Etwa indem man in der Judengasse ein SA-Heim (die Sturmabteilung war die paramilitärische Kampforganisation der NSDAP, Anm.) gründete, wo Arbeitslose, die keine Wohnung hatten, zu ganz günstigen Mieten untergebracht wurden.

Doch Krems war auch Schauplatz dafür, dass die NSDAP schließlich in Österreich ab Juni 1933 verboten wurde. Denn die Nationalsozialisten versuchten in dieser Zeit durch Terroranschläge und Gewalt auf der Straße Unruhe zu schaffen. So auch am 19. Juni 1933, als eine 56 Mann starke Abteilung der Hilfspolizei, alle waren „Wehrturner“ der christlich-deutschen Turnerschaft, in Egelsee nahe Krems eine Waffenübung abhielt.


Anno/Illustrierte Kronen Zeitung
Als die Männer durchs Alauntal nach Krems zurückmarschierten, passierten sie einen Hohlweg. Plötzlich flogen von einem steilen Waldhang drei Handgranaten auf den Trupp. 30 Männer blieben verletzt im Hohlweg liegen. „Verletzungen, wie man sie nur im Krieg sah“, wird man später berichten. Einer von ihnen – Franz Blamoser – überlebt den Anschlag nicht, und ist damit das erste Opfer im Kampf gegen den Nationalsozialismus in Österreich.

Verbot der „NSDAP Hitlerbewegung“
Von da an ging die Bundesregierung gegen die nationalsozialistische Gefahr entschieden vor. Noch am Abend des Anschlags trat in Wien der Ministerrat zusammen und verfügte auf Antrag von Sicherheitsminister Emil Fey ein Verbot der „NSDAP Hitlerbewegung“ und all ihrer Neben- und Unterorganisationen. Einer der Täter wurde ebenfalls in der Nacht noch gefasst. Über Krems wurde eine Art nächtliche Ausgangssperre verhängt.

Anno/Der Abend
Am 23. Juni 1933 wurden den Abgeordneten der NSDAP ihre Mandate aberkannt – auch im Landtag. Bundeskanzler Engelbert Dollfuß, der damals schon autoritär regiert, wollte damit weitere Anschläge und Unruhen unterbinden. „Doch es ist nach dem Parteienverbot mit den Terroranschlägen sogar noch schlimmer geworden, es ist eine unglaubliche Terrorwelle losgebrochen“, erzählt Eminger, die erst mit der Ermordung Dollfuß’ und dem gescheiterten Putschversuch im Juli 1934 endete.

Rückzugsort der „Illegalen“
Krems verlor seine Bedeutung trotzdem nicht. Denn ab sofort wurde die illegale Bewegung von Krems aus geleitet, weiß Streibel: „Unter Leopold liefen dort alle Fäden zusammen.“ Gleichzeitig gab es weitere Anschläge, etwa auf die Schule der Englischen Fräulein oder das Steiner Pfarramt, „weil die Kirche eng mit dem Austrofaschismus verbunden war“. Zudem wurden Flugblätter verteilt, die Organisation war gut vernetzt.

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Archiv Robert Streibel
Archiv Robert Streibel
Archiv Robert Streibel
Archiv Robert Streibel
Archiv Robert Streibel
Archiv Robert Streibel
Archiv Robert Streibel
Archiv Robert Streibel
Archiv Robert Streibel

Ihren Einfluss verlor Krems jedoch ab 1937. Damals kam es laut Streibel zu einer Auseinandersetzung „über die Richtung bzw. den Weg, den man einschreiten will“ – mit Deutschland oder als österreichische NSDAP. Leopold – ab 1935 Landesleiter der NSDAP in ganz Österreich – „ist übrig geblieben“ und wurde im Jahr 1938 – nachdem Pläne der Nazis zur Machtübernahme publik wurden – „kalt gestellt“.

Vergebliches Warten auf den Führer
Im März 1938 musste die Bevölkerung von Krems jedenfalls „vergeblich auf den Führer warten“, sagt Streibel, denn Hitler kam bei seinem triumphalen Einmarsch Richtung Wien in Krems nicht vorbei. Überhaupt hatte Hitler Krems nur einmal besucht, und auch da nur den Truppenübungsplatz, aber nicht die Stadt selbst. „Ein Indiz, dass sich die NSDAP zuvor vielleicht auf die falsche Seite geschlagen hatte.“

Und trotzdem wurde Krems auch nach dem Anschluss in der Propaganda „gut vermarktet“, meint Streibel. Denn während Wien auch im ab 1939 neuen Gau Niederdonau Verwaltungssitz blieb, wurde Krems zur offiziellen Gauhauptstadt erhoben – aber ohne eine einzige Dienststelle. Streibel spricht von „einer Verbeugung vor der Geschichte, weil man schon davor so viel für die Bewegung gemacht hat, Krems war das Tor zum Deutsch-Nationalen“.
04.02.2022, Stefan Schwarzwald-Sailer, noe.ORF.at

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Krems, die Hochburg der Nazionalsozialisten
 
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#10
„100 JAHRE NIEDERÖSTERREICH“
Keine Arbeit: Als Marienthal in Lethargie versinkt - Teil 1
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Marienthal ist zu Beginn der 1930er Jahre von Massenarbeitslosigkeit geprägt. Durch die Schließung der Textilfabrik verlor mehr als die Hälfte der Bevölkerung ihre Arbeitsstätte. Durch die Studie „Die Arbeitslosen von Marienthal“ wurde der Ort weltweit bekannt.
Online seit heute, 17.58 Uhr

(Wegen des Umfanges des ORF- Artikels habe ich in auf 2 Berichtsteile aufgeteilt)
Mehr als 100 Jahre lang florierte in der Textilfabrik Marienthal das Geschäft. Doch ab 1929 ging plötzlich alles ganz schnell. Innerhalb eines Jahres wandelte sich die Fabrik von ihrer Blütephase zur kompletten Stilllegung. Für die Arbeiter und Arbeiterinnen hatte das gravierende Folgen, denn fast der ganze Ort war in der Fabrik angestellt, viele wohnten auch dort.

„Die Bevölkerung hat auch nicht geglaubt, dass das jetzt das Ende ist, weil es 100 Jahre gut gelaufen ist“, erzählt Thomas Schwab, Bürgermeister von Gramatneusiedl (Bezirk Bruck an der Leitha), der sich in seiner Dissertation mit den sozialen Folgen befasst hat. Teilweise waren drei Generationen in der Fabrik beschäftigt. „Man hat immer auf einen neuen Eigentümer gehofft.“ Doch der kam nicht. Infolge der Weltwirtschaftskrise wollte offenbar niemand mehr investieren.

Dynamischer Beginn
Die Textilfabrik hatte bis dahin bereits eine lange Geschichte. Zunächst entstand ab 1820 eine Flachsspinnerei, die aber sieben Jahre später stillgelegt wurde. 1830 übernahm Hermann Todesco das Gelände und gründete eine Baumwollspinnerei. „Damit begann eine Entwicklung, die sehr dynamisch war“, erzählt Schwab, gleichzeitig investierte die Familie Todesco in die Fabrik und führte diese über Generationen fort.

Fotostrecke
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Die Textilfabrik sowie die Arbeiterkolonie von Marienthal in der Blütephase
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Wohnhäuser der heute revitalisierten Arbeitersiedlung Marienthal an der Hauptstraße (erbaut 1869 bis 1882)
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Der Großteil der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wohnte direkt in der Arbeiterkolonie, die Wohnungen waren mit etwa 30 m² aber überschaubar
AGSÖ
Ansicht der Textilfabrik Marienthal von Neu-Reisenberg (Gemeinde Reisenberg) aus gesehen

AGSÖ
Hausgemeinschaft Johanneshof des Arbeiterwohnhauses Marienthal

AGSÖ
Das Arbeiterwohnhaus Altgebäude (erbaut 1833 als Fabrik, zum Wohnhaus umgebaut 1845), davor das Gebäude des Consum-Vereins Marienthal, in dem heute das Museum untergebracht ist

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Der Musikpavillon mit Kegelbahn im Park Herrengarten (erbaut 1894, abgerissen 1931)

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Das neue Fabrikspital Marienthal (erbaut 1882, zum Wohnhaus umgebaut 1931), mit Apotheke, Badeanlagen (Duschen, Wannenbäder, Dampfbad) sowie Wohnungen für den Fabrikarzt und die Krankenwärterin

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Das Gebäude des Consum-Vereins Marienthal (erbaut 1864), 2008 als Museum Marienthal wiederaufgebaut

AGSÖ
Spielzeug des Montessori-Kindergartens der Textilfabrik Marienthal , eröffnet 1922, geschlossen 1929

Museum Marienthal
In der Blütephase gab es in Marienthal 124 verschiedene Vereine

AGSÖ

AGSÖ

Der Name Marienthal stand seit damals nie für einen eigenen Ort bzw. eine eigene Verwaltungseinheit, sondern bezog sich immer nur auf die Fabrik und die dazugehörende Arbeiterkolonie. Das Gelände liegt vor allem in der Gemeinde Gramatneusiedl, ein kleiner Teil jedoch auch in der Nachbargemeinde Reisenberg (Bezirk Bruck an der Leitha), die Fischa ist die natürliche Grenze.

Mit dem industriellen Aufschwung ab 1845 begann die Fabrik zu florieren. Damals stand man sogar vor dem Problem, „dass man in der Region nicht über die nötigen Arbeitskräfte verfügte, die in dieser Fabrik hätten arbeiten sollen“, erzählt der Ortschef. Ab 1850 wurden deshalb Arbeiterhäuser gebaut. Die Arbeiter kamen vor allem aus Böhmen und Mähren nach Gramatneusiedl, „weil das damals schon eine Textilhochburg in der Habsburger-Monarchie war“. Rund um 1880 gab es laut Aufzeichnungen etwa 1.000 Angestellte.

Erster Rückschlag
Ein erster großer Rückschlag folgte nach dem Ersten Weltkrieg, „als der große Markt des Kaiserreichs weggefallen ist“, schildert Tibor Schwab, Obmann des Museums Marienthal. Zudem brach auch die Nachfrage durch den Krieg, „wo viele Textilien gebraucht wurden“, ein. Die Zahl der Beschäftigten wurde reduziert. „Zum ersten Mal ist damals so etwas wie Arbeitslosigkeit aufgekommen“, ergänzt Sohn Thomas Schwab, „aber nicht in diesen Dimensionen.“

Ab 1925 ging die Fabrik in den Besitz von Isidor Mautner über, damals einer der größten Textilindustriellen in Europa. „Damit hat es eine neue Phase gegeben, eine letzte Hochblüte, wo massiv investiert wurde, neue Maschinen gekauft und damit noch einmal viele Arbeitsplätze geschaffen wurden“, weiß der Obmann. Das Unternehmen wurde zu einem der erfolgreichsten der österreichischen Textilindustrie.
Keine Arbeit: Als Marienthal in Lethargie versinkt
Fortsetzung siehe Teil 2
 
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#11
Keine Arbeit: Als Marienthal in Lethargie versinkt - Teil 2
„Einzigartige Laborsituation“ entsteht
Mit 1. Jänner 1929 sind etwa 1.300 Beschäftigte dokumentiert. Bis im Juli völlig überraschend die ersten Schließungsschritte einsetzten, mit Februar 1930 war die Fabrik komplett geschlossen. „Innerhalb von 13 Monaten hat man vom Höchststand auf rund 60 Personen, die mit dem Abbau beschäftigt waren, reduziert“, betont Thomas Schwab. Mehr als 1.200 Menschen verloren in dieser kurzen Zeit ihren Arbeitsplatz. Damit sei eine „einzigartige Laborsituation geschaffen“ worden, „da sozusagen fast der gesamte Ort von Arbeitslosigkeit betroffen war.“

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Ab Februar 1930 war die traditionsreiche Textilfabrik geschlossen, die Maschinen wurden verkauft, das Gebäude verfiel

Der Grund für die rasche Schließung ist zwar bis heute nicht restlos geklärt. Allerdings gibt es laut dem Ortschef mehrere Indizien, dass dem Eigentümer das Geld ausgegangen sein dürfte. Denn kurz zuvor, 1925, war ein anderes Unternehmen Isidor Mautners, ein Kreditinstitut, „bankrottgegangen“ und er musste „als Privater für die Verbindlichkeiten geradestehen“. Dadurch habe ihm Geld gefehlt, um neue Materialien kaufen zu können. Deshalb wurde in der Fabrik „ein Produktionsschritt nach dem anderen geschlossen und dann war zu.“

„Die Arbeitslosigkeit war überall“
Die Arbeiter verloren damit aber nicht nur ihren Arbeitsplatz bzw. ihr Einkommen, sondern großteils auch ihre Wohnung. „Alle Häuser haben der Fabrik gehört“, erinnert sich Tibor Schwab, „in ganz Marienthal gab es nur zwei Gebäude, die nicht der Fabrik gehört haben, ein Arbeiter- und ein Kinderheim, das die Textilgewerkschaft aufgebaut hat.“ Inklusive der Familien lebten 1.500 Menschen in Marienthal. „Die Arbeitslosigkeit war überall.“

Die Leute seien zwar arbeitswillig gewesen, ergänzt Sohn Thomas, und hätten durch den Bahnanschluss bis nach Wien fahren können. „Aber auch dort wurde nirgends Arbeit gebraucht“, da infolge der Weltwirtschaftskrise ebenfalls Massenarbeitslosigkeit vorherrschte. Marienthal versank nach und nach in Lethargie. „Es fehlt der eigene Antrieb, man fühlt sich nicht gebraucht und weiß auch nichts mehr mit dem Tag anzufangen.“
Die Arbeitslosigkeit wirkte sich zersetzend auf die Gemeinschaft aus. Öffentliche Einrichtungen wurden nicht weiter genutzt, das Leben auf das Notwendigste beschränkt. Das Vereinsleben – in der Blütephase gab es 124 Vereine – brach zusammen. „Die Fabrik war Sponsor für alles.“ Depression, Alkoholmissbrauch und Selbstmorde stiegen vor allem unter der männlichen Bevölkerung an. Drei Viertel der 478 Marienthaler Familien waren ohne Arbeit und Brot.

Museum Marienthal
Das einzig Positive: die Solidarität unter den Menschen. Etwa auch unter den Kindern, die in der Schule ihre Frühstücksjause geteilt haben. „Kinder von Bauernfamilien oder der Einsenbahner, die alle die gleiche Schule besucht haben, hatten ja weniger Probleme“, weiß der Obmann des Museums. Landwirte beschäftigten – soweit möglich – Arbeitslose.

Das Dorf ohne Arbeit wird zur Studie
1931 untersuchten die Österreichische Wirtschaftspsychologische Forschungsstelle am Beispiel Marienthals die sozialen und psychischen Folgen von Arbeitslosigkeit. Damit die Forscher rund um Marie Jahoda, Hans Zeisel und Paul Lazarsfeld zu den Bewohnern einen vertrauensvollen Zugang erhielten, gliederten sie sich in die Gesellschaft ein, sammelten etwa Kleider, gaben ärztliche Sprechstunden, Erziehungsberatung oder Turn- und Zeichenkurse.


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Von Marienthals Arbeitslosen zu Weltrang


Für jede Familie in Marienthal wurden Katasterblätter angelegt, auf denen die verschiedenen Beobachtungen und Interviews festgehalten wurden, vom ordentlichen oder ungeordneten Zustand der Wohnung bis hin zu Dingen, die bei der Erziehungsberatung, beim Arztbesuch oder bei der Beobachtung im Arbeiterheim besprochen wurden. Es wurden etwa 30 Interviews geführt, Journale über die Zeiteinteilung angefertigt und Essenslisten erstellt.

Materielle Not
Die materielle Not der Arbeitslosen wurde von Marie Jahoda und ihren Kollegen exakt beschrieben. Ein damaliger Lehrer erzählt in der Studie: „Ein zwölfjähriger Schüler besitzt ein einziges Paar Schuhe. Genauer: Ihm hängen einige zusammengenähte Fetzen von den Füßen. Wenn es regnet oder schneit, kann er damit nicht auf die Straße. In seiner freien Zeit wird er vom Vater eingesperrt, damit er nicht durch Herumspringen diese armseligen Reste noch weiter gefährdet.“

Fotostrecke
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Einige der ehemaligen Arbeiterwohnhäuser sind bis heute erhalten und bewohnt
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Die Hauptstraße Richtung Gramatneusiedl

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Das ehemalige Direktorenhaus (li.) und einer der Schlote sind bis heute erhalten

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Das ehemalige Spital

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Hermann-Todesco-Denkmal, das einst im Park Herrengarten stand, jetzt vor dem ehemaligen Arbeiterwohnheim

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Zwischen den neu errichteten Wohnsiedlungen findet man in Marienthal so manche Erinnerung an die Fabrikszeit

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Das Musem Marienthal, in dem einst der Consum-Verein Marienthal untergebracht war

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Die Dauerausstellung im Museum kann jederzeit besucht werden …

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… und blickt sowohl auf die Geschichte der Fabrik als auch auf die Lebenssituation der Menschen

Museum Marienthal
Zwei der Studienautoren von „Die Arbeitslosen von Marienthal“: Marie Jahoda und Paul F. Lazarsfeld

ORF/Stefan Schwarzwald-Sailer

Eine weitere Frage, die in der von den Forschern eingerichteten Erziehungsberatungsstelle immer wieder auftaucht: Wie hält man die Buben vom Fußballspielen fern, damit sie sich nicht das einzige Paar Schuhe, das sie noch besitzen, ruinieren? Reicht das Geld nicht einmal mehr für Schuhe und Kleidung, wird die Erkrankung eines Kinds zur Katastrophe.

Die wichtigste Erkenntnis der Studie: Langjährige Arbeitslosigkeit führt nicht zu Politisierung und einer nach links gehenden Radikalisierung der Arbeitslosen, sondern zu schrecklicher Apathie, zu Hoffnungslosigkeit und allgemeiner Depression. Dass Arbeitslose die neu gewonnene Freizeit dazu nützen, sich weiterzubilden oder politisch zu engagieren, ist eine fromme Illusion.

Psychologische Hilfe für eigenen Existenz
Vielmehr ist eine „geregelte Arbeit für die meisten Menschen eine psychologische Hilfe, um aus der eigenen Existenz einen Sinn zu machen“, fasst Jahoda zusammen. Der letzte Satz aus der Studie beinhaltet deshalb einen Wunsch der Forscher: „Wir haben als Wissenschaftler den Boden Marienthals betreten: Wir haben ihn verlassen mit dem einen Wunsch, dass die tragische Chance solchen Experiments bald von unserer Zeit genommen werde.“

1933 wurde die Studie veröffentlicht, zu Thomas Schwabs Überraschung allerdings nicht in Wien, sondern in Leipzig, wo gerade Adolf Hitler an die Macht gekommen war. „Die Studie ‚Die Arbeitslosen von Marienthal‘ passte da gar nicht in die Ideologie der Nazis.“ In der Erstauflage sind auch keine Autoren angeführt, vermutlich weil die Studienautoren sowie die Mehrheit der 17 Forscher jüdischer Abstammung waren.

Museum Marienthal
In der Studie wurde der Tagesablauf der Menschen genau dokumentiert, „einstweilen wird es Mittag“ ist auch der Titel eines Films, der 1987 erschien und die Geschichte der Arbeitslosen von Marienthal erzählt

Erst mit der Übersetzung des Werks ins Englische in den 1960er Jahren wurde die Studie und somit der Ort Marienthal weltweit bekannt. Heute zählt das Werk zu einem Klassiker der Soziologie und empirischen Sozialforschung. Sogar ein Film aus dem Jahr 1987 „Einstweilen wird es Mittag …“ erzählt über die damalige Situation rund um die Arbeiterkolonie.

Projekt gegen Langzeitarbeitslosigkeit
Auch auf Grund dieser Geschichte startete das AMS Niederösterreich im Herbst 2020 ein weltweit einzigartiges Projekt zur Bekämpfung der Langzeitarbeitslosigkeit. In Gramatneusiedl wurde allen Langzeitarbeitslosen ein Job garantiert. „Wir wollen daher Arbeit schaffen, statt Langzeitarbeitslosigkeit zu finanzieren“, erklärte damals AMS-Landesgeschäftsführer Sven Hergovich.
Das Projekt, das bis 2023 läuft, wird von den Universitäten Wien und Oxford begleitet und evaluiert. Laut den Studienautoren werden sowohl die ökonomischen, die sozialen und die gesundheitlichen Auswirkungen auf die Teilnehmer untersucht. Ziel sei es nicht nur Veränderungen zu erfassen, sondern auch herauszufinden, wie nachhaltig diese Veränderungen ist.

Bürgermeister Schwab hofft, dass die Menschen dieses Mal mehr von den Ergebnissen haben. „Man weiß von Überlieferungen, dass es für die Menschen damals nicht besser wurde.“ Das „Ende des Elends“, dass sich die Studienautoren wünschten, „dazu ist es nicht gekommen“. Die Ergebnisse von damals seien aber aktueller denn je: „Solange wir arbeiten gehen, wird Arbeitslosigkeit leider immer ein Thema sein.“

07.02.2022, Stefan Schwarzwald-Sailer, noe.ORF.at

Links:
Keine Arbeit: Als Marienthal in Lethargie versinkt
 

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#12
„100 JAHRE NIEDERÖSTERREICH“
1933: Hirtenberg und die illegale Waffenaffäre
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Die Hirtenberger Patronenfabrik ist eines der bedeutendsten Munitionsunternehmen Österreichs. Doch 1933 fliegt ein groß angelegter Waffenschmuggel von Italien über Österreich nach Ungarn auf. Die Krise führt indirekt in den Untergang der Ersten Republik.
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Am 8. Jänner 1933 deckte die „Arbeiter-Zeitung“ auf, dass ein Waffentransport von Italien nach Hirtenberg (Bezirk Baden) unterwegs sei. Der Inhalt: 50.000 Gewehre und 200 Maschinengewehre, die für Ungarn bestimmt sein sollen. Die ersten Waggons – zehn bis 20 – trafen laut einem Bericht der Gendarmerie Hirtenberg bereits rund um den Jahreswechsel am Bahnhof Enzesfeld, dem Nachbarort Hirtenbergs, ein.

„Die Firmenleitung hat den Betriebsrat zwar informiert, was hier im Laufen ist, er wurde aber um Stillschweigen gebeten“, erzählt Gemeindehistoriker Erich Strobl im Gespräch mit noe.ORF.at. Das Unternehmen habe mit Arbeitsplätzen argumentiert. „Immerhin war die Auftragslage durch die Friedensverträge damals schlecht.“ Und die Waffen sollten laut Zeitungsbericht in der Hirtenberger Patronenfabrik vor der Weiterleitung nach Ungarn repariert und gewartet werden.

Anno/Arbeiter Zeitung

Bruch der Friedensverträge
Sowohl Italien – durch Benito Mussolini – als auch Ungarn – durch Miklos Horthy – waren damals bereits faschistisch regiert. Mit den Waffen, die ursprünglich der K.-u.-k.-Armee gehörten und im Ersten Weltkrieg von Italien erbeutet wurden, wollte Mussolini Ungarn bzw. Horthy helfen, aufzurüsten, erzählt Josef Mötz, Kurator des Hirtenberger Patronenmuseums, „was durch die Friedensverträge nach dem Ersten Weltkrieg natürlich strengstens verboten war“.

Sammlung Strobl
Fritz Mandl (1900-1977), Generaldirektor der Hirtenberger Patronenfabrik

Als Mittelsmann soll deshalb Fritz Mandl fungiert haben, ab 1924 Generaldirektor der Hirtenberger Patronenfabrik und ein enger Vertrauter des Heimwehrführers Ernst Rüdiger Starhemberg, schildert Strobl: „Über Mandl ist Geld in die Heimwehren geflossen, Starhemberg hat den Kontakt zu Mussolini hergestellt, und Italien wurde zu einem Großabnehmer von Munition aus Hirtenberg.“ Mussolini wollte im Gegenzug die Heimwehren unterstützen.

Aufrüstung der Heimwehren
Starhembergs Ziel war es, aus der Heimwehr, der christlichsozialen Parteienarmee, eine schlagkräftige Organisation zu formen. Dafür fehlten ihm – wie auch Horthy – die Waffen. Starhemberg und Mussolini sollen deshalb die Lösung gefunden haben, die alten Waffen, als Altmetall deklariert, nach Hirtenberg zu liefern. Von dort aus sollten ungarische Stellen den Weitertransport übernehmen. „Im Einvernehmen“ mit Bundeskanzler Dollfuß sollte ein Teil zurückgehalten werden.

Doch der Plan schlug fehl. Die Staaten der „Kleinen Entente“, vor allem Frankreich und die CSR, zeigten sich empört und verlangten Aufklärung von der heimischen Regierung. Die beiden Siegermächte des Ersten Weltkriegs sahen in dem Waffenschmuggel einen schweren Verstoß gegen den Vertrag von Saint-Germain bzw. den Vertrag von Trianon. Die Bundesregierung wies diese Vorwürfe zurück.



Die Folge war eine noch stärkere Entfremdung zwischen Österreich und den demokratischen Westmächten sowie eine zunehmend stärkere Bindung Österreichs an Italien. Innenpolitisch verhärtete die Hirtenberger Waffenaffäre die Fronten zwischen dem linken und rechten politischen Lager.
Putsch des „schwarzen“ Wehrverbandes
In der Presse war von der Aufrüstung der Heimwehr, sogar von einem Putsch des „schwarzen“ Wehrverbandes mithilfe der Waffen aus Italien die Rede. Die Waffen wurden beschlagnahmt und von der Gendarmerie, später vom Bundesheer, in der Patronenfabrik bewacht. Es stellte sich heraus, dass es bedeutend mehr Waffen waren, als ursprünglich kolportiert: etwa 100.000 Gewehre und mehr als 1.000 Maschinengewehre.

Die Eisenbahner – überwiegend Anhänger der Sozialdemokratie – traten daraufhin in Streik, „und wollten damit eine Weiterverteilung verhindern“. Als sich der Nationalrat Anfang März 1933 damit befasste, kam es zu einer Geschäftsordnungspanne, die Dollfuß nutzte, um die Demokratie auszuschalten und den autoritären Ständestaat zu etablieren. Im März 1934 wurde der Waffenbestand übrigens aufgrund eines Abkommens zwischen Österreich und Ungarn aufgeteilt.

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Besuch von Bundeskanzler Schuschnigg (3.v.l.) um 1936 in der Schule in Hirtenberg, Fritz Mandl (2.v.r.)
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Im Munitionsmuseum Hirtenberg wird die Geschichte der Fabrik mit allen Höhen und Tiefen erzählt

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Der Großteil der ehemaligen Hirtenberger Patronenfabrik steht bis heute

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Auch das ehemalige Direktionsgebäude behielt seine Funktion

„Undurchsichtige Rolle“
Laut Mötz ist die „Rolle Mandls undurchsichtig“. Doch dass die Waffen in Hirtenberg repariert werden sollten, „stimmt sicher nicht, weil Hirtenberg eine reine Munitionsfabrik war und allenfalls eine kleine Waffenwerkstätte für die Versuchswaffen, die aber für die Kapazitäten nie ausgereicht hätte, 10.000 Waffen zu servicieren“. Vielmehr hätten die Arbeiten eher in Budapest stattfinden sollen, ist der Museumskurator überzeugt.
In Hirtenberg sorgte die Waffenaffäre hingegen für wenig Aufsehen, auch innerhalb der Arbeiterschaft bzw. der Bevölkerung. „Man war wohl eher froh, dass man eine Arbeit hatte“, glaubt Strobl. Denn rundherum herrschte zu dieser Zeit Massenarbeitslosigkeit. „Und der Großteil der Arbeiter war gegenüber der Fabrik, in der oft mehrere Generationen gearbeitet haben, immer sehr loyal“, ergänzt Mötz.

Immerhin konnte die Fabrik auch damals bereits auf eine lange Geschichte zurückblicken. 1860 gründete der eingewanderte Schwabe Serafin Keller in Hirtenberg eine kleine metallverarbeitende Werkstätte. Ab 1863 wurde die Heeresverwaltung mit kleinen Waffenteilen beliefert. Zugleich wurde 1863 eine zweite Manufaktur (Kromag-Alcar) errichtet. Ab den 1870er Jahren wurden auch Patronenhülsen für Handfeuerwaffen hergestellt.

Sammlung Strobl

Blütephase und Niedergang
Die Blütephase erlebte das Unternehmen im Ersten Weltkrieg. Ab dem Winter 1914/15 wurde die Produktion an Kriegsmunition für die Streitkräfte der Monarchie stark ausgeweitet. Zugleich konnten Exportaufträge an Kriegsmunition für neutrale oder verbündete Staaten realisiert werden, etwa für das Königreich Bulgarien. Durch die kriegsbedingte Hochkonjunktur war 1916 mit 4.200 Personen der höchste Personalstand in Hirtenberg erreicht.

Ab 1916 machten sich im täglichen Leben und in der Rüstungsindustrie die Mangelerscheinungen des Krieges immer stärker bemerkbar. Die Lebensmittelversorgung der Bevölkerung sowie die teilweise katastrophale Rohstofflage für die Industrie wurden zu einem immer schwieriger zu meisternden Problem. Ab 1917 kam es auch zu Unruhen in der Arbeiterschaft. Gleichzeitig wurden immer mehr Facharbeiter zum Militärdienst eingezogen, dadurch stieg der Frauenanteil im Werk.

Kommunisten zünden Fabrik an
Nach dem Krieg schrumpfte die Personalzahl auf ein Viertel. Mit Polen konnte aber ein neuer Abnehmer gewonnen werden, der sich militärisch aufrüsten wollte. Doch einer Gruppe kommunistischer Arbeiter war das „ein Dorn im Auge“, weil Polen und die Sowjetunion damals im Osten um die Grenze stritten. „Weil sie nicht für den Feind produzieren wollten“, legte die Gruppe im April 1920 ein Feuer. Zwar wurde niemand verletzt, doch „90 Prozent der Infrastruktur wurden zerstört“, sagt Mötz.

Sammlung Strobl
Durch den Brand im Jahr 1920 wurde die Fabrik fast zur Gänze zerstört

Während die Fabrik am Boden lag, holte Alexander Mandl – damals Leiter der Munitionsfabrik – seinen Sohn Fritz in das Unternehmen und betraute ihn gleich mit einer Führungsaufgabe. Innerhalb kurzer Zeit baute er die Fabrik wieder auf. Durch seine Geschäfte im In- und Ausland gelang es sogar, dass in einer Zeit der Weltwirtschaftskrise und Massenarbeitslosigkeit in Hirtenberg Hochkonjunktur herrschte. „Der Betrieb war damals munitionstechnisch weltweit führend“, so Mötz.

„Umtriebig und skrupellos“
Als einziges Munitionsunternehmen konnte Hirtenberger damals eine ganze Serie eines Kalibers anbieten, begründet Mötz den Erfolg – von der Exerzierpatrone bis zur Beobachtungspatrone mit Explosiongeschoß. Die Märkte blieben bestehen, geliefert wurde bis in den Fernen Osten, Japan und China. „Er war sehr umtriebig, aber auch skrupellos und ist über Leichen gegangen“, erzählt Strobl, „und hatte viele Verbindungen in Richtung Lateinamerika“.

Auch deshalb konnte die Hirtenberger Patronenfabrik die Waffenaffäre 1933 gut überstehen. In den Jahren 1935 bis 1937 wurden etwa 550 Millionen Schuss nach Argentinien, Bolivien, Bulgarien, Chile, China, Ecuador, Griechenland, Irak, Italien, Mexiko, Polen, Spanien und Ungarn geliefert. Mandl war ein Machtmensch und Weltbürger, der auf der ganzen Welt politische Kontakte und wirtschaftliche Netzwerke hatte.

Sammlung Strobl
Hirtenberg Talwerk, Werk Lindenberg, Lager am Weinberg und Wäldchen (1944)

Deshalb war er auch in Österreich nicht unumstritten. Probleme mit gewissen Vertretern der Regierung veranlassten ihn, bereits 1937 Österreich zu verlassen und die Führung der Hirtenberger AG aus Argentinien, der Schweiz und Frankreich wahrzunehmen. Unmittelbar nach dem „Anschluss“ im März 1938 wurde der Betrieb in die deutsche Wilhelm-Gustloff-Stiftung einverleibt, am 27. März 1938 trat Mandl als Generaldirektor der Hirtenberger AG freiwillig zurück.

„Auslandsdeutscher“ wirbt für Volksabstimmung
Zwei Wochen nach dem „Anschluss“ ließ Mandl ein ganzes Bündel an Briefen aus Frankreich verschicken. In einem dieser Schreiben bezeichnete er sich als „Auslandsdeutscher, der in Argentinien ruhig leben und meinen Urlaub in seiner Heimat unangefeindet verleben können will“, in einem zweiten forderte er seine Belegschaft in Hirtenberg sogar auf, bei der kommenden Volksabstimmung „für das großdeutsche Vaterland zu stimmen“.


HP-Museum
In diesem Brief empfiehlt Fritz Mandl, „für das großdeutsche Vaterland zu stimmen“

Währenddessen wurde in Hirtenberg zur Bewältigung des deutschen Kriegsrüstungsbedarfs das neue Werk Lindenberg errichtet. Sämtliche explosions- und feuergefährlichen Arbeiten sollten nun am Lindenberg konzentriert werden, während im Talwerk die weitgehend ungefährliche Komponentenerzeugung stattfand. Tausende Männer und Frauen aus fast ganz Europa, hauptsächlich aus den besetzten Gebieten (Frankreich, Ukraine, Jugoslawien), lebten hier und arbeiteten in der Munitionsproduktion der Gustloffwerke.
Sammlung Strobl
Am 28. September 1944 wurde eigens für die Gustloffwerke ein Nebenlager des KZ Mauthausen in Hirtenberg eingerichtet. Es war am Areal des schon bestehenden Fremdarbeiterlagers „Am Weinberg“ gelegen, von diesem durch einen elektrisch geladenen Zaun getrennt und beherbergte etwa 400 weibliche KZ-Häftlinge.

Wiederaufbau 2.0
Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahmen die Sowjets das Kommando. „Die haben hier alles devastiert“, erzählt Mötz. Das Werk am Lindenberg wurde gesprengt, „weil es ihnen zu modern war“. 1955 war Mandl endgültig zurück in der Heimat – pünktlich zur Wiedereröffnung der Staatsoper. Innerhalb von zwei Jahren sprach ihm die Rückstellungskommission beim Landesgericht Wien die Hirtenberger AG wieder zu.

Sammlung Strobl
Glüherei nach der Demontage (1951)

Erneut wurde das Unternehmen aufgebaut. Der Vorteil: Dieses Mal brauchte auch das junge österreichische Bundesheer Munition. Doch an das Vorkriegsniveau „kam man nicht mehr heran“, weiß Mötz, der seit 2010 sein privates Firmenmuseum am Gelände der ehemaligen Hirtenberger Patronenfabrik betreibt. Ab den 1970er Jahren schrieb die Sparte rote Zahlen. 1977 starb Mandl.

Die nächste Waffenaffäre
Die Erben verkauften 1981 die Aktienmehrheit an die verstaatlichten Großkonzerne Voestalpine AG und Austria Metall AG. In Kooperation mit einem weiteren Staatsbetrieb, der Firma Noricum, wurde teuer in die Munition der Kanonenhaubitze Gun Howitzer Noricum investiert. „Die Firma wurde gezielt aufgekauft, um dafür die Munition zu erzeugen“, erzählt Mötz. Und damit folgte der nächste Waffenskandal, in den man involviert war: Noricum.

Vor Gericht wurde aufgezeigt, dass auch Hirtenberger-Manager in illegale Waffen- und Munitionsexporte – u. a. in den Irak und den Iran während des Krieges zwischen diesen beiden Staaten – verwickelt waren. Die Angelegenheit war auch Gegenstand eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses, die Stimmung in der Öffentlichkeit in Österreich führte schließlich zur Trennung der verstaatlichten Industrie von der Hirtenberger AG. Die Suche nach einem privaten Käufer begann.

Neues Gesicht ohne Waffen
1986 erfolgte die Umbenennung des ausgeschlankten Betriebs in Hirtenberger AG. Mittlerweile firmiert der Konzern mit seiner mehr als eineinhalb Jahrhunderte alten Geschichte unter dem Namen Astotec Holding GmbH. Das Geschäft mit Waffen wurde 2021 endgültig abgestoßen, stattdessen ist man Weltmarktführer in bestimmten Sparten des Automobilsektors. Doch nach wie vor wird in alle Welt exportiert.
Und auch das Know-how der Munitionsfertigung beschäftigt den Konzern weiterhin. Denn Airbags funktionieren ähnlich wie eine Patrone, erklärt Mötz: „Indem über einen Zünder Treibmittel zur Verbrennung gebracht wird, wird der Airbag aufgeblasen.“ Die Zahl der Mitarbeiter ist über die Jahre auf wenige hundert geschrumpft.

Für die Bewohner der Thermenregion und insbesondere Hirtenbergs bedeutete die Fabrik aber über viele Jahre Beschäftigung – vor allem in Zeiten von wirtschaftlichen Krisen und Arbeitslosigkeit. Und nicht zuletzt verdankt Hirtenberg seine selbstständige Existenz als Gemeinde dem Vorgängerunternehmen. Denn Hirtenberg wurde erst im Dezember 1870 eigenständig. „Wir waren also schon gut im Geschäft, bevor es Hirtenberg überhaupt gegeben hat“, merkt Strobl stolz an.
12.02.2022, Stefan Schwarzwald-Sailer, noe.ORF.at

Links:
1933: Hirtenberg und die illegale Waffenaffäre

Da gibt es mehr zu den Hirtenberger Betrieben (Stammwerk sowie Werk Lindenberg) und Kottingbrunn
 
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„100 JAHRE NIEDERÖSTERREICH“
1934: Als St. Pöltner auf St. Pöltner schossen
Im Februar 1934 ist es in Österreich zu einem Aufstand von Teilen des Schutzbundes gekommen. Bei bewaffneten Kämpfen gegen Regierungskräfte gab es hunderte Tote. Zu Gefechten kam es auch in St. Pölten, wo der Aufstand aber erst im zweiten Anlauf gelang.
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12. Februar 1934 – während in Linz und Wien zwischen Schutzbund und Polizei sowie Militär Gefechte begannen und geschossen wurde, blieb es in St. Pölten zunächst ruhig. Zwar traten die Arbeiter einiger Unternehmen wie Voith und Glanzstoff in Streik, doch der erhoffte Generalstreik in der Stadt blieb aus.

Im Laufe des Tages nahmen Polizei und Militär die meisten führenden Sozialdemokraten fest und besetzten das Rathaus sowie wichtige Schlüsselpositionen, erzählt Stadthistoriker Thomas Lösch: „Das hat auch damit zu tun, dass man es gar nicht so schnell erfahren hat, weil es kein geplanter Aufstand war, der von der Zentrale in Wien aus geleitet wurde.“ Im Rahmen einer Waffensuche in einem Linzer Parteiheim am 12. Februar 1934 leisteten Schutzbündler Widerstand, worauf es in mehreren Bundesländern zu Aufständen kam.

Keine Anweisung zum Aufstand
Die junge St. Pöltner Gemeinderätin Maria Emhart, die an diesem Tag zufällig in Wien war, meldete die Aufstände zwar in die Stadt weiter, erzählt Lösch, „aber niemand hat offiziell gesagt ‚tut etwas‘“. Deshalb wurde aber auch die Eisenbahnlinie in St. Pölten nicht unterbrochen, wodurch Polizei und Militär ihre Truppen zwischen Linz und Wien hin und her verschieben konnten.
Stadtarchiv St. Pölten
In der Herzogenburger Straße gerieten Mitglieder des Schutzbundes und der Heimwehr bei Feuergefechten aneinander

Erst einen Tag später forderte der führender Schutzbündler, Franz Rauscher, eine Reaktion bzw. solidarische Aktion mit den Wienern. Jene Mitglieder, die noch nicht verhaftet waren – ein paar hundert Menschen – versammelten sich daraufhin im Stadtwald am Rande der Innenstadt. „Dort war man einerseits gedeckt, aber man sieht anderseits auch auf die Kasernen hinunter“, sagt Lösch.

Von diesem Hügel aus versuchten sie wichtige Objekte unter Kontrolle zu bringen. Nach heftigen Feuergefechten mit Gendarmerie und Schutzkorps wurden Schutzbundgruppen aus dem städtischen E-Werk und dem NEWAG-Umspannwerk vertrieben. Bald darauf gab es beim Alpenbahnhof ein Feuergefecht zwischen angreifendem Schutzbund und Bundesheer sowie der Heimwehr. Daraufhin folgten Straßenkämpfe.



Ein Bataillon Arbeiterturner griff zu dieser Zeit die Stadt an, während rund 600 Schutzbündler von Osten her an der Traisenbrücke einen Heimwehrzug bis zur Bezirkshauptmannschaft zurückdrängten. Im Norden bildeten die Baracken in der Herzogenburger Straße Stützpunkte des Schutzbundes, rund 650 Schutzbündler hatten sich hier versammelt.


Stadtarchiv St. Pölten
Maria Emhart (1901 – 1981)

„Kampfamazone“ als Führungsfigur
Umstritten ist in diesem Konflikt die Rolle von Maria Emhart, eine junge, radikale Gemeinderätin und zugleich Mitglied der Bundesparteirats. Obwohl sie kein Schutzbund-Mitglied war, übernahm sie laut Lösch eine führende Rolle und war Verbindungsfigur zwischen Schutzbund und Wiener Zentrale: „Sie selbst sagt, sie hat nicht gekämpft. Aus Sicht der Austrofaschisten wurde sie aber als Kampfamazone hingestellt und auch verhaftet.“

Laut Lösch dürfte sich Emhart letztlich auch für den Aufstand ausgesprochen haben. Zudem genoss die damals 33-Jährige bei den Jugendlichen „eine ziemliche Autorität“, sagt der Historiker und fügt hinzu, dass sich beim Aufstand auch viele Jugendliche beteiligten, sowohl Wehrturner als auch „viele, die nicht beim Schutzbund organisiert waren“. Frauen hätten etwa im Kinderwagen selbstgebastelte Handgranaten geschmuggelt, Jugendliche gingen auf Streife.

Gegenangriff auf „Hort des Widerstands“
Diese Angriffe wurden aber relativ schnell zurückgeschlagen. Im Gegenzug ging das Dollfuß-Regime zu Gegenangriffen über. Am 14. Februar wurde etwa in der Herzogenburger Straße das „Blaue Haus“ beschossen, ein Gemeindebau, das als „Rote Burg St. Pöltens“ galt. „Das war eben ein Hort des Widerstandes, dort wurde hineingeschossen“, schildert der Stadthistoriker.


Stadtarchiv St. Pölten

Gegen dieses „Aufrührernest“ wurde im Rahmen einer Waffensuche Maschinengewehrfeuer eingesetzt. Anschließend wurde der Häuserblock gestürmt. Etwa 90 Schutzbündler wurden gefangengenommen. Bis zum Abend hatte das Regime die Lage in St. Pölten unter Kontrolle – auch wenn es bis zum 16. Februar noch „einzelne kleinere Scharmützel“ gab, laut Lösch „Trotzreaktionen“.



Gefängnis platzte aus allen Nähten
Vier Menschen starben im Zuge der Auseinandersetzungen. Zudem wurden hunderte Menschen verhaftet. Laut Lösch waren nicht alle an den Kämpfen beteiligt, allerdings wurde ab diesem Zeitpunkt die sozialdemokratische Partei inklusive ihrer Vorfeldorganisationen verboten. „Weil sowohl das Gemeindegefängnis als auch das Kreisgericht nicht mehr ausgereicht hatten, wurden einige im Harlander Amtshaus interniert. In der Nähe des Bahnhofs wurde ein Anhaltelager errichtet.“

In St. Pölten kam es in den Tagen zwischen 12. und 16. Februar zu den schlimmsten Gefechten zwischen Schutzbund und Regierungskräften in Niederösterreich. Weitere Schauplätze waren sozialdemokratische Hochburgen wie Neunkirchen und Mödling sowie im Traisen-, Ybbs- und Gölsental. Landesweit kamen 15 Menschen auf beiden Seiten ums Leben.

Stadtarchiv St. Pölten
Nach den Februarkämpfen wurden vorrübergehend hunderte Gefangene im Anhaltelager St. Pölten interniert

Mit Artillerie auf Gemeindebauten
Die härtesten Gefechte gab es jedoch in Wien, vor allem in Gemeindebauten wie dem Karl-Marx-Hof. Dort wurde auch Artillerie eingesetzt. Die Regierungskräfte schlugen den Aufstand mit aller Härte nieder, etwa 350 Menschen wurden bei den Februarkämpfen getötet. Die Kämpfe wurden überwiegend von der Polizei geführt, aber zumeist durch das Bundesheer entschieden. Tatsächlich beschränkte sich der Bürgerkrieg auf Teile Oberösterreichs, der Steiermark und Wiens.


Stadtarchiv St. Pölten

Nach den Kämpfen kam es zu Standgerichten. Neun Schutzbündler wurden hingerichtet, unter ihnen auch Johann Hois und Victor Rauchenberger in St. Pölten. „Als Abschreckung hat die Regierung angewiesen, dass in jedem Bundesland, in dem es zu Kämpfen gekommen ist, mehrere Leute gehängt werden. Wer, war relativ willkürlich, es hat schon gereicht, dass man dabei war“, erzählt Lösch.

Hois und Rauchenberger sollen am Mord des Heimatschutz-Kommandanten aus Rohrbach an der Gölsen, Johann Lindner, beteiligt gewesen sein. Auch Maria Emhart wurde der Tod am Galgen angedroht. „Man hat gesagt, ‚du bist die erste Frau, die hängt‘“, erzählt der Stadthistoriker. Doch als es schließlich zum Prozess kam, war das Standgericht schon wieder aufgehoben. Emhart musste stattdessen zwar ein paar Monate ins Gefängnis, wurde letztlich aber aus Mangel an Beweisen freigesprochen. „Man konnte ihr nichts nachweisen.“

Sorge um Arbeitsplatz
Warum in St. Pölten – damals eine Hochburg der Arbeiterbewegung – nicht mehr Widerstand zeigte? Thomas Lösch sieht den Grund einerseits in der damals grassierenden Massenarbeitslosigkeit: „Jene, die Arbeit hatten, haben gewusst, wenn ich da jetzt mitmache, dann bin ich den Job los.“ Und Inhaftierte waren doppelt bestraft, „weil sie nicht nur keine Arbeit hatten, sondern auch für die Haftkosten aufkommen mussten. Das war existenzzerstörend“.

Stadtarchiv St. Pölten
Auch im Harlander Lager wurden Mitglieder der Sozialdemokratie und de Schutzbundes eingesperrt

Andererseits war die Sozialdemokratie in einem „schwachen“ Zustand. Denn bereits im Frühjahr 1933 zeichnet sich der autoritäre Kurs der Regierung Dollfuß ab. Vor allem gegenüber Sozialdemokraten und Kommunisten demonstrierte man eine Politik der Härte. Der Nationalrat wurde ausgeschaltet, die Kommunistische Partei und der Republikanische Schutzbund der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP) wurden verboten. Die Sozialdemokratische Partei selbst war noch erlaubt, aber der Druck auf sie stieg.

„Eigentlich hätte man im März 1933 einen Aufstand machen müssen, damit man die Demokratie wieder zurückerlangt“, sagt Lösch, doch stattdessen zog sich die Sozialdemokratie immer mehr zurück. „Die Anhänger waren demoralisiert und auch die Gewerkschaften geschwächt, weil die Leute gesagt haben, ‚Ihr tut nichts und wir müssen den Kopf hinhalten‘“. Nach den kurzfristigen Streiks zu Beginn gingen die meisten Arbeiter ab dem 14. Februar wieder arbeiten.



Raab wird Bürgermeister
Die Gemeindeverwaltung wurde nach den Aufständen jedenfalls abgesetzt, viele Parteifunktionäre blieben in Haft. Daraufhin kam es zu einem Machtstreit zwischen der Vaterländischen Front und den Christlichsozialen, wer den Bürgermeister stellen darf. Julias Raab, Mitglied der christlichsozialen Partei, sei für die Heimwehren „nicht tragbar“ gewesen, weil er die Gruppe 1930 als dessen Anführer verlassen hatte, so der Historiker.

„Für die Heimwehren galt er als Verräter, mit dem man nichts mehr zu tun haben wollte“, erzählt Lösch. Daraufhin wurde Heinrich Raab – Julius Bruder – aus dem Hut gezogen, der davor politisch noch nie in Erscheinung getreten war. Raab ersetzte Stephan Burger, der des Amtes enthoben wurde, und blieb bis zum Anschluss 1938 erster und bisher einziger Christlichsozialer Stadtchef. Er wurde aber nicht gewählt, sondern von der Landesregierung zum Verwalter ernannt.

Stadtarchiv St. Pölten
Angehörige der St. Pöltner Heimwehr

Brückenschlag misslingt
Während seiner Amtszeit sei Raab „bemüht gewesen, die Arbeiter zu erreichen und einen Ausgleich zu erzielen“, schildert Lösch. So führte er Armenausspeisungen fort, startete Spendenaufrufe für Arbeiterfamilien, wollte Vaterländische Arbeiterklubs gründen und beließ alle Mitarbeiter im Rathaus im Amt, inklusive Magistratsdirektor. „Doch der Brückenschlag ist ihm nicht gelungen“, meint Lösch, „die gegenseitigen Ressentiments – von beiden Seiten – waren zu groß.“

Die Arbeiter wandten sich entweder den Nationalsozialisten zu, die ab 1936 in Ruhe gelassen wurden, oder den Kommunisten. Zudem waren nach wie vor hunderte Sozialdemokraten in Lagern und Gefängnissen eingesperrt, die Demokratie blieb ausgeschaltet. Die Folge war, dass damit auch der Widerstand gegen den Nationalsozialismus dezimiert wurde, betont der Historiker: „Der Hauptfeind war damals nur die illegale Arbeiterbewegung.“
15.02.2022, Stefan Schwarzwald-Sailer, noe.ORF.at
1934: Als St. Pöltner auf St. Pöltner schossen
 

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#14
„100 JAHRE NIEDERÖSTERREICH“
„Man war dort willkürlich eingesperrt
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Das Dollfuß-Regime errichtet bereits 1933 in Wöllersdorf (Bezirk Wiener Neustadt) ein Anhaltelager für politische Gegner. Am Höhepunkt waren etwa 5.000 Gefangene „willkürlich interniert“, gleichzeitig scheiterte der Austrofaschismus dort.
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Als „pseudolegales System“ bezeichnet die Historikerin Pia Schölnberger das Anhaltelager Wöllersdorf. Offiziell begründete das austrofaschistische Regime die Anhaltung, um die Störung der Ruheordnung und Sicherheit zu verhindern. Doch in Wahrheit wollte man „politische Unruhepole aus dem öffentlichen Leben fernzuhalten, um diese Umtriebe zu unterbinden“, erklärt die Expertin.

Für das Regime bestand bis dahin aber das Problem: „Für bestimmte Delikte – wie das Hissen einer roten Flagge – bekam man nicht mehr als ein paar Wochen Haft.“ Deshalb wurde – neben Gefängnis- und Verwaltungsstrafen – als dritte Option die sogenannte Anhaltung eingeführt. Im September 1933 wurde dafür eine eigene Anhalteverordnung erlassen. Damit wurde „alles gesetzlich auf gewisse Art und Weise legitimiert“. In der Praxis sei es aber eine Verlängerung einer verhängten Freiheitsstrafe gewesen.

Ein Lager für Nazis, Kommunisten und Sozis
Ab Oktober 1933 kamen die ersten Häftlinge ins Anhaltelager – neun Nationalsozialisten und ein Kommunist. Nazis und Kommunisten bildeten zunächst auch den Großteil der Gefangenen, weil beide Parteien – die Kommunistische Partei im März, die NSDAP im Juni – damals bereits verboten waren und deren Anhänger illegal operierten. Vor allem vonseiten der Nationalsozialisten wurden immer wieder Terroranschläge verübt.

Stadtarchiv Wr. Neustadt
Ein Bild aus dem Alltag der Häftlinge im Anhaltelager Wöllersdorf

Laut Schölnberger waren solche Lager, das erste dieser Art wurde im März 1933 in Dachau (Deutschland) errichtet und von den Austrofaschisten genau beobachtet worden sei, keine Erfindung der Nationalsozialisten, sondern bereits seit dem 19. Jahrhundert bekannt. Auch während des Ersten Weltkrieges gab es unterschiedliche Lager für Flüchtlinge, Zivilisten oder Kriegsgefangene. „Lager ist etwas, das man damals gekannt hat, aus eigener Erfahrung oder seiner eigenen Nähe.“

„Ein perfekter Ort“
Die Entwicklung der Lager in Deutschland sei deshalb auch vom Dollfuß-Regime genau beobachtet worden. Wöllersdorf sei für das Lager jedenfalls „ein perfekter Ort“ gewesen, um „hermetisch abgeriegelte Dinge zu tun“. Denn das Areal einer ehemaligen Munitionsfabrik war immer schon totaler Geheimhaltungsmaßnahmen unterworfen, Flugzeuge durften es etwa nicht überfliegen.



Das Lager selbst entwickelte sich rasch weiter. Denn ab Herbst 1933 wurden sukzessive politische Häftlinge nach Wöllersdorf überstellt. In der Regel erhielten sie noch während ihrer Gefängnishaft den Bescheid, dass sie im Anschluss an die Strafe „für unbestimmte Zeit an einen bestimmten Ort kommen“, schildert Schölnberger, und das war Wöllersdorf.

Februaraufstand füllt Lager
Ab dem Frühjahr 1934 füllt sich das Lager innerhalb kurzer Zeit. Zunächst wurden nach der Niederschlagung des Februaraufstands hunderte Schutzbündler und sozialdemokratische Funktionäre nach Wöllersdorf gebracht. Nach dem Putschversuch von Nationalsozialisten im Juli 1934 vervielfacht sich deren Anteil unter den Inhaftierten. Von den etwa 5.000 Gefangenen im Oktober 1934 sind etwa 85 Prozent Nationalsozialisten und 15 Prozent Sozialdemokraten und Kommunisten. Daraufhin sollte das Lager massiv ausgebaut werden.

Industrieviertelmuseum
Ein Lageplan des Anhaltelagers

Im Februar 1935 umfasst das Lager bereits eine Gesamtfläche von etwa 450.000 Quadratmetern und über 40 Objekte. Gleichzeitig gab es für die Häftlinge Verschärfungen. Während Wöllersdorf bisher lediglich ein Anhaltelager war, in dem sich die Gefangenen frei bewegen durften, wurde es nun auch für Strafhaft verwendet. Die Gefangenen mussten den ganzen Tag in ihren Baracken bleiben und durften täglich nur eine Stunde in einem Hof spazieren gehen, genauso wie sonst in Gefängnissen, und durften dabei kein Wort miteinander sprechen.

„Massiver bürokratischer Aufwand“
Doch auf eine Welle der Verhaftungen folgte bald eine Welle der Begnadigungen, wie Schölnberger erzählt: „Das Regime wollte sich mit der Bevölkerung auch arrangieren.“ Infolge mehrerer Amnestien verringerte sich die Zahl der Inhaftierten 1936 auf etwa 500. Dieses Vorgehen zeigt laut der Historikerin aber auch, dass das System von der Regierung nicht wirklich durchdacht war. Sie spricht von „massivem bürokratischen Aufwand, mit vergleichsweise ganz kleinem Output aus Sicht des Regimes.“



Selbst der Staatspolizei sei es nicht gelungen, der Umtriebe der politischen Gefangenen Herr zu werden. Zum einen seien diese selbst im Lager nicht ausreichend unterdrück worden. Nazis seien „selbstbewusst am Zaun gestanden und haben am Geburtstag von Hitler im Kollektiv den Hitlergruß gemacht und gefeiert“. Wachmannschaften hätten das zwar gemeldet, dann wurde die Anhaltung nur verlängert.

Idealer Nährboden für Jugendliche
Zugleich waren die Inhaftierten wochen- und sogar monatelang mit Gesinnungsgenossen in einem großen Schlafsaal untergebracht. „Dort gab es illegale Bibliotheken, Fortbildungskurse. Vor allem für Junge, die keine Familien hatten, war das ein idealer Nährboden“, stellt Schölnberger klar. Manche seien dadurch sogar besser geschult und in ihrer politischen Ausrichtung gestärkt worden. „Die Jungen konnten sich mit den Superstars ihrer Bewegung austauschen.“
ÖNB-Bildarchiv / picturedesk.com
Die Häftlinge hatten vor allem im Jahr 1934 viel Freizeit, der Alltag war von Untätigkeit geprägt

Denn der Alltag im Lager sei hauptsächlich von Untätigkeit geprägt gewesen, besonders 1934, als Wöllersdorf besonders überfüllt war. „So viele Arbeiten, wie Bastelarbeiten oder Stuben sauber halten, konnten sie gar nicht finden“, damit alle beschäftigt gewesen wären.

Kosten belasten System
Ein weiteres Indiz, dass das System nicht durchdacht war, betrifft laut Schölnberger die Kosten. Für die Ernährung bzw. den Betrieb musste das Regime viel Geld ausgeben. Deshalb wurde den Häftlingen schließlich sechs Schilling pro Tag verrechnet. „Aber bei Leuten, die keinen Job, kein Einkommen und oft gar keinen Besitz haben.“ Die Vorschreibung der Kosten bekamen sie teilweise sogar noch während ihrer Zeit in Wöllersdorf.
Manche mussten sogar für Terrorschäden, etwa die Reparatur von beschossenen Gemeindebauten durch den Februaraufstand, zahlen. Beamte fuhren dafür auch in die Wohnungen zu den Familien und merkten dort, „da ist nichts, da gibt es kein Kapital, aber diese Diskussionen zogen sich über Jahre“. Die Vorschreibungen wurden daraufhin zunächst gestundet, später als „uneinbringbar“ fallen gelassen. Schölnberger spricht von einer „massiven Ineffizienz bei maximal bürokratischem Aufwand“.



Unterschied zu Konzentrationslager
International wurde das Anhaltelager in Wöllersdorf aber von der Presse beobachtet – auch aufgrund der Entwicklungen in Deutschland. Im Gegensatz zu deren Konzentrationslagern, „wo sofort Ermordungen, massive Folter und Gewalt stattfinden“, gab es laut Schölnberger in Wöllersdorf zwar keine systematische Gewalt gegen Leib und Leben. Dennoch wurde der Schutz der Freiheit aufgehoben, „ein massiver Eingriff in die persönliche Freiheit des Menschen“.

Anno/Der Morgen
Wiener Montagblatt

Je nach Lebenserfahrung schilderten Zeitzeugen die Situation in Wöllersdorf sehr konträr. Julius Braunthal, Historiker und Funktionär der Arbeiterbewegung, schrieb etwa: „Im Angesicht der Millionen Toten im Nationalsozialismus bleiben wir zurück in Scham, angesichts dessen, was uns in Wöllersdorf passiert ist, dort wurde uns nur unsere Freiheit genommen, aber nicht unser Leben.“

Schölnberger bezeichnet das Wort „nur“ als „skandalös“. Denn mit der gezielten Ermordung in den Konzentrationslagern könne man natürlich nichts vergleichen, trotzdem „gibt es keinen Grund, jemanden nach abgebüßter Strafe für unbestimmte Zeit wegzusperren, das war ein willkürliches System“.

Nazis werden zu Märtyrern
Von Anhängern der Nationalsozialisten wurde die Lage in Wöllersdorf hingegen viel dramatischer dargestellt. Sie hatten laut der Expertin ab 1938 eine Heldengeschichte zu erzählen, die einer Art Märtyrer-Dasein entsprach, wofür sie sogar mit dem Blutorden – dem höchsten Orden der NSDAP – ausgezeichnet wurden, „weil sie Wöllersdorf überlebt haben“. Dass sie dort gemeinsam mit Sozialisten und Kommunisten interniert waren, wurde verschwiegen.



Gauleiter Josef Bürckel und SS-Reichsführer Heinrich Himmler wollten in Wöllersdorf sogar ein Mahnmal errichten lassen, „um damit den Freiheitskampf zelebrieren zu können“, wie die Historikerin herausfand. Dafür gab es sogar eine künstlerische Ausschreibung, die aber schließlich in den Akten versickert ist.

Gegenseitige Hilfe
Die sehr spezielle Häftlingsgesellschaft, die auf engem Raum miteinander lebten, führte – trotz ihrer unterschiedlichen Ideologie – auch zu Bekanntschaften, die während des Zweiten Weltkrieges von Vorteil sein konnten. Laut Schölnberger gibt es Überlieferungen, dass man sich aus Wöllersdorf kannte, sich später in der Gestapo-Haft wiederfand, „und der eine den anderen begnadigte“. Diese Erzählungen lassen sich zwar nicht restlos klären, „sind aber im Bereich des Möglichen“.

Austrian Archives
Ein Propagandabild der Nationalsozialisten, nachdem sie ein Objekt im Lager in Brand gesetzt hatten

Im Rahmen einer Propagandaaktion brennen Nationalsozialisten nach dem „Anschluss“ einen Gebäudetrakt (Objekt 84) nieder. Mithilfe von Filmaufnahmen wurde dieser Akt instrumentalisiert, erzählt Schölnberger: „Dass man das jetzt den Flammen übergibt und daraus etwas Neues entstehen kann.“ Doch der Großteil des Lagers wurde nach der NS-Machtübernahme weiterverwendet.

Das Ende des Anhaltelagers
Zunächst gab es Überlegungen, Wöllersdorf als Konzentrationslager weiterzuführen, das Areal wurde kurzfristig auch als Schutzhaftlager für Kommunisten, Juden und Heimwehrangehörige genutzt. Die verbliebenen Häftlinge wurden nach dem Anschluss in das KZ Dachau gebracht. Als KZ-Standort wählten die Nazis schließlich Mauthausen, Wöllersdorf wurde wieder zu einem Rüstungsunternehmen bzw. als Luftpark umgebaut, der am 23. April 1945 von den Alliierten bei Bombenangriffen komplett zerstört wurde.

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Heute erinnert nur noch ein Mahnmal, das an der Stelle des ehemaligen Anhaltelagers 1974 – anlässlich der 40-jährigen Erinnerung an die Februarkämpfe – enthüllt wurde. Die Inschrift soll an die etwa 14.000 Inhaftierten erinnern und zugleich ein Appell sein: „Sie büßten hier für ihre aufrechte Gesinnung und ihre unverbrüchliche Treue zur Demokratie. Ihre Haltung verpflichtet, darauf zu achten, dass in unserer Heimat nie wieder vom Weg der Demokratie abgewichen wird.“
18.02.2022, Stefan Schwarzwald-Sailer, noe.ORF.at

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„Man war dort willkürlich eingesperrt“
 

josef

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#15
„100 JAHRE NIEDERÖSTERREICH“
Der „Hradetzky-Marsch“ zu Olympia-Gold
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Der Name Hradetzky steht heute weltweit für gute Qualität beim Orgelbau. 1979 half der Kremser Betrieb sogar maßgeblich beim Bau der Orgel der Oper in Sydney mit. Doch berühmt wurde Namensgeber Gregor Hradetzky einst als gefeierter Doppel-Olympiasieger 1936.
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„Ich war ungemein nervös, so nervös wie noch nie in meinen Leben“, erzählte Gregor Hradetzky Jahre später in einem ORF-Interview. So kam es auch, dass er den Start über 10.000 Meter im Faltboot völlig verpatzte. „Ich bin überhaupt nicht weggekommen, ich bin sozusagen picken geblieben“, schilderte Hradetzky seine Erinnerung an den Bewerb am 7. August 1936.

Doch der sportliche Ehrgeiz prägte den Kremser sein ganzes Leben. Langsam kämpfte er sich nach vorne, erst nach drei Kilometern stieß er zur Spitzengruppe vor. Doch ab der Hälfte des Rennens bis zum letzten Kilometer lieferte er sich einen Dreikampf mit dem Franzosen Henri Eberhardt und dem Deutschen Xaver Hörmann. „Und von da an habe ich aufgedreht und bin den Leuten um fünf Sekunden davongefahren.“

Sammlung Gerhard Hradetzky
Gregor Hradetzky (2.v.r.), der bei der Siegerehrung 1936 – im Gegensatz zum drittplatzierten Deutschen – nicht die rechte Hand hob

„Olympiasieg war der größte Traum“
Es war die erste Sternstunde Hradetzkys. „Der Olympiasieg war für mich der größte Traum in meinem Leben.“ Doch nur 24 Stunden später folgte der zweite „Hradetzky-Marsch“, wie die „Olympia-Zeitung“ damals schrieb. Auch über 1.000 Meter Kajak-Einer paddelte er als Erster über die Ziellinie. Hradetzky krönte sich damit sowohl zum ersten Olympia- als auch Doppel-Olympiasieger Niederösterreichs bei Olympischen Sommerspielen.

Doch der Erfolg kam nicht von ungefähr. Sein Vater, Gregor Franz Hradetzky, der in Krems einen Orgelbaubetrieb führte, wollte zwar, dass sein Sohn ebenso „Orgeln baut und ein guter Handwerker wird“, erzählt Sohn Gerhard, ebenfalls ein Orgelbauer. Deshalb hielt er ihn auch immer zum Klavierspielen an. „Mein Vater ist aber heimlich weggegangen und hat lieber Fußball gespielt, er wollte nicht sitzen, sondern sich bewegen.“
Der Sport sei für Hradetzky immer schon an erster Stelle gestanden. „Weil man mit dem Sport nach dem Ersten Weltkrieg bekannt werden konnte, mit anderen Arbeiten nicht“, erzählt sein Sohn. Am Ufer der Donau kam Hradetzky schon bald mit dem Faltboot in Kontakt. Sein sportliches Talent wurde zwar erst mit 18 Jahren entdeckt, doch bereits ein Jahr später war er erstmals Österreichischer Meister im Kajak-Einer über 10.000 Meter.

Sammlung Gerhard Hradetzky
Gregor Hradetzkys erstes eigenes Faltboot am Donauufer

„Jetzt kommt der Trottel schon wieder“
Von da an packte ihn der sportliche Ehrgeiz. Einmal pro Woche paddelte er um 6.00 Uhr von Krems nach Melk. „Die Fischer haben oft gesagt, jetzt kommt der Trottel schon wieder“, erinnert sich Sohn Gerhard, weil Hradetzky die Fische nicht in Ruhe ließ. Und einmal im Monat fuhr er von Krems mehr als 80 Kilometer stromaufwärts ins oberösterreichische Grein. „Er hat natürlich dazwischen übernachtet, aber das war nicht zum Spaß.“
1933 errang er in Prag den ersten Europameistertitel. In dieser Zeit bis 1938 gewann Hradetzky beinahe jedes Rennen. Ein Spruch, der von damals erhalten blieb: „Der Gregerl siegt und siegt und siegt, wo immer er im Rennen liegt, ich glaube jetzt, er macht sich schon, zum Kajaksport Napoleon.“ Finanziert wurde ihm sein Hobby von der Firma Klepper, damals ein großer Betrieb für Faltboote und Kajaks in Deutschland, bei der Hradetzky angestellt war.


Gerhard Hradetzky
Eine Auswahl von Hradetzkys Erfolgen, der zwischen 1933 und 1938 fast alle Rennen gewann

Verletzung verhinderte Olympische Winterspiele
Den Winter überbrückte Hradetzky mit Trainingseinheiten im Skilanglauf, aber auch auf der Skisprungschanze war er zu Hause und flog bis zu 80 Meter weit. Im Jahr 1936 sollte er deshalb auch bei den Winterspielen in Garmisch-Partenkirchen in der Nordischen Kombination teilnehmen. Doch beim letzten Trainingslager Ende Dezember 1935 zog er sich eine Handverletzung zu und fiel aus.

Sammlung Gerhard Hradetzky
Den Winter überbrückte Hradetzky mit Trainingseinheiten im Skilanglauf, aber auch mit Rennen im alpinen Bereich

Daraufhin galt die ganze Konzentration den Sommerspielen. Das Training war genau vorgegeben, erzählte Hradetzky später in einem Interview: „Ich habe mir das Training so eingerichtet, dass ich die ersten 1.000 Meter vom Bootshaus hinauf immer im Tausend-Meter-Tempo gefahren bin, dann nur ein paar Schläge langsamer durchzog, um dann sofort wieder auf das schnelle Langstreckentempo überzugehen, daher bin ich allen Konkurrenten davongefahren.“
„Aus heutiger Sichte wäre mein Vater mit seinen Erfolgen wohl ein steinreicher Mann“, meint Sohn Gerhard, aber damals durften Amateursportler „nichts nehmen“. Nach dem Olympiasieg sei ihm etwa zunächst ein Auto als Geschenk versprochen worden, „doch dann hat es geheißen, dass das gegen das Amateurprinzip verstoße, und er hat nichts bekommen, man hatte nur die Ehre.“

Sammlung Gerhard Hradetzky

Österreich dominiert ganze Sportart
Österreich erlebte bei den Olympischen Sommerspielen 1936 eine seiner größten Sternstunden. Mit 17 Medaillen (fünfmal Gold, siebenmal Silber und fünfmal Bronze) übertraf man sogar die bis dahin erfolgreichsten Winterspiele. Maßgeblichen Erfolg daran hatten die Kanuten, die ihre Olympia-Premiere feierten. In neun Bewerben gewann man drei Gold-, drei Silber- und eine Bronzemedaille, und dominierte das bisher einzige Mal bei Sommerspielen eine Sportart.

Nach Hradetzkys bis dahin größtem Erfolg wollte er seine Siege bei den Olympischen Spielen 1940 verteidigen. Doch wegen des Zweiten Weltkrieges wurden die Spiele abgesagt. Hradetzky trat in dieser Zeit für Deutschland an und feierte nationale Erfolge. „Er musste nach den Goldmedaillen zum Deutschen Sportverein übersiedeln und wurde von der Politik als deutsches Aushängeschild verkauft“, erzählt sein Sohn.

Trotzdem musste auch er ab 1944 an die Front. Im Kaukasus war er als Elitesoldat auf Skiern im Einsatz und kämpfte gegen die Partisanen. Während eines Heimatsbesuchs 1945 – „er wollte nochmals zu meiner Mutter“ – wurde er von den Amerikanern aufgegriffen und in Gefangenschaft genommen. In der Nähe von Salzburg kam er bis 1947 in ein Gefangenenlager.

Das Ende der sportlichen Karriere
Nach seiner Freilassung wusste er aber nicht, „was er machen sollte, den Sport konnte er als ehemaliger deutscher Athlet nicht mehr betreiben“. Weil er aber eine Beschäftigung brauchte, übernahm er 1948 die Werkstatt seines 1942 verstorbenen Vaters, die in der Zwischenzeit als Witwenbetrieb weitergeführt worden war und sich mit Reparaturarbeiten über Wasser gehalten hatte. „Er wusste ja, wie es funktioniert, weil er seinem Vater immer geholfen hatte.“

Sammlung Gerhard Hradetzky
Hradetzky verlegte die Werkstatt aus der Kremser Innenstadt in die Nähe des Steinertores

Hradetzky verlegte die Werkstatt aus der Kremser Innenstadt in die Nähe des Steinertores. Ein Auto gab es damals noch nicht, deshalb lief Hradetzky „von Orgel zu Orgel zu Fuß“, der Lehrling fuhr mit dem Fahrrad, auf dem Packsattel war das Werkzeug, sagt sein Sohn. „Und wenn es bergauf ging, hat er das Fahrrad gezogen.“ Die erste Orgel wurde in Kirnberg an der Mank (Bezirk Melk) installiert, die erste größere in Hollabrunn. „Die Mitarbeiter haben am Tag gearbeitet, der Vater in der Nacht, weil die ersten Orgeln etwas länger gedauert haben als geplant.“

Bis 1963 baute Gregor Hradetzky Orgeln mit elektropneumatischer Traktur, ehe er zu einem Vorreiter bei der Umsetzung der Prinzipien der Orgelbewegung wurde, die die Rückkehr zur mechanischen Schleifladenorgel forderte. Das System dahinter sei zwar überall gleich, erklärt Gerhard Hradetzky, aber: „Bei pneumatischen oder elektrischen Orgeln wird das Ventil von einem Magneten gezogen, aber das ist nicht der Finger, der manchmal langsamer oder schneller ist.“

Mechanik bringt großen Durchbruch
Der Anschlag klingt somit immer gleich. „Nur das mechanische System wie beim Klavier trägt den Tastendruck bzw. die Tastenbewegung auf die Pfeifen über.“ Dadurch wurde Hradetzky schließlich zum international anerkannten Orgelbauer. 1966 wurde die erste Orgel nach St. Louise in Missouri (USA) geliefert. „Eine mittelgroße Orgel mit 20 Registern, das war der große Durchbruch“, erzählt Sohn Gerhard. In den folgenden Jahren folgten elf weitere nach Amerika, außerdem nach Polen, Italien, Großbritannien und Japan.
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Sammlung Gerhard Hradetzky

Sammlung Gerhard Hradetzky

Sammlung Gerhard Hradetzky

Sammlung Gerhard Hradetzky

Besonders hervorzuheben ist seine in Kooperation mit Ronald Sharp 1979 für das Opernhaus Sydney errichtete Orgel mit 131 Registern. „Sharp ist damit nicht fertig geworden, der Termin für die Orgelweihe wurde immer wieder verschoben, die Verantwortlichen wurden sehr ungeduldig“, erzählt Gerhard Hradetzky. Über eine Empfehlung aus Manchester, wo man kurz zuvor eine große Orgel installiert hatte, wurde schließlich der Kremser Familienbetrieb hinzugezogen.

Sportliche Ehrgeiz nicht losgelassen"
Doch am Höhepunkt der Firma kam es schließlich zum Bruch. Laut Sohn Gerhard wollte er „immer besser als sein Sohn“ sein, „der sportliche Ehrgeiz hat ihn nicht losgelassen“. Wegen unterschiedlicher Ansichten gingen die beiden getrennte Wege, wenn auch nicht weit voneinander entfernt. Gregor behielt die Werkstatt in Krems, Gerhard gründete in Oberbergern (Bezirk Krems), am anderen Donauufer, seine Firma. „Der Vater hat bis 1983 weitergemacht und man hat nie gewusst, welcher welcher ist.“

Sammlung Gerhard Hradetzky
Für seine Verdienste um die Republik Österreich wurde Hradetzky das Große Goldene Ehrenzeichen verliehen

Vom guten Ruf seines Vaters profitiere er aber bis heute. „Der Namen ist schon noch mit Qualität verbunden.“ Dass Hradetzky zum weltweit geschätzten Orgelbauer wurde, sei auch dem Sport zu verdanken. „Weil man immer gesagt hat, der Olympiasieger muss ja auch gute Orgeln bauen, dadurch hat er auch Respekt und Anerkennung in Österreich bekommen.“ In Krems ist Hradetzky Ehrenbürger, zudem wurde ihm das Große Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich verliehen.

Dem Sport ist Hradetzky ein Leben lang treu geblieben – sowohl passiv vor dem Fernsehgerät als auch aktiv als Langläufer. 1984 brach der damals 75-Jährige beim Langlaufen auf einer Loipe in Bad Kleinkirchheim (Kärnten) plötzlich zusammen und starb. Doch in ein Faltboot stieg der ehrgeizige Sportler nach 1944 nie mehr: „Er hat gesagt, das hat keinen Sinn, ich gewinne ohnehin nicht mehr.“
21.02.2022, Stefan Schwarzwald-Sailer, noe.ORF.at

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Der „Hradetzky-Marsch“ zu Olympia-Gold
 

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#16
„100 JAHRE NIEDERÖSTERREICH“
„Jüdisches Leben gibt es heute nicht mehr“
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Mit dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich 1938 mussten Juden plötzlich um ihr Leben fürchten. Vor allem am Land schlug ihnen „eine Brutalität“ entgegen. Viele von ihnen, etwa Familie Hacker aus Bad Erlach, hatten jahrelang zur Entwicklung eines Ortes beigetragen.
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Kleider, Seifen, Kessel, Haushaltsgeräte – es ist ein Gemischtwarenhandel, den Max und Therese Hacker in den 1930er-Jahren bereits seit Jahrzehnten in Bad Erlach (Bezirk Wr. Neustadt) betreiben. „Die Familie Hacker war durchaus anerkannt, assimiliert“, erzählt Historiker Werner Sulzgruber, „sie waren zwar religiös, aber man darf nicht glauben, dass hier nur jüdische Kunden gewesen wären, es waren rein christliche Kunden, von denen sie gelebt haben.“

Vor allem erkannte die Unternehmerfamilie schnell die Bedürfnisse der Einheimischen und reagierte darauf. So gab es im Geschäft etwa schon bald eine Schrotmühle. „Weil man gesehen hat, die Leute brauchen – wenn sie nicht gerade Bauern sind – irgendetwas zum Durchmalen, konnten hier also etwa Mehl mahlen“, schildert der Wissenschaftler. Damit konnten sie zusätzlich zu den Krediten, die sie vergaben, ihre Kundschaft gewinnen und halten.

Sammlung Florian Jeitler
Haus der Familie Max und Therese Hacker mit dem Gemischtwarenhandel

Juden siedeln sich an
Nach Niederösterreich kam Familie Hacker – so wie viele andere Jüdinnen und Juden – bereits im 19. Jahrhundert. Bis 1860 war zwar eine Ansiedelung offiziell verboten, allerdings durften sie als Händler im Wechselland Geschäfte machen. Teilweise hatten sie in den Orten Lager für die Ware und erkannten, woran es der Bevölkerung mangelte, welche Bedürfnisse bestehen.

Nach dem Ende des Ansiedelungsverbot 1860 kamen zunächst Juden aus dem verarmten Westungarn, erklärt Sulzgruber, „weil man wirtschaftliche Chancen sieht, Wr. Neustadt oder Neunkirchen sind große Handelsstädte. Man weiß genau, wo man hin will.“ Gebäude wurden angemietet und Geschäfte eröffnet. In der Bevölkerung waren sie als „Dorfjud“ bekannt, „das war aber nicht sofort antisemitisch zu verstehen, das war damals die Bezeichnung“, betont Sulzgruber.

„Oberer und unterer Dorfjud“
In Hochwolkersdorf (Bezirk Wr. Neustadt) wurden die zwei jüdischen Unternehmer etwa als „Oberer Dorfjud“ und „Unterer Dorfjud“ auseinandergehalten. Die Juden wollten für die örtlichen Unternehmer aber keine direkte Konkurrenz sein. „Wenn ein Jude in einen Ort gekommen ist, wo es etwa schon eine Gemischtwarenhandlung gegeben hat, dann hat es ein stilles Arrangement gegeben, dass nur das verkauft worden ist, was der christliche Händler nicht hatte.“

Genauso gingen Max und Therese Hacker vor, als sie 1897 in der Gemeinde Erlach, die damals noch so genannt wurde, ankamen. Damals gab es bereits einen jüdischen Fleischhacker und einen Weinhändler. Daraufhin eröffneten sie einen Gemischtwarenhandel. Durch ihr familiäres Netz nach Ungarn konnten sie aber schnell andere Produkte beschaffen. „Es besteht hier ein Netz, dass sich bis in den nordsteirischen Raum erstreckt.“

Sammlung Adler-Kastner
Innenaufnahme der Synagoge Erlach

Das System wurde auch durch die Religion gestützt. Denn durch den gemeinsamen Glauben entstanden Bethäuser, die mit Privatgeld errichtet wurden. „Man wollte gemeinsam Gottesdienste feiern, dafür sind Juden aus der gesamten Region gekommen, und das hat auch weitere Juden angezogen“, erzählt Sulzgruber etwa mit Blick auf Bad Erlach. Die Anzahl blieb aber überschaubar, pro Ort gab es damals zwischen einer und vier bis fünf jüdischen Familien.

Lederhose und Feuerwehrhelm
Nach außen hin seien Juden allerdings nicht erkennbar gewesen, so hätten sie weder Schläfenlocken, noch eine Kippa getragen. Stattdessen gibt es sogar Fotos mit „Lederhosen, Steirerjanker oder mit dem Feuerwehrhelm“, verweist Sulzgruber. Um am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben, gründeten vermögendere Juden auch Stiftungen für die Kirche, was ihnen in der Gemeinde Akzeptanz und Anerkennung brachte, oder beteiligten sich an Spendenaktionen für die arme Bevölkerung.

FF Kirchberg
Mannschaftsfoto der Freiwilligen Feuerwehr Kirchberg am Wechsel 1893: jüdische Mitglieder Michael Daniel (2. Reihe, 4.v.l.) und Samuel Daniel (2. Reihe, 3.v.r.)

Offener Antisemitismus war damals in ländlichen Regionen auch nicht spürbar, sagt der Historiker, außer in einigen Gemeinden der Sommerfrische, „wo man zwar von jüdischen Gästen profitiert hat, aber froh war, wenn sie wieder weg waren“. In den kleinen Gemeinden hätte man sich gegenseitig akzeptiert und toleriert. „Eine Integration war es wohl nicht“, gibt Sulzgruber zu, „aber es hat Freundschaften und positive Beziehungen gegeben.“
Prozess der Beraubung beginnt
Doch das sollte sich schnell ändern. Ab 1938 „bricht etwas blitzschnell aus und der Antisemitismus wird ganz deutlich“. Im Gegensatz zu anderen Regionen und Städten äußerte sich dieser laut Sulzgruber am Land durch eine „besonders hohe Brutalität, oft gegen den direkten Nachbarn.“ An jüdische Geschäfte wurden Judensterne geklatscht, jüdische Bewohner aus ihren Häusern vertrieben.

In Städten, wie in Wr. Neustadt, wo 1938 etwa 960 Jüdinnen und Juden lebten, dauerte der Prozess etwa nach dem Anschluss im März 1938 noch an. Dort mussten sogar Judenlisten angelegt werden, „um zu erkennen, wer aller Jude ist. Am Land war das schon längst klar.“ Die ersten Übergriffe fanden am Land sehr schnell, schon während der Anschlusstage, statt, Gebäude wurden besetzt und Auslagen leergeräumt.

Damit begann auch sichtbar ein Prozess der Beraubung. „Jüdinnen und Juden werden entrechtet und die nachbarschaftliche Gier wird deutlich.“ Bauern, die zuvor von Juden Land gepachtete hatten, wollten dafür nicht mehr zahlen, sondern wollten es selbst besitzen. „Es kam deshalb zu Zusammenschlüssen mit dem Ziel der Arisierung. Auch Bürgermeister und Gemeinden haben massiv nach jüdischem Gut gestrebt.“ Gleichzeitig versuchten ehemalige Konkurrenten, wie ein Weinhändler, das eigene Geschäft zu erweitern.

Arische Hand greift rücksichtslos zu
Innerhalb weniger Tage wurde die „arische Hand“ auf jüdischen Besitz gelegt. Die erste Reaktion war Hilflosigkeit, „weil man oft gar keine Möglichkeit hatte, die Region zu verlassen. Wo soll es hingehen?“ Manche versuchten einen Teil der Schulden, den die lokale Bevölkerung noch bei ihnen hatte, einzusammeln, „um zumindest ein wenig Geld zu bekommen, um ihre Flucht ins Ausland finanzieren zu können, aber die meisten haben nichts bekommen.“ Juden galten fortan als entrechtete Bürger zweiter Klasse.

Orli Gryngauz
Ausweis des Schülers Kurt „Isreal“ Winkler während seines Aufenthalts in Wien, 1939

Das bekam auch Fritz Hacker, der Sohn von Max und Therese, zu spüren. Nachdem sein Vater 1937 gestorben war, versuchte er für seine 60-jährige Mutter in mehreren Bitt- und Fleh-Briefen an den Bürgermeister etwas Geld zu bekommen. „Sie hatte nichts mehr, das Geschäft mit allem, was drinnen war, die Wohnung, hat man ihr zuvor genommen und es ging darum, den täglichen Bedarf sicherzustellen.“ Doch auf die Briefe wurde nicht einmal geantwortet.

Machtkampf unter NSDAP-Mitgliedern
Dieser Bereicherungsprozess findet aber nicht nur im Kleinen, sondern auch bei Industriebetrieben statt. In Erlach gab es damals etwa eine Wollwarenfabrik der Familie Wolf. Dementsprechend groß war das Interesse der Ariseure, die glaubten von der Übernahme profitieren zu können und den Besitz entsprechend schlecht eingeschätzt hatten. Unter NSDAP-Mitgliedern sei ein wahrer Machtkampf um das industrielle Gut entstanden, sagt Sulzgruber.

Sammlung Elie Rosen
Erlacher Wollwarenfabrik, Spinnerei

Teilweise hätten Gestapo-Mitglieder mit manchen Bewohnern Erlachs wie Heinrich Heimowitz sogar offen Deals abgeschlossen. Der Eigentümer veräußerte sein Land und bekam dafür Geld für Schiffskarten, um flüchten zu können. „Doch erst aus Briefen, die er aus dem sicheren Ausland geschrieben hat, wird sichtbar, dass ihm das Geld richtig abgepresst worden ist“, erzählt der Historiker. Denn Familienmitglieder waren zur gleichen Zeit inhaftiert und kamen nur frei, wenn bezahlt wurde, „sodass das Überschreiben bzw. die Kaufverträge den Namen gar nicht verdienen.“

Freunderlwirtschaft und Kuhhandel
In diesem Machtsystem entwickelten manche eine wahre Taktik, erklärt Sulzgruber. Zunächst übernahm man die Funktion des Verwalters und verschaffte sich einen Überblick, ob eine Firma oder Fabrik das hergibt, was man sich verspricht. Dann gab man die Funktion ab – „als Verwalter durfte man nicht arisieren“ – und trat am nächsten Tag als Ariseur auf. Durch dieses Netzwerk bzw. Freunderlwirtschaft erhielt man den Zuschlag. „Oft war es auch ein Kuhhandel: Wenn ich nicht das bekomme, dann dafür das.“


Gemeinde Wiesmath
„… Genehmigung freiwilliger Übertragung“

Doch diesem bürokratischen Prozess wurde Zeit eingeräumt, erklärt Sulzgruber. Diese Abwicklungen finden „in aller Ordentlichkeit statt.“ Jüdische Häuser wurden künftig zu Heimen der Hitler-Jugend, in Erlach bezog der damalige Bürgermeister eine neue Residenz, eine kleine Villa mit Park, die in der Nähe der Wollwarenfabrik lag. Die Vertreibungen fanden erst statt, „als man ihnen alles abgenommen hatte.“

Zweite Phase massiver Gewalt
Die zweite Phase massiver Gewalt gegenüber Juden folgte laut Zeitzeugen im November 1938. In Erlach seien die verbliebenen Juden etwa in Lkw gesetzt und wegtransportiert worden. Der Besitz, den man den Betroffenen abnahm, wurde genau dokumentiert, so auch bei Familie Hacker. „Es gab Listen, wo bis zum kleinsten Häferl alles aufgelistet wurde, aber die Dinge sind dann einfach verschwunden.“

Danach wurden die letzten Jüdinnen und Juden, die noch in der Region waren, vertrieben. Manche hatten bereits familiäre Netzwerke aktiviert, damit sie irgendwo unterkommen oder zumindest ihre Kinder in Sicherheit bringen. In Wr. Neustadt wurde zunächst ein Sammellager rund um die ehemalige Synagoge errichtet, von dort ging es dann per Bus oder Bahn nach Wien. „Es hat niemanden interessiert, wohin sie gebracht werden, wichtig war das Eigentum, das hier blieb.“

Bei den Jüdinnen und Juden führte das zu großer Enttäuschung, „dass sich die eigenen Nachbarn anstellen, um etwas zu bekommen oder sogar zu stehlen.“ Nach dem Zweiten Weltkrieg sei vieles abgestritten worden bzw. verloren gewesen. „Im Bereich des Aufarbeitens ist vieles unter dem Teppich geblieben“, beklagt Sulzgruber, auch die Rückgaben ab 1947 seien nur teilweise erfolgt.

Das Schicksal ist grausam
Bis zum Anschluss 1938 lebten im Wechselland bzw. in der Buckligen Welt etwa 130 Jüdinnen und Juden. Knapp die Hälfte kam in der Shoa um, die andere Hälfte überlebte. „Aber von denen hat niemand mehr den Weg hierher gefunden.“ Ganz ähnlich ist das Schicksal von Familie Hacker. Von der einst fünfköpfigen Familie überlebt nur Sohn Fritz mit seiner Frau. „Nur ein kleiner Teil hat überlebt, der Großteil wurde nach Riga deportiert und dort ermordet.“

Vereinzelt erreichten nach dem Zweiten Weltkrieg Hilfspakete, etwa aus Schweden, die Region – addressiert an Menschen, die den Juden in irgendeiner Weise geholfen haben. „Aber diese Hilfe ist zum Teil ein Mythos, da muss man vorsichtig sein“, betont der Wissenschaftler, weil das nach dem Krieg auch als Ausrede genutzt wurde, als es zur Entnazifizierung kam. „Da wurde viel behauptet. Es gab Zeugen, die aber selbst unglaubwürdig waren.“

Konkret wisse man bei einst 130 Jüdinnen und Juden in der Region von einem bestätigten Fall. In einem Brief bedankte sich der ehemalige Oberrabbiner von Wr. Neustadt bei seinem ehemaligen Nachbarn, dass er ihm etwas abgekauft hatte und ihm dadurch die Flucht ermöglichte. In einem weiteren Fall weiß Sulzgruber zwar, dass ein älteres Ehepaar aus Erlach nach der Arisierung zumindest bis 1942 im Ort geduldet wurde und bis dahin „von irgendjemandem vorsorgt werden musste. Wir wissen aber nicht von wem, das lässt sich nur noch erahnen.“

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Jüdisches Leben in der Buckligen Welt, Familenfotos, Hochzeiten
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Das Museum für Zeitgeschichte in Bad Erlach zeigt Einblicke in das jüdische Leben in der Region

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Bilder von ehemaligen Synagogen in Niederösterreich

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Eine Lederhose eines Juden als Zeichen der Assimilation

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Jüdisches Leben ist Geschichte"
Betrachtet man jüdisches Leben im Wechselland heute, „dann gibt es das nicht mehr“, sagt Sulzgruber. „Das jüdische Leben ist tatsächlich Geschichte.“ Der Grund dafür ist die Shoa. Zwar lebe mittlerweile wieder die eine oder andere Familie in der Region, „aber das Leben findet so statt, dass man sie nicht erkennt, dahinter steckt eine gewisse Vorsicht.“ Der Glaube werde nicht öffentlich praktiziert. Bei den Familien handelt es sich aber nicht um historische Nachfahren.

Die Eröffnung des Hacker-Hauses 2018 – heute ein Museum, das sich mit der Geschichte der Juden beschäftigt – war aber für manche Nachfahren der Vertriebenen ein Anlass einmal nach Erlach zu kommen. Sulzgruber sieht es als Chance zu zeigen, „dass wir offene Menschen sind, die aus der Geschichte gelernt haben.“ Den Familien konnte man zeigen, wo ihre Vorfahren lebten und wohnten. Und den Vertriebenen wurde mit dem Museum ein Gesicht gegeben, „um zu zeigen, dass jüdisches Leben ein Teil des Landlebens war.“
25.02.2022, Stefan Schwarzwald-Sailer, noe.ORF.at

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„Jüdisches Leben gibt es heute nicht mehr“
 

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#17
„100 JAHRE NIEDERÖSTERREICH“
„Niederösterreich grüßt seinen Führer“
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Der Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich im März 1938 hat den Untergang der Republik bedeutet. Auf seinem Triumphzug nach Wien wurde Adolf Hitler in den Städten und Dörfern bejubelt. In Amstetten musste der Aufmarsch sogar wiederholt werden.
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Dicht gedrängt warteten am 13. März 1938 Tausende Menschen am Amstettner Hauptplatz auf den „Führer“. Die Organisatoren wollten Adolf Hitler einen unvergesslichen Empfang bereiten, erzählt Stadthistoriker Thomas Buchner: „Aus der ganzen Region wurden Menschen mit Bussen und Zügen herbeigekarrt, Schulen und Betriebe waren geschlossen und die Menschen wurden ermutigt, den Führer zu begrüßen.“
Doch Hitler hatte kurzfristig andere Pläne und blieb einen Tag länger in Linz als geplant. Für die Organisatoren in Amstetten war das zwar „sehr unangenehm“, sagt Buchner, „weil man ein ordentliches Räderwerk in Gang gesetzt hatte“. Doch für Hitler wurde der gesamte Aufwand kurzerhand am nächsten Tag wiederholt.

Stundenlanges Warten auf den „Gott“
Die Euphorie war trotzdem ungebrochen. „Niederösterreich grüßt seinen Führer“ stand auf einem Transparent, auf einem anderen: „Ein Volk, ein Reich, ein Führer.“ Eine Zeitzeugin schilderte ihre Erinnerungen so, „dass sie auf dem Hauptplatz stundenlang gewartet habe, auf den Gott“, so Buchner. Manche hatten sich sogar mit Spiegeln ausgestattet, um über die Köpfe der Menschen hinweg Hitler sehen zu können. „In vielen Fällen war es vor allem die Neugierde“, meint der Historiker.

Fotostrecke Amstetten


Mitterdorfer
In Spalierform wurde Adolf Hitler in Amstetten empfangen

Mitterdorfer
Amstetten - entlang der Straßen drängten sich die Menschen dicht aneinander

Mitterdorfer
In den folgenden Tagen und Wochen vor der Volksabstimmung waren weitere NS-Größen in Amstetten. Großkundgebung 5. April 1938 - Reichsminister Frick und Reichstatthalter Seyß-Inquart sprechen

Mitterdorfer
Reichsinnenminister Wilhelm Frick

Die Bilder jubelnder Menschen wurden in weiterer Folge „natürlich propagandistisch ausgeschlachtet“, ergänzt der Stadthistoriker: „Was man nicht sieht, sind all jene Menschen, die zuhause geblieben sind, abgewartet haben und mit Angst der kommenden Zeit entgegengesehen haben.“ Der örtliche NS-Führer und spätere Bürgermeister, Wolfgang Mitterdorfer, durfte als „Trostpflaster“ für die Verspätung mit Hitler danach in St. Pölten Mittag essen.

Anschluss vor Rücktritt
Möglicherweise war das aber auch eine Belohnung dafür, dass der Anschluss in Amstetten bereits vor dem offiziellen Rücktritt von Bundeskanzler Schuschnigg am Abend des 11. März stattfand. Denn schon am Nachmittag nehmen die Nationalsozialisten die bis dahin gesperrte Parteizentrale in Amstetten wieder in Betrieb und am Abend wurde am Hauptplatz ein Fackelzug inszeniert, an dem Tausende Menschen teilnahmen.

Die Gendarmerie versuchte zwar noch einzuschreiten, doch laut Buchner war das bereits aussichtslos: „Im Prinzip ist das Ständestaat-Regime vor Ort kollabiert und die Nazis hatten weitgehend leichtes Spiel, die wichtigsten Schalthebel zu übernehmen.“ Noch in der Nacht von 11. auf 12. März 1938 wurden die wichtigsten Bereiche der Exekutive und der Verwaltung in den Dienst der NS-Regierung gestellt. Wolfgang Mitterdorfer übernahm die Leitung der Stadtverwaltung.

Hakenkreuzflagge am Landhaus
Gleichzeitig gab Kurt Schuschnigg dem monatelangen Druck der Nazis nach und verkündete seinen Rücktritt als Bundeskanzler. Damit brachen auch in Niederösterreich die Dämme für Anhängerinnen und Anhänger des Nationalsozialismus. Schon vor dem Einmarsch der Deutschen Wehrmacht übernahmen sie in vielen Städten und Gemeinden die Kontrolle. Auf dem Landhaus Niederösterreichs in Wien wehte bereits die Hakenkreuzflagge.

Als Adolf Hitler am 14. März auf seinem Triumphzug nach Wien die Grenze nach Niederösterreich überquerte, schlug ihm eine Welle der Euphorie entgegen. In Strengberg (Bezirk Amstetten) empfing ihn die Gendarmeriemusik. Laut NS-Presse wurde sein Wagen von den Massen minutenlang umringt, begeistert wurde die deutsche Hymne gesungen. „Niederösterreich ist außer Rand und Band“, schrieb das „Kleine Volksblatt“.

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Karl Wittmann
In Loosdorf wurde Adolf Hitler umjubelt empfangen
Karl Wittmann
Loosdorf - Panzerfahrzeuge rollen durch den Ort
Stadtgemeine Purkersdorf
Hitler fährt durch Purkersdorf
Stadtgemeine Purkersdorf
Stadtarchiv Gmünd
In Gmünd kam der „Führer“ zwar nicht vorbei, dennoch gab es örtliche Feierlichkeiten

Stadtarchiv Gmünd

Stadtarchiv Zwettl
NS-Propaganda in Zwettl

Stadtarchiv Zwettl
Kundgebung auf dem Hauptplatz

Nach der Durchfahrt von Amstetten ging es weiter nach Pöchlarn (Bezirk Melk). Auf einer steilen Kuppe „überblicken wir von hier oben das gesamte Donautal bis hinüber zur Wachau und schauen über dieses kerndeutsche Land mit seiner jahrtausendalten deutschen Geschichte“, hieß es in der Zeitung weiter. Mit Glockenläuten wurde Hitler in Melk empfangen. Auf dem Weg nach St. Pölten musste der „Führer“ – laut Zeitungsberichten wegen der Menschenmassen – mehrmals halten, etwa in Loosdorf (Bezirk Melk).

Mittagsschlaf in St. Pölten
Über Loosdorf ging es für den „Führer“ schließlich nach St. Pölten, wo er um 13.45 Uhr eintraf. Laut Zeitungsberichten warteten dort 4.000 Menschen – dicht gedrängt. Der Landeshauptmann von Niederösterreich und die Gauführung erwarteten Hitler vor dem Hotel Pittner, in dem auch das Geschenk des Gaues Niederösterreich aufgestellt war. Es handelte sich um ein 60-teiliges Service aus Harbach (Bezirk Gmünd). Im Hotel hielt Hitler auch seien Mittagsschlaf.

Stadtarchiv St. Pölten
Der St. Pöltner Rathausplatz nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich

Nach dem kurzen Aufenthalt wurde die Fahrt ohne weitere Stopps fortgesetzt. Nachdem Hitler in Purkersdorf (Bezirk St. Pölten) durchgefahren war, erwartete ihn an der Stadtgrenze die Standarte. Zudem stieg Hitler in eine schwarze Limousine um, die ihn ins Zentrum von Wien brachte. Am 15. März verkündete er auf dem Heldenplatz „vor der Geschichte nunmehr den Eintritt meiner Heimat in das Deutsche Reich“.
In Krems musste die Bevölkerung in diesen Tagen hingegen „vergeblich auf den Führer warten“, sagte Historiker Robert Streibel. Immerhin galt die Stadt in den Jahren der Zwischenkriegszeit als Hochburg der Nationalsozialisten. Nach dem Verbot der NSDAP in Österreich 1933 wurde der Gau sogar aus Krems geleitet. Allerdings dürfte sich die Ortspartei ein Jahr zuvor – bei einem Richtungsstreit – auf die falsche Seite gestellt haben, merkt Streibel an.

Neue Landesführung übernimmt
An der Spitze des Landes gab es ebenso Veränderungen. Landeshauptmann-Stellvertreter Julius Kampitsch bekannte sich als Nazi und übernahm die Macht. Nur ein paar Stunden später wurde er aber von Roman Jäger, Rechtsanwaltsanwärter aus Spitz an der Donau (Bezirk Krems), als Gauleiter verdrängt. Die Geheime Staatspolizei verhaftete führende Vertreter des verhassten alten Systems. Landeshauptmann Josef Reither und Bauernbunddirektor Leopold Figl wurden in das Konzentrationslager Dachau gebracht.

Zugleich begann ein propagandistisches Werben um ein „Ja“ bei der sogenannten Volksabstimmung am 10. April. In allen größeren Städten Niederösterreichs gaben sich in diesen Wochen zahlreiche NS-Größen die Klinke in die Hand und hielten Reden. „Man hat versucht im Sinne des Anschlusses ein Feuerwerk der Zustimmung zu bekommen“, erzählt Thomas Buchner. In Amstetten traten etwa Reichsinnenminister Wilhelm Frick, SS-Reichsführer Heinrich Himmler und Bundeskanzler Arthur Seyß-Inquart auf.

Das allgemeine Werben um die Zustimmung bei der Volksabstimmung spiegelte sich auch in vielen Zeitungsberichten wider, wo es ein einmonatiges Trommelfeuer an Propaganda gab. „Man wollte die positive Seite des Regimes zeigen und hat zunächst keine allzu scharfen Repressionsmaßnahmen ergriffen“, erzählt Buchner. Die „Volksabstimmung“ über die Zukunft Österreichs wurde für Hitler dadurch wenig überraschend zu einem fast hundertprozentigen Erfolg.

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Anno/Erlafthal-Bote
Anno/Der Bezirksbote für den politischen Bezirk Bruck a.d. Leitha
Anno/Niederösterreichischer Grenzbote
Anno/St. Pöltner Bote
Anno/Ostbahn-Bote
Anno/Ostbahn-Bote

„Amstettner Blutnacht“
Doch bereits in der folgenden Nacht kam es zur „Amstettner Blutnacht“ – Gewaltexzesse, die in ihrer Brutalität in Österreich einzigartig waren, wie der Stadthistoriker schildert: „Vor allem Funktionäre des Ständestaatregimes wurden schwer misshandelt, mit Ochsenziemern geprügelt und teilweise nackt durch die Stadt getrieben.“ Das Gasthaus Kronberger am Hauptplatz, in dem sich die Nazis versammelten, erhielt danach den Beinamen „Schlachthaus“.

Die Gewalt nahm in weiterer Folge solche Ausmaße an, dass man sie nur mit Hilfe von Polizeikräften aus anderen Städten unter Kontrolle brachte. Sogar manchen Nazi-Anhängern ging die Aktion im Nachhinein zu weit. Eine NSDAP-Abteilung wurde zur Untersuchung der Vorfälle nach Amstetten geschickt. Diese verlief aber wenig überraschend im Sand. In den Tagen und Wochen danach begann die „systematische Verfolgung der Juden“, erinnert Buchner – nicht nur in Amstetten, sondern im ganzen Land.

Krems wird Gauhauptstadt
In den folgenden Monaten wurde der ehemalige Stadtrat von St. Pölten, Hugo Jury, durch den unerfahrenen Gauleiter und Landeshauptmann Roman Jäger ersetzt. Im Herbst wurde sein Stellvertreter Julius Kampitsch gegen den Reichsdeutschen Karl Gerland ausgetauscht. Mit Krems sollte das Land nun sogar eine Hauptstadt erhalten. Am 18. Juli wurde die Stadt zur Gauhauptstadt ernannt, der Ausbau fiel aber dem Krieg zum Opfer.
Das Land erhielt jedoch einen neuen Namen – „Niederdonau“ – und veränderte auch seine Ausdehnung. Mit 15. Oktober wurde Niederdonau um das Nordburgenland vergrößert und gleichzeitig um 97 Randgemeinden von Wien, die dem neuen Gau Groß-Wien zugeschlagen wurden, verringert.

Wettstreit um judenfreie Stadt
In der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November verwüsteten Mitglieder von SS und SA sowie andere Nationalsozialisten zahlreiche Synagogen und drangen in jüdische Häuser und Geschäfte ein. Sie zertrümmerten Fenster- und Auslagenscheiben, trieben jüdische Bewohner und Bewohnerinnen zusammen und hielten diese mehrere Tage gefangen. Damals wurden die letzten jüdischen Geschäfte geschlossen.

„Es galt vor allem eine scharfe Grenzlinie zwischen der jüdischen und der arischen Bevölkerung zu schaffen“, erzählt Historiker Buchner. Das Inventar und die Lagerbestände wurden der NS- Volkswohlfahrt übergeben und vor Weihnachten an bedürftige „Volksgenossen“ verteilt.

Zudem entbrannte zwischen mehreren Städten ein Wettstreit, wer als erstes „judenfrei“ werde. Daran nahm auch Amstetten unter NS-Bürgermeister Mitterdorfer teil, der Wettstreit scheiterte allerdings. „Einzelne Personen haben sich geweigert, wegzuziehen, was den damaligen Bürgermeister ziemlich gewurmt hat“, weiß Buchner. Ein Jahr später war das aber vergessen – mit großem Stolz verkündete die NS-Führung, dass Amstetten judenfrei sei.
28.02.2022, Stefan Schwarzwald-Sailer, noe.ORF.at

Links:
„Niederösterreich grüßt seinen Führer“
 

josef

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#18
„100 JAHRE NIEDERÖSTERREICH“
7.000 Waldviertler aus Heimat vertrieben
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Schon wenige Wochen nach dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich lassen die Nationalsozialisten bei Allentsteig (Bezirk Zwettl) einen Truppenübungsplatz errichten. Knapp 7.000 Bewohner wurden aus ihrer Heimat vertrieben, 42 Orte entvölkert.
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„Sie durften nicht einmal mehr ihre Ernte einbringen, sondern haben nur eine Mitteilung bekommen, dass sie ihre Höfe räumen und ihre Heimat verlassen müssen“, erzählt der Allentsteiger Gemeindehistoriker, Anton Kraus, der sich schon seit Jahrzehnten mit der Aussiedlung befasst.
Am 26. Juni 1938 ordneten die Nazis die Aussiedlung von 42 Dörfern und die Schließung zahlreicher Pfarren an. "Die Leute wurden darüber informiert, „aber es haben offenbar nicht alle bekommen oder zur Kenntnis genommen“, schildert Kraus. Innerhalb von nur sechs Wochen mussten die ersten zehn Ortschaften im inneren Kern des jetzigen Truppenübungsplatzes geräumt sein.

Wehrmacht brauchte Übungsräume
Der Grund: Die Wehrmacht benötigte nach dem Einmarsch in Österreich Übungsräume. Gleichzeitig mit der Aussiedlung wurden deshalb militärische Einrichtungen mit Barackenlagern, Bunkern und Schießplätzen errichtet. Die erste Artillerieschießübung wurde bereits am 8. August 1938 durchgeführt. „Alle haben entsetzt reagiert und gar nicht glauben wollen, was da passieren soll", erzählt Bernhard Lehr, dessen Vater Franz die Zwangsräumung als Jugendlicher miterlebte.

Die Bewohnerinnen und Bewohner mussten sich daraufhin eine neue Bleibe suchen. „Mein Vater ist in der näheren und weiteren Umgebung herumgefahren, sogar bis in die Steiermark, aber man stand da schon vor verschlossenen Türen. Viele haben gesagt, ja, ich verkaufe meinen Hof, aber erst nach dem Krieg. Das war furchtbar für unsere Familie“, erzählte Zeitzeugin Stefanie Leuzmezer in einem Interview 1983.

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Privatarchiv
Döllersheim
ORF/Stefan Schwarzwald-Sailer

Franz Lehr
Oberndorf
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Privat

Franz Lehr
Ersatzhaus von Franz Lehr in Muckendorf

Franz Lehr
Ausweis von Franz Lehr für das Betreten des Truppenübungsplatzes

Gemeinde Allentsteig
Wohnhäuser in Allentsteig

Zwischen Juni 1938 und Dezember 1941 wurden in vier Phasen etwa 6.800 Menschen aus 42 Ortschaften, 6 Weilern, 10 Mühlen und einigen Einzelgehöften abgesiedelt. Diese Zwangsabsiedelung führte die „Zweigstelle Ostmark der deutschen Ansiedlungsgesellschaft“ mit Sitz in Allentsteig durch, wobei sich die Aktion im Laufe des Krieges immer mehr zur Vertreibung wandelte. Die Betroffenen ließen sich zunächst in der Region, aber auch im Raum Amstetten und sogar im Burgenland oder in der Steiermark nieder.

Ungleiche Entschädigung
„Anfangs gab es noch relativ faire Entschädigungen“, fügt Kraus als positiven Aspekt hinzu. Die späten Aussiedler erhielten während der Kriegszeit eine geringe Entschädigung, die von den NS-Behörden auf ein Sperrkonto gelegt wurde und die erst nach dem Krieg behoben werden konnte. Doch nach dem Zusammenbruch durch die Währungsreform 1945 wurde das Geld nahezu wertlos.

Die Orte selbst wurden zwar entvölkert, aber auf höchsten Befehl verschont, da der Vater Adolf Hitlers in Strones nahe Döllersheim geboren worden war. Auf Grund dieser Verbindung hatten sich viele Bewohner in Döllersheim zunächst einen Aufschwung ihrer Region erhofft. Doch bereits wenige Wochen nach dem Anschluss war der Truppenübungsplatz beschlossene Sache.

Legenden begleiten Standort
Warum dafür ausgerechnet die Region um Allentsteig in Frage kam? „Das ist ein Geheimnis, das man heute nicht mehr ergründen kann“, sagt Kraus. Manche vermuten, dass Hitler dadurch seine ärmliche Herkunft verschleiern wollte. Fest steht laut dem Gemeindehistoriker, dass Hitler das Gebiet kannte und „wusste, dass das Gebiet dünn besiedelt ist, was weniger Widerstand als in anderen Regionen bedeutet“.
Andererseits könnte auch die Topografie des Waldviertels eine Rolle gespielt haben. Denn die deutsche Rüstungsindustrie war auf Panzer ausgelegt. Für die damals wenig motorisierten Truppen brauchte man deshalb „keine Gebiete mit Bergen oder Gebirgen, sondern eines mit Tälern und Hügeln, das für die Kriegsführung im Osten ähnlich gelagert war“. Und dafür sei das Waldviertel prädestiniert gewesen.
Die Wahl fiel letztlich rasch auf das im Waldviertler Zentralraum gelegene sogenannte „Döllersheimer Ländchen“. Die Fläche betrug etwas weniger als 200 km² und reichte im Norden über Allentsteig hinaus bis in den Raum Göpfritz an der Wild, im Westen bis an die Stadtgrenze von Zwettl, im Osten bis in die Gegend um Neupölla und wurde schließlich im Süden vom Kamp-Fluss begrenzt.

35.000 Soldaten üben für den Krieg
1941/42 wurde das Gebiet zum Heeresgutsbezirk erklärt und damit gemeindefrei. Im Durchschnitt befanden sich auf dem Übungsplatz 30.000 bis 35.000 Soldaten. Er war damit einer der am stärksten belegten Übungsplätze im Deutschen Reich. Die Wehrmacht führte ab nun Gefechtsausbildung bis Divisionsstärke mit Schwerpunkt Artillerieschießen durch.

Anlässlich des Einmarsches der Wehrmacht in die Tschechoslowakei wurde ein „Sammellager für Beutegut“ am Tüpl eingerichtet. In den weiteren Jahren bis 1945 diente das Areal auch zur Auf- und Zusammenstellung von Großverbänden für die verschiedenen Kriegsschauplätze, bevor sie an die Front verlegt wurden. Weiters befanden sich einige Gefangenenlager am Tüpl-Gelände, das bekannteste war jenes für französische Offiziere in Edelbach.

Gemeinde AllentsteigDas Kriegsgefangenenlager in EdelbachHoffnung auf Rückkehr
Am 9. Mai 1945 besetzten russische Truppen das Tüpl-Areal. In den folgenden Monaten bestand kurz Hoffnung, dass die Sowjets eine Rückkehr der Ausgesiedelten ermöglichen könnten. 80 Prozent der Vertriebenen sollen sich dafür auf einer Liste eingetragen haben, erzählt Bernhard Lehr. Doch im März 1946 erklärten die Sowjets den Tüpl-Döllersheim als „Deutsches Eigentum“, übernahmen die Verwaltung und gliederten ihn in die USIA-Betriebe ein.
Die Sowjetarmee wickelte daraufhin am Truppenübungsplatz ebenfalls den Übungsbetrieb für ihre in Niederösterreich stationierten Truppen bis zum Abzug 1955 ab. Zeitweise waren dort bis zu 60.000 russische Soldaten stationiert. Die ehemaligen Gefangenenlager am Areal wurden nun Sammel- und Durchgangslager für Angehörige der ehemaligen Wehrmacht vor der langen Fahrt in die sowjetische Kriegsgefangenschaft.

Die von der Deutschen Wehrmacht fast unzerstört hinterlassenen Baulichkeiten der entvölkerten Dörfer wurden in dieser Phase sukzessive zerstört. Zum einen durch Artillerieübungen der Russen, zum anderen hatten die Besatzer auf Grund der Materialnot Teile der Häuser als Baumaterial am Schwarzmarkt verkauft, erinnert sich Kraus: „Holz, Dachziegel – ein Großteil der Orte wurden von österreichischen Bewohnern zur weiteren Bebauung ihrer Häuser verwendet.“

650 Entschädigungsanträge
Bis Ende 1955 langten beim Kreisgericht in Krems etwa 650 Anträge auf Rückstellung früheren Eigentums auf dem Areal des Übungsplatzes ein. Zu den Antragstellern gehörten auch das Stift Zwettl und die Windhag’sche Stipendienstiftung. Die vom Land verwaltete Stipendienstiftung erhielt als Ausgleich für die Ländereien in Großpoppen und Rausmanns einen wesentlich größeren Gebietsstreifen mit der Burg Ottenstein und dem Schloss Waldreichs nördlich des Kamp im Süden des Truppenübungsplatzes.

Damit wurde der ursprüngliche Tüpl etwas verkleinert. Doch Private gingen laut Kraus leer aus: „Viele dürften auch gar nicht gewusst haben, wie sie das bewerkstelligen.“ Denn viele glaubten, von den Deutschen ohnehin entschädigt worden zu sein. „Auch wenn das Geld am Sparbuch lag und man darauf nicht zugreifen konnte, aber der Einzelne kannte sich in der Gesetzeslage nicht so gut aus.“

Wiederansiedlung gescheitert
Nach Abzug der Sowjettruppen ging das Areal an den neuen Staat Österreich. Studien befassten sich mit der Erstellung von Plänen zur Nutzung des ehemaligen Tüpl-Döllersheim. Vor allem die Landwirtschaftskammer und einige Politiker setzten sich für die Wiederbesiedelung des Gebietes mit Bauernfamilien auf neuerrichteten Bauernhöfen ein. So sollten zehn bis zwölf neue Dörfer mit jeweils 300 bis 400 Einwohnern inklusive Gehöfte entstehen.

Doch eine Rückführung des völlig verwüsteten und von Blindgängern verseuchten Gebietes überstieg die damaligen finanziellen Möglichkeiten. Nach wie vor wurden laut Bundesheer pro Jahr 100 Blindgänger auf dem Gelände gefunden. Zudem benötige auch das wiedererstandene Bundesheer dringend Übungsräume. Mit 8. Mai 1957 wurden 157 km² des ehemaligen Tüpl-Döllersheim ans Bundesheer übergeben und die Bezeichnung auf Tüpl-Allentsteig geändert.

Heute benützen Bundesheereinheiten aus dem gesamten Bundesgebiet den Tüpl. Mit seinen 157 Quadratkilometern ist er fast genauso groß wie das Fürstentum Liechtenstein. Rund 30.000 Soldaten kommen pro Jahr auf den Übungsplatz. Zudem ist in der „Liechtensteinkaserne“ eine Panzerartillerieeinheit stationiert.

Im Zuge der Staatsvertragsdurchführungsgesetze 1957 beschloss die Regierung unter Julius Raab, dass Aussiedler kein Recht mehr auf ihren früheren Besitz hatten. Die bisher gemeindefreie Fläche wurden wieder Gemeinden zugeordnet, nämlich Allentsteig im Norden, Göpfritz an der Wild im Nordosten, Röhrenbach im Osten, Pölla im Südosten und Zwettl-Niederösterreich im Westen.

Orte für die Geschichtsbücher
Jedes Jahr zu Allerseelen trifft sich die stetig kleiner werdende Aussiedler-Gemeinde in Döllersheim, wo Kirche und Friedhof als öffentliches Mahnmal dienen. Die anderen Dörfer am Rand und innerhalb des Truppenübungsplatzes wie Wurmbach, Edelbach, Groß-Poppen, Kühbach, Mestreichs, Thaures, Schlagles, Neunzen, Kleinmotten oder Kleinhaselbach sind verschwunden und nur noch in Geschichtsbüchern nachzulesen.

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ORF/Stefan Schwarzwald-Sailer
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Stadtgemeinde Allentsteig

Stadtgemeinde Allentsteig

Stadtgemeinde Allentsteig

Stadtgemeinde Allentsteig

Stadtgemeinde Allentsteig

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Selbst die noch verbliebenen Ruinen existieren nur noch für einen kleinen Personenkreis – denn sie liegen innerhalb von militärischem Sperrgebiet. Einige Höfe und Streusiedlungen haben am Grund des Ottensteiner Stausees ihre letzte Ruhestätte gefunden.
04.03.2022, Stefan Schwarzwald-Sailer, noe.ORF.at
7.000 Waldviertler aus Heimat vertrieben

Siehe auch:
Döllersheim "die alte Heimat"
Tüpl. Allentsteig (Döllersheim] - Oflag XVIIA Edelbach

Tüpl Allentsteig
 

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#19
„100 JAHRE NIEDERÖSTERREICH“
Kriegspanzer aus der „Spielwarenfabrik“
Teil 1:
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Unter dem Decknamen „Spielwarenfabrik“ ist in St. Valentin ab 1940 eine der wichtigsten Rüstungsfabriken des Dritten Reiches aufgebaut worden. Beinahe 5.000 Panzer wurden dort produziert. Nach dem Krieg geriet das „Nibelungenwerk“ in Vergessenheit.
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Bereits vor dem Anschluss Österreichs an Deutschland war die deutsche Wehrmacht in einem Dilemma. Auf der einen Seite wurden Vorkehrungen für den Zweiten Weltkrieg getroffen, andererseits war die Panzerproduktion dafür viel zu niedrig bzw. fehlten in den deutschen Fabriken die Kapazitäten, erklärt Michael Winninger, der sich in einem Buch dem Nibelungenwerk widmete und selbst aus St. Valentin (Bezirk Amstetten) stammt.

Umso schneller wurden nach dem Anschluss im März 1938 Pläne vorangetrieben, ein riesiges modernes Panzermontagewerk zu errichten. Das Unternehmen Steyr-Daimler-Puch aus Steyr – in unmittelbarer Nähe zu St. Valentin – war damals der größte Fahrzeughersteller und metallverarbeitende Betrieb im Land. Doch die Produktion in der Stadt war aus Gründen der Geheimhaltung nicht möglich, die zweite Wahl in Letten scheiterte am fehlenden Bahnanschluss.

Die vielen Vorteile von St. Valentin
Bei einer großen Besprechung im Jänner 1939 tauchte schließlich St. Valentin als Alternative auf. Die Stadt war laut Winninger aus mehreren Gründen ein idealer Standort. Die Nähe zu Steyr und Linz mit den Hermann-Göring-Werken, der Bahnanschluss, die Energiegewinnung durch die Wasserkraft von Donau und Enns sowie die vorhandenen Arbeitskräfte, die aus der Landwirtschaft kommen sollten. „Und mitten im Wald war es gut getarnt“, ergänzt Winninger.

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Stadtgemeinde St. Valentin/Johann Lischka
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Mit dem Ausbau der Infrastruktur begannen schon bald die Vorbereitungen für das Nibelungenwerk. 1939 entstand zuerst die „Reichseigene Siedlung“ für die Beamten und Ingenieure des Werkes. Für die Arbeiter wurde das Lager mit Gefolgschaftshaus, Werkslazarett und einer Volksschule angelegt. Das Produktionsziel wurde mit 150 Panzern monatlich festgelegt. Als Tarnname für das Projekt wurde der Name „Spielwarenfabrik“ ausgewählt.

Unterirdisches Versorgungsystem
Die Bauarbeiten begannen im Frühjahr bzw. Sommer 1939. Ab September 1940 wurden erste Reparaturen von Panzern übernommen, danach wurde das Werk laufend erweitert. Das Nibelungenwerk umfasste neun Fertigungshallen, eine Werkssiedlung sowie mehrere Lager für Arbeiter, Fremdarbeiter, Kriegsgefangene und ab 1944 ein Außenlager des Konzentrationslagers Mauthausen. Die Hallen waren zum Schutz vor Bombenangriffen mit einem unterirdischen Versorgungsystem für Strom, Wasser, Heizung und Pressluft ausgestattet.

Der tatsächliche Produktionsbeginn erfolgte im Februar 1941. Dabei wurden zunächst Ersatzteile für Panzer produziert. Der erste komplette Panzer wurde am 8. Oktober 1941 montiert. Daraufhin läuft die Produktion groß an. Im Werk arbeitete eine kleine Gefolgschaft deutscher Fachkräfte, „aber man war auf ausländische Zwangsarbeiter angewiesen, ohne sie, hätte man die Produktion nicht aufrechterhalten können“, betont Winninger.

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Stadtgemeinde St. Valentin/Johann Lischka
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Bis zu 8.500 Personen arbeiteten im Nibelungenwerk, teilweise unter unmenschlichen Bedingungen, wie der Autor erzählt. Viele von ihnen waren Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter oder KZ-Häftlinge des Außenlagers Mauthausen. 1.500 Personen wurden dort gefangen gehalten. Somit ist die Geschichte dieses Werkes auch eng mit den Verbrechen des Nationalsozialismus verbunden.
Kriegspanzer aus der „Spielwarenfabrik“

ORF-Beitrag wegen der Anzahl der Fotos geteilt!
Fortsetzung siehe Teil 2
 

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#20
„100 JAHRE NIEDERÖSTERREICH“
Kriegspanzer aus der „Spielwarenfabrik“
Teil 2:

Panzer prägen Stadtbild
Das Nibelungenwerk war als Endfertigungsbetrieb ausgelegt, in dem Panzer „zusammengesetzt“ wurden. Die Maschinenausstattung und die Fertigungsmethoden entsprachen den neuesten Standards der damaligen Zeit. Das Werk war jedoch nicht nur eine Panzerfabrik, sondern auch im Bereich der Entwicklung engagiert. Deshalb wurde eine Teststrecke, die sogenannte „Einfahrbahn“, für laufende Tests und Überprüfungen von Serienprodukten und Prototypen angelegt.

Diese lag neben dem Werk im Wald. Doch mit den steigenden Produktionszahlen reichte der Platz nicht mehr aus und so fuhren die Panzer schließlich quer durch den Ort. Oftmals sei der Kilometerzähler von den „Einfahrern“ künstlich hochgedreht worden. „Es war sonst gar nicht möglich, die vorgeschriebenen Kilometer zusammenbekommen“, erklärt Winninger, laut dem die Abnahme der Panzer zunächst noch äußerst penibel gewesen sei.


Anno

Die fertigen Panzer wurden nach absolvierter Testfahrt im Gelände per Bahntransport zum Einschießen abtransportiert. Im weiteren Verlauf des Krieges wurden auch Panzer per Eisenbahn ins Werk gebracht, um dort repariert, instandgesetzt und so schnell wie möglich wieder an der Front eingesetzt zu werden.

Panzerkampfwagen IV
Die Geschichte des Nibelungenwerkes ist eng mit dem Panzerkampfwagen IV, dem Standardpanzer der Deutschen Wehrmacht, verbunden. Mehr als die Hälfte der gesamten Panzer IV (4.350 Stück) kamen aus St. Valentin. „Der war erprobt, zuverlässig und ließ sich schnell herstellen“, schildert der Experte. Die größten Stückzahlen wurden im Jahr 1944 erreicht, als durchschnittlich 234 Stück pro Monat produziert wurden.

Doch im Krieg gegen die Sowjetunion merkten die Deutschen, dass man dem russischen Panzer unterlegen war. Daraufhin wurde der „Porsche-Tiger“ entwickelt, der Adolf Hitler bei einem Werksbesuch am 20. Juni 1942 persönlich vorgestellt wurde. Hitler gab den Befehl, monatlich 200 Panzer dieses Typs zu fertigen. Das Ergebnis der Geländetauglichkeitsprüfung war jedoch ernüchternd. In allen Fahr- und Kletterversuchen war der Panzer IV deutlich überlegen.

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Deshalb wurde das Projekt eingestellt. Ab Dezember 1942 begannen die ersten Vorarbeiten für den Umbau des „Porsche-Tigers“ zum Sturmgeschütz „Ferdinand“. Zugleich wollte man auch den „Panther“ – der beste Panzerkampfwagen der Deutschen Wehrmacht – produzieren. „Das ging aber nicht, weil man dafür die komplette Produktion zwei, drei Monate hätte runterfahren müssen, während des Krieges unmöglich.“

KZ-Häftlinge suchen Blindgänger
Die Arbeiter standen jedenfalls durchgehend unter Druck, wobei sich deren Arbeitsbedingungen je nach Herkunft stark unterschieden. Einheimische und französische Zwangsarbeiter wurden „verhältnismäßig gut behandelt", doch „sowjetische Zwangsarbeiter und die Menschen im KZ-Außenlager wurden ganz furchtbar behandelt“. Nach Bombenangriffen mussten sie etwa aufräumen und Blindgänger finden, schildert Winninger.
Doch auch für Einheimische konnte es problematisch werden. Die Großmutter von Michael Winninger steckte einmal einem KZ-Häftling ein Brot zu, daraufhin wurde sie angezeigt und ermahnt: „Wenn sie das nochmal macht, kommt sie selbst ins KZ.“ Im Ort wusste man über die Produktion im Werk, schließlich waren auch einige Bewohner dort beschäftigt, allerdings durfte man darüber nicht öffentlich sprechen.

Probleme in der Produktion
Ab dem Jahr 1944 kamen neue Probleme aufgrund der Kriegslage auf das Nibelungenwerk zu. Zunehmend traten Schwierigkeiten mit der Versorgung von Treibstoff auf, was sich auch hemmend auf die Produktion auswirkte. Darüber hinaus beeinträchtigten die Bombenangriffe der Alliierten auf west- und norddeutsche Industriezentren ab dem ersten Halbjahr 1944 indirekt die Fertigung. Immer öfter kam es zu massiven Versorgungsengpässen bei Wälzlagern und Getrieben. Trotzdem wurde im dritten Quartal der absolute Höhepunkt der Panzerproduktion erreicht.
Am 17. Oktober 1944 gab es einen folgenschweren Bombenangriff auf das Nibelungenwerk, der massive Auswirkungen auf die Produktion hatte. Deshalb musste in Verlagerungsbetrieben und in den Stollen in der Nähe des Werkes produziert werden, wodurch die mögliche Fertigungskapazitäten nicht erreichbar waren. „Aber nur drei Monate später wurde wieder uneingeschränkt produziert“, fügt Winninger hinzu.

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Die Luftangriffe durch die Alliierten blieben jedoch eine ständige Bedrohung, vor allem weil die Kriegsgegner Rüstungsbetriebe nun stärker ins Visier nahmen. Durch erbeutete Kampfpanzer in der Normandie erkannten die Amerikaner nämlich, dass die Deutschen nach wie vor voll produzierten, allerdings waren US-Panzer den Deutschen „deutlich unterlegen“.

Verheerender Luftangriff
Am 23. März 1945 folgte schließlich ein verheerender Luftangriff, „bei dem die Werksanlagen nahezu komplett zerstört wurden“. Dennoch konnte das Nibelungenwerk die Produktion bis zum Kriegsende aufrechterhalten. Selbst im April 1945 wurden noch 65 „Panther“ und „Tiger“ der Heeresgruppe Ostmark dort repariert. Am 22. April 1945 wurde die Panzerproduktion im Nibelungenwerk schließlich eingestellt.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges befand sich St. Valentin in der sowjetischen Besatzungszone und das Werk wurde zu einem USIA-Betrieb. Zunächst wurden für die große Siegesparade in Moskau noch ein paar Panzerfahrzeuge fertiggestellt, doch nur wenig später sämtliche funktionstüchtigen Maschinen bzw. Hallen abtransportiert.

Nach dem Ende der Besatzungszeit 1955 übernahm die Republik Österreich das Werk, bevor es 1957 wieder ein Teil von Steyr-Daimler-Puch wurde. Seit dem Jahr 1974 werden in den Hallen des ehemaligen Panzerwerkes Traktoren gefertigt. Zunächst von Steyr-Daimler-Puch und seit den 1990er-Jahren vom Landmaschinenhersteller Case bzw. dessen Nachfolger CNH-Global. Ebenfalls seit den 1990er-Jahren sind Teile des ehemaligen Nibelungenwerks im Besitz des kanadischen MAGNA-Konzerns.

Sichtbare Spuren
Obwohl das Panzerwerk mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges friedlichen Aufgaben dient, erinnern noch viele Spuren an diese Zeit. Neben den Produktionshallen stehen noch die Verwaltungsgebäude im Eingangsbereich, die nahezu unverändert sind sowie die ehemalige Werkssiedlung. Zudem befinden sich die Fundamente der Baracken der Kriegsgefangenen, Fremdarbeiter und der Außenstelle des KZ-Mauthausen auf bzw. neben dem Werksgelände.

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Stadtgemeinde St. Valentin/Johann Lischka
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Bei der Bahnhaltestelle Herzograd steht ein Beobachtungsbunker, der während der Luftangriffe besetzt war und von dem aus die Flucht von Arbeitern erkannt werden sollte. In diesem Bereich befindet sich auch ein Gedenkstein, der an die Insassen des ehemaligen KZ-Nebenlagers und an die teilweise unmenschlichen Bedingungen in der „Spielwarenfabrik“ erinnert.

Das Panzerwerk in St. Valentin war einer der modernsten Rüstungsbetriebe des Dritten Reiches und zeugt von dessen Leistungsfähigkeit – das zeigt sich an den hohen Produktionszahlen sowie den vielen Prestigeprojekte wie die schweren Jagdpanzer. „Aber man darf nie vergessen, wofür es gedient hat, nämlich für einen Angriffs- und Vernichtungskrieg“, betont Winninger.
07.03.2022, Stefan Schwarzwald-Sailer, noe.ORF.at

Links:
Kriegspanzer aus der „Spielwarenfabrik“

Link zum Forumsthema: Nibelungenwerk
 
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