Unbekanntes Albanien - von den Schluchten des Balkans zum Meeresstrand

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mayk64

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#1
Habe eben folgendes Bild erhalten,hatn Kumpel in Albanien gemacht,er meint da stehn Tausende von rum.
Ist das auch sowas wie ein Bunker?
 

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daniela

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#5
zu Zeiten des Kommunismus , als Enver Hoxha noch an der Macht war, ließ er diese Bunker bauen. Die Dichte dieser netten Exemplare ist der Hammer.
Albanien ist ein wunderschönes Land mayk, aber fürchterlich arm...Die Straßenschäden sind katastrophal. Würde dort gerne mal hin...Übrigens gibts dort auch U-Bootbunker...
Links brauche ich ja nicht mehr hinzuzufügen, das hat ja Josef schon erledigt..Dies sind die wichtigsten und informativsten.
Google mal nach Enver Hoxha...Dort steht auch noch viel über die Bunker
 

josef

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#8
Private Taucher plündern versunkene Schätze vor der Küste Albaniens

Plünderer haben bei Schiffswracks leichtes Spiel
Vlora – Lange waren Albaniens Küstengewässer kaum erforscht – nun sind sie ein Hotspot für Schatzsucher auf der Jagd nach versunkenen Schiffen. Unter kommunistischer Herrschaft war die 450 Kilometer lange Küste nur Archäologen und Soldaten zugänglich. Doch heute stehen die Gewässer jedem offen, eine Überwachung kann der arme Balkanstaat kaum finanzieren.

Davon werden neben Archäologen auch Plünderer angelockt, die ihre Funde auf dem Kunst- und Metallmarkt lukrativ verhökern. Der albanische Archäologe und Kunsthistoriker Neritan Ceka erinnert sich an seine Tauchgänge Anfang der 1980er Jahre: "Ich sah außergewöhnlichen Reichtum, Amphoren, Keramik, archäologische Objekte."

Barbarische Plündereien

Doch dann hätten europäische und albanische Tauchteams begonnen, "auf barbarische Art zu plündern", berichtet Ceka. "Ein Großteil dieser Schätze, in einer Tiefe von 20 bis 30 Metern leicht zugänglich ohne spezielle Ausrüstung, ist heute fast vollständig und spurlos verschwunden." Seit 2006 fanden Expeditionen der US-Organisation RPM Nautical Foundation rund 40 Wracks entlang der Küste, darunter Schiffe aus dem siebenten Jahrhundert vor Christus und Marineschiffe aus den beiden Weltkriegen. Auch Hunderte Amphoren aus der Römerzeit liegen auf dem Meeresboden.

Gewinnbringende Schatzsuche
Wie viel davon bereits auf dem internationalen Kunsthandelsmarkt gelandet ist, können Experten kaum einschätzen. Weltweit werden dort rund 3,5 Milliarden Euro jährlich umgesetzt, sagt Auron Tare, Vorsitzender des Unesco-Beratungsgremiums für das Unterwasser-Kulturerbe. "Klar ist: Eine Schatzsuche unter Wasser kann große Gewinne einbringen", sagt auch der Unterwasser-Archäologe Moikom Zeqo.

In Albanien werden Vasen für bis zu hundert Euro verkauft und dann in London und anderen Kunstmetropolen für viel größere Summen versteigert. Viele Funde sind in Privatmuseen auf der ganzen Welt ausgestellt, wie etwa die Glocke des österreichisch-ungarischen Schiffes "SS Linz", das im März 1918 mit 1.000 Passagieren an Bord von einer Mine vor der Nordwestküste Albaniens versenkt wurde. "Diese Objekte, ausgestellt in einem privaten Museum in Österreich, müssen nach Albanien zurückgebracht werden", fordert Tare.

Hochwertiger Stahl von Kriegsschiffen
Daneben haben es Taucher auf den hochwertigen Stahl von Kriegsschiffen des frühen 20. Jahrhunderts abgesehen, der für medizinische und wissenschaftliche Geräte verwendet wird. "Um den Schiffsrumpf auszuschlachten, verwenden die Plünderer Dynamit", sagt Ilir Capuni von der University of New York Tirana.

2013 war Capuni bei der Entdeckung des ungarisch-kroatischen Dampfschiffes "Pozsony" dabei, das 1916 vor Durres gesunken war. Vier Jahre später "sahen wir, dass fast nichts davon übrig war". Ein ähnliches Schicksal ereilte das italienische Lazarettschiff "Po", das 1941 vor Vlora von einem britischen Torpedo versenkt wurde. Bei seiner Entdeckung war der algenbewachsene Schiffsrumpf intakt, doch seither verschwanden Glocke, Kompass, Telegraph, Licht und Geschirr. Zunächst für 5.000 Euro verkauft, erzielen manche Stücke bis zu 20 Mal so viel beim Wiederverkauf.

Jagd auf gestohlene Kulturgüter
Durch ein neues Gesetz werden Schiffswracks inzwischen als Kulturdenkmäler eingestuft. Mithilfe von Interpol will die albanische Polizei gestohlene Kulturgüter aufspüren. Und Luan Perzhita vom Archäologischen Institut Albaniens würde gerne ein Unterwassermuseum bauen, das die Artefakte schützt und Touristen anlockt. Doch 2018 wurden für Archäologie lediglich 30.000 Euro in den Staatshaushalt eingestellt. Albanien habe es nie vermocht, "die große Bedeutung zu verstehen, die dieser Reichtum für die Geschichte des Landes und die mediterrane Zivilisation darstellt", sagt Perzhita.
(APA, 31.12.2018)
Private Taucher plündern versunkene Schätze vor der Küste Albaniens - derStandard.at
 

josef

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#9
HOXHA-DIKTATUR
Albanien: Im "schrecklichsten Arbeitslager der Welt"
In Spaç hielt der albanische Diktator Enver Hoxha jahrzehntelang politische Feinde gefangen. Heute erinnern daran nur noch Ruinen

In den Bergen Nordalbaniens ließ Enver Hoxha seine politischen Gegner in Steinbrüchen arbeiten.
Foto: Michael Windisch

Spaç/Tirana – Sengend brennt die Sonne herab auf den Steinbruch von Spaç. Eine jahrzehntealte Stille liegt in der steilen und felsigen Schlucht. Am Abgrund lehnen die verfallenen Überreste schmuckloser Gebäude und trotzen dem trockenen Wind, der durch das spätsommerliche Tal pfeift. Spaç: Unter den zahlreichen Arbeitslagern im kommunistischen Albanien war dieses wohl das berüchtigtste. Hier, im kargen Nordosten des Landes, ließ Enver Hoxha, die "eiserne Faust" Albaniens, über Jahrzehnte wegsperren, wen er zum Feind erkoren hatte.

Das Lager von Spaç brauchte keine Zäune. Die Natur selbst stand jedem Fluchtversuch entgegen. Eine einzige Straße führt hierher. Von der Autobahn, die von der dichter besiedelten Küste im Westen in den Kosovo im Osten führt, sind es gerade mal zehn Kilometer. Doch selbst heute, mehr als dreißig Jahre nach dem Ende der Diktatur, ist die Fahrt nach Spaç ein Höllenritt.


Zehn steile Kilometer Schotterpiste führen nach Spaç.
Foto: Michael Windisch

Offiziell ist die SH40 als Nationalstraße gelistet. Tatsächlich besteht sie nur aus einer Ansammlung von Steinen, Staub und Schlaglöchern, die sich in steilen Kehren in das Tal hineinwinden. Die kurze Strecke wird im Schneckentempo zur Geduldsprobe. Gelegentlich kommen Lkws aus Steinbrüchen in dicken Staubwolken entgegen. Dann ein Pick-up. Der Fahrer hält an, fragt uns, ob wir nach Spaç wollen, ins Gefängnis. Als wir bejahen, sagt er, wir sollen gut aufpassen – er sei der Gefängniswärter. Dann lacht er über seinen makabren Scherz, gibt uns noch einen Tipp, wo wir halbwegs sicher parken können, und fährt weiter.

Macht und Paranoia
In einer Mischung aus Paranoia und Machtbesessenheit baute Enver Hoxha – von 1944 bis zu seinem Tod 1985 unangefochten an der Spitze Albaniens – nach außen auf die völlige Abschottung des Landes. Nach innen überzog der Geheimdienst "Sigurimi" den Balkanstaat mit einem dichten Netz, das früher oder später jeden, der Hoxha gefährlich werden konnte, einfing und nicht mehr ausließ. Es waren politische Gegner, Intellektuelle, Geistliche, vermeintliche jugoslawische oder sowjetische Spione.


Die in roter Schrift gemalten Worte des Diktators Enver Hoxha sind mittlerweile kaum mehr zu lesen.
Foto: Michael Windisch

Das Ausmaß des kommunistischen Lagerterrors aber ist bis heute schwer überschaubar. Sowohl die Zahl der Lager als auch die der Lagerinsassen unterscheiden sich von Quelle zu Quelle stark. Laut einem Historikerbericht aus dem Jahr 2016 ließ das kommunistische Regime in den Jahren seiner Herrschaft (1944 bis 1990) mehr als hundert Camps errichten, die knapp 60.000 Gefangene durchliefen. Mehr als 6.000 Menschen wurden hingerichtet, etwa 1.000 starben an den Folgen der Gefangenschaft. An den Mauern vor ihren Zellen in Spaç prangen noch heute in brandroter Farbe Zitate des Diktators Hoxha, vornehmlich über das Wesen des Sozialismus.

Kupfer und Pyrit für den Diktator
Der albanisch-französische Künstler Maks Velo, selbst zu zehn Jahren Haft in Spaç verurteilt, bezeichnete das Camp als "schrecklichstes Lager in Europa oder zu jener Zeit der ganzen Welt". Abgebaut wurden hier zwischen 1968 und 1990 Kupfer und Pyrit – der zur Herstellung von Schwefelsäure verwendet wird. Viele Gefangene erkrankten wegen des hohen Arbeitspensums oder starben an giftigen Dämpfen. Harte Strafen waren an der Tagesordnung. Hitze im Sommer und Schnee und Eis im Winter zermürbten die Häftlinge zusätzlich.


Im Sommer lag die Hitze, im Winter Eiseskälte über den Berghängen.
Foto: Michael Windisch

Dennoch droht Spaç das Vergessen. Vor Ort verfallen einige wenige Informationstafeln gemeinsam mit den Gebäuden. 2016 setzte der World Monument Fund das Lager von Spaç auf seine Liste gefährdeter Kulturdenkmäler. Konzepte einer albanischen NGO für einen Gedenkort liegen seit längerer Zeit vor, ein Zeitplan jedoch nicht. Immerhin eine digitale Rekonstruktion des Geländes konnte die Organisation Cultural Heritage without Borders gemeinsam mit dem US-amerikanischen Worcester Polytechnic Institute realisieren.

Eine schwedische NGO hat Teile der Fassade behelfsmäßig gesichert, um den schlimmsten Verfall zu verhindern. Die angrenzende Mine gehört seit einigen Jahren einem türkischen Unternehmen, nachdem nach der Wende der Kupferabbau über Jahrzehnte zum Erliegen gekommen war. Auf der Website des Unternehmens findet sich unter "Project Spaç" ein einziger Satz über die Geschichte des Geländes als Lager.

"Sie waren blau geschlagen und voll mit Blut"
1973 kam es zu einem Aufstand in Spaç. Die Arbeitsbedingungen und der Hunger trieben die Häftlinge in die Revolte. Doch das Unterfangen war aussichtslos: "Spezialeinheiten des Innenministeriums aus Tirana wurden mit einem Hubschrauber eingeflogen und befahlen uns, uns zu ergeben. Wir waren von diesen Einheiten umzingelt", berichtete Gramos B., ein Zeuge des Aufstands, um die Jahrtausendwende in einem Dokumentationsband – in der Publikation wird der Aufstand wohl irrtümlicherweise auf das Jahr 1985 datiert.

Von 400 Insassen seien 40 verhaftet worden: "Am nächsten Tag kamen zwei Lastwagen, um sie abzutransportieren. Als die 40 Männer aus den Zellen kamen, erkannten wir sie nicht mehr. Sie waren blau geschlagen und voll mit Blut. Ihre Hände waren am Rücken gefesselt und sie wurden von den Aufsehern immer wieder geschlagen ... In dieser Zeit mußten wir im Lager immer häufiger Menschen begraben, die erschossen oder erschlagen worden waren."


Seit den 1990ern stehen die Gebäude leer.
Foto: Michael Windisch

"Generation ohne Gedächtnis"
Der heutige Zustand von Spaç kann als Symbol gelten für die fehlende Aufarbeitung der jüngeren Vergangenheit in Albanien. Die Geheimdienstarchive wurden zwar 2015 geöffnet. Zu einer Verurteilung von Tätern habe das aber nicht geführt, erzählt Jonila Godole, die das Institute for Democracy, Media and Culture in Tirana leitet. Die politischen Eliten des Landes hätten wenig Interesse an einer Aufarbeitung, zu stark wirkten bis heute die Netzwerke der früheren Machtzirkel. Große Teile der Bevölkerung seien um Vergessen bemüht. Vor allem die albanische Jugend sei "eine Generation ohne Gedächtnis". So sei eine "Kultur der Straffreiheit" entstanden, die sich heute unter anderem in der weitverbreiteten Korruption Bahn breche.

Mit ihrem Institut besucht Godole Spaç immer wieder mit Jugendlichen. Dass es kein öffentliches Interesse an einem Gedenkort gibt, stößt ihr sauer auf. Zwar gebe es in Tirana Museen in der früheren Geheimdienstzentrale und im Innenministerium: "Die sind aber nur an den Orten der Täter und nicht an denen der Opfer. Das ist kein Zufall." Dass die Kupfermine von Spaç mittlerweile wieder in Hochbetrieb ist, erschwere es zudem, dort Projekte umzusetzen.


Heute lebt ein Pferd auf dem Gefängnisgelände.
Foto: Michael Windisch

Mittlerweile lebt ein einsames Pferd in den Ruinen des alten Lagers. Die Arbeiter der Kupfermine füttern es mit Resten ihres Mittagessens. Uns Besucher betrachtet es skeptisch. Erst als wir uns wieder ins Auto setzen, um den langen Weg ins Tal anzutreten, dreht auch das Pferd sich um und verschwindet hinter einer Baracke. Es dürfte jetzt wieder längere Zeit Ruhe haben.
(Michael Windisch, 6.1.2023)
Albanien: Im "schrecklichsten Arbeitslager der Welt"
 

josef

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#10
BALKAN
Heikle Mensch-Umwelt-Beziehung entlang des Wildflusses Vjosa in Albanien
Die Realisierung des Vjosa-Nationalparks steht vor gewaltigen Herausforderungen: dem Dilemma der Abwanderung
Blog
Im Gastblog berichtet Robert Pichler von einem interdisziplinären Forschungsprojekt, das sich mit der Bevölkerung entlang des Flusses auseinandersetzt.
Durch die Aufwertung des Vjosatals zu einem Nationalpark übernimmt der albanische Staat ein gehöriges Maß an Verantwortung. Der Staat verpflichtet sich zur Erhaltung eines Gebiets in der Größe von 12.727 Hektar, das heißt der gesamten Wasserfläche, des Flussufers, der Landfläche und der drei Flussarme der Vjosa, des Drino, der Bënçe und der Shushica.

Die Auflagen für die Realisierung eines Nationalparks sind sehr streng. Im Mittelpunkt steht die Erhaltung des endemischen Reichtums an Flora und Fauna. Dieser Schutz bezieht sich auf bestimmte Beschränkungen wie das Verbot, in diesen Gebieten zu bauen und umweltschädliche Aktivitäten durchzuführen, oder die Beschränkung von Besucherzahlen und -zeiten. Darüber hinaus wird es Einschränkungen bei der motorisierten Fahrzeugnutzung geben müssen.


Alm oberhalb von Strëmbec.
Foto: Robert Pichler


Die Karte zeigt den Lauf der Vjosa von Griechenland kommend in südwestlicher Richtung vorbei an den Orten Përmet, Këlcyra, Tepelena und Selenica bis an die Adriamündung zwischen Vlora und Fier.(PZmaps, Albania map-en, CC BY-SA 3.0)
Foto: PZmaps, Albania map-en, CC BY-SA 3.0, Zugeschnitten

Ein Nationalpark wird von der Regierung des jeweiligen Staates verwaltet, die Regierung kann aber die Agenden auch auf regionale und lokale Verwaltungsebenen übertragen. In Albanien, wo Entscheidungen in der Regel zentral getroffen werden, wird daher Tirana eine entscheidende Rolle spielen. Dabei bietet sich auch die Chance, das Land symbolisch aufzuwerten. Das Natur- und Kulturjuwel Vjosa, das "blaue Herz Europas", wie die Region in den Medien gerne genannt wird, kann zu einem Emblem des nationalen Stolzes werden. Bisher war Albanien vorwiegend für seine Schönheit und landschaftliche Vielfalt bekannt, nicht jedoch dafür, dass die Regierung und die Menschen große Anstrengungen unternommen hätten, diese auch zu schützen. Nun hat man die Möglichkeit, dieses Manko zu korrigieren. Das Vjosa-Nationalparkprojekt könnte zu einem international beachteten Vorzeigemodell werden. Der Weg dorthin ist aber steinig und weit.


Am Weg zum Wasserfall von Sopot im Nemërcka-Gebirge.
Foto: Robert Pichler


Der Wasserfall von Sopot knapp unter der Quelle im Nemërcka-Gebirge.
Foto: Robert Pichler

Die Erkundung des Vjosatals als Forschungsvorhaben
Die Aktivitäten rund um die Bewahrung der Natur- und Kulturlandschaft Vjosa bildeten den Ausgangspunkt für ein interdisziplinäres Forschungsvorhaben, das von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Forschungsbereichs Balkanforschung (IHB) an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Kooperation mit dem Institut für Kulturanthropologie und Kunststudien in Tirana konzipiert wurde. Anhand ausgewählter Fallstudien untersuchen wir die sich verändernden Mensch-Umwelt-Beziehungen entlang des Flusses. Wir fokussieren auf die Art und Weise, wie der Fluss die sozialen und kulturellen Beziehungen beeinflusste, wie sich die Flusslandschaft auf die Besiedelung und die ökonomische Nutzung auswirkte und wie sich dieses Verhältnis infolge massiver Transformationen, ausgehend von der kommunistischen Machtübernahme bis in die Gegenwart, verändert hat.

Zur Vorbereitung auf dieses Vorhaben wurden im September 2021 und im Oktober 2022 zwei Erkundungsreisen entlang der Vjosa durchgeführt, die uns erste wichtige Erkenntnisse gebracht haben, die uns aber auch verdeutlicht haben, mit welchen Herausforderungen das geplante Nationalparkprojekt zu kämpfen haben wird.

Das Dilemma der Abwanderung
So wie alle postsozialistischen Länder ist auch Albanien seit der Wende von massiver Abwanderung aus den ländlichen Regionen in die Städte und ins Ausland betroffen. Albanien weist darüber hinaus noch gewisse Spezifika auf: Kein anderes Land verzeichnete in der Zeit des Realsozialismus ein derart starkes Bevölkerungswachstum – zwischen 1945 und 1991 hat sich die Bevölkerung beinahe verdreifacht. Nirgendwo anders wurde ein derart rigides Migrationsregime innerhalb des Landes verfolgt. Diese Politik, die darauf abzielte, ein Gleichgewicht zwischen städtischer und ländlicher Entwicklung herzustellen (was letztlich scheiterte), führte dazu, dass die ländlichen Regionen und vor allem die Gebirge im Verhältnis zu den vorhandenen Ressourcen deutlich überbevölkert waren.


Wasserzuleitungen mit Schläuchen aus dem Quellbereich der Sopot, die ins Dorf Strëmbec führen.
Foto: Robert Pichler


Bewässerungsrinnen, die in kommunistischer Zeit angelegt wurden, sind nur noch selten in Betrieb.
Foto: Robert Pichler

Entvölkerung der gebirgigen Zonen
Als das kommunistische Regime 1991 kollabierte, kam es zu einer massiven Abwanderung. Hunderttausende Menschen zogen aus den gebirgigen Gebieten in die Ebenen und an die Küsten, vor allen aber nach Tirana, dessen Einwohnerzahl sich in den letzten 30 Jahren beinahe vervierfachte (von 230.000 auf über 800.000 Einwohner und Einwohnerinnen). Gleichzeitig kam es 1991 zu einer ersten massiven Auswanderungswelle Richtung Griechenland und Italien. 1997, als es infolge des Zusammenbruchs betrügerischer Unternehmen, in die große Teile der Bevölkerung ihr Kapital investiert hatten, zu einem Aufstand gegen die Regierung und zu einem Verfall der staatlichen Ordnung kam, flüchteten abermals zigtausende Menschen ins Ausland.

Auch das Vjosatal war von dieser Entwicklung massiv betroffen. Einerseits begann damals ein Prozess der "Entvölkerung" der Bergdörfer, andererseits kam es infolge der Deindustrialisierung auch zu einem Bevölkerungsschwund in den wenigen größeren Orten am oder in der Nähe des Flusses. Aus den südlichen Bergregionen gingen damals viele Menschen nach Griechenland, weiter im Nordwesten, wo sich das Tal Richtung Adria hin öffnet, wurde auch Italien zu einer wichtigen Destination für Migranten. Die Abwanderung schlägt sich in der Bevölkerungsstruktur nieder, sie reflektiert aber auch eine gesamtgesellschaftliche Dynamik, die sich auf die Beziehung der Menschen ihrer Umwelt gegenüber auswirkt.

Unterbevölkerung und der Zerfall dörflicher Infrastruktur
Die Bevölkerung des Kreises Gjirokastra, in dem das Vjosatal liegt, ist in den vergangenen fünf Jahren um 16 Prozent geschrumpft. Die Statistik weist einen deutlichen Überhang von Männern aus, die in dieser Zeit abgewandert sind. War das Geschlechterverhältnis 2017 noch beinahe ausgeglichen, so lebten 2022 vier Prozent mehr Frauen als Männer in Region (28.711 gegenüber 26.567).¹ Das Durchschnittsalter von 39,4 Jahren macht die Region zur ältesten in ganz Albanien.


Die kommunalen Gebäude im Zentrun von Badëlonjë sind mittlerweile vollkommen verfallen.
Foto: Robert Pichler

Viele Bergdörfer, die bis Mitte der 1990er-Jahre noch vollständig besiedelt waren, sind mittlerweile verlassen oder werden nur noch von einigen wenigen Familien bewohnt. In Badëlonjë etwa, einem Dorf in der Nähe der Stadt Përmet, das nur wenige hundert Meter über der Vjosa auf einer kleinen Anhöhe liegt, gab es Anfang der 1990er-Jahre 80 bewohnte Häuser, wie mir der Bürgermeister der Gemeinde, Flamur Jaqe, erzählt. Heute sind nur noch zwölf Häuser bewohnt und es leben fast nur noch alte Menschen hier, die Jungen sind alle abgewandert. Die gesamte soziale Infrastruktur des Dorfes, die Schule, der Dorfladen, die Bäckerei und das Gemeinde- und Kulturhaus sind nicht mehr intakt.


In Badëlonjë sind nur noch wenige Häuser bewohnt. Ein Denkmal im Zentrum erinnert an den Partisanenkampf gegen die deutschen Besatzer.
Foto: Robert Pichler

1997 habe hier der große Exodus eingesetzt, erzählt man mir. Der Frust der Menschen auf die Regierung infolge der Firmenpleiten 1997, in die viele ihr ganzes Eigentum investiert hatten, hatte einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Die damals herrschende Anarchie und die vielen mutwilligen Zerstörungen haben viele Menschen dazu bewogen, die Region zu verlassen.

Heute ist Badëlonjë, so wie viele andere Bergdörfer in der Region, drastisch unterbevölkert. Es leben nicht mehr ausreichend Menschen im Dorf, um die fragile Infrastruktur einer Gebirgsregion zu erhalten: die Wege und Pfade, die Bewässerungssysteme, die Kanäle, die Wälder und die Wiesen, all das, was im Gebirge einer sorgfältigen Pflege bedürfte. Mit der Abwanderung hat sich auch das soziale Leben eingeschränkt. Es gibt keine Feste mehr, keine Hochzeiten, kein Zusammensitzen nach der Arbeit in der Dorfkneipe, keine spielenden Kinder. Das Leben spielt sich woanders ab, wie mir ein alter Mann, der ein paar Schafe auf der Dorfweide hütet, mitteilt; es ist weitergezogen, nach Tirana, an die Küste und ins Ausland. Auch der Strom der Rückkehrer und Rückkehrerinnen ist mittlerweile versiegt, derjenigen, die vor ein paar Jahren zumindest noch für kurze Zeit vorbeischauten. So werden die Siedlungen zu Geisterdörfern.

Die massive Abwanderung hat zweifellos zu einer Entlastung der Umwelt beigetragen. Eine hohe Bevölkerungsdichte in Kombination mit nicht nachhaltigen Konsummustern führt zur übermäßigen Ausbeutung des Lebensraums und zu einem Verlust an Biodiversität. Aber auch Unterbevölkerung kann zu einem ökologischen Problem werden, wenn nicht mehr genügend Menschen da sind, um die soziale und materielle Infrastruktur zu erhalten. Darüber hinaus macht sich auch der Klimawandel stark bemerkbar, Trockenheit und Starkregen haben zugenommen, was an exponierten Hängen zu zunehmender Erosion führt.


Erodierende Böden bei Badëlonjë.
Foto: Robert Pichler

Man wird sehen, ob die Nationalparkverantwortlichen diese Probleme erkennen und welche Strategien sie dagegen entwickeln werden. Auf jeden Fall wird es ein hohes Maß an Expertise in unterschiedlichen Bereichen brauchen, um diesen Herausforderungen begegnen zu können. Wie im nächsten Teil der Serie zu lesen sein wird, kommen aber noch weitere, migrationsbedingte Probleme hinzu, die das ganze Land betreffen und nicht von heute auf morgen zu lösen sein werden.
(Robert Pichler, 30.3.2023)

Robert Pichler arbeitet als Historischer Anthropologe und Fotograf am Forschungsbereich Balkanforschung an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. In seiner Arbeit befasst er sich mit Migration in, aus und nach Südosteuropa sowie mit bildwissenschaftlichen Fragestellungen. Seine fotografischen Arbeiten sind ethnografisch inspiriert und befassen sich mit Aspekten des sozialen und kulturellen Wandels in peripheren Regionen Südosteuropas.

Fußnoten
¹INSTAT (Institute of Statistics), Population by prefecture 2022. (Population | Instat)

Weiterer Beitrag
Heikle Mensch-Umwelt-Beziehung entlang des Wildflusses Vjosa in Albanien
 

josef

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#12
Wie der Fluss Vjosa zum Grab hunderter Opfer des Kommunismus wurde
Eine Reise in die Geschichte des Internierungslagers in Tepelena
Blog
Im Gastblog zeigt Robert Pichler an einem Beispiel den Umgang Albaniens mit den Schrecken seiner kommunistischen Vergangenheit.
Meine beiden Reisen an die Vjosa führten immer über Tepelena, einer Kleinstadt auf einem Hang über der Vjosa gelegen, von wo aus Wege in den Süden (nach Griechenland über Gjirokastra), in den Südosten (entlang der Vjosa), in den Westen (entlang des beeindruckenden Nivica-Canyons) und nach Norden (nach Tirana, Vlora und Durrës) führen. Bekanntheit erlangte Tepelena vor allem durch Ali Pasha (1741 bis 1822), der in einem Dorf nahe der Stadt geboren wurde und zu Beginn des 19. Jahrhunderts seinen Herrschaftsbereich über Südalbanien, Thessalien, Epirus bis nach Westmakedonien ausweitete. Aufgrund seiner Autonomiebestrebungen und seiner Unterstützung der griechischen Unabhängigkeitsbewegung wurde er vom Sultan geächtet, 1822 gefangengenommen und getötet.



Eine Büste von Ali Pasha auf der Festungsanlage in Tepelena.
Foto: Robert Pichler 2021

Das berüchtigte Internierungslager in Tepelena
Abgesehen von seiner exponierten Lage und seiner historischen Bedeutung erlangte Tepelena Ende der 1940er Jahre den Ruf eines berüchtigten Verbannungsortes. 1949 wurde im Norden der Stadt am Zusammenfluss von Bënça und Vjosa eines der berüchtigtsten Internierungslager des albanischen Kommunismus eingerichtet. Viele Insassen waren Angehörige der machthabenden Elite der Vorkriegszeit. Zudem waren in Tepelena überdurchschnittlich viele Frauen und alte Menschen interniert, die meist aus Nord- und Mittelalbanien stammten.

Das Lager zeichnete sich durch eine besonders unmenschliche Behandlung der Insassen aus. Überlebende berichten von katastrophalen Bedingungen, chronischer Unterernährung, ausbleibender medizinischer Versorgung trotz mehrerer tödlicher Krankheiten, von Erfrierung im Winter und vom Erschöpfungstod als Folge von Zwangsarbeit und Hunger.¹

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Es gibt keine Foto- oder Filmaufnahmen vom Internierungslager in Tepelena. Einer der Insassen, Lek Pervizi, hat Zeichnungen angefertigt, die Einblick in die Wohn- und Lebensbedingungen in den Barracken geben.²
Illustration: Rradhet e Ferrit (Die Kreise der Hölle) von Lek Pervizi (Si u krijuan dhe si funksionuan kampet e internimit në diktaturën komuniste në Shqipëri – nga Lek Pervizi)

Besonders infam war die Internierung von Kindern, die mit ihren Eltern und Großeltern und mitunter sogar alleine ins Lager gesperrt wurden. Man schätzt, dass circa 300 Kinder und ungefähr so viele Erwachsene aufgrund von Mangelernährung, Seuchen und fehlender Gesundheitsversorgung, durch Minen oder bei der Zwangsarbeit umgekommen sind.³

Wie Überlebende berichten, wurden die Toten vor dem Eingang des Lagers bestattet. Viele Gräber waren aber so notdürftig errichtet, dass sie bei Starkregen von Wasser unterspült wurden und die Überreste der Toten freigaben. Auf Anweisung des von 1944 bis 1985 herrschenden Langzeitdiktators Enver Hoxhas, der den Anblick des Gräberfeldes als schändlich empfunden haben soll, wurde der Friedhof beseitigt. Die Lagerleitung wies die Angehörigen an, die Überreste ihrer verstorbenen Verwandten umzubetten. Diejenigen, die dazu noch in der Lage waren, bestatteten ihre Verwandten an der Bënça-Brücke. Die übrigen Gräber wurden von einem Bulldozer platt gemacht. Bis heute lässt sich die Identität der dort Verscharrten nicht bestimmen. Die sterblichen Überreste der am Ufer der Bënça Bestatteten wurden hingegen mit der Zeit von den immer wiederkehrenden Fluten des Flusses mitgenommen. Ihre Gebeine landeten in der Vjosa, die so zum Grab Hunderter Opfer des Kommunismus wurde.

Umgang mit dem Erbe des kommunistischen Terrors
Mittlerweile wurde das ehemalige Arbeitslager in Tepelena zu einer Gedenkstätte umgewidmet. Tepelena sollte zu einem Musterprojekt ausgebaut werden, zu einem Modell für alle Zwangsarbeitslager in Albanien, um eine selbstkritische Vergangenheitsaufarbeitung zu befördern. Es sollte ein Gedächtnis- und Museumsort werden, an dem der Opfer der kommunistischen Verfolgung gedacht und die Mechanismen von Unterdrückung und Gewalt offengelegt würden. Vor allem für die neue Generation, für all jene, die nach der Diktatur geboren wurden und kaum noch einen Bezug zu dieser Zeit herstellen können, sollte das Lager ein Mahnmal sein, damit sich solche Verbrechen nicht mehr wiederholen können. Umgesetzt werden sollte dieses Projekt im Zeitraum 2017 bis 2021, so zumindest sah es das Regierungsprogramm vor.⁴

Als ich das Lager im Herbst 2021 erstmals besuchte, war von all diesen Vorhaben nur sehr wenig zu sehen. Nur mit Hilfe meines albanischen Gastgebers war ich in der Lage, das Lager überhaupt zu finden. Es gibt kein Hinweisschild, keine Tafel oder einen sonstigen Verweis, der auf die Existenz des Lagers aufmerksam machen würde. Die Zufahrt, von der Hauptstraße kommend, ist nur mit einem geländegängigen Auto möglich, obwohl das Lager nur gute 500 Meter von der Ausfahrtsstraße entfernt liegt. Man kommt an einem Sportplatz vorbei, an neu errichteten Häusern und verfallenden Barracken und stößt dann an einen Gebäudekomplex, der immer noch mit Stacheldraht umgeben ist. Erreicht man dann den Eingang, tut sich ein wahrlich bizarres Bild vor einem auf.

Das erste, das man sieht, wenn man das Tor öffnet, ist eine Schar von Hühnern und Gänsen, die gackernd und schnatternd auf einen zukommt. In den ehemaligen Kommandoräumen, die im Erdgeschoss noch einigermaßen intakt sind, hat eine Kuh ihr Zuhause gefunden.


Eingang zum ehemaligen Internierungslager Tepelena.
Foto: Robert Pichler 2021


Die Lagergebäude dienen nun als Unterstand für Kühe, Hühner und Gänse.
Foto: Robert Pichler 2021


Das ehemalige Kommandogebäude des Internierungslagers Tepelena.
Foto: Robert Pichler 2021


Das Wasser wird nun zur Bewässerung der Zypressen genutzt.
Foto: Robert Pichler 2021

Eine undichte Wasserleitung führt in die Mitte des ausgedehnten Platzes, wo 300 Zypressen in Erinnerung an die 300 im Lager verstorben Kinder gepflanzt wurden. Neben dem Zypressenwald steht eine Gedenktafel, die die Lagergeschichte erzählt und Angaben macht über die Zahl der Opfer. Wie mir zwei ältere Damen aus der Nachbarschaft erzählen, wurde das Lager bisher nur bei Veranstaltungen besucht, wenn Überlebende, NGOs, Kunstschaffende und Institute, die sich mit der Lagergeschichte und den Opfern kommunistischer Gewalt befassen, zusammenkommen, um sich auszutauschen, an die Schrecken zu erinnern und an die Regierung und die Öffentlichkeit zu appellieren, den Kampf gegen das Vergessen nicht aufzugeben.

Warum diese Vernachlässigung und dieses Schweigen?
Es hat einige Zeit gedauert, bis man sich in Albanien mit dem kommunistischen Terror, den Gefängnissen, Arbeits-, Straf- und Internierungslagern, den Tätern und Opfern, den Verbrechen, den Traumata und den Folgen der Gewalt zu beschäftigen begann. In den ersten 20 Jahren nach der Wende passierte dahingehend fast nichts. Abgesehen von materiellen Entschädigungen der anerkannten Opfer gab es kaum eine Auseinandersetzung mit den Verbrechen des Kommunismus. Auch die Orte des Terrors, die Gefängnisse und Lager, waren dem Verfall ausgesetzt. Nach Spaç etwa, dem berüchtigten Straflager für politische Gefangene im Norden Albaniens, war es kaum möglich hinzugelangen, weil sich niemand um die Zufahrtsstraße kümmerte. Das einzige, das an die Lagergeschichte erinnerte, war ein Denkmal vor dem Gebäudekomplex. Die wenigen autobiographischen Zeugnisse, die aus der Perspektive Betroffener Einblicke in diese grauenvolle Zeit gaben, fanden international größere Beachtung als im Land selbst.⁵


Graffiti erinnern noch an die Zeit der Diktatur.
Foto: Robert Pichler 2021

Die Gründe für dieses lange Schweigen waren unterschiedlicher Natur. Zunächst verlief die Phase der Transition in Albanien ungemein turbulent, die Einschnitte waren sehr tief, die Ökonomie kollabierte, der Staat zog sich aus dem Leben der Menschen weitgehend zurück, für viele war Migration die einzige Möglichkeit, ihr Überleben zu sichern. Hinzu kam, dass die neue politische Führung, die sich das Attribut "demokratisch" verlieh, tief in der kommunistischen Herrschaftsmentalität verankert blieb. Weder gab es in Albanien eine Dissidentenkultur, noch gab es Rückkehrende, die ihre Erfahrungen mit Demokratie, Marktwirtschaft und Zivilgesellschaft in das politische Leben einfließen lassen hätten können. Unter diesen Bedingungen fanden die Initiativen der Überlebenden der Gefängnisse und Lager nur wenig Gehör.


Im Internierungslager Tepelena.
Foto: Robert Pichler 2021

Erst in den letzten Jahren ist etwas Bewegung in die Aufarbeitung der totalitären Vergangenheit gekommen. 2010 wurde das Institut für die Erforschung Kommunistischer Verbrechen und ihrer Folgen in Tirana gegründet, das staatlich gefördert wird und eine rege Publikations- und Ausstellungstätigkeit vorzuweisen hat.⁶ 2014 wurde das Institute for Democracy, Media and Culture (IDMC) gegründet, das enorme Verdienste bei der Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit hat.⁷ In Ermangelung eines staatlichen Gedenktages organisiert das IDMC alljährlich einwöchige Memory Days, die sich der kritischen Auseinandersetzung mit der kommunistischen Zeit widmen.⁸ 2015 wurde ein Gesetz erlassen, das die Öffnung und Freigabe der Akten des Geheimdienstes für alle Opfer der politischen Verfolgung möglich machte. Obwohl viele heikle Akten bereits 1991 vernichtet worden waren, war dieser Gesetzeserlass – der sich am deutschen und tschechischen Modell orientierte – ein wichtiger Schritt.⁹ Darüber hinaus wurden mehrere Museen eröffnet, wie Bunk'Art 1 und 2 in den unterirdischen Räumlichkeiten der ehemaligen Nomenklatura sowie The House of Leaves – so genannt wegen der Kletterpflanzen an seiner Fassade – im Gebäude des ehemaligen Hauptquartiers des Geheimdienstes Sigurimi in Tirana, das an die Mechanismen der Überwachung und der psychischen Gewalt erinnert. In Shkodra, dem urbanen Zentrum des Nordens, entstand in einem vormaligen Gefängnis ein Museum, das auf konzeptionell und kuratorisch hohem Niveau an die kommunistische Verfolgung erinnert.¹⁰


Verfallene Baracken im Internierungslager Tepelena.
Foto: Robert Pichler 2022

Dass das Lager in Tepelena trotz großer Vorsätze derart vernachlässigt wurde, steht unter anderem mit der geographischen Distanz zu Tirana in Zusammenhang. Tepelena ist schlicht zu abseits gelegen, um von der Hauptstadt aus eine koordinierte Aufbauarbeit leisten zu können. Kritische Stimmen monieren aber auch, dass zwischen den wenigen Organisationen, die sich mit Vergangenheitsbewältigung befassen, große Konkurrenz herrscht. Es geht auch hier um knappe Ressourcen, um Einfluss und um Strategien im Umgang mit der Vergangenheit, die durchaus umstritten sind. Hinzu kommt, dass es auch von Regierungsseite kein klares Commitment zur Aufarbeitung der Verbrechen des totalitären Regimes gibt. In Tepelena selbst haben wenigen Menschen, die nicht weggegangen sind, mit grundlegenden Problemen des Alltags zu kämpfen.


In einer der Baracken des Lagers.
Foto: Robert Pichler 2021

Andere ehemalige Gefängnisse, Arbeits- und Internierungslager, etwa in der Umgebung von Lushnja, fallen ebenso dem Vergessen anheim. Auch dort gibt es, trotz der Initiativen ehemals Internierter und einzelner Aktivisten und Aktivistinnen, kaum öffentliche Unterstützung für die Errichtung von Gedenk- und Gedächtnisorten, die so wichtig wären für die Jungen im Land, die kaum etwas wissen über die so prägende kommunistische Geschichte ihres Landes. Man kann nur hoffen, dass die Verantwortlichen des Vjosa-Nationalparkprojekts diesen Teil der Geschichte in ihre Planungen integrieren, damit das Internierungslager in Tepelena zu einen würdigen Museums- und Gedächtnisort werden kann.
(Robert Pichler, 28.4.2023)

Robert Pichler arbeitet als Historischer Anthropologe und Fotograf am Forschungsbereich Balkanforschung an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. In seiner Arbeit befasst er sich mit Migration in, aus und nach Südosteuropa sowie mit bildwissenschaftlichen Fragestellungen. Seine fotografischen Arbeiten sind ethnografisch inspiriert und befassen sich mit Aspekten des sozialen und kulturellen Wandels in peripheren Regionen Südosteuropas.


Fußnoten
¹ Erinnerungen von Überlebenden des Camps in Tepelena geben Zeugenschaft von den Leiden im Lager. Beqir Meta, Ermal Frashëri, Framework Study. On prison system, internment and forced labor during communist regime in Albania with a focus on establishing a museum of memory in the former internment camp in Tepelena. November 2018.
² Memorie.al
³ Lek Pervizi, Piktori i kampeve të vdekjes, Kuq e Zi, 2017, 5.
Tepelena former Internment Camp – Memory Cites, March 13, 2020.
⁵ Fatos Lubonja, Second Sentence: Inside the Albanian Gulag. I.B. Tauris 2009. Jüngst von Lubonja erschienen: Like a Prisoner: Stories of Endurance. Istros Books 2022.
Instituti i Studimeve për Krimet dhe Pasojat e Komunizmit (ISKK)
Institute for Democracy, Media & Culture (IDMC)
Memory Days '23
⁹ Jonila Godole, Albanien: Deutschland als Musterland. Bundeszentrale für politische Bildung (bpb)
¹⁰ Madalin Necsutu, Albanian Museum Keeps Memories of Communist Terror Alive. BalkanInsight July 31, 2019.


Wie der Fluss Vjosa zum Grab hunderter Opfer des Kommunismus wurde

 

josef

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#13
RADIKALER UMBAU
Tiranas Operation an sich selbst
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Einst ließ ein Bürgermeister die grauen Häuser der albanischen Hauptstadt Tirana anmalen, um mehr Farbe in die Stadt zu bringen. Diese Kosmetik prägt die Stadt bis heute mancherorts, auch wenn viele Häuser von damals nicht mehr existieren und die Metropole stark modernisiert wurde. Der wohl tiefgreifendste Umbau findet gerade statt. „Tirana 2030“ nennt sich das Projekt – und damit bleibt praktisch kein Stein auf dem anderen.
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Es sind Veränderungen, die man von einer gewachsenen Stadt nicht erwartet, denn der Umbau betrifft im Wesentlichen den Stadtkern. Dort werden sowohl gewöhnliche als auch historische Gebäude durch Hochhäuser ersetzt. Und das mit dem Ziel, die Zersiedelung der Stadt zu stoppen und Tirana weitaus grüner zu machen. Die Idee: die Stadt innen zu komprimieren, um an den frei werdenden Flächen Grünareale zu schaffen.

Bemerkenswert ist, dass das alles in der Hauptstadt eines der ärmsten Länder Europas geschieht, wo das Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf bei etwa einem Drittel des EU-Schnitts liegt. Nach Ansicht der Stadtverantwortlichen ist der dramatische Umbau nötig: Tirana mit seinen nach aktuellen Zahlen etwa 420.000 Einwohnerinnen und Einwohnern wachse jedes Jahr um etwa 30.000 Menschen, die Frage sei also, wie man das nachhaltig planen könne, sagte der sozialistische Bürgermeister Erion Veliaj zum Projekt.

ORF/Valentin Simettinger
Rege Bautätigkeit umgibt Tiranas zentralen Skanderbeg-Platz (das Bild wurde Ende Jänner aufgenommen)

Geschichtsverlust und höhere Preise?
Bei einem Spaziergang durch die Innenstadt stechen die neu hochgezogenen Gebäude rasch ins Auge. Angesichts dessen – und dass dafür auch historische Gebäude weichen mussten – befürchten Kritiker und Kritikerinnen des Vorhabens, dass die Stadt ohne Rücksprache mit der Bevölkerung unter Bauherren aufgeteilt wird, die am Ende alles bis zur Unkenntlichkeit verändert haben. Nicht nur Geschichte gehe verloren, auch würden die Wohnungspreise nach oben getrieben.

Augenscheinlich wird die rasante Veränderung auf dem zentralen Skanderbeg-Platz, auf dem sich vor wenigen Jahren noch massenhaft Autos entlangwälzten. Angelegt wurde der Platz während der italienischen Besatzung – eine Mischung aus italienischem Modernismus der 1930er Jahre und sowjetischer Architektur kennzeichnet ihn. Die betonierte Oberfläche ist dem Platz zwar erhalten geblieben, doch kreuzen hier jetzt lediglich Fußgängerinnen und Fußgänger ihre Wege durch die erschaffene Fußgängerzone.

ORF/Valentin Simettinger
Im Zentrum Tiranas entstehen teilweise spektakuläre Gebäude – doch es gibt auch Kritik am Umbau der Stadt

Abriss unter lautem Protest
Und beim Blick rundherum stechen rasch neue, durchaus anspruchsvoller designte Hochhäuser und frisch restaurierte Gebäude ins Auge. Ein markantes und gleichsam in den Augen vieler bedeutendes Gebäude fehlt seit Mai 2020, es wurde in einer Nacht- und Nebelaktion abgerissen – breitem Protest zum Trotz. Das Teatri Kombetar wurde 1939 von dem italienischen Architekten Giuglio Berte entworfen, diente zunächst als Einrichtung für die italienische Armee, bevor es 1947 zum Nationaltheater wurde.

Bekannte Künstler und Architekten kritisierten den Abriss vehement – nicht nur wegen des Denkmalschutzes, sondern auch wegen der fragwürdigen Ausschreibung, der Umgehung von Wettbewerbsrecht und den Plänen für das neue Theater fernab des Zentrums. Das Gebäude wurde zwei Jahre lang durch Aktivistinnen und Aktivisten besetzt, bevor der Abrisstrupp spät nachts und unangekündigt anrückte. Dass das alles während der Pandemie passierte, war offenbar auch kein Zufall.

Architekt will Wald in Städte bringen
Der Startschuss zum Umbau des Zentrums wurde bereits im Jahr 2016 gegeben – damals wurden die Pläne unter der Formel „Tirana 2030“ bekanntgegeben. Die Stadtplaner argumentierten, dass der Zuzug und die damit verbundene neue Bebauung nach dem Ende des kommunistischen Regimes der Stadt zwar Charakter verliehen habe, doch Ordnung und Struktur fehle. Der italienische Architekt Stefano Boeri entwarf als Konzept einen Waldring, der das Stadtzentrum umschließen sollte.

APA/AFP/Adnan Beci
Der Umbau der Pyramide ist bald vollendet – sie war früher Diktator Hoxha gewidmet, jetzt wird sie Kultur- und Bildungszentrum

Boeri gilt als Verfechter der opulenten Begrünung – mit entsprechenden Entwürfen und Projekten erlangte er internationale Bekanntheit. In Mailand etwa wurde sein „Bosco Verticale“ (Vertikaler Wald) realisiert, im Wesentlichen geht es dort um zwei spektakulär begrünte Hochhäuser. In China steht Boeri hinter noch weit umfassenderen Projekten: Dort sollen futuristisch anmutende „Forest Citys“ entstehen, große Viertel, die zugleich Stadt und Wald sind.

Stadt will Zugriff auf Raum behalten
Kommunal finanziert wird in Tirana freilich kaum, das lassen die Stadtkassen nicht zu. Folglich heißt das Angebot an Immobilienentwickler und Grundstückbesitzerinnen, dass diese zwar (nach dem Konzept vorzugsweise in die Höhe) bauen dürfen, die umliegenden Freiflächen der Grundstücke allerdings der Stadt zur Nutzung als öffentlichen Raum zu überlassen sind. Kritikerinnen und Kritiker sagen jedoch, dass die bisherigen Entwicklungen den gesetzten Kriterien nicht entsprechen.

ORF/Valentin Simettinger
Die spektakuläre Fassade des albanischen Nationalstadions – entworfen vom italienischen Architekturbüro Archea Associati

Überhaupt liege abgesehen von vielen Renderings auch kein detaillierter Plan auf, wie das umgestaltete Zentrum letzten Endes genau aussehen wird. Gegnerinnen und Gegner argumentieren, dass es für die Öffentlichkeit unmöglich zu verstehen sei, wie sich die Stadt im Detail entwickeln soll. Und auch gibt es Bedenken, woher das Geld für all die Projekte tatsächlich kommt. Fachleuten zufolge ist das Land zu einem Hotspot für Geldwäsche geworden.

Gelegenheit für italienische Mafia?
Und auch in diesem Bereich soll Italien eine Rolle spielen: so hatten Anti-Mafia-Staatsanwälte in Italien herausgefunden, dass das Mafiaorganisation ’Ndrangheta den Neubau von Tirana als Gelegenheit zur Geldwäsche erkannt hatte. Die Financial Action Task Force on Money Laundering (FATF), eine internationale Institution für die Überwachung von Geldwäsche, setzte Albanien auf die „Graue Liste“.

Das bedeutet, dass das Land aufgrund von Systemschwächen für Geldwäsche als hochgradig anfällig gilt. Dabei wurde ausgerechnet der Immobiliensektor als besonders besorgniserregend eingestuft. Und die albanische Financial Intelligence Unit (FIU) gab in einem ihrer Berichte an, dass „beträchtliche Immobilieninvestitionen mit unbekannter Geldquelle“ zu beobachten gewesen seien, die man als „verdächtig“ einstufe.

Fortschritte im Kampf gegen Geldwäsche
Doch kommunale Politik sieht entsprechende Vorgänge mit Verweis auf verstärkte nationale Vorkehrungen gegen Geldwäsche als systemisch weitgehend unterbunden. Tatsächlich erkennt der Europarat Albanien in einem aktuellen Bericht positive Schritte zu. So seien Maßnahmen ergriffen worden, um Mängel in Bezug auf Treuhänder, die den Anforderungen gegen Geldwäsche unterliegen, zu beheben. Gleichzeitig gebe es Bemühungen, um den Behörden den Zugang zu Informationen über wirtschaftliches Eigentum zu erleichtern. Auch die Maßnahmen zur Regulierung und Überwachung von Notaren und Immobilienmaklerinnen seien verstärkt worden, heißt es im aktuellen Europaratsbericht. Lizenzen könnten nun widerrufen werden, wenn gegen die Geldwäsche-Gesetzgebung verstoßen wird.
22.10.2023, Valentin Simettinger, ORF.at

Links:
Radikaler Umbau: Tiranas Operation an sich selbst
 

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#14
BALKAN
Albanische Bauern im Kampf gegen Schollenpflicht und teuren Diesel
Auch in Albanien gehen Landwirte auf die Straße. Die Geschichte der Bauernaufstände erzählt viel von den herrschenden Verhältnissen
Der Diesel. Die Milch. Das Blut. Alles fließt zusammen, wenn die Bauern in Nordalbanien von ihrem Leben erzählen. Der Diesel ist teuer, teurer als in Nachbarstaaten wie Montenegro oder Serbien. Je teurer aber der Diesel, desto teurer wird auch die Milchproduktion. Im europäischen Vergleich ist deshalb der Preis für einen Liter Milch, produziert von albanischen Bauern, extrem hoch.


Landwirt Gezim Doda hat Angst, dass auch er zusperren muss.
Adelheid Wölfl

Die Bauern bleiben zuweilen auf ihrer teuren Milch sitzen, weil die Molkereien lieber billigere Milch aus der EU oder aus Serbien importieren. Im April schüttete ein Bauer zehntausend Liter in der Nähe von Fier, im Herzen des Landes, auf die Straße. In weißen Bächen verfloss sie zwischen den protestierenden Landwirten. Der Bauer meinte zu seinem Protest: "Jeder soll sehen, wie unfair die Preise sind! Die Milch ist das Blut des Bauern!" Tatsächlich gehen viele Bauern in Albanien bankrott.

Gezim Doda aus dem Kreis Lezha im Norden Albaniens, ein Mann mit Schwielen an den Händen, in Jeans und hellblauem T-Shirt, hat Angst, dass auch er zusperren muss. Kürzlich hat er um Diesel-Subventionen angesucht. Bis zum Frühjahr zahlten die Molkereien 80 Lek pro Liter, jetzt sind es nur mehr 75 Lek, umgerechnet etwa 75 Cent. Sowohl in Serbien als auch in der EU werden Milchbauern viel stärker subventioniert als in Albanien.

Geringe Nachfrage
Bisher erhielt jeder Bauer jährlich für maximal 50 Kühe 85 Euro pro Vieh. Seit diesem Jahr erhalten Bauern auch für zusätzliche Kühe Geld, aber nur 43 Euro. Die Bauern wollen deshalb, dass künftig pro Liter Milch subventioniert wird, wie in der EU. Besonders im Frühjahr, wenn die Kühe mehr Milch geben, finden sie oft keine Käufer. "Wie soll ich denn dann meiner Kuh erklären, dass sie weniger Milch produzieren soll?", fragt Herr Doda und blickt in die großen, mit hübschen Wimpern umrahmten Augen einer der Kühe, die hinter dem Metallgestänge vor sich hin käuen. Doda mag seine Kühe. "Die ernähren uns, wir verstehen uns mit denen besser als mit den Leuten", erklärt er. "Obwohl du nicht mit ihnen reden kannst, trösten sie dich!", ist er überzeugt.

Sein Stall liegt oberhalb des Flusses Mat, über den eine windschiefe Betonbrücke führt, die man nicht so wirklich befahren möchte. Der Blick geht über die Flusslandschaft mit ausgiebigen Kiesufern. Der 48-jährige Vater von drei Kindern hat in Großbritannien Geld gespart, sodass er in Albanien etwa 100 Kühe kaufen konnte. "Wenn ich nur zwanzig hätte, wäre ich längst bankrott", erklärt er die Marktverhältnisse.


Oberhalb des Flusses Mat in der Nähe der Brücke liegt der Stall von Gezim Doda.
Adelheid Wölfl

In den vergangenen Jahren emigrierten immer mehr Leute aus Nordalbanien, weil sie nicht mehr von ihren kleinen Landwirtschaften leben können. Die Dörfer sind halbleer, oft sind nur die Alten zurückgeblieben. Vor einem Jahr hat die EU zudem die IPARD-Agrarmittel für Albanien aufgrund von Korruptionsfällen ausgesetzt.

Tradition des Widerstands
Die albanischen Bauern haben wie auch überall sonst in Europa an gesellschaftlichem und politischem Einfluss verloren. Laut dem Institut für Statistik schrumpfte der Landwirtschaftssektor, obwohl er hier noch immer ein Drittel aller Arbeitskräfte beschäftigt, im vergangenen Jahr sogar um mehr als drei Prozent. Es ist ein rasanter Niedergang. Bauer Doda will trotzdem weiterkämpfen, bevor er seine Kühe verkaufen muss. Er ist dafür auch bereit, auf die Straße zu gehen.

Die albanischen Bauern wurden schon Anfang des 20. Jahrhunderts für ihre Widerstandskraft berühmt. Bei dem mittelalbanischen Bauernaufstand – nach seinem Anführer Haxhi Qamili benannt – ging es in den Jahren 1914 und 1915 nicht nur um Preise, sondern vor allem um politischen Widerstand gegen den von europäischen Großmächten eingesetzten Fürsten Wilhelm zu Wied, der es in der Folge mit der Angst zu tun bekam. Wied verließ 1915 das Land, weil er mit seinen niederländischen Gendarmen nur mehr ein paar Kilometer rund um die Hafenstadt Durres kontrollieren konnte. Die Bauern hatten die Kontrolle übernommen.

Damals wollten sie wieder unter die Osmanische Herrschaft zurück. Tatsächlich gab es im Osmanischen Reich im Vergleich zu Mitteleuropa wenig Bauernaufstände. Die amerikanische Soziologin Karen Barkey führt dies auf das Timarsystem zurück: Kultivierteres Land wurde in Bezirke eingeteilt, deren Besitzer Timarioten genannt wurden. Die Bauern mussten ihnen Abgaben leisten, aber sie waren nicht direkt abhängig von ihnen, und sie konnten durch Abgesandte ihrer Gemeinden – Bekils genannt – mit der Zentralregierung in Konstantinopel kommunizieren.

Persönliche Freiheit
Während sich die rechtlichen und ökonomischen Verhältnisse in den habsburgischen Bereichen in der frühen Neuzeit für die Bauern verschlechterten, konnten die Bauern im Osmanischen Reich zumindest ihre persönliche Freiheit bewahren. Allerdings waren die muslimischen Bauern steuerrechtlich bevorzugt.

Zum Çift-Hane, der damaligen Besteuerungseinheit, gehörten der besteuerbare Bauer (Hane) und seine Familie, das an ihn verpachtete Land (Çiftlik) und das Ochsenpaar (Çift). Das Land war in männlicher Linie erblich und durfte nicht geteilt werden. Die Bauern in Südosteuropa reagierten auf wirtschaftliche Not und Armut mit Migration oder Bandenbildungen. Diese kämpften etwa dagegen, dass sich die Statthalter, die Paşas, in die traditionelle Autonomie der Dörfer einmischten.


Besonders im Frühjahr, wenn die Kühe mehr Milch geben, finden die Bauern oft keine Käufer.
Adelheid Wölfl

Im habsburgischen Südosteuropa unterlagen die Bauern der Schollenpflicht, sie hatten kaum Möglichkeit, sich in einem anderen Gebiet niederzulassen, und sie mussten ohne Widerspruchsrecht unentgeltlich für den Feudalherren arbeiten. Im 16. Jahrhundert kam es zu einem Preissturz für landwirtschaftliche Produkte und in Slowenien und Kroatien zu massiven Bauernaufständen. Man protestierte gegen die hohen Abgaben, Robotleistungen und Untertanenverhältnisse gegenüber den weltlichen und kirchlichen Grundherren.

Niedergeschlagene Aufstände
Im Windischen Bauernkrieg mit etwa 80.000 Aufständischen im Jahr 1515 in der Krain im heutigen Slowenien, in Kärnten und in der Steiermark wollten die Bauern dieses feudale System stürzen und einen Bauernstaat errichten. Der Adel musste sich wegen der Angriffe zeitweise in einige Städte, etwa nach Ljubljana, Marburg oder Celje zurückziehen. Doch dann wurden Söldner angeheuert, gemeinsam mit dem kaiserlichen Heer wurde der Aufstand niedergeschlagen. Die Anführer wurden hingerichtet, in Graz 161 Menschen, und die Bauern mussten danach noch mehr Abgaben leisten. Ähnliches spielte sich 1573 nochmals ab. Diesmal wollte man einen Bauernstaat mit der Hauptstadt Zagreb errichten. Doch wieder wurde die Rebellenarmee niedergeschlagen, die Anführer würden öffentlich getötet.

Kleinere Aufstände gab es auch im 18. Jahrhundert, doch erst im 19. und 20. Jahrhundert wurden die feudalen Agrarverfassungen beseitigt. Aus Untertanen sollten eigenverantwortliche Landarbeiter, der Agrarsektor in das System freier Konkurrenzwirtschaft eingegliedert werden. Die Schollenbindung und unentgeltliche Arbeitsleistung wurden aufgehoben, Bauern wurden zu Besitzern von Land. Auch die gutsherrliche Gerichtsbarkeit und Polizeigewalt galt nicht mehr.

Mit Maria Theresia begann die Reform der Agrarverfassung, doch die Napoleonischen Kriege blockierten die Modernisierungsmaßnahmen. Die Bauernbefreiung wurde daher zu einem wichtigen Programmpunkt der Revolution von 1848, wie die Historiker Oliver Jens Schmitt und Konrad Clewing in ihrem Geschichtswerk zu Südosteuropa schreiben. Im Osmanischen Reich verschlechterten sich zu dieser Zeit die Bedingungen für die Landwirte. Am Anfang protestieren die Bauern noch vor allem gegen die Steuern, doch dann verschmolzen die Bauernaufstände mit den nationalen Befreiungskriegen.

Nur bedingt konkurrenzfähig
Heute sind die Landwirte auf dem Westlichen Balkan, der nicht in den EU-Markt integriert ist, nur sehr bedingt konkurrenzfähig. Viele, die noch im Agrarsektor tätig sind, werden es in ein paar Jahren nicht mehr sein. Die Dörfer in Albanien werden noch leerer werden, viele Felder werden brach liegen. Manche nutzen die Flächen deshalb für ein landwirtschaftliches Produkt, das nicht offiziell vermarktet werden kann: Cannabis.

Erst vor einer Woche wurden zwei Männer in der Nähe von Vlora verhaftet, während sie in der Nacht ihre 320 Pflanzen, versteckt auf einem Olivenhain, pflegten. Die illegalen Hanfplantagen werden von manchen als eine moderne Art des Bauernaufstands gesehen, als ein Auflehnen gegen teuren Diesel und die EU-Agrarsubventionen, mit denen man nicht mithalten kann.
(Adelheid Wölfl, 14.7.2024)
Südosteuropäische Bauern im Kampf gegen Schollenpflicht und teuren Diesel
 

josef

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#15
Hekurudhë: Zur Kulturgeschichte der albanischen Eisenbahn
Wie Albanien zur Eisenbahn kam – und was Sprache, Geschichte und Geopolitik damit zu tun haben
Blog
Vom späten Start ins Eisenbahnzeitalter über die kommunistische Industrialisierung bis zum verpassten Anschluss an den Westen – die Geschichte der albanischen Eisenbahn spiegelt politische Umbrüche, wirtschaftliche Hoffnungen und sprachliche Einflüsse wider. Im Gastblogbeitrag beleuchtet Joachim Matzinger die Entwicklung des Bahnnetzes ebenso wie die Herkunft der Begriffe rund um Zug, Schiene und Fahrkarte im Albanischen – ein Streifzug durch Technik, Geschichte und Sprache.
Das 19. Jahrhundert war ohne Zweifel das Jahrhundert der Eisenbahn. Das europäische Streckennetz wuchs unaufhörlich und die Technik machte das scheinbar Unmögliche möglich. Ein Denkmal dafür ist etwa das UNESCO Welterbe Semmeringeisenbahn, die von dem in Venedig gebürtigen Ingenieur Carl Ritter von Ghega (1802–1860), dessen Konterfei vor der Einführung des Euro den Zwanzigschillingschein zierte, erbaut wurde. Nur wenig Privates ist von ihm überliefert, häufig wird seiner Familie eine albanische Herkunft zugeschrieben, was sich aber aus der dürftigen Quellenlage nicht beweisen lässt. Wie aber stand und steht es aktuell um die Eisenbahn in Albanien, das als selbständiger Staat erst seit 1912 existiert, nachdem es sich vom osmanischen Reich losgesagt hatte.

Abgekoppelt, die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts
Der neue Staat Albanien war verkehrstechnisch ein Entwicklungsland ohne eine adäquate Infrastruktur und auch der fortschreitende Ausbau der Eisenbahn in Südosteuropa hat um Albanien einen großen Bogen gemacht. Erst in den Wirren des ersten Weltkrieges, als das Land im Nor–den von den Truppen der k.u.k. Armee besetzt war, bauten die Besatzer schmalspurige, zunächst von Pferden, später von Dampf- bzw. Akkumulatorenlokomotiven gezogene Feldeisenbahnen für den Truppentransport, nach ihrem Erfinder Paul Decauville auch einfach Decauville (albanisch dekovil) genannt. Im Süden des Landes, der zu gewissen Teilen von den Italienern besetzt war, wurde ebenfalls eine Schmalspureisenbahn errichtet, die von der Hafenstadt Vlora zu den Bitumenminen in Selenica führte.


K.u.k. Feldbahn Skutari-Alessio
Österreichisches Staatsarchiv

Zu Kriegsende, beim Rückzug der k.u.k. Truppen aus Albanien wurden diese Feldbahnen weitgehend abgebaut, was vom Streckennetz übrig blieb wurde, so wie die Verbindung Vlora-Selenica in den Zwischenkriegsjahren weiterhin industriell genutzt. Es wurden in diesen Jahren von den jeweiligen albanischen Regierungen unter Einbindung von italienischen Bahngesellschaften durchaus auch Pläne für einen systematischen Ausbau von Eisenbahnverbindungen entworfen, die aber, letztlich auch als direkte Folge des neuen Weltkrieges, der das seit 1939 vom faschistischen Italien besetzte Albanien ebenso in Mitleidenschaft zog, nicht realisiert wurden.

Alles einsteigen, Zug fährt ab!
Es dauerte dann bis zum Jahr 1947, als in Albanien, wo die kommunistische Partei seit 1944 die Herrschaft übernommen hatte, unter Mithilfe Jugoslawiens die erste reguläre Eisenbahn mit Standardspurweite von 1435mm eröffnet wurde. Diese erste Linie von knapp 43 Kilometer Länge verband die Hafenstadt Durrës mit der mittelalbanischen Kleinstadt Peqin. Bis in die Mitte der Achtzigerjahre wurde schließlich mit Hilfe der Arbeitskraft von "Freiwilligen" (z.B. Studenten) und Gefangenen das Streckennetz für den Personen- und Güterverkehr allmählich auf eine Gesamtlänge von 677 Kilometern (Haupt- und Nebenbahnen) erweitert. Fuhren zunächst Dampflokomotiven, so wurde ab 1959 der Betrieb auf Diesellokomotiven umgestellt. Das Lok- und Wagenmaterial kam dafür aus den sozialistischen Bruderländern (besonders aus der Tschechoslowakei), aber auch aus China und nach der Wende aus Italien und spiegelt damit die Geschichte Albaniens mit ihren wechselvollen politischen Beziehungen wider.


Das Streckennetz der albanischen Eisenbahn um 1990Eberhart Rieber, Quail Map Company 1990
Da die geologische Struktur Albaniens zu zwei Dritteln aus Hügeln und Bergen besteht, etwa 25 Prozent der Fläche ragt über 1000m, folgte der Eisenbahnbau den vorgegebenen landschaftlichen Bedingungen und die Schienen verliefen daher vor allem in den flachen Niederungen und erschlossen das bergige Landesinnere über Brücken und Tunnels den Flusstälern entlang, wie etwa die Strecke nach Pogradec am Ochridsee. Auch wenn die albanische Eisenbahn als Transportmittel für den Personenverkehr fungierte, vor allem, um die Werktätigen zu ihren Produktionsstätten zu bringen, so lag ihr Schwerpunkt doch auf der Verbindung wichtiger industrieller Zentren und von wirtschaftlich bedeutsamen Abbaugebieten.

Die letzte Eisenbahn ist noch nicht abgefahren?
Mit der 1990 erfolgten politischen Wende in Albanien, die erstmals die uneingeschränkte Öffnung der Grenzen brachte, und der im Gefolge des Zusammenbruchs krimineller Finanzgesellschaften chaotischen Zustände erlebte die albanische Eisenbahn schließlich ihren Niedergang. Die Infrastruktur wurde teilweise mutwillig zerstört, die Eisenbahngesellschaft selbst verfügte weder über finanzielle Ressourcen noch über Material zur Instandhaltung oder gar Erneuerung ihres Bahnnetzes. Symbol dieses Niederganges ist auch die Tatsache, dass der Bahnhof der Hauptstadt Tirana 2013 abgerissen wurde. Ein weiterer, sicher entscheidender Faktor für den Niedergang der Bahn in Albanien ist, dass nach dem politischen Umbruch der Individualverkehr, der bis dahin quasi nicht vorhanden war, mit allen negativen Folgen explosionsartig zunahm. Die Regierungen folgten dieser Entwicklung und investierten enorm in den Ausbau des Straßennetzes. So ist das Bahnfahren heute auf den wenigen noch betriebenen Kilometern gleichsam ein Symbol für Armut geworden.


Zuggarnitur im Bahnhof von Shkodër
Joachim Matzinger, 2017

Seit eingen Jahren ist jedoch Bewegung in die albanische Eisenbahn gekommen, die Hekurudha Shqiptare baut mit finanzieller Unterstützung Brüssels an einem neuen Streckennetz, das nicht nur Zentren im Land, wie etwa den internationalen Flughafen in Rinas im Norden der Hauptstadt verbinden, sondern auch über die Landesgrenzen hinaus den Anschluss an das südosteuropäische und damit internationale Eisenbahnnetz ermöglichen soll (wie auf der privaten Onlineplattform Treni Po Vjen dargestellt). Die Fertigstellung hat sich aber immer wieder verzögert, die Bauarbeiten gingen nicht reibungslos voran und verteuerten sich kontinuierlich, so dass von verschiedenen Seiten Vorwürfe von Korruption laut wurden. Ungeachtet dessen, darf man trotzdem sehr gespannt sein, wann die ersten elektrischen Züge Albanien in das moderne Bahnzeitalter befördern werden und damit auch ihren Beitrag leisten, den überbordenden Strassenverkehr zu entlasten.

Kur niset mâ e para udhë e hekurit për Wienë?
(„Wann geht der nächste Zug nach Wien?“, aus einem deutsch-albanischen Sprachführer, Wien 1913)



Drejt së ardhmës "Richtung Zukunft", Detailaufnahme des Personenwagentyps 22-71 004 (ex Ferrovie dello Stato italiane)
Joachim Matzinger, 2017

Aus der Geschichte der Eisenbahn in Albanien ergibt sich damit auch die interessante Frage, wie die Eisenbahn und ihre Terminologie in der albanischen Sprache verankert sind, woher die einzelnen Begriffe stammen, wie sie bekannt sind und verwendet werden. So ist der allgemeine Begriff "Eisenbahn", auf Albanisch hekurudhë, zusammengesetzt aus den beiden Einzelwörtern hekur für "Eisen" und udhë für "Weg", der sich gegen die noch ältere Verbindung udhë e hekurit, wörtl. "Weg des Eisens" (wie französisch chemin de fer) durchgesetzt hat. Die Bildung entspricht somit dem vergleichbaren deutschen Eisenbahn, oder auch dem italienischen ferrovia, die als Vorbilder für diese Neubildung (Neologismus) anzusehen sind. Der Zug als Garnitur wird albanisch tren genannt (italienisch treno, französisch train), dessen vagon (italienisch vagone, wofür eher carrozza gebraucht wird) von einer lokomotivë (italienisch locomotiva, französisch locomotive) gezogen wird und für die Beförderung benötigt man eine "Fahrkarte" biletë (italienisch biglietto, französisch billet), die man zuvor am "Schalter" sportel (biletash) (italienisch sportello) beziehungsweise der biletarí (italienisch biglietteria) gekauft hat und die von einem oder einer "SchaffnerIn" fatorino (italienisch fattorino, wofür eher conduttore gebräuchlich ist) kontrolliert wird. Der Zug fährt auf den binarë (italienisch binario) bzw. shina (deutsch Schiene; als şină auch ins Rumänische gelangt) und hält im "Bahnhof" stacion (i trenit) (italienisch stazione [ferroviaria]), wobei er sich, was die "Fahrgäste" udhëtarë (innerhalb des Albanischen von udhë "Weg" abgeleitet, man vergleiche etwa serbisch putnik) oder pasagjerë (italienisch passeggero) hoffen, an den "Fahrplan" orar (treni) (italienisch orario, französisch horaire) hält.

Der kleine Sprachführer zeigt, dass das Albanische diese Wörter, wie auch andere Begriffe aus dem Eisenbahnwesen und der damit verbundenen Technologien, hauptsächlich aus den romanischen Sprachen übernommen hat, wobei hier vor allem das Französische und Italienische als "Kultursprachen" zu nennen sind, die Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts Einfluss auf das Albanische ausgeübt haben. Dass Sprachen mit neuen Errungenschaften, Technologien, Produkten usw. meist auch die Bezeichnungen dafür aus jener Sprache übernehmen, die damit ursächlich verbunden ist, ist ein ganz gewöhnlicher Vorgang. Heute dominiert jedoch das Englische in seinem lexikalischen Einwirken auf das Albanische. Es bleibt für die Zukunft somit abzuwarten, ob etablierte aus dem Französischen oder Italienischen übernommene Begriffe, wie sie in der albanischen Eisenbahnterminologie verwendet wurden oder noch werden, weiterhin im Sprachgebrauch verbleiben, oder ob mit den neuen Strukturen und mit neuer Technik, sobald diese in Albanien auf Schiene sein werden, auch neue Wörter Einzug in das albanische Alltags- und engere Fachlexikon halten werden.
(Joachim Matzinger, 26.6.2025)

Joachim Matzinger arbeitet als Historischer Linguist am Forschungsbereich Balkanforschung an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. In seiner Arbeit befasst er sich zum einen mit der sprachlichen Vorgeschichte des Balkans (antiken Balkansprachen) und zum anderen mit der historischen Linguistik der Balkansprachen mit Schwerpunkt auf dem albanischen Raum. Ein weiterer Forschungsaspekt ist auch die Toponomastik und Siedlungsgeschichte aus interdisziplinärer Sicht.

Hekurudhë: Zur Kulturgeschichte der albanischen Eisenbahn
 

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#16
Menschenleer
Auf einsamen Wanderwegen durch die hinterste Bergwelt Albaniens
Die wenigen Wanderer, die es auf den "High Scardus Trail" verschlägt, entdecken abgelegene Gebirgsregionen, menschenleere Hochebenen und archaisch anmutende Bergdörfer
Wer erinnert sich noch an Enver Hoxha? In Albanien jeder – und das nicht unbedingt mit warmen Gefühlen. Unter seiner Spielart des Kommunismus war Albanien nicht das "Land der Skipetaren", wie Karl May es nannte, sondern jahrzehntelang so etwas wie das Nordkorea Europas, ein komplett abgeriegelter Staat, der gerade noch mit dem Protektor China Beziehungen unterhielt. Aber diese Zeiten sind lange vorbei, und rein vom Tourismus her sind die Küsten und Städte bereits gut erschlossen und "nichts Neues" mehr.


Lohnenswert, aber anstrengend ist die mehrtägige Wanderung durch die herrlich gottverlassenen Weiten Albaniens.
Harald Sager

Die hinterste Bergwelt Albaniens hingegen kennt man schon weniger. Ein erster Schritt, sie für den Wandertourismus zu öffnen, ist vor über zehn Jahren in Form des "Peaks of the Balkans"-Fernwanderwegs im nördlichen Dreiländereck mit dem Kosovo und Montenegro gesetzt worden. Federführend daran beteiligt war die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), die dabei nicht nur das Wandervergnügen im Blick hatte, sondern vor allem die Entwicklungszusammenarbeit, konkret die Schaffung einer touristischen Infrastruktur.

Verschlungene Pfade
Die Route ist mittlerweile bekannt und gut bewandert, und so startete die GIZ vor einigen Jahren eine zweite Initiative, den "High Scardus Trail" (Scardus steht für das Sharr-Gebirge), der sich entlang des Grenzgebiets zwischen Albanien, dem Kosovo und Nordmazedonien schlängelt.

Die Hirtenpfade und Forststraßen – sowie die früheren Patrouillen- und Schmuggelwege, könnte man ergänzen – sind mit dem Logo bzw. in Rot-Weiß-Rot gut ausgeschildert und werden vermutlich auch instandgehalten. Die Region ist infrastrukturell schwer unterversorgt, und wer sich erwartet hat, dass auf den Bergen und in den Dörfern viel los ist, wird enttäuscht sein. Aber für diejenigen, die gottverlassene Gebirgslandschaften lieben und schon froh sind, wenn es überhaupt Unterkünfte auf dem Weg gibt, sind gerade das die Trümpfe. Beides trifft auf den High Scardus Trail zu, der sich über 300 Kilometer erstreckt, die in 20 Tagesetappen bewältigbar sind.

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Aber wollen wir nicht zu olympisch sein: Wir haben sechs Abschnitte – von einem Hochland namens Gora im Norden bis zur Stadt Peshkopia im Süden – mitgemacht, und ich für meinen Teil gebe gern zu, dass ich viel mehr auch gar nicht geschafft hätte (und quasi immer das Schlusslicht der Gruppe war). Ganz im Gegensatz zu meinen sieben gut trainierten Mitwanderern und erst recht unserem Bergführer Orgest Noka, der nebenbei auch noch Staatsmeister im Cross-Country-Mountainbiken ist. An dieser Stelle daher die Warnung: Eine mehrtägige Trekking-Tour wie diese sollten sich nur geübte Wanderer antun, bei allen anderen überwiegt die Anstrengung der zähen Auf- und Abstiege das Vergnügen.

Der höchste Berg Albaniens
Unsere Route verlief so: Von der nordöstlich von Tirana gelegenen Stadt Kukës aus fuhren wir mit dem Bus in die Siedlung Shishtavec und wurden dort gewissermaßen ausgesetzt. Wir starteten auf der Gora-Hochebene, bestiegen den 2174 Meter hohen Berg Kallabak genau an der Grenze zum Kosovo und übernachteten im Dorf Caje. Anderentags ging es nach Radomirë am Fuß des Bergs Korab, des mit 2764 Meter höchsten Bergs von Albanien sowie auch von Nordmazedonien – er liegt genau an deren Grenze. Tags darauf bestiegen wir ihn.


Pferdewagen in Peshkopia. In dem Kurort endet der High Scardus Trail. Von hier geht es mit dem Bus zurück nach Tirana.
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Danach erwanderten wir uns die Grama-Alm, nächtigten in Hirtenhütten und überquerten den Grama-Pass in Richtung des Bergdorfs Rabdisht. Am letzten Tag ging es talwärts bis zur Stadt Peshkopia, einem Kurort mit warmer schwefelhaltiger Quelle, und mit dem Bus zurück nach Tirana. Unser Gepäck wurde jeden Tag mit dem Bus zur jeweiligen Unterkunft gebracht, einmal, auf die schwer zugängliche Grama-Alm, sogar mit Lastpferden. So trugen wir nur unsere Tagesrucksäcke, was bei all den sonstigen Wanderstrapazen unschätzbar angenehm war.

So weit die Eckdaten, aber was haben wir erlebt? Zunächst und vor allem Landschaften von einer Weite, wie wir sie von West- und Mitteleuropa her nicht gewohnt sind und eher mit Mittelasien verbinden würden. Grasbewachsene Hochebenen und rundliche Bergrücken, die sich in sanften Wellen ins Unabsehbare ausdehnen bzw. gelegentlich an eine große Erhebung wie den erwähnten Kallabak oder die noch etwas höhere Gjallica stoßen. Der Korab wiederum, der Höhepunkt der Wanderwoche, ist ein mächtig sich auftürmendes, gezacktes Massiv, das uns prächtige Blicke auf das Gebirge seines Namens sowie nach Nordmazedonien hinein hätte liefern können, wenn er nicht gerade in Nebel gehüllt gewesen wäre.

Gradmesser der Paranoia
Während der Pausen, die wir immer wieder einlegten, redete keiner von uns. Es war, zumindest in diesen Momenten, eine kontemplative Gruppe, alle versuchten, ihre Sinne zu öffnen und ganz elementare Eindrücke in sich aufzunehmen: das Unverrückbare der zerklüfteten Berge, das Labsal der Fernblicke ohne Spuren der Zivilisation oder die Schatten der Wolkenparaden, wie sie sich auf den gegenüberliegenden Hängen fortbewegten; die da und dort in die Wiesen verstreuten Felsbrocken, als hätten jugendliche Riesen Kieselwerfen gespielt; die im Gras vor uns herumhüpfenden Heuschrecken, die ratschenden Zikaden, die durch die Lüfte zischenden, spitz schreienden Bergvögel und der pfeifende Wind, der uns über die verschwitzten Köpfe strich. Hie und da setzte auch dieses kleine Orchester aus, und es war nichts weiter zu hören als das Pochen des Bluts im eigenen Ohr – bis Orgest wieder zum Aufbruch rief.


Der Korab ist der mit 2764 Metern höchste Berg Albaniens und zugleich auch Nordmazedoniens.
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Auf unseren Wegen kamen wir immer wieder an Bunkern und Schützengräben vorbei, die zu Hoxhas Zeiten die Grenze zum Nachbarland Jugoslawien, sprich zu Feindesland, absichern sollten. Im ganzen Land soll es rund 200.000 Bunker geben – ein recht guter Gradmesser der damals vorherrschenden Paranoia. Wir begegneten Einheimischen mit Lastpferden, die mit Holz oder Milchkanistern bepackt waren, Hirten mit ihren Schafherden und alerten Hirtenhunden, Kuhherden und halbwilden Pferden – und nur ein einziges Mal einem anderen Wanderer.

Der junge Franzose ging die ganze dreiwöchige Route im Selfguided-Modus und übernachtete im Zelt. Auf seinem Rucksack hatte er eine Plastiktonne mit allen seinen Lebensmitteln befestigt: "Die stelle ich in der Nacht in der Nähe ab, damit ein allfälliger Bär dort herumstöbert statt in meinem Zelt!", erklärte er. Bären und Wölfe gibt es nämlich in Albanien, und in abgeschiedenen Gegenden wie dieser umso mehr.

Dörfer für Mensch und Pferd
Der High Scardus Trail hat sich unter Wandersleuten demnach noch nicht so recht herumgesprochen, und vielleicht ist das ein Grund, dass die Unterkünfte – Pensionen, wo es welche gab, ein Matratzenlager sowie Hirtenhütten – nach wie vor zum Teil sehr einfach und nicht immer übermäßig hygienisch sind.

Meine routinierten Mitwanderer störte das überhaupt nicht, ganz im Gegenteil: "Ich finde das ganz gut, ein paar Tage aus unseren gewohnten Verhältnissen herauszukommen und nicht so überreinlich zu sein", meinte Moni aus München, und die Hamburgerin Jorina, die immer wieder wochenlang allein wandert und zeltet, sagte: "Da bin ich von Kirgisistan ganz anderes gewohnt. Da wurden, um hygienischen Bedürfnissen nachzukommen, einfach Löcher in die Erde gegraben!" Auch die Bergdörfer, durch die wir kamen, waren in keiner Weise touristisch herausgeputzt: Die engen Gassen aus Schotter bzw. groben Pflastersteinen waren für Menschen und Pferde ausgelegt statt für Autos, die Häuser aus Stein, oft mit einem Wellblechdach darauf.

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So manch eines davon wirkte arg baufällig. "Das liegt vielfach an der albanischen Diaspora", erklärte Orgest. "Die Leute ziehen nach Tirana oder in alle Welt, aber ihren Besitz verkaufen sie nicht – und schon gar nicht an ihre Nachbarn!" Das war nur halb im Scherz gemeint.

Kühe, Pferde, deutsche Autos
Nur Radomirë ist wegen seines bekannten Bergs etwas belebter. Hier stehen zwei Moscheen und zwei Hotels, ein Großfernseher im Speisesaal spielt Musikvideos, und die männliche Ortsbevölkerung hat ihren Kaffee auf der Terrasse vor sich und schaut zu, wie Kühe und Lastpferde vorbeimarschieren und junge Leute mit Sonnenbrillen in ihren glänzend polierten deutschen Autofabrikaten effektvoll vorfahren.

Als gerade eine englische Reisegruppe in Richtung Nordmazedonien abreiste, fragte ich den Wirt, wer denn eigentlich den Korab besteigt: "Deutsche, Franzosen, Italiener, Engländer …" Albaner auch? "Nein, die sind zu faul, die bleiben lieber hier unten sitzen!", lachte er. Und auch das war nur zur Hälfte ein Scherz.
(Harald Sager, 7.9.2025)

INFO
Anreise: Ab Tirana mit dem Bus über Kukës nach Shishtavec, weiter zu Fuß.
Unterkunft: Vom Veranstalter organisierte Pensionen im Mehrbettzimmer sowie Matratzenlager und Hirtenhütten auf den Etappen.

Auf einsamen Wanderwegen durch die hinterste Bergwelt Albaniens
 
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