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Im Gastblogbeitrag berichtet Thomas Hofmann, Geologe und Bibliothekar, über die Grönlanderlebnisse aus Geologensicht
Grönland, die größte Insel der Erde, liegt zwischen 60° und 83° nördlicher Breite im Atlantik zwischen dem europäischen und nordamerikanischen Kontinent. Vier Fünftel sind mit Eis bedeckt.
Im März 2025 sorgten Begehrlichkeiten des US-amerikanischen Präsidenten Donald Trump für Schlagzeilen. Neben militärischen Interessen hatte er Rohstoffe, allen voran Seltene Erden, im Englischen Rare Earth Elements (REE), im Auge, deren Vorkommen im eisfreien Teil, der etwas größer als Deutschland ist, von großer Bedeutung sind. Letztere, auch als Lanthanoide bekannt, sind allesamt Metalle der 3. Nebengruppe im Periodensystem. Alleine deren Name sagt, dass sie – wenn es um abbauwürdige Vorkommen geht – rare Schätze der Erdkruste sind.
Überblick über Seltene Erden im Rohstoffbericht 2025 des Geologischen Dienstes der USA (
https://pubs.usgs.gov/periodicals/mcs2025/mcs2025.pdf, Seite 145).U.S. Geological Survey
Begründete Hoffnungen bei Seltenen Erden
Ein Blick auf den Rohstoffbericht 2025 des Geologischen Dienstes der USA (
USGS) zeigt die weltweite Situation der Seltenen Erden. Die Vorkommen Grönlands sind – aus amerikanischer Sicht – naheliegende (im wahrsten Sinn des Wortes) Hoffnungsgebiete. Weitere Details enthüllt die im Frühjahr 2025 veröffentlichte DERA-Studie "Seltene Erden" der Deutschen Rohstoffagentur. "Danach stellt Kringlerne/Grönland mit 4,9 Millionen Tonnen SEO-Inhalt (SEO: Seltene Erden in oxidischer Form) die mit Abstand weltgrößte Lagerstätte mit Dominanz von mittelschweren/ chweren Seltenen Erden dar." (
Seite 71). Dazu kommt ein Bericht des Geologischen Dienstes von Dänemark und Grönland (
GEUS) von 2023 über das
Potential kritischer Rohstoffvorkommen (Critical Raw Materials, CRMs) in Grönland, wie sie von der EU als "
Europäische Verordnung zu kritischen Rohstoffen" gelistet werden. Ergänzend gibt es mit dem "
Greenland Mineral Resources Portal" eine aktuelle, interaktive synoptische Darstellung aller Rohstoffvorkommen, sofern sie nicht vom dicken Inlandeis bedeckt sind.
Keine Frage: Grönland ist aus rohstoffgeologischer Sicht gut erforscht und ein interessantes Land.
Die Rohstoffkarte des Greenland Mineral Resources Portal (
https://www.greenmin.gl) zeigt gehäufte Vorkommen im Westen und Süden der Insel.
Geological Survey of Denmark and Greenland (GEUS)
Österreichs Anteil bei der Rohstoffprospektion
Das Wissen über die grönländischen Rohstoffvorkommen geht auf großangelegte internationale Explorationskampagnen vergangener Dekaden zurück. Maßgebliche Beiträge lieferte – vor allem im Osten der Insel – auch die österreichische Geologenschaft. Wenn diese damals männlich dominiert war, so ist das zu revidieren.
Erna Vohryzka ist die Ausnahmefrau in vielerlei Hinsicht. Ende Jänner 1960 hatte sie, 25-jährig, als erste Geologin an der Universität Wien "sub auspiciis praesidentis" promoviert. Die Sommer 1969, 1970 und 1971 verbrachte sie zusammen mit ihrem Mann, dem Geologen Kurt Vohryzka und zahlreichen anderen Kollegen in Grönland; in einer Zeit, als andere auf Urlaub nach Jesolo oder Grado an die Adria fuhren. Sie alle suchten im Auftrag der dänischen Firma Nordisk Mineselskab A/S im hohen Norden nach Rohstoffen.
Erna Vohryzka als Rohstoffgeologin im Sommer 1970 in Grönland.
Archiv Familie Schramm
Unter den zahlreichen Geologen, die teils mehrere Male teilnahmen seien
Wolfgang Schollnberger, der später in der Erdölindustrie eine Bilderbuchkarriere machen sollte oder Gerhard Malecki, der eine klassische Beamtenkarriere, Hofrattitel inklusive, an der Geologischen Bundesanstalt (heute: GeoSphere Austria) machte, genannt. Sie hatten, wie auch Geologe
Wolfgang Frisch, der später als Ordinarius für Geologie in Tübingen 28 Jahre über Themen wie
Plattentektonik arbeitete, alle am
Institut für Geologie der Universität Wien studiert.
Die Rolle Leobens bei der Rohstoffsuche in Grönland
Federführend aus heimischer Sicht war in den 1960er und 1970er Jahren – in mehrfacher Weise – die Montanuniversität Leoben, die bis 1975 Montanistische Hochschule hieß. Dortiger Mastermind war der international renommierte und bestens vernetzte Lagerstättengeologe
Walter E. Petrascheck (1906 bis 1991). Bereits 1961 hatte Gerhard Kirchner in Leoben über eine 1954 entdeckte Molybdänlagerstätte in Nordostgrönland dissertiert. 1970 war die Erschließung besagter Lagerstätte Thema einer dreibändigen Leobener Diplomarbeit des Montanisten
Karl-Heinz Krisch. Damit stand die Leobener Expertise auf zwei Beinen, zum einen bei der Suche (Exploration) nach Lagerstätten und dann in weiterer Folge, bei deren Erschließung, sprich der Gewinnung der Bodenschätze.
Wolfgang Frisch erzählt wie der erste seiner drei (1968, 1969, und 1971) Grönlandaufenthalte begann: "Nach meiner Promotion als Geologe an der Uni Wien trat ich mit 1. Jänner 1968 eine Assistentenstelle an der Montan-Universität [sic!] Leoben bei Prof. Petrascheck an, Professor für Geologie und Lagerstättenkunde. Nach wenigen Wochen fragte mich Petrascheck, ob ich im Sommer – ich müsse nicht gleich ja sagen – nach Grönland fahren möchte." Frisch folgte Petraschecks Einladung und erläuterte Details: "Für die Firma (Nordisk Mineselskab) organisierte diese Unternehmungen Erich Hintsteiner, ein ehemaliger Leobener Absolvent […]." Wesentlich für Hintsteiner war eine gute universitäre Ausbildung in Geologie und Erfahrung im alpinen Gelände. Daher kamen in erster Linie österreichische Absolventen von Wien, Leoben und Salzburg sowie Schweizer Geologen der Universität Bern zum Zug.
Packliste: Zipfelhaube, Gletscherbrillen und eventuell Gewürze
Wichtig und hilfreich waren Informationen im Vorfeld und Kontakte zu früheren Grönlandfahrern. Dazu Schollnberger: "Ich hatte das Ehepaar Vohryzka im Frühjahr 1970 in deren Wohnung in Linz Gaumberg besucht, um mir generelle Informationen zu holen, über das, was mir bevorstünde, was alles wichtig ist zum Einpacken, was das richtige Gewand wäre, Schuhe, Socken, Steigeisen fürs Eis, Kletterseil, Reepschnur usw. Die Vohryzkas waren beide äußerst liebenswürdig und enorm hilfreich und ihre Infos haben zweifellos dazu beigetragen, dass meine zwei Grönlandexpeditionen [1970 und 1972] erfolgreich abliefen."
Die Ausrüstung, wie Kletterseil, Reepschnur, musste von den Teilnehmern selbst mitgenommen werden (Links: Keusen, rechts: Frisch).
Archiv Gerhard Malecki
Für einen Sommer nördlich des Polarkreises ist eine Badehose wohl das nebensächlichste Gepäckstück. Für die zu beschaffende Ausrüstung gab es eine Liste "als Anhaltspunkt". Gelistet waren drei Kategorien:
A. Bekleidung (darunter: "Kopfbedeckung: Zipfelhaube oder Stirnband + leichte Pelzhaube").
B. Diverse (darunter: "Taschenmesser mit Dosenöffner, Säge und Schraubenzieher" und auch "Ev. Gewürze: Zur Ergänzung des Proviants") und
C. Arbeitszeug (darunter: Hammer, Kompass, "Fotozeug: + Filme für 2 Monate" und "Ev. Wörterbuch: Mini, dänisch - deutsch - dänisch"). Bei all den Unterlagen fanden sich auch Sicherheitsinstruktionen, wobei klar festgehalten wurde: "Aufgabe der Expedition: Prospektion auf bauwürdige Lagerstätten". Als Gefahren wurden Fels und Eis, sprich Gletscherspalte, Steinschlag, Lawinen, etc. angeführt. Bei den Waffen, die an die Teilnehmenden ausgeteilt wurden, stand vermerkt: "Dienen der ev. Verteidigung gegen Eisbären (die 1. streng geschützt sind und 2. sowieso meist das Weite suchen), und der Jagd auf Hasen und Schneehühner ab 1. August. Sämtliche andere Tiere sind für uns tabu und dürfen nur im äußersten Notfall erlegt werden.)."
Lagerleben der Geologen im Sommer 1971, im Hintergrund Erna Vohryzka.
Archiv Gerhard Malecki
Die 1971er Expedition
"1971 war ich mit meinem Studienfreund Gerhard Malecki und einem Schweizer Kollegen, Hansruedi Keusen, weiter südlich, auf etwa 68 Grad nördlicher Breite, am Ende eines anderen Kangerdlugssuaq genannten Fjordes (davon gibt es in Grönland mehrere)", erinnert sich Frisch an den letzten seiner drei Aufenthalte. "Wir suchten dort nach Lagerstättenindikationen in bestimmten magmatischen Gesteinen, sogenannten Alkaligesteinen, die selten sind, aus der Tiefe in die Kruste aufdringen und meist kreisförmige Strukturen von wenigen Kilometern Durchmesser bilden." Für Frisch war Grönland im Sommer 1971 bereits Routine. Für Malecki war alles neu. Er bewarb sich am 5. April 1971: "I have nearly finished my studies in Geology and would be very interested in doing a job of this kind." Exakt zwei Wochen später, am 19. April, kam die Antwort Hintsteiners auf Deutsch: "Vermutlich werde ich Ende der letzten Aprilwoche nach Wien kommen, rufe vorher bei Ihnen an."
Manchmal läuft es wie am Schnürchen. Am 28. April war alles unter Dach und Fach: "Hiermit bestätigen wir Ihre Anstellung als Prospektor für die Sommerperiode 1971 in unserem Konzessionsgebiet in Ostgrönland." Ähnlich unkompliziert lief es damals für den Schweizer Geologen
Hansruedi Keusen. Der nunmehrige Experte für Naturgefahren und Eidgenössisch zertifizierter Gerichtsexperte im Rückblick: "Rekrutiert wurde ich von Erich Hintsteiner, der mich nach einer Anfrage zu einer großen Zusammenkunft bei ihm in Salzburg einlud. Es gab dort einfach einen heiteren Abend […] Keinerlei Formalitäten, keine Fragen zu meinen geologischen Fähigkeiten, völlig unkompliziert. Am anderen Morgen sagte er mir, dass ich für ihn im Sommer 1971 in Ostgrönland arbeiten könne. Basta. Ich meine […] er schaute einfach, ob sie [die Leute] irgendwie in sein Konzept und Team passten."
Die Entdecker der Gardiner Intrusion im Sommer 1971 (von links): Gerhard Malecki aus Wien, der Schweizer Hansruedi Keusen und Wolfgang Frisch, Hochschulassistent in Leoben.
Archiv Wolfgang Frisch
Die wissenschaftlichen Ergebnisse der 1971er Expedition
Freilich, die große Bonanza, sprich Goldgrube, fanden die drei damals nicht. Wissenschaftlich waren sie indes erfolgreich. Entscheidend war der Blick aus dem Hubschrauber. "Beim Hinunterschauen aus einer Flughöhe von vielleicht 200 bis 300 Meter sehen wir plötzlich etwas am Boden spiegeln. Das mussten wir uns näher anschauen. […] Wir hatten eine große Intrusion aus
Karbonatiten gefunden, wir nannten sie Gardiner Intrusion", erzählt Keusen. In zwei Wochen kartierten und erforschten sie die kreisförmige Struktur mit sechs Kilometer Durchmesser im Osten Grönlands. Auffallend waren weithin sichtbare dunkle Gesteine, großteils aus
Dunit und
Pyroxenit bestehend. Malecki notierte am 1. August 1971 im "Lager 3 Gardiners Plateau um 1 h morgens" in seinem Tagebuch: "Wolfgang und HR (Hansruedi Keusen) jagen der Struktur des Plutons (=Intrusion) nach und liefern sich heiße Diskussionen. Sie werden die Sache wahrscheinlich publizieren."
Die neu entdeckte Gardiner Intrusion mit sechs Kilometer Durchmesser im Osten Grönlands wurde im August 1971 kartiert, im Detail bearbeitet und 1977 publiziert.
Geological Survey of Denmark and Greenland (GEUS)
Frisch und Keusen, die 1975 und 1977 die Kartierungen und Analysen der 1971er Expedition veröffentlichten, gaben oberes Paleozän oder unteres Eozän für das Intrusionsalter an. Mit anderen Worten: im
Zeitraum zwischen 59 und 48 Millionen Jahren drangen magmatische Gesteinsschmelzen in granitische Gesteine des Grundgebirges und kreidezeitliche Basalte der Erdkruste ein. Heute sind die überlagernden Gesteine im Bereich besagter Intrusion erodiert. Daher liegen die Tiefengesteine an der Oberfläche.
Die dort aufgesammelten Gesteine wurden später in Bern untersucht und analysiert. Dabei stießen sie auf eine kleine Sensation: ein Gestein, das – so Frisch – "bis dahin nur ein einziges Mal beschrieben worden war, und zwar in den westlichen Vereinigten Staaten. Es hat den exotischen Namen
Uncompahgrit nach dem Uncompahgre Valley in Colorado (der Name ist indianisch)." Wissenschaftlich interessant in dieser magmatischen Gesteinsabfolge sind Vererzungen mit Seltenen Erden. Doch nachgewiesene Vorkommen machen noch lange keine abbauwürdige Lagerstätte aus. Aus Sicht der Grundlagenforschung könnte man allerdings von einer "Bonanza" sprechen.
Bleibende Erinnerungen und "Jakob"
Der damals 27-jährige Malecki schloss sein Tagebuch am 30. August 1971 mit dem Satz: "Insgesamt war es ein ausgesprochen interessantes und schönes Unternehmen unter Ausnützung aller möglichen Verkehrsmittel: Bahn, dreierlei Flugzeuge, Auto, kleines u. großes Schiff. Ich habe eine Reihe netter Leute kennen gelernt und in diesen 2 Monaten soviel gesehen, wie noch nie zuvor in meinem Leben."
Ähnlich positiv sieht es im Sommer 2025 Wolfgang Frisch: "Ich habe in meinem Berufsleben viele Länder gesehen – aber Ostgrönland war das schönste von allen!" Am 7. Juli 2025 antwortet mir Keusen, auf die Frage nach seinen Grönlanderinnerungen: "Ihre Nachricht habe ich mit großem Interesse gelesen, vielen Dank. Meine Grönlandzeit 1971 und 1975 war das Beste und Schönste in meinem beruflichen Leben."
Neugierige Moschusochsen beäugen Wolfgang Frisch. Wolfgang Schollnberger nahm indes einen herumliegenden Moschusschädel mit und gab ihm in den USA als "Jakob" eine neue Bleibe.
Archiv Wolfgang Frisch / Lewis Kozlosky
Schollnberger meldete sich am 4. Juni 2025 aus den USA, er hat etwas Besonderes parat: "Mein Mitbringsel aus Grönland war zwar kein Einhorn, aber doch ein prächtiger und weitgehend intakter männlicher Moschusochsenschädel, komplett mit Ober- und (!) Unterkiefer und vielen Zähnen, beide Hörner vollständig(!) erhalten. Von 1972 bis 1989 war er (Spitzname in unserer Familie: "Jakob") auf Bitte von (
Fritz F.) Steininger ("Wir finden zerbrochene Moschusschädelreste in eiszeitlichen Ablagerungen im Wiener Becken") als Leihgabe von mir im Paläontologischen Institut der Uni Wien. […] Als ich im Sommer 1989 für die Vertragsunterzeichnung zwischen Amoco und OMV (Exploration im tiefen Wiener Becken) in Wien war, habe ich ihn mir zurückgeholt. Er steht hier gleich neben mir und ich kann Dir ein Foto schicken."
(Thomas Hofmann, 18.7.2025)
Thomas Hofmann ist Leiter der Bibliothek, des Verlags und des Archivs der Geosphere Austria, der Bundesanstalt für Geologie, Geophysik, Klimatologie und Meteorologie, und freier Autor.
Links:
Montanuniversität Leoben
Geologischer Dienst von Dänemark und Grönland (GEUS)
Deutsche Rohstoffagentur (DERA)