[Türkei] Ephesos

Geist

Zeitgeschichte im Untergrund
Mitarbeiter
#1
1.400 Jahre alte „Shoppingmall“ entdeckt

In der antiken Metropole Ephesos haben Archäologinnen und Archäologen ein spätantikes Geschäftsviertel freigelegt, in dem Lebensmittel und Gebrauchsgegenstände verkauft wurden. Die Lokale wurden abrupt zerstört und verlassen. Es ist ein Sensationsfund für die Archäologie. Schon seit über 120 Jahren wird die Geschichte von Ephesos erforscht.

Als die Archäologinnen und Archäologen im Frühsommer 2022 mit ihren Ausgrabungen am Domitiansplatz anfingen, haben sie bereits vermutet, dass sie an dieser Stelle auf ein Geschäftsviertel stoßen würden. Doch was sie nicht erwartet haben, war der gute Erhaltungszustand der Geschäfte und des Inventars.

Dieser gute Erhaltungszustand erlaubt Vorstellungen von Einkaufsszenen vor 1.400 Jahren. Der antike Mensch konnte in diesem Viertel etwa Lampen und christliche Pilgerdevotionalien kaufen sowie Gegenstände in einer Werkstätte reparieren lassen. Nach den Einkäufen konnte er in einer Garküche Speisen und Getränke bestellen. In Amphoren, also Tongefäßen, die man zur Haltbarmachung von Lebensmitteln verwendete, wurden Fischgräten und Obstkerne gefunden. Zahlreiche Tonlampen, Pilgerampullen, Geschirr sowie Werkzeuge weisen auf die Funktion der Räumlichkeiten hin.

APA/ÖAW-ÖAI/Niki Gail
Blick von oben auf das antike Geschäftsviertel

Alles stehen und liegen gelassen

Nicht zu vergessen ist das nötige Kleingeld, mit dem die Einkäufe bezahlt werden mussten. Die Archäologinnen und Archäologen haben über 2.000 Kupfermünzen und fünf byzantinische Goldmünzen ausgegraben.

Doch es ist nicht nur der gute Erhaltungszustand, der die Ausgrabung so einzigartig macht, sondern auch die Tatsache, dass die Geschäfte abrupt zerstört worden sind. An vielen Stellen kam verbrannte Erde zum Vorschein. Eine Frage, die die Forschenden beschäftigte: Warum sind die Händlerinnen und Händler nach dem Brand nicht zurückgekehrt, um die wertvollen Gegenstände und vor allem das verdiente Geld aus den Lokalen zu holen?

Viktoria Tatschl/ORF
Ephesos ist eine der ergiebigsten Ausgrabungsstätten für Archäologinnen und Archäologen

Vertrieben und verbrannt

Durch die zahlreichen Münzfunde konnte der Zeitraum der Zerstörung ermittelt werden. Auf den Münzen sind Jahreszahlen und die jeweiligen byzantinischen, oströmischen Kaiser abgebildet. Demzufolge dürfte das Geschäftsviertel vermutlich um 614/615 nach Christus niedergebrannt sein.

In jener Zeit wurden Ephesos und die umliegende Region vermehrt von den persischen Sassaniden angegriffen. Diese wollten das Byzantinische Reich erobern. Ephesos galt als wichtiger Stützpunkt, insbesondere betreffend die Versorgung der Hauptstadt Konstantinopel. Es ist also davon auszugehen, dass die Geschäftslokale im Zuge eines kriegerischen Angriffs durch die Sassaniden zerstört worden sind.

Antike Metropole

Die Archäologin und Grabungsleiterin Sabine Ladstätter sagt: „In Ephesos sind wir in der glücklichen Lage, 9.000 Jahre Menschheitsgeschichte erforschen zu können. Die Spanne reicht von der griechischen zur römischen sowie von der byzantinischen zur seldschukischen Herrschaft.“

Nach der griechischen Herrschaft wurde Ephesos im zweiten Jahrhundert vor Christus in das Römische Reich integriert. Die Stadt erlebte folglich eine große Blütezeit. Der Archäologe Martin Steskal sagt dazu: „Man partizipierte einerseits an den technologischen Entwicklungen, die Rom mit sich brachte. Andererseits war man plötzlich in einem Handelsnetzwerk verankert, das sich über das ganze Mittelmeer erstreckte.“

Viktoria Tatschl/ORF
Der reiche Innendekor von Räumen gibt Auskunft über die Wohnkultur in der Antike

Ephesos wurde zur römischen Hauptstadt der Provinz Asia ernannt. In Spitzenzeiten lebten bis zu 250.000 Menschen in der Stadt, die schon von Zeitgenossen als „Metropolis Asiae“ bezeichnet wurde.

Antike Architektur und Tourismus

Diese Blütezeit schlug sich in der Architektur nieder. Zu den berühmtesten Monumenten gehört die Celsus-Bibliothek. Ihre Fassade wurde in den 1970er Jahren wiedererrichtet. Seitdem ist sie eine Attraktion für viele Touristinnen und Touristen. Wer in sozialen Netzwerken via Hashtag nach Ephesos sucht, wird auf unzählige Selfies vor der Bibliotheksfassade stoßen. Jährlich besuchen rund zwei Millionen Menschen aus aller Welt die antike Ruinenstadt in der Türkei.

Auch das große Theater von Ephesos ist weltbekannt. Bis zu 20.000 Menschen konnten darin einst Platz nehmen und sich beispielsweise Gladiatorenkämpfe ansehen. Eine weitere Besonderheit ist das Hanghaus, ein Wohngebäude, in dem städtische Eliten lebten. Das Hanghaus gilt als eindrucksvolle Quelle für die römische Wohnkultur. In den Räumen befinden sich zahlreiche Wandmalereien, die den jeweiligen zeitgenössischen Geschmack der Hausbesitzer bis heute widerspiegeln.

Seit über 120 Jahren österreichische Grabungsleitung

Die Ausgrabungen in Ephesos werden vom Österreichischen Archäologischen Institut, das zur Österreichischen Akademie der Wissenschaften gehört, geleitet. Es ist das größte Forschungsunternehmen Österreichs im Ausland.

Die Forschungsgeschichte geht bis ins 19. Jahrhundert zurück. Der deutsche Archäologe Otto Benndorf, der an der Universität Wien lehrte, erhielt 1895 den Auftrag, nach Monumenten in Ephesos zu suchen. Die K.u.k.-Monarchie trat spät, aber doch in den prestigeträchtigen Wettkampf der europäischen Großmächte ein, den Mittelmeerraum archäologisch zu erforschen. Im Ephesos-Museum in Wien werden Fundstücke und Monumente der ersten zehn Grabungsjahre ausgestellt. Seit 1907 müssen alle Funde per Gesetz in der Türkei bleiben.

Viktoria Tatschl/ORF
Nicht zuletzt österreichische Archäologinnen und Archäologen sind in Ephesos aktiv

Bis heute werden die Ausgrabungen von Österreich aus geleitet und größtenteils finanziert. Dazu kommen private Sponsoren im In- und Ausland. Das Forschungsteam an Ort und Stelle ist international und interdisziplinär aufgestellt. Heuer waren 217 Forschende aus sieben verschiedenen Ländern in Ephesos tätig.

Von der Großstadt zum Dorf

Die Archäologie beschäftigt sich heute weniger mit den großen Blütezeiten von Ephesos, sondern mit der Transformation der Stadt von der Antike zum Mittelalter, „de facto mit jenen Gründen, warum diese florierende, prosperierende antike Großstadt sich in ein kleines Dorf verwandelte“, so Ladstätter.
Der Reichtum in der römischen Blütezeit blieb nicht folgenlos. Die schonungslose Ausbeutung der Natur, die enorme Abholzung des Hinterlandes und vor allem die Verlandung des Hafens führte im sechsten und siebenten Jahrhundert zu einem Wohlstandsverlust.

Dazu kamen kriegerische Auseinandersetzungen. Nachdem die muslimischen Seldschuken die Region im 14. Jahrhundert erobert hatten, verlor Ephesos endgültig an Bedeutung. Die Seldschuken gründeten drei Kilometer entfernt eine neue Stadt, die heute Selcuk heißt. Dass Ephesos infolgedessen nie modern überbaut wurde wie etwa Rom oder Athen, ermöglicht heute beste Voraussetzungen für die archäologische Forschung. Der diesjährige Sensationsfund der spätantiken Geschäftslokale macht das abermals deutlich.

Viktoria Tatschl (Gestaltung und Text, TV Wissenschaft), für ORF.at
Quelle mit Video: Ephesos: 1.400 Jahre alte „Shoppingmall“ entdeckt
 

Geist

Zeitgeschichte im Untergrund
Mitarbeiter
#2
Artikel auf der Website der Österreichischen Akademie der Wissenschaften:

Ephesos: Über 1.400 Jahre alter Stadtteil unter Brandschicht entdeckt

Bei Ausgrabungen in Ephesos gelang ein Sensationsfund: Archäolog:innen der Österreichischen Akademie der Wissenschaften konnten ein frühbyzantinisches Geschäfts- und Lokalviertel freilegen. Es ist die bedeutendste Entdeckung in der Stadt seit vor 50 Jahren die inzwischen berühmten Hanghäuser gefunden wurden.


Das Grabungsareal am Domitiansplatz in Ephesos, links die angrenzende obere Agora, rechts die Kuretenstraße. © ÖAW-ÖAI/Niki Gail

Bei den diesjährigen Ausgrabungen in Ephesos in der Türkei haben Archäolog:innen der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) ein hervorragend erhaltenes frühbyzantinisches Geschäfts- und Lokalviertel entdeckt. Das Areal wurde im Jahr 614/615 n. Chr. offenbar plötzlich zerstört. Der gesamte Hausrat in den Räumen wurde von einer mächtigen Brandschicht versiegelt und dadurch für die Nachwelt erhalten, was heute einzigartige Momentaufnahmen der damaligen Lebenswelt ermöglicht. Damit ist der Fund – wenn auch zeithistorisch völlig anders einzuordnen – vergleichbar mit der archäologischen Stätte von Pompeji.

Grabung am Domitiansplatz im Stadtzentrum

Der neu entdeckte Stadtteil liegt am Domitiansplatz, einer prominenten Platzanlage direkt anschließend an das politische Zentrum der römischen Stadt, der Oberen Agora. Die hier 2022 durchgeführten Grabungen sind Teil eines großen Forschungsprojekts, das sich den Veränderungen der Stadt zwischen römischer Kaiserzeit und Spätantike widmet.

„Dass die ursprünglich große römische Platzanlage in der Spätantike durch Geschäfte und Werkstätten überbaut wurde, war zu erwarten. Völlig unerwartet war jedoch der Erhaltungszustand sowie der exakte Zerstörungszeitpunkt und die daraus ableitbaren Implikationen für die Stadtgeschichte“, sagt Sabine Ladstätter. Sie ist Direktorin des Österreichischen Archäologischen Instituts der ÖAW und leitet seit 2009 die Ausgrabungen in Ephesos.

Amphoren mit Makrelen, Geschäftskassen mit Goldmünzen

Bislang wurde auf einer Fläche von rund 170 Quadratmetern eine kleinteilige Verbauung bestehend aus mehreren Geschäftslokalen freigelegt. Der gesamte Gebäudekomplex war bis in das Jahr 614/615 in voller Blüte, davon zeugen die dort gefundenen Münzen. Einzelne Räume dieses Viertels sind bis zu 3,4 Meter hoch erhalten und waren durch eine massive Zerstörungsschicht komplett versiegelt.

Unter den Schichten kam ein unglaublich reichhaltiges Inventar zum Vorschein. Gefunden wurde etwa unzähliges Geschirr, das in die Tausende geht, darunter im Ganzen erhaltene Schüsseln mit Resten von Meeresfrüchten wie Herzmuschel oder Austern oder Amphoren gefüllt mit eingesalzenen Makrelen. Daneben fanden sich auch Kerne von Pfirsichen, Mandeln und Oliven aber auch verkohlte Erbsen und Hülsenfrüchte. Besonders spektakulär sind vier zusammengehörige Goldmünzen (Solidi) sowie mehrere Geschäftskassen mit über 700 Kupfermünzen.

Bei den ausgegrabenen Räumen handelt es sich um eine Garküche, einen Lagerraum, eine Taberne, ein Geschäft für Lampen und christliche Pilgerandenken sowie eine Werkstätte mit angeschlossenem Verkaufsraum. Einzigartig ist der Fund von rund 600 kleinen Pilgerfläschchen, die christlichen Wallfahrern hier verkauft wurden und um den Hals getragen werden konnten.

„Dieser Fund in der Grabungsstätte von Ephesos ist spektakulär und in seiner Bedeutung gar nicht hoch genug einzuschätzen. Hervorragend erhaltene Goldmünzen, Südfrüchte, Amphoren, ja ein ganzes Geschäftsviertel konnten die Archäologinnen und Archäologen der ÖAW freilegen. Die Auswertung der Fundstücke wird noch viele neue Erkenntnisse über die damalige Zeit und die Hintergründe der plötzlichen Zerstörung bringen. Die ganze Akademie freut sich mit Grabungsleiterin Sabine Ladstätter und ihrem Team”, sagt ÖAW-Präsident Heinz Faßmann.

Zerstörung des Viertels und die Sasaniden

„Der archäologische Befund zeigt uns eine massive Brandzerstörung, die plötzlich, dramatisch und folgenschwer gewesen sein muss“, erklärt Sabine Ladstätter. „Den genauen Tag der Zerstörung wird man nicht mehr feststellen können, aber die Auswertung der vorgefundenen Früchte wird zumindest die Jahreszeit klären.“ War es ein Erdbeben? Darauf gibt es keinerlei Hinweise. Weder sind Mauern verschoben, noch Böden aufgewölbt. Es wurden auch keine menschlichen Überreste geborgen.

Es fanden sich aber etliche Pfeil- sowie Lanzenspitzen, die einen Hinweis auf eine kriegerische Auseinandersetzung liefern. Dazu passt, dass um dieselbe Zeit in der rund 100 Kilometer von Ephesos entfernten türkischen Stadt Sardis Münzfunde ebenfalls Zerstörungen belegen. Diese wurden bereits früher mit Einfällen der persischen Sasaniden ins westliche Kleinasien in Verbindung gebracht, was aber bisher in der Forschung umstritten ist.

Rätsel der Stadtgeschichte könnte gelöst sein

Die neuen Funde am Domitiansplatz könnten nun ein Rätsel der Stadtgeschichte von Ephesos lösen. Dazu Ladstätter: „Zwar konnte man bislang archäologisch beobachten, dass die Stadt im 7. Jahrhundert sprunghaft kleiner wurde und der Lebensstandard deutlich gesunken war, jedoch waren die Gründe dafür nicht klar.“ Auch der Münzumlauf brach stark ein und fiel auf ein deutlich niedrigeres Niveau als in den Jahrhunderten davor. „Man wird diese Zäsur in der Stadtgeschichte von Ephesos nun wohl mit den Sasanidenkriegen in Zusammenhang bringen müssen“, so die ÖAW-Archäologin.

Grabungsteam

Die Auswertung der Funde und Befunde erfolgt durch ein Team von Forschern der ÖAW um Sabine Ladstätter: Helmut Schwaiger (Archäologie), Alfred Galik (Archäozoologie), Andreas G. Heiss (Archäobotanik) und Nikolaus Schindel (Numismatik).
Quelle mit Videos und Bildern: Ephesos: Über 1.400 Jahre alter Stadtteil unter Brandschicht entdeckt
 

josef

Administrator
Mitarbeiter
#3
Die Archäologin, die Ephesos' Geschichte auf der Spur bleibt
Die Österreicherin und Grabungsleiterin Sabine Ladstätter darf an der historischen Fundstätte nach einer schwierigen Zeit einen besonderen Erfolg feiern
Kopf des Tages

Sabine Ladstätter hat einen archäologischen Schatz in Ephesos gehoben.
Foto: ÖAW-ÖAI / Niki Gail

Es sei nicht weniger als "der Höhepunkt meiner Karriere" – so beschreibt Sabine Ladstätter das Ergebnis der Grabungssaison in Ephesos an der türkischen Mittelmeerküste. Alleine diese Aussage unterstreicht die Bedeutung des spektakulären byzantinischen Fundensembles, denn an Höhepunkten mangelte es in der beruflichen Laufbahn der 53-jährigen Archäologin schon bisher nicht.

Nach der Matura in Völkermarkt studierte Ladstätter bis 1992 Archäologie und Alte Geschichte in Graz, für das Doktoratsstudium wechselte sie an die Universität Wien. Für diese leitete sie über mehrere Jahre die Ausgrabungen auf dem Hemmaberg in der direkten Umgebung ihrer Kärntner Heimat. Seit Mitte der Neunzigerjahre gehört sie zum Forschungsteam der österreichischen Ausgrabungen in Ephesos.

2009 wurde Ladstätter Direktorin des Österreichischen Archäologischen Instituts der Akademie der Wissenschaften, 2010 übernahm sie – nach vorhergehendem Widerstand der türkischen Behörden – die Leitung der ephesischen Grabungen. 2011 wurde sie zur Wissenschafterin des Jahres gekürt – sie ist eine ausgezeichnete Kommunikatorin ihres Fachs.

Ungetrübte Verbindung zur Türkei
Höhepunkte weiß man umso mehr zu schätzen, wenn man auch Tiefpunkte kennenlernen muss – bei diesen hilft Ladstätter ihre Beharrlichkeit. Im Herbst 2016 geriet die Wissenschaft zwischen die Fronten der Diplomatie. Den schon seit 1895 in Ephesos tätigen Forschern wurde von Behörden mitten in der Saison die Arbeit untersagt.

In der Folge hingen zahlreiche Dissertationen in der Luft, die Stätten mussten notdürftig gesichert werden. 2018 durften die Teams wieder zurückkehren, doch 2020 und 2021 war erneut keine Arbeit vor Ort möglich, nur die türkischen Mitglieder waren zugelassen. Trotz dieser Querelen ist ihre Turkophilie, ihre Verbundenheit zu dem Land unumstößlich, sagt Ladstätter: Sie habe hier Freundschaften fürs Leben gefunden. Überhaupt sei sie Idealistin: Wenn sie von bestimmten Dingen überzeugt ist, sei sie starrköpfig.

Als Teamplayerin bereitet es ihr die größte Freude, wenn ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit erfolgreichen Projekten Karriere machen – die Archäologin sieht sich dabei fast in einer mütterlichen Rolle. Teamwork wird auch im familiären Bereich gelebt: Nach dem Motto "Um ein Kind zu erziehen, braucht es ein ganzes Dorf" hat die Mutter einer mittlerweile volljährigen Tochter ihren Spross mit der Hilfe der ganzen Familie aufgezogen.
(Michael Vosatka, 28.10.2022)

Weiterlesen
Österreichisches Grabungsteam meldet Sensationsfund in Ephesos

Die Archäologin, die Ephesos' Geschichte auf der Spur bleibt
 

josef

Administrator
Mitarbeiter
#4
HISTORISCHES RÄTSEL
Ephesos im Scheinwerferlicht: Die Geschichte hinter dem spektakulären Fund
Österreichische Archäologen fanden in der Türkei neben Pilgersouvenirs und kulinarischen Absonderlichkeiten Belege für einen vernichtenden Machtkampf

Ein österreichisches Forschungsteam enthüllte Räumlichkeiten eines Geschäftsviertels der einstigen Metropole. Dort wurden mitunter zahlreiche Öllampen ausgegraben. Man verkaufte sie gemeinsam mit Utensilien für Beleuchtungskörper, wie etwa Dochthalter, und christlichen Pilgerampullen.
Foto: ÖAW-ÖAI / Niki Gail

Wir befinden uns im frühen siebten Jahrhundert. In der kleinasiatischen Metropole Ephesos blüht das alltägliche Leben – bis zu einem folgenschweren Tag, wohl im Jahr 615. Dies lässt sich jedenfalls aus den Forschungsergebnissen der diesjährigen Grabungssaison des Österreichischen Archäologischen Instituts (ÖAI) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) ableiten.


Übersichtsplan Ephesos: Das byzantinische Geschäfts- und Lokalviertel am Domitiansplatz ist rot markiert. Der Platz liegt direkt unterhalb der Oberen Agora, dem politischen Zentrum der Stadt, und wird im Süden vom Tempel für den Kaiser Domitian abgeschlossen, im Osten grenzt er an die Kuretenstraße.
Foto: ÖAW-ÖAI / Niki Gail

Das heimische Forschungsteam legte unter der Leitung von ÖAI-Direktorin Sabine Ladstätter nahe dem römischen Stadtzentrum einen Komplex aus Geschäften und Lokalen frei, die bei einer Brandkatastrophe zerstört wurden. Ihr gesamtes Inventar wurde für mehr als 1400 Jahre unter einer dicken Brandschicht versiegelt.


Das Grabungsareal befindet sich im Zentrum des Bildes am Domitiansplatz, links die angrenzende obere Agora, rechts die Kuretenstraße.
Foto: ÖAW-ÖAI / Niki Gail

Reich in der Krise
Zuvor hat Ephesos in den vergangenen eineinhalb Jahrtausenden seiner Geschichte die unterschiedlichsten Herrschaftsverhältnisse gesehen: Unter anderem Griechen, Perser und Römer hatten das Sagen. Nun ist die Stadt Teil des byzantinischen Reiches, das sich gerade in einer veritablen Krise befindet. In Konstantinopel herrscht seit dem Jahr 610 Heraclius über die Rhomäer, die sich als die verbliebenen Erben des römischen Reiches verstehen. Heraclius’ gleichnamiger Vater war der Exarch von Karthago gewesen, also der kaiserliche Statthalter im fernen Nordafrika.


Bisher wurde auf einer Fläche von rund 170 Quadratmetern eine kleinteilige Verbauung bestehend aus mehreren Geschäftslokalen freigelegt.
Foto: ÖAW-ÖAI / Niki Gail

Die Familie nutzte ihre Macht, um sich mit oppositionellen Kräften in der Hauptstadt Konstantinopel zu verbünden und den seit 602 regierenden Kaiser Phocas zu stürzen. Dieser hatte als Centurio das Kaiseramt usurpiert und seinen Vorgänger Mauricius Tiberius und die kaiserlichen Familienangehörigen ermordet. Mit brutaler Gewalt hatte Phocas sich des Kaiserthrons bemächtigt, und ebenso wurde er wieder von diesem entfernt.

Diese christlichen Pilgerampullen waren nur wenige Zentimeter groß und konnten um den Hals getragen werden. Sie enthielten geheiligte Substanzen, wie etwa heiligen Staub, die in dieser Form von christlichen Pilgerstätten mitgenommen werden konnten.
Foto: ÖAW-ÖAI / Niki Gail

Nun ist es an Heraclius, dass dieses traditionelle Spiel, das schon in der Vergangenheit das römische Reich regelmäßig in chaotische Zustände stürzte, nicht wieder zur Norm des Machtwechsels wird. Die innere Ruhe im Reich kann es jedoch nur geben, wenn die äußere Sicherheit garantiert ist. Doch hier sieht es schlecht für die Rhomäer aus: Die Sasaniden sind seit Jahrhunderten der Erbfeind des römischen Reiches im Osten und sie befinden sich auf dem Höhepunkt ihrer Macht. Zu Mauricius pflegt der sasanidische Großkönig Chosrau II. zwar gute Beziehungen – schließlich hatte ihm ausgerechnet der Kaiser nach einer Rebellion bei der Wiedererlangung des Thrones geholfen. Den Sturz Mauricius’ nutzt Chosrau jedoch umgehend für einen Rachefeldzug gegen Phocas.


Aus genormten Bechern wie diesen konnten Pilger in Ephesos mit Wein ihren Durst stillen.
Foto: ÖAW-ÖAI / Niki Gail

Heiliges Kreuz entführt
Heraclius übernimmt daher mit dem Kaiserthron auch diesen Krieg, und er muss eine Reihe bitterer Niederlagen hinnehmen. Syrien und Ägypten gehen verloren, und aus dem im Juli 614 eroberten Jerusalem wird die Reliquie des Heiligen Kreuzes, das drei Jahrhunderte zuvor von Helena entdeckt worden sein soll, in die sasanidische Hauptstadt Ktesiphon gebracht. Und auch Kleinasien wird zum Ziel von Angriffen – bisher war jedoch deren Zeitpunkt und Ausmaß unklar.


In großen Mengen wurden auch Amphoren gefunden, manche davon stammen aus Ephesos (braun), andere wurden aus Nordafrika importiert (beige).
Foto: ÖAW-ÖAI / Niki Gail

Dank der umfangreichen und perfekt erhaltenen neuen Funde lässt sich dieses Kapitel der Geschichte nun neu beurteilen. Deren Aufarbeitung wird das Team aus dem Archäologen Helmut Schwaiger, dem Numismatiker Nikolaus Schindel, dem Archäozoologen Alfred Galik und dem Archäobotaniker Andreas G. Heiss noch geraume Zeit beschäftigen. Angesichts der archäologischen Schätze habe sich das Grabungsteam des öfteren an Howard Carters Worte erinnert, als dieser einen ersten Blick auf die Schatzkammer Tutanchamuns werfen konnte: "Ich sehe wunderbare Dinge" gilt auch für Ephesos, sagt Ladstätter. Für die Wissenschaft bietet sich ein solches Fenster in die Vergangenheit nur selten.


In einer Amphore wurden noch Reste der darin enthaltenen Fische entdeckt. Die außerordentlich gute Erhaltung, die Größenselektion und der Fund in der Amphore deuten darauf hin, dass die Fische mit Salz haltbar gemacht und importiert wurden. Eine Konservierungsmethode, die seit römischer Zeit angewandt wurde und nun auch für das frühe siebte Jahrhundert in Ephesos eindrucksvoll nachgewiesen werden kann.
Foto: ÖAW-ÖAI / Niki Gail

Christliches Zentrum
Das freigelegte Areal liegt auf dem Domitiansplatz an der Kuretenstraße. Der einst repräsentative Platz ist in der frühbyzantinischen Spätantike längst zum Teil überbaut: ineinander verschachtelt haben sich hier Werkstätten, Tabernen und Geschäfte angesiedelt. Sie leben vom Tourismus, bei ihrer Kundschaft handelt es sich um christliche Pilger. Der legendäre Tempel der Artemis – eines der sieben Weltwunder – war schon im Jahr 268 von den Goten zerstört worden, und in den folgenden Jahrzehnten verdrängte das Christentum die paganen Kulte wie im ganzen Reich auch in Ephesos.


Im Lagerraum befanden sich zahlreihe kleine Krüge und Becher, die offenbar ein Set gebildet haben. Abgefüllt mit Wein wurden sie der Kundschaft in daneben liegenden Räumen serviert.
Foto: ÖAW-ÖAI / Niki Gail

Hier hatte der neue Monotheismus schon sehr früh Fuß gefasst, Paulus hielt sich ebenso in der Stadt auf wie der Apostel Johannes. Über dessen Grab nahe der heutigen Stadt Selçuk ließ Kaiser Justinian die Johannesbasilika errichten – eine der größten Kirchen im byzantinischen Reich.


Der Deckel zu einem Fischaufbewahrungsgefäß, auf dem ein Fisch eingraviert ist, in Fundlage. Rechts daneben ist ein Teil des Unterkiefers eines Rindes zu sehen.
Foto: ÖAW-ÖAI / Niki Gail

Für Ephesos ist damit die Kontinuität als Wallfahrtsort garantiert. Während in heidnischen Zeiten der Apostelgeschichte zufolge silberne Tempelmodelle an die Besucher der Tempelanlagen verkauft wurden, warten in dem kleinen Laden in einem Korb gleich neben dem Eingang hunderte Tonfläschchen auf Pilger mit locker sitzendem Geldbeutel. Die irdenen Flakons sind dazu gedacht, als Amulett um den Hals getragen zu werden.


Knochenjob: Der Archäozoologe Alfred Galik hat tausende Fischknochen vermessen, sortiert und bestimmt.
Foto: ÖAW-ÖAI / Niki Gail

In ihnen soll etwas ganz Besonderes aufbewahrt werden: Die Legende besagt, dass Johannes gar nicht gestorben ist, sondern nur schläft. Dabei dürfte er ziemlich intensiv träumen, denn er wirbelt mit seinem Atem Staub auf – dieser wird von den Priestern gesammelt und an die Gläubigen verteilt. Von den Archäologen wurde dies in der Praxis getestet: Die Fläschchen tragen sich mit rund einem Gramm Erde als Inhalt besser als im leeren Zustand, erzählt Ladstätter.


Im Bereich einer Amphore und einer Schüssel konnten außergewöhnlich viele und gut erhaltene Fischknochen geborgen werden. In der Amphore selbst fanden sich zwei Fischarten: die Makrele und der atlantische Bonito. Auf dem Foto sind zahlreiche Schädelreste wie auch die vielen Wirbel der atlantischen Bonitos zu sehen.
Foto: ÖAW-ÖAI / Niki Gail

Speis und Trank in der Taberne
Auch zahllose Öllampen stehen in dem Laden für Käufer bereit. Nebenan werden die Pilger in einer Taberne verköstigt: Für sie gibt es eine große Zahl von Krügen und Trinkbechern in Normgrößen. Die zur Taberne gehörige Garküche verfügt über einen gut gefüllten Lagerraum. Hier werden Mandeln, Pfirsiche und Oliven ebenso verarbeitet wie Hülsenfrüchte und Erbsen.

Auch Surf and Turf gibt es im Angebot: in Amphoren aus Afrika lagern eingepökelte Fische, Rindfleisch ist ebenfalls vorhanden. "Arbeit für die nächsten zweihundert Jahre", war der erste Eindruck Galiks. Eine fünfstellige Zahl von Fischknochen hat der Archäozoologe vermessen und katalogisiert.


Nikolaus Schindel bei der Untersuchung der gefundenen Münzen.
Foto: ÖAW-ÖAI / Niki Gail

Diese stammen hauptsächlich von zwei Fischarten: mindestens achtzig Makrelen und 45 atlantische Bonitos, rechnet Galik vor. Die Fische entsprachen alle einer Normgröße von 30 bis 35 respektive 40 bis 45 Zentimetern. Unter den Rinderknochen finden sich sehr viele Schädelteile "von sehr alten Rindviechern", sagt Galik. Sie wurden wohl lange ausgekocht und als "Kopffleischsuppe" angeboten.


Die Münzen sind zum Teil ausgezeichnet erhalten.
Foto: ÖAW-ÖAI / Niki Gail

Hunderte Münzen
Bezahlt wird von den Besuchern üblicherweise mit Bronzemünzen in verschiedenen Nominalen. Mehrere hundert Münzen haben die Archäologen in dem Geschäftsareal entdeckt, die jüngste stammt aus dem fünften Regierungsjahr Heraclius’. Rund 520 der Münzen stellen eine zusammengehörige Summe Geldes dar, erklärt Schindel. Dazu wurden auch fünf Goldmünzen entdeckt, vier dieser Solidi im Zusammenhang, wohl als Inhalt einer Börse.


Ein Follis des Usurpators Phocas, der sich auf seinen Münzen mit einem markanten Bart abbilden ließ.
Foto: ÖAW-ÖAI / Niki Gail

Die Interpretation ist schwierig. Ob es sich dabei um Erspartes handelt oder um die Geschäftskasse? Jedenfalls hat der Eigentümer sein Vermögen nicht als Hort versteckt, die Münzen wurden vielmehr in einem Teil des Lagerraumes verstreut, vermutlich beim Einsturz eines Regales. Münzen Phocas’ kommen in dem Konvolut interessanterweise doppelt so oft vor wie jene des Heraclius.


Vier Goldmünzen in Fundlage. Von der obersten Münze ist die Rückseite zu sehen, auf der eine Victoria abgebildet ist. Geprägt wurde die Münze in Konstantinopel.
Foto: ÖAW-ÖAI / Niki Gail

Bei einem vergleichbaren, auf denselben Zeitpunkt datierten Schatzfund aus der Stadt Sardes stammten von 216 Münzen des Hortes rund zweihundert von Heraclius, während frühere Kaiser nur schwach vertreten sind.


Die Rückseite der Münze zeigt im Zentrum die Wertangabe XXXX, die für vierzig Nummi steht. Neben der Wertangabe steht das Regierungsjahr des Kaisers angegeben, in diesem Fall das Jahr 6 des Phocas, darüber steht "Anno". Im Abschnitt steht "KYZ" für die Prägestätte der Stadt Kyzikos, daneben das Zeichen für die ausführende Offizin.
Foto: ÖAW-ÖAI / Niki Gail

Folgenreicher Krieg
Der Einfall der Sasaniden in Kleinasien war offenbar dramatischer als bisher geglaubt und brachte das byzantinische Reich kurzzeitig ins Wanken. Die sasanidische Kriegsführung war auf die Zerstörung der Infrastruktur und Lebensgrundlagen der Bevölkerung ausgelegt. Menschen wurden massenweise verschleppt, berichten zeitgenössische Autoren.


Eine bronzene Prunklampe. Ihre Halterung weist ein Kreuz in Durchbruchsarbeit auf, sie steht auf einem Kandelaber.
Foto: ÖAW-ÖAI / Niki Gail

Dass unter dem Schutt des Geschäftsviertels niemand nach den wertvollen Gütern gesucht hat, bedeutet wohl, dass dies den Eigentümern nicht mehr möglich war. Die verbliebene Bevölkerung zog sich in der Folge hinter eine Stadtmauer in die Hafengegend im Westen von Ephesos zurück, die frühere Bedeutung erreichte die Stadt nie wieder.


Ein Lagerraum war vollgeräumt mit Gefäßen, die noch mit ihrem ursprünglichen Inhalt gefunden wurden. Hier wurde auch ein Konvolut von rund 520 Münzen gefunden, das möglicherweise die Geschäftskasse war.
Foto: ÖAW-ÖAI / Niki Gail

Die Sasaniden konnten ihre Erfolge nicht auf Dauer behaupten. Nach 622 kehrte der militärische Erfolg auf die Seite der Byzantiner zurück, unter Chosraus Nachfolger Kawad II. wurde 628 ein Friedensschluss erreicht. Der lange Krieg hatte jedoch beide Seiten ausgelaugt, der beginnenden islamischen Expansion konnte kaum etwas entgegengesetzt werden. 651 fiel das Sasanidenreich, und die Byzantiner verloren den Großteil ihrer Provinzen an die Araber.
(Michael Vosatka, 3.11.2022)
Ephesos im Scheinwerferlicht: Die Geschichte hinter dem spektakulären Fund
 

josef

Administrator
Mitarbeiter
#5
VERWALTUNGSRESIDENZ
Monumentale Palastanlage in Ephesos gibt Geheimnisse preis
Untersuchungen des bisher kaum erforschten Gebäudekomplexes oberhalb des Theaters der antiken Stadt werfen ein neues Licht auf seine Bau- und Nutzungsgeschichte
Ein bisher weißer Fleck der Stadtlandschaft von Ephesos ist erstmals systematisch erforscht worden. Die Palastanlage auf mehr als 10.000 Quadratmetern oberhalb des Theaters der antiken Stadt wurde mindestens für 700 Jahre genutzt und dürfte hellenistischen wie römischen Verwaltern vor allem zu Repräsentationszwecken gedient haben.

Es muss ein imposanter Anblick für die Besatzung gewesen sein, wenn ein Schiff in die von zwei Bergen gerahmte Hafenbucht der antiken Stadt Ephesos an der Westküste Kleinasiens eingefahren ist. Vom – heute großteils verlandeten – Hafenbecken aus konnte man am Westhang des Haupthügels Panayırdağ schon das große Theater und die darüber liegende, sich über mehrere Terrassen erstreckende Palastanlage erkennen.


Überreste eines Saals mit Säulenfassade (Exedra) in der Palastanlage.
Foto: ÖAW-ÖAI/Niki Gail

Residenz aus der hellenistischen Zeit
Die sichtbaren Baureste des riesigen Gebäudekomplexes wurden im Rahmen des Langzeitprojekts Ephesos des Österreichischen Archäologischen Instituts (ÖAI) der ÖAW und eines Dissertationsprojekts an der BTU Cottbus-Senftenberg von 2009 bis 2014 umfassend dokumentiert. Davon zeugt nun der vom FWF geförderte 50. Band der ÖAI-Reihe "Forschungen in Ephesos", der als Open-Access-Publikation vorliegt.

"Aller Wahrscheinlichkeit nach dürften wir es mit einer Verwaltungsresidenz aus der Antike zu tun haben, die offensichtlich nicht erst in der römischen Kaiserzeit, sondern schon davor diese Funktion gehabt hat", sagt Christoph Baier über die wichtigste Hypothese seiner Dissertation.


Luftaufnahme des Stadtareals oberhalb des Theaters von Ephesos. Die gewaltigen Ausmaße der Palastanlage sind deutlich erkennbar.
Foto: ÖAW-ÖAI/Drone Adventures

Errichtet wurde die Anlage nämlich wohl schon in der hellenistischen Zeit im zweiten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung. Von Beginn an habe sie eine starke Nähe zur zeitgenössischen hellenistischen Palastarchitektur aufgewiesen, vor allem zu jener der Stadt Pergamon, so der Archäologe und Bauforscher.

Herrschaftszentrum der Attalidenkönige
Die Ergebnisse würden auch darauf hindeuten, dass die Zeit der pergamenischen Oberhoheit über Ephesos zwischen 188 und 133 vor unserer Zeitrechnung einen bisher zu wenig beachteten Meilenstein in der Stadtentwicklung markiert. Neben der zunehmenden militärischen und strategischen Bedeutung entwickelte sich die wichtige Hafen- und Handelsstadt zum Hauptort eines pergamischen Regierungsbezirks und einem regionalen Zentrum der Herrschaft der Attalidenkönige.


Blick von einer der Terrassen der Palastanlage auf die Unterstadt und die Hafenebene von Ephesos.
Foto: ÖAW-ÖAI/Niki Gail

Die angenommene Funktion der Palastanlage als Verwaltungsresidenz der hellenistischen Zeit, die später auch von den römischen Besatzern weiter genutzt wurde, ist für Baier auch daher bemerkenswert, als dass es nur noch ein weiteres bekanntes archäologisches Beispiel dafür gibt, das im heutigen Israel liegende Caesarea Maritima. Im Falle von Ephesos könnte möglicherweise der Statthalter der römischen Provinz Asia selbst hier residiert haben, legen die Befunde nahe.

Des Palastes Kern
Das Team um Baier konnte mit punktuellen Nachgrabungen an neuralgischen Punkten und mithilfe von geophysikalischen Prospektionen ermitteln, dass der Komplex in der römischen Kaiserzeit in einer Abfolge künstlich angelegter, übereinander gestaffelter Terrassen ihre größte Ausdehnung von mindestens 10.000 Quadratmetern erreichte. Den Kern des Geländes stellt ein auf der untersten der Terrassen liegendes, mindestens 2.400 Quadratmeter großes Peristylhaus dar, das vermutlich um die Mitte des 2. Jahrhunderts vor unserer Zeitrechnung errichtet wurde.


Ein Raum mit kreisrundem Säulenumgang um ein Wasserbecken im Zentrum diente in der Palastanlage ursprünglich als Gartennymphäum und wurde später in eine Badeanlage integriert. Ein derartiger Rückzugsort innerhalb großer römischer Villen wurde in der Antike als Diaeta bezeichnet.
Foto: ÖAW-ÖAI/Niki Gail

Das um einen großen Hof mit Säulenhallen herum angeordnete Gebäude wies repräsentative Empfangssäle und verschiedene andere Räumlichkeiten auf. Zur Kaiserzeit kam beispielsweise auf der Südseite ein weiterer Peristylhof dazu, um den herum zusätzliche Repräsentationsräume angelegt wurden. Am nördlichen Rand wiederum wurde eine Diaeta errichtet, eine Art Rückzugsort am Rande des Palastkomplexes.

Monumentalisierung des Stadtbilds
Dieses Stadtquartier dürfte aber auch in ein konzise geplantes städtebauliches Konzept eingebunden gewesen sein. "Für die pergamenische Phase im frühen zweiten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung in Ephesos sind ganz interessante Zusammenhänge wahrscheinlich", erklärt Baier.


Dreidimensionaler Rekonstruktionsversuch für das hellenistische Peristylhaus oberhalb des Theaters, Schrägprojektion von Nordwesten.
Illustr.: ÖAW-ÖAI/Hans Baier, Christoph Baier

"Es gibt enge räumliche Bezüge, die darauf hinweisen, dass es in dieser Zeit eine Monumentalisierung des Stadtbilds gegeben zu haben scheint – innerhalb eines gemeinsamen Planungskonzepts für diese Stadtansicht vom Panayırdağ über dem Theater und über dem Hafen." Auch weitere öffentliche Bauprojekte wie der sogenannte Staatsmarkt würden in diese Phase der "Residenzstadtwerdung" hineinfallen, so der Experte.

Bis zum 7. Jahrhundert genutzt
Im Laufe ihrer Nutzung wurden die Gebäude der Palastanlage wohl drei- oder viermal durch schwere Erdbeben in Mitleidenschaft gezogen und immer wieder aufgebaut. Endgültig aufgegeben wurde das Stadthaus im frühen 7. Jahrhundert. Die Gründe dafür liegen im Dunkeln, eine plötzliche Katastrophe scheint den Forschenden aufgrund des in allen Untersuchungsbereichen fehlenden Hausinventars aber wenig wahrscheinlich.

Nur geringe Teile des erstmals um 1930 erkundeten Areals liegen frei. Der Erhaltungszustand der teilweise sieben bis acht Meter hohen Gebäuderuinen ist laut Baier sehr gut. Sie befinden sich oberhalb des aktuell freigegebenen Besucherparcours in Ephesos und sind durch ihre Lage nicht einfach zu beforschen und zu sichern. Die weitere Erschließung ist daher aus heutiger Sicht noch ungewiss.
(Mario Wasserfaller, 21.4.2023)

Links
Monumentale Palastanlage in Ephesos gibt Geheimnisse preis
 

Geist

Zeitgeschichte im Untergrund
Mitarbeiter
#6
130 Jahre österreichische Grabung

Ephesos gilt als ein Juwel unter den archäologischen Grabungsstätten weltweit, vor allem auch, weil es nie überbaut wurde. Erforscht wird es seit 130 Jahren unter österreichischer Leitung. Knapp 250 Fachleute aus zwanzig Ländern sind Jahr für Jahr an den Grabungen beteiligt.

„Wetter klar und gut, windstill. 87 Arbeiter treten an“, notierte Otto Benndorf am 20. Mai 1895 in seinem Grabungstagebuch, als er erstmals den Spaten ansetzte. Das Datum markiert den Startpunkt für Österreichs langzeitliche Forschungsunternehmung in Ephesos. Die Stadt besaß mit dem Tempel der Artemis eines der Sieben Weltwunder der Antike.

Die Arbeiten erfolgen unter Leitung des 1898 gegründeten Österreichischen Archäologischen Instituts (ÖAI), das heute zur Akademie der Wissenschaften (ÖAW) gehört. Im lykischen Limyra hat das ÖAI die Verantwortung für eine zweite Grabungsstätte in der Türkei.

Vom Neolithikum bis ins Mittelalter

Ephesos, beim heutigen Selcuk in der Westtürkei gelegen, war vom Neolithikum (Jungsteinzeit) bis in das Mittelalter durchgehend besiedelt. Spuren erster Siedlungen gehen bis 6.800 Jahre vor unserer Zeitrechnung (v. u. Z.) zurück. Ihre erste Blütezeit hatte die Stadt, damals noch am Meer gelegen, unter den Griechen. Mit der Eingliederung Kleinasiens in das Römische Reich (133 v. u. Z.) und der späteren Ernennung von Ephesos zur Hauptstadt der Provinz Asia (etwa 60 v. u. Z.) kam der Aufstieg zur antiken Metropole. Wirtschaftskrise, ein großes Erdbeben und der Einfall der Goten schwächten die Stadt.

ÖAW-ÖAI/NIKI GAIL,JUDITH WURZER
Österreichische Forscher stießen vor über 100 Jahren auf das Serapeion, eine imposante Tempelanlage in der antiken Metropole in der Westtürkei

Unter byzantinischer Herrschaft (5. bis 15. Jahrhundert) war Ephesos noch relativ wichtig. Als Missionsort des Apostels Paulus, als der geglaubte Aufenthalts- und Sterbeort von Apostel Johannes sowie der Legende nach Sterbeort Marias war Ephesos eine der frühen Stätten des Christentums und ein bedeutendes Pilgerzentrum. Schließlich wurde die Stadt im Osmanischen Reich bedeutungslos.

Unter den Römern wurde Ephesos zu einer der größten Städte des Kaiserreichs. Grundlage und Lebensader für die Stadt war ihr Hafen, einer anhaltenden Verlandung – auch beeinflusst durch die Rodung von Waldflächen und Landwirtschaft durch den Menschen – wollte man mit einem Kanal trotzen. Am Beginn des 8. Jahrhunderts versiegte aber die Meeresverbindung. Heute liegt Ephesos sieben Kilometer vom Ägäischen Meer entfernt.

Österreich startete 1895

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begannen zunächst von British Museum finanzierte Grabungen in Ephesos: John Turtle Wood widmete sich im Jahr 1863 der Suche nach dem der „Sondergöttin“ Artemis Ephesia gewidmeten Artemision. Er fand es, aber die ausgehobenen Funde entsprachen nicht den Erwartungen. So ergab sich eine Chance für die österreichisch-ungarische Monarchie, damals auf der Suche nach einer repräsentativen antiken Grabung.

Der Ordinarius für Klassische Archäologie an der Universität Wien, Benndorf, stellte 1893 dem Cultusministerium ein fünfjähriges Grabungsprojekt für Ephesos vor. Mit der Genehmigung und einer Spende des Privatmanns Karl Mautner Ritter von Markhof in Höhe von 10.000 Gulden im Gepäck startete er 1895 die österreichischen archäologischen Grabungen.

APA/LENA YADLAPALLI
Österreichische Forscher lokalisieren das dritte Stadttor der einstigen antiken Metropole in der Westtürkei: Grabungsarbeiten beim Koressischen Tor in Ephesos, aufgenommen am 3. Juli 2025

Zu den jüngsten sensationellen Funden zählen für Ephesos-Grabungsleiter Martin Steskal etwa die frühbyzantinische Freilegung des Geschäfts- und Lokalviertels am Domitiansplatz, die unter Steskals langjähriger Vorgängerin Sabine Ladstätter erfolgte. Auch gelang jüngst die wissenschaftliche Entkräftung, dass der 1929 in Ephesos gefundene Schädel jener von Kleopatras Schwester Arsinoë IV sei.

DNA-Analysen belegten die Abstammung von einem nicht aus Ägypten stammenden Buben. Man habe sich zudem zuletzt viel mit Friedhöfen befasst: „In einem Grab ist man dem Menschen besonders nah“, so Steskal. Hier gebe es die Möglichkeit, zu früheren Ernährungsgewohnheiten, Lebenserwartungen und anderen Fragen zu forschen.

„Fundteilung“ bis 1906

Einige Funde wie der 1903 ausgehobene Parther-Fries als das bedeutendste Relief römischer Zeit in Kleinasien, das zur Feier des römischen Sieges über ein Barbarenheer errichtet worden war, wurden im Zuge der damals gesetzlich verankerten „Fundteilung“ nach Wien ins heutige Ephesos-Museum am KHM Wien gebracht. Seit 1906 verbleiben alle Funde in der Türkei.

Mit der Freilegung der großen Straßen, etwa der Kuretenstraße, zog Ephesos ab den 1950er Jahren vermehrt Touristen an. Damals erfolgte auch die erste Wiedererrichtung: der Hadrianstempel an der Kuretenstraße. Auch die berühmten Artemisstatuen erblickten damals zum zweiten Mal das Licht der Welt. Die als „Hanghäuser“ bekannt gewordenen römischen Luxuswohnbauten wurden ab den 1960er Jahren ausgegraben.

APA/LENA YADLAPALLI
Restauratorinnen und Konservatoren reinigen und „reparieren“ Wandmalereien und Bodenmosaike im mittlerweile überdachten und damit vor UV-Licht geschützten Hanghaus 2. Das Haus mit seinen sieben Wohneinheiten zählt zu den besterhaltenen kaiserzeitlichen Wohnkomplexen im östlichen Mittelmeer-Raum.

Mit Hilfe einer modernen, im Jahr 2000 fertiggestellten Dachkonstruktion geschützt, konnten sie für Besucher wieder zugänglich gemacht werden. In den 1970er Jahren wurde die Fassade der Celsusbibliothek wieder errichtet. Diese Anastylose (Einweihung 1978) gilt als ein Meilenstein in der Geschichte der österreichischen Forschungen in Ephesos. Die UNO-Kulturorganisation UNESCO hatte die Ausgrabungsstätte 2015 in die Welterbeliste aufgenommen.

Grabungsgeschichte mit Unterbrechungen

Alljährlich sind rund 250 Forschende aus knapp 20 Ländern an den Grabungen, der Aufarbeitung der Funde sowie Restaurierung und Konservierung beteiligt. Die zentralen Grabungsmonate sind Mai bis Ende Oktober, um die Genehmigung für Grabungsarbeiten müssen die Österreicher alljährlich – bei bestehender Grabungslizenz – in der Türkei ansuchen.

Über die 130 Jahre mussten die Arbeiten immer wieder wegen politischer Krisen eingestellt werden, erstmalig 1908 anlässlich der Bosnischen Annexionskrise. Eine längere Unterbrechung von 1936 bis 1954 ging mit dem Zweiten Weltkrieg einher. Im September 2016 musste man bis 2018 stoppen, nachdem es zur Verstimmung zwischen Österreich und der Türkei gekommen war. Hintergrund war die ultimative Forderung Österreichs, die EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei abzubrechen. Auch die Coronavirus-Pandemie sorgte für eine Unterbrechung.

red, science.ORF.at/Agenturen
Quelle: 130 Jahre österreichische Grabung
 

josef

Administrator
Mitarbeiter
#7
Die markantesten Bauten der Weltwunderstadt Ephesos
Das antike Ephesos in der Türkei ist die größte Erfolgsgeschichte der österreichischen Archäologie, die nun 130 Jahre Grabungen feiert. Über glanzvolle Vergangenheit und das Recycling eines Weltwunders

Dass hier einst der Artemistempel – eines der sieben Weltwunder – stand, erkennt man heute nur noch an einer mächtigen Säule und etlichen Mauerresten.
ÖAW-ÖAI/Niki Gail

Der Artemistempel war einst ein Gigant unter den sieben Weltwundern der Antike. Mehr als 100 Meter lang, prunkvoll mit Reliefs verziert, übertraf das "Artemision" sogar das Parthenon auf der Athener Akropolis. Seine Säulen stemmten ein Dach, das in rund 20 Metern Höhe in den Himmel ragte. Heute steht dort kaum mehr als eine einzelne Marmorsäule – stille Zeugin eines Bauwerks, das vor 2200 Jahren die Besucher von Ephesos in Ehrfurcht versetzte.
"Doch als ich dann endlich Artemis' Tempel erblickt, der in die Wolken sich hebt, blasste das andere dahin. Ich sagte: Hat Helios' Auge außer dem hohen Olymp je etwas Gleiches gesehen?" (Dichter Antipater von Sidon)

So ähnlich sah das Artemision vor seiner Zerstörung aus.
ÖAW-ÖAI/Archiv, Fatih Aydogdu

Dass heute noch eine Marmorsäule steht und die antiken Ruinen Besucherinnen faszinieren, ist zu einem großen Teil dem Österreichischen Archäologischen Institut (ÖAI) zu verdanken. Es feiert aktuell 130 Jahre Ausgrabungen in Ephesos – unweit von Selçuk, rund 70 Kilometer südlich von Izmir in der heutigen Türkei.


Blick über Ephesos in Richtung Mittelmeerküste (im Hintergrund). Mittig sind Überreste des versandeten Hafens zu sehen, vorne rechts das große Theater, links ein überdachtes Hanghaus.
ÖAW-ÖAI/Niki Gail - Judith Wurzer

Nicht nur Naturkatastrophen wie Erdbeben setzten dem Heiligtum im Laufe der Jahrhunderte zu: Auch das erstarkende Christentum drängte heidnische Kulte zurück. Was vom prächtigen Artemistempel blieb, wurde im 6. Jahrhundert schlicht recycelt – etwa für die Johanneskirche, keine 500 Meter Luftlinie entfernt.

1751921187933.png

Einst war Ephesos eine griechische Küstenmetropole mit vermutlich 200.000 Einwohnern. Zur Römerzeit wurde sie Hauptstadt der Provinz Asia.

Damals florierte die Stadt, auf deren Gebiet sich schon steinzeitliche Spuren fanden. Weit entfernt vom Artemision zieht sich der prominenteste Teil der Ausgrabung von der Oberen Agora (Marktplatz), dem politischen Zentrum, bis zum längst versandeten Hafen.

1751921320662.png

Antiker Spaziergang
Auf diesem Weg reihen sich spektakuläre Bauwerke aneinander – sie machten Ephesos vor zehn Jahren zum Unesco-Weltkulturerbe. Eine der Prachtstraßen, die Kuretenstraße, verbindet den unteren und oberen Stadtbereich und führt vorbei am sogenannten Hadrianstempel, der zu den ersten wiedererrichteten Bauten zählt.


Der Hadrianstempel liegt an der prominenten Kuretenstraße, hinter ihm wurden Bäder angelegt.
ÖAW-ÖAI/Niki Gail

Auch die Fassade der Celsusbibliothek ragt stolz empor – Ikone der Ausgrabung, doch mittlerweile wieder renovierungsbedürftig. Die öffentliche Bibliothek wurde wohl Anfang des 2. Jahrhunderts errichtet.


Zu den bekanntesten Bauwerken in der Türkei zählt die Celsusbibliothek. Vor 50 Jahren wurde die Wiedererrichtung ihrer Fassade fertiggestellt, nun wird renoviert.
ÖAW-ÖAI/Niki Gail

Sie bot Raum für rund 10.000 Buchrollen – und war zugleich Mausoleum für den Politiker Iulius Celsus. Sein Sarkophag steht noch heute vor Ort.


Auf einem virtuellen Spaziergang ist weniger los als an der Fundstätte zur touristischen Hochzeit.
ÖAW-ÖAI/N. Gail

Vom Leben der Wohlhabenden in Ephesos zeugen die Hanghäuser: Die luxuriösen Wohnungen waren ausgestattet mit aufwendigen Mosaiken und farbenfrohen Wandmalereien, später baute man teilweise Fußbodenheizungen ein.


Die großen und reich ausgestatteten Luxuswohnungen der Hanghäuser geben einen Einblick in den Alltag reicher Familien in Ephesos.
ÖAW-ÖAI/Niki Gail

Das berühmte Hanghaus 2 wird heute von einem Dach vor der Witterung geschützt.


Wandmalereien und Mosaike werden vor Regen geschützt.
ÖAW-ÖAI/Niki Gail

Nahe der unteren Agora, dem viereckigen Marktplatz, befindet sich das große Theater der Stadt. Über 20.000 Zuschauer fanden hier auf den steil ansteigenden Rängen Platz.


Im großen Theater von Ephesos gab es 22.000 Sitzplätze. An der oberen Agora befand sich auch ein kleineres Theater, das Odeon, mit rund 1500 Plätzen.
ÖAW-ÖAI/Niki Gail - Judith Wurzer

Das Theater zählt zu den größten der Antike. In der Arena spielten Dramen und Komödien, Gladiatoren kämpften zum Zeitvertreib – und nicht selten fanden hier Volksversammlungen statt.


Neben dem großen Theater (oben) in der Nähe des unteren Marktplatzes gab es auch das kleinere Odeon an der oberen Agora (rechts).
ÖAW-ÖAI/Niki Gail - Judith Wurzer

Die Welt von gestern
Nicht alles, was erbaut wurde, ist heute an der Fundstätte zu sehen. Viele Skulpturen und Friese ruhen in den Ephesosmuseen – in Selçuk, nur einen Steinwurf entfernt, oder weit weg in Wien. Als Otto Benndorf, der Begründer des Österreichischen Archäologischen Instituts, 1895 mit den Grabungen begann, erlaubte der Sultan Abdülhamid II. dem Team, einige Schätze als Geschenk ins Habsburgerreich zu bringen. Erst 1907 stoppte ein neues Antikengesetz diesen Schatztransport.


Die Montage zeigt die Celsusbibliothek heute und um 1900 in den ersten Jahren der österreichischen Grabungen.
ÖAW-ÖAI/Niki Gail

In der Spätantike setzten Ephesos Wirtschaftskrisen, Erdbeben und Plünderungen zu. Die Menschen verließen ihre Häuser, die Stadt schrumpfte. Abseits entstand eine byzantinische Siedlung – aus ihr wurde die heutige türkische Stadt Selçuk. Am Stadtrand liegen die antiken Reste der Johanneskirche – und des einstigen Tempels der Artemis.


So ähnlich dürfte der Artemistempel in seiner größten Version ab etwa 250 v. Chr. ausgesehen haben.
ÖAW-ÖAI/Archiv
(Julia Sica, 6.7.2025)
Die markantesten Bauten der Weltwunderstadt Ephesos
 

josef

Administrator
Mitarbeiter
#8
Als Gladiatoren wie Popstars gefeiert wurden
Ein Streifzug durch das antike Ephesos enthüllt, wo das Pendant zur Wiener Ringstraße liegt und was Lipizzaner und Katzen damit zu tun haben

Im Theater von Ephesos begeisterten nicht nur Gladiatorenkämpfe bis zu 22.000 Zuschauerinnen und Zuschauer, auch Apostel Paulus hatte einen Auftritt.
Images/iStockphoto

Das Mekka der österreichischen Archäologie liegt in der Türkei. Zur heißesten Zeit des Jahres pilgern Forschende an die Mittelmeerküste bei Izmir und tauchen ab in die Vergangenheit: Zwischen roten Scherben, Marmor und Fischgräten suchen seit 130 Jahren Fachleute aus Österreich nach Lebensgeschichten, die die bewegte Geschichte einer einst goldenen Metropole nachzeichnen. Eldorado heißt hier Ephesos.

Schon in der Jungsteinzeit siedelten sich hier, neben der heutigen Stadt Selçuk, Menschen an. Es ist noch immer ein guter Ort zum Leben: Die Pflanzenwelt gedeiht und blüht dank fruchtbaren Bodens und viel Regens im Winter, Obstplantagen säumen die Straßen. Trotz der nur wenige Kilometer entfernten Küste ist die Luftfeuchtigkeit niedriger als in Wien, was die brütende Hitze – es werden locker 40 Grad – zumindest einen Hauch erträglicher macht, wenn man die Kuretenstraße entlangflaniert.


An der Kuretenstraße reihten sich Tempel, Denkmäler, politische Treffpunkte und dekadente Wohnhäuser aneinander.
Images/iStockphoto

Straße der High-Society-Apartments
"Über die Kuretenstraße zu gehen ist vergleichbar mit dem Weg über die Ringstraße in Wien – links und rechts wichtige öffentliche Gebäude und beste Wohngegenden", sagt Georg Plattner, Leiter der Antikensammlung des Kunsthistorischen Museums Wien, zu der auch das Ephesos-Museum in der Hofburg gehört. An beiden Prachtstraßen erinnern die Bauten an politische Zentren, Kulturoasen und an die High Society, die sich in Wien ein Stadtpalais und in Ephesos eine Wohnung in den Hanghäusern leisten konnte.

Was man heute an der Fundstätte sieht, ist vor allem von der römischen Kaiserzeit geprägt. Rund um den Beginn unserer Zeitrechnung vor 2000 Jahren begann der Bauboom, zu Höchstzeiten dürften mehr als 200.000 Menschen in Ephesos gelebt haben. Es gehörte zu den fünf größten Städten des römischen Reichs, der Export von Wein und Olivenöl machte die Metropole reich.

Lipizzaner gegen Statuen tauschen
Wandelt man heute über die abschüssige Kuretenstraße, erblickt man schnell den famosen Bau an ihrem Ende. Die Celsus-Bibliothek bot Platz für etwa 10.000 Buchrollen, die nicht nur literarische Schriften enthielten, sondern auch das Stadtarchiv bildeten. Gestiftet wurde sie von Tiberius Iulius Celsus, Statthalter der Provinz Asia, deren Hauptstadt Ephesos war. Die Fassade, die sich über die Landschaft erhebt, wurde erst in den 1970er-Jahren mit Originalteilen rekonstruiert. Die Statuen in den Nischen, die allegorisch die Tugenden des Stifters von Weisheit bis Tüchtigkeit darstellen, sind jedoch nicht antik, die Originale stehen in Wien.


Mit prunkvollen Marmorsäulen und Statuen geschmückt, machte die Celsus-Bibliothek schon von weitem Eindruck.
Images/iStockphoto

Nach der Entdeckung der Bibliothek 1903 durch das Grabungsteam des Österreichischen Archäologischen Instituts (ÖAI) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften durften die Fachleute ausgewählte Stücke mitnehmen – als Geschenk des Sultans an Kaiser Franz Joseph. "Die guten Beziehungen zwischen den beiden Reichen machten dies möglich, als Gegengeschenke wurden unter anderem Lipizzaner nach Istanbul gesandt", erzählt Plattner. Ab 1906 war die Ausfuhr der Objekte aus Ephesos nicht mehr erlaubt. Was man heute im Wiener Ephesos-Museum sehen kann, ist im Besitz der Republik Österreich.

Die Bibliothek als Grab und Brunnen
Bei dem berühmten Bauwerk handelt es sich nicht nur um eine Bibliothek, sondern auch um ein Grab. Im hinteren Bereich befindet sich in Bodennähe ein schmales Guckloch, durch das man eine Grabkammer mit Marmorsarkophag erahnen kann. Hier fand der Stifter seine letzte Ruhe – obwohl es eigentlich verboten war, Menschen im Stadtgebiet zu bestatten.

Dies besagte eines der ältesten Gesetze überhaupt, das eine hygienische Maßnahme darstellte, erklärt Martin Steskal, der Grabungsleiter in Ephesos und gelernter Archäologe. Aus gutem Grund: "Als besonders gefährlich betrachtete man die prestigereiche Feuerbestattung, man hatte Angst vor Bränden." Doch auch eine Körperbestattung, wie Celsus sie erfahren sollte, musste für üblich vor den Stadtmauern durchgeführt werden.


Nach einem Erdbeben, das den Bibliotheksraum zum Einsturz brachte, wurde die Fassade zum Brunnen umfunktioniert.
Images/iStockphoto

Der Statthalter bediente sich also eines Tricks, der dafür sorgte, dass man ihn selbst 2000 Jahre später nicht vergessen hatte. Er stiftete eine Bibliothek und sicherte sich damit die Möglichkeit, ein Ehrengrab für sich selbst einzubauen – mitten in der Stadt. Später verwandelte sich der Bau auch noch in einen Brunnen: Nachdem bei einem Erdbeben der Raum der Bibliothek eingestürzt war, mauerte man die Türen zu und machte die Fassade zur Rückwand eines Straßenbrunnens. Über die Stiegen lief fortan Wasser in ein Becken.

Mysteriöses Medusentor
Am großen Marktplatz daneben, der Agora, pulsierte das Leben. In direkter Linie zur historischen Hafenanlage führt der Grabungsleiter abseits der touristischen Wege zur Ruine des sogenannten Medusentors. Hier arbeitet aktuell ein Team um Bauforscherin Gudrun Styhler-Aydın und fertigt 3D-Objektscans von Steinblöcken an, die in der Landschaft verstreut liegen. Zwei Blöcke zeigen den Kopf einer Medusa und inspirierten den Arbeitstitel, mit dem Forschende über das mysteriöse Tor sprechen.


Wer schritt durch dieses Tor?
sic

Welchem Zweck dieser Torbau diente, war bisher nicht eindeutig geklärt, sagt Styhler-Aydın: "Auf den ersten Blick scheint einleuchtend, dass hier Waren zwischen Hafen und Handelsagora transportiert wurden. Aber die drei Tordurchgänge haben Stufen, man kann nicht einfach einen Karren durchschieben." Ihre Analysen sollen zeigen, wie das Tor rekonstruiert aussah und aus welcher Zeit die Elemente stammen, um sich so der Funktion während der Antike und Spätantike anzunähern.


An den Steinen entdeckten Forschende zwei Medusenhäupter, die dem Tor seinen provisorischen Namen verliehen.
ÖAW-ÖAI/Niki Gail

Gladiatorenfans im Theater
Die Bauforscherin befasste sich auch intensiv mit einem der größten Bauten von Ephesos, dem Theater. Die ansteigenden Sitzreihen schmiegen sich in Halbkreisform an den natürlichen Hang. Seine immense heutige Größe mit einem Durchmesser von bis zu 150 Meter erreichte der Bau zur Kaiserzeit und bot Platz für 22.000 Personen. Hier wurden Volksversammlungen abgehalten sowie künstlerische und unterhaltende Darstellungen – davon zeugen Maskenfriese und Statuen berühmter Gladiatoren.

"Ephesos ist eine Stadt der Gladiatoren – davon waren die Menschen wirklich begeistert", betont Steskal. Diese Kämpfe waren weniger tödlich, als viele glauben – immerhin handelte es sich um Showkämpfe der damaligen "Popstars", die man in eigenen Schulen ausbilden ließ und die ein entsprechendes Investment darstellten. Gladiatoren, die oft Sklaven waren, kämpften zwei- bis viermal pro Jahr und wurden ansonsten gut versorgt. Bei der Untersuchung von Gladiatorengräbern in Ephesos fanden Forschende heraus, dass sich die Kämpfer vorwiegend vegetarisch von Getreide und Bohnen ernährten, ein Elixier aus Asche und Wasser sollte die Knochen stärken.

Tödliches Entertainment
Ungefährlich waren die Kämpfe freilich nicht: "Auch ein irrtümlicher Schwerthieb war in der Antike ohne Antibiotika letal", sagt der Archäologe. "Aber blutrünstiger waren andere Programmpunkte, nämlich die Exekutionen von Straftätern und die Tierhatzen mit möglichst exotischen Tieren, die gegeneinander oder gegen Menschen kämpften." Vom Löwen bis zum Straußenvogel, vom schwer gepanzerten Schwertkämpfer bis zum wendigen Netzwerfer: Was die Menge überraschte und unterhielt, hatte Erfolg. Das Entertainment der Massen, Brot und Spiele, brachte den Machthabern die Gunst des Publikums – und kostete viel, vor allem wenn man zahlreiche Tiere und populäre Kämpfer einlud.


Die Bewohnerinnen und Bewohner von Ephesos begeisterten sich für Gladiatorenkämpfe, die im großen Theater stattfanden.
ÖAW-ÖAI/Niki Gail - Judith Wurzer

Eine weitere Berühmtheit kam zweimal nach Ephesos: Im vollbesetzten Theater wandte sich der Apostel Paulus an die Stadtbewohner, um sie vom Christentum zu überzeugen, wie in der Bibel beschrieben wird. Die Rechnung hatte er jedoch ohne die Lobbyisten aus dem Heiligtum der Göttin Artemis gemacht: "Die Verkäufer von Devotionalien hatten Angst, ihr Geschäftszweig würde zusammenbrechen, wenn hier ein neuer Gott einzieht", sagt Steskal. Sie brachten die Menschen auf den Theaterrängen dazu, Paulus entgegenzuhalten: "Groß ist die Artemis von Ephesos!" Erst später sollte sich die Religion durchsetzen, die Stadt wurde zu einem wichtigen Zentrum für die Christenheit. Die Händler rüsteten um – von Artemis-Statuetten auf kreuzverzierte Pilgerfläschchen. Manche glauben, dass in Ephesos nicht nur der heilige Johannes verstorben sein soll, sondern auch die Muttergottes Maria.

Als die Stadt an Relevanz einbüßte, verfiel auch das monumentale Theater, Beschädigungen durch Erdbeben hinterließen ebenfalls ihre Spuren. Die Ränge verschwanden unter Erde und Pflanzen. Das verschüttete Theater wurde bis 1900, in den ersten Jahren der österreichischen Grabungen, freigelegt.


Die Überreste des sogenannten Serapistempels befinden sich neben der nahezu quadratischen Handelsagora (der Platz im Hintergrund mit Bäumen in der Mitte, hinten links ist das große Theater zu sehen). Per Kran können die schweren Steinblöcke umgelagert werden.
ÖAW-ÖAI/Niki Gail - Judith Wurzer

Plätschern im Tempel
Eine Tempelanlage hinter dem großen Marktplatz konnte den Kräften der Natur ebenfalls nicht widerstehen. Es handelt sich um die Reste des größten Monolithtempels von Kleinasien, das heißt: Hier standen einst die größten Säulen, die aus einem einzigen Steinblock bestanden und nicht zusammengesetzt wurden. Die acht Marmorsäulen waren 14 Meter lang, 40 Tonnen schwer und dementsprechend schwierig zu transportieren und aufzustellen.


Vor dem sogenannten Serapistempel standen die größten Marmorsäulen aus einem Stück im Vergleich mit anderen Bauwerken Kleinasiens. Rund um den quadratischen Hof wurden versteckte Wasserläufe angelegt.
ÖAW-ÖAI/Niki Gail - Judith Wurzer

Welcher angebeteten Gottheit galt dieser Aufwand? Das ist nicht eindeutig, aber Martin Steskal und andere Fachleute vermuten, dass hier Serapis verehrt wurde. Dieser ägyptisch-hellenistische Gott der Fruchtbarkeit war im zweiten Jahrhundert relativ beliebt und wurde in Ephesos mehrfach auf Lampen und als Statuette dargestellt.

Neben einer schwer lesbaren Inschrift, die auf Serapis hindeutet, weckt die Architektur Erinnerungen an Ägypten, erklärt der Grabungsleiter: Hinter der marmornen Wandverkleidung der Säulenhalle ließ man Wasser durch Rohre rinnen und gluckern. "Man kam also in einen Raum, in dem man das Plätschern hörte, aber nicht wusste, woher das Wasser kam", sagt Steskal. "Mit solchen Elementen, die an eine Grotte erinnern, wollte man die Besucher in ein ägyptisches Nil-Ambiente entführen." Später wurde auch dieser heidnische Tempel in eine Kirche verwandelt.


Sind die Katzen von Ephesos heute die wahren Gottheiten der Stätte?
Images/iStockphoto

Heute sieht es aus, als hätten sich Riesenkinder vor die Überbleibsel der Säulensockel und der Stiegen des Serapeions gesetzt und mit den Bauklötzen gespielt. Die Steine sind über eine Wiese verteilt. Wenn man durch das Gelände streift, gilt es, fest aufzutreten – Schlangen könnten durch das Gestrüpp kriechen. Im Gegensatz zu diesen verborgenen Bewohnern der antiken Stadt sieht man allerorts Katzen, die in den Resten ehemaliger Prunkbauten nach Leckerbissen miauen. Man könnte sie als wahre Göttinnen von Ephesos sehen, denen die Pilger aus aller Welt heute huldigen – und sich digitale Götzenbilder mit nach Hause nehmen.
(Julia Sica, 17.8.2025)
Als Gladiatoren wie Popstars gefeiert wurden
 
Oben