Regionale- und weltwirtschaftliche Auswirkungen des Krieges in der Ukraine

josef

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#1
Ukraine-Krieg heizt Hungerkrisen an
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Der russische Angriffskrieg sorgt in der Ukraine für unfassbares Leid. Doch der Konflikt könnte auch katastrophale Folgen in anderen Teilen der Welt haben. Der Ukraine-Krieg werde Nahrungsmittelkrisen auf der Welt verschärfen und Millionen weitere Menschen in Armut und Hunger treiben, warnen Hilfsorganisationen. Sie fordern eine Aufstockung der Hilfsmittel – wenn auch nur als einen ersten Schritt.
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„Je nach Dauer des Krieges könnten zwischen 33 und 47 Millionen Menschen zusätzlich in Hunger und Armut abrutschen“, sagte der Direktor des Welternährungsprogramms der Vereinten Nationen (WFP) in Deutschland, Martin Frick, der dpa. Ganz ähnlich äußerte sich der Generalsekretär der deutschen Welthungerhilfe, Mathias Mogge. Hungersnöte seien nicht mehr vermeidbar. „Die Zahl der Menschen, die schon am Rande einer dramatischen Hungersnot stehen, ist durch den Krieg auf 45 Millionen gestiegen. Drei Millionen mehr als noch Anfang des Jahres“, sagte Mogge der „Rheinischen Post“ (Donnerstag-Ausgabe).

Hinter den aktuellen Nahrungsmittelkrisen stehen Dürren, Überschwemmungen, Konflikte, aber auch die wirtschaftlichen Auswirkungen der CoV-Pandemie in den vergangenen zwei Jahren. So stiegen die Lebensmittelpreise in Westafrika in den vergangenen fünf Jahren um bis zu 30 Prozent. Der russische Angriff auf die Ukraine beschleunigt den Preisanstieg zusätzlich.

Auswirkungen auf Agrarmärkte
Sowohl die Ukraine als auch Russland sind unter anderem wichtige Getreideexporteure. Russland produziert überdies große Mengen an synthetischem Dünger beziehungsweise liefert mit Erdgas bisher den Hauptrohstoff für die Düngemittelproduktion. Der russische Angriffskrieg hat daher starke Auswirkungen auf die internationalen Agrarmärkte.

Laut der UNO-Ernährungs- und -Landwirtschaftsorganisation (FAO) könnten Lebensmittelpreise weltweit um weitere 20 Prozent steigen. Darüber hinaus werde die Krise voraussichtlich zu einem erheblichen Rückgang der Weizenverfügbarkeit für zahlreiche afrikanische Länder führen, die einen Großteil ihres Weizens aus Russland oder der Ukraine importieren.

Lage bereits zuvor angespannt
Die Verschärfungen infolge des Ukraine-Krieges treffen dabei in vielen Regionen auf eine ohnehin schon angespannte Lage. In Westafrika etwa leiden laut Angaben internationaler Hilfsorganisationen bereits mehr als 27 Millionen Menschen an Hunger. Bis Juni könnten elf Millionen weitere Menschen dazukommen. Nach Schätzungen der UNO werden in der Region 6,3 Millionen Kinder im Alter von sechs Monaten bis fünf Jahren akut unterernährt sein.
AP/Ben Curtis
Millionen Menschen in Afrika sind derzeit auf Nahrungshilfe angewiesen

Auch am Horn von Afrika bedroht die schlimmste Dürre seit 40 Jahren derzeit die Existenz von Millionen Menschen. In Teilen Somalias, Äthiopiens und Kenias sind nach UNO-Angaben mehr als 13 Millionen Menschen von akutem Hunger bedroht.

UNICEF warnt vor Unterernährung bei Kindern
Am Donnerstag warnte das UNO-Kinderhilfswerk (UNICEF) davor, dass die steigenden Lebensmittelpreise auch das Risiko der Unterernährung von Millionen von Kindern im Nahen Osten und Nordafrika erhöhten. Besonders betroffen wären Ägypten, der Libanon, Libyen, der Sudan, Syrien und der Jemen.

Das Bürgerkriegsland Jemen ist eines jener Länder, in denen das UNO-Welternährungsprogramm aktiv ist. Das WFP bezog in der Vergangenheit allerdings selbst rund 50 Prozent seines Getreides aus der Ukraine. Bereits vor dem Einmarsch Russlands hatten sich die Getreidepreise so verteuert, dass die Lebensmittelmittelrationen stark gekürzt werden mussten.

Zusätzliche Milliarden nötig
Laut dem deutschen WFP-Direktor Frick steht das UNO-Programm derzeit vor eine Milliardenlücke. Angesichts eines so noch nicht da gewesenen humanitären Bedarfs brauchte es WFP-Angaben zufolge 18,9 Milliarden US-Dollar (17,3 Mrd. Euro). Jüngsten Zahlen zufolge erhielt das WFP im Jahr 2020 jedoch nur knapp 8,5 Milliarden Dollar an Spenden. Die Organisation rechnet allein wegen gestiegener Lebensmittelpreise und des Ukraine-Konflikts mit Mehrkosten von rund 850 Millionen Dollar pro Jahr.

Auch andere Hilfsorganisation, darunter das Rote Kreuz, appellierten an die Geberländer, ihre Hilfen aufzustocken. Am Mittwoch sagte eine Reihe an westlichen Staaten, darunter die USA und Frankreich, Ländern in Westafrika eine Erhöhung der Hilfszahlungen zu.

Ruf nach Systemwandel
Laut dem deutschen WFP-Direktor ist mehr Geld für humanitäre Hilfe zwar eine akut notwendige Maßnahme. Aber „gleichzeitig müssen die weltweiten Ernährungssysteme umgebaut werden, damit sie weniger anfällig für solche Krisen sind“, sagte Frick. Es brauche kleinbäuerliche Landwirtschaft mit regionalen Strukturen. Hunger sei menschengemacht. Es gebe weltweit betrachtet keine Nahrungsmittelknappheit, aber Weltmarktpreise und ungerechte Verteilung führten regional dazu, so Frick auch in Richtung der EU-Agrarministerinnen und -minister, die sich am Donnerstag zur Ukraine-Krise berieten.

Bereits vergangene Woche machte die EU-Kommission erste Schritte als Antwort auf eine drohende Nahrungsmittelkrise: Die Behörde gab aus Naturschutzgründen brachliegende Agrarflächen vorübergehend zum Anbau von Nahrungs- und Futterpflanzen frei. Zugleich legte sie die Pestizidverordnung und das Renaturierungsgesetz vorerst auf Eis – und damit zwei größere EU-Vorhaben hin zu einer nachhaltigeren Landwirtschaft.

Die Kommission erhofft sich davon eine steigende Landwirtschaftsproduktion in der EU, wodurch auch Druck vom Weltmarkt genommen werde. Kritikerinnen und Kritiker sehen darin allerdings eine ineffektive Symptombekämpfung. In einer Stellungnahme bezeichneten mehr als 600 internationale Forscherinnen und Forscher die Maßnahmen als „kurzsichtig“. Vielmehr sollte der Fleischkonsum eingeschränkt werden, durch den im Moment große Mengen an weltweiter Ackerfläche verbraucht würden.
08.04.2022, red, ORF.at/Agenturen

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Eindringliche Warnungen: Ukraine-Krieg heizt Hungerkrisen an
 

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#2
Millionen Tonnen an Getreide nicht nutzbar
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Der russische Angriffskrieg in der Ukraine wird zunehmend ein Problem für die Versorgungssicherheit. Laut dem UNO-Welternährungsprogramm (WFP) stecken derzeit knapp 4,5 Millionen Tonnen Getreide in Häfen und auf Schiffen fest. Die Ukraine beschuldigt Russland zudem, Hunderttausende Tonnen geraubt zu haben.
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Laut Angaben aus Kiew vom Samstag hat Russland Getreide aus den besetzten Gebieten der Süd- und Ostukraine abtransportiert.
„Heute haben wir schon mehrere bestätigte Fakten, dass insgesamt einige hunderttausend Tonnen aus den Gebieten Saporischschja, Cherson, Donezk und Luhansk abtransportiert wurden“, so der ukrainische Vizelandwirtschaftsminister Taras Wyssozkyj im ukrainischen Fernsehen.

Diese Angaben können nicht unabhängig bestätigt werden. Klar ist aber, dass enorme Mengen an Getreide aus der Ukraine, einer der großen Kornkammern der Welt, blockiert sind. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sagte am Montag im australischen Fernsehen, Russland wolle die Wirtschaft der Ukraine komplett lahmlegen. „Russland lässt keine Schiffe ein- oder auslaufen, es kontrolliert das Schwarze Meer.“ Auch der Direktor des Welternährungsprogramms der Vereinten Nationen (WFP) in Deutschland, Martin Frick, schlug am Sonntag Alarm.

Ernteausfälle und steigende Preise
Vor Beginn des Krieges war die Ukraine einer der weltweit wichtigsten Erzeuger von Weizen sowie ein großer Maisproduzent. UNO-Angaben zufolge wurden 2020 beispielsweise gut 30 Millionen Tonnen Mais und knapp 25 Millionen Tonnen Weizen in dem Land geerntet. Russland und die Ukraine kommen zusammen auf ein Viertel der globalen Getreideexporte. Wegen absehbarer Ernteausfälle stiegen die Preise deutlich an. Die Institution geht auch davon aus, dass bei Weizen nur rund die Hälfte der Vorjahresmenge geerntet werden kann.

Wie das WFP weiter mitteilte, versorgte die Organisation seit Kriegsbeginn rund 2,5 Millionen Ukrainerinnen und Ukrainer mit Ernährungshilfe – davon die meisten in der Ukraine selbst und ein paar Hunderttausende in Moldawien. Es gebe eine doppelte Herausforderung: „Nahrungsmittel müssen zu den eingeschlossenen und notleidenden Menschen in der Ukraine gelangen, aber genauso auch aus der Region hinaus in die Welt, um eine globale Ernährungskrise zu entschärfen“, sagte Frick.
Das WFP brauche humanitären Zugang, sowohl zu den Menschen als auch zu den Häfen, damit Exporte von Nahrungsmitteln wieder anlaufen können. „Hunger darf keine Waffe sein, das gilt sowohl militärisch als auch wirtschaftlich.“ Die Handelswege für Getreide müssten offen bleiben, so die Forderung.

Bahnen verstärken Transporte
Kürzlich wurde bekannt, dass die deutsche Regierung mithilfe europäischer Eisenbahnunternehmen den Getreideexport aus der Ukraine sicherstellen will. Der deutsche Landwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne) drängte darauf, der Ukraine beim Export von Weizen zu helfen. „Immer wieder erreichen uns Berichte über gezielte Attacken Russlands auf Getreidesilos, Düngerlager, landwirtschaftliche Fläche und Infrastruktur“, sagte der Grünen-Politiker dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Dahinter stecke offenbar der Versuch, „die Ukraine auch als Konkurrenz langfristig auszuschalten“. Von der Deutschen Bahn hieß es zuvor auch, über die konkrete Umsetzung liefen derzeit die Abstimmungen.

Auch die ÖBB Rail Cargo Group (RCG) verstärkt ihre Transporte aus der Ukraine. Seit Ausbruch des Krieges wurden 60.000 Tonnen Getreide transportiert. Von März bis April seien jeden zweiten Tag Getreidezüge aus der Ukraine nach Deutschland organisiert worden, hieß es am Donnerstag in einer Aussendung. Ab Mai werden die Transporte noch einmal ausgebaut, es soll dann für mindestens drei Monate täglich ein Güterzug mit Agrarprodukten fahren, teilte die RCG mit.

Sorge vor Hungerkrisen
Viele Länder, etwa in Nordafrika, sind abhängig von günstigem Weizen aus der Ukraine. Auch für weltweite Ernährungshilfe ist das Getreide entscheidend. Die Sorge vor Hungerkrisen infolge des Ukraine-Krieges wächst daher. „Dieser Krieg wird Folgen haben, Folgen auf der ganzen Welt“, sagte etwa der deutsche Kanzler Olaf Scholz am Sonntag.

„Jetzt schon müssen wir uns Sorgen machen, dass es welche gibt, die hungern werden, dass es Länder gibt, die sich kein Getreide für ihre Bevölkerung mehr leisten können. Dass diese ganze Kriegssituation auch noch zu einer weltweiten Hungerkrise führt.“
02.05.2022, red, ORF.at/Agenturen

Ukraine: Millionen Tonnen an Getreide nicht nutzbar
 
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#3
DIEBSTAHLSICHERUNG
Russisches Militär stiehlt teure Traktoren aus der Ukraine, Hersteller macht sie von außen unbrauchbar
Landwirtschaftliche Geräte der Firma John Deere im Wert von fünf Millionen Dollar wurden nach Tschetschenien verbracht, nur um dort festzustellen, dass sie nicht mehr funktionieren

Die Traktoren von John Deere sind mit Hightech vollgestopft, hier etwa ein selbstfahrendes System.
Foto: Bill Krzyzanowski / AP

Was braucht es, um einen Traktor zu starten? In früheren Jahren war die Antwort auf diese Frage recht einfach: den richtigen Schlüssel und ein minimales Grundverständnis davon, wie so ein Fahrzeug funktioniert. Anders gesagt: nicht sonderlich viel. Dass sich aber auch in der Landwirtschaft in den vergangenen Jahren viel verändert hat, müssen nun russische Militärs zur Kenntnis nehmen, wie der Nachrichtensender CNN berichtet.


Diebstahl
In der derzeit von russischen Truppen besetzten ukrainischen Stadt Melitopol haben Soldaten insgesamt 27 Traktoren und Mähdrescher aus dem Bestand eines lokalen Händlers gestohlen. Der Gesamtwert des Diebesguts wird mit rund fünf Millionen US-Dollar angegeben. Der hohe Wert ergibt sich daraus, dass es sich dabei um Maschinen der US-Firma John Deere handelt. Diese sind mit Hightech geradezu vollgestopft und haben mit dem, was sich viele unter solchen Gefährten vorstellen, nur mehr begrenzt etwas zu tun.

Insofern könnte man also meinen, dass den russischen Angreifern hier ein äußerst erfolgreicher Raubzug gelungen ist. Laut Aussagen der ansässigen ukrainischen Bevölkerung sollen sich einzelne Einheiten des russischen Militärs entsprechend auch regelrecht darum gestritten haben, wer welche Fahrzeuge stehlen darf.

Deaktivierung
In Russland angekommen, dürfte die Freude über den vermeintlich großen Fang aber schnell wieder verflogen sein – heißt Hightech doch in diesem Fall, dass sich die Geräte auch von außen deaktivieren lassen. Und genau das hat der Hersteller bereits kurz nach dem Diebstahl gemacht, die Maschinen lassen sich also nicht einmal mehr starten.

Zudem ließ sich dank dieser Diebstahlsicherung auch nachvollziehen, wohin die Geräte transportiert wurden. Ein großer Teil davon soll demnach schlussendlich in Zakan-Jurte und damit einer Ortschaft in ländlichen Regionen von Tschetschenien gelandet sein.

Reste
Laut der Fernüberwachung von John Deere sollen die Diebe noch versucht haben, die Sperren der Geräte zu überwinden, womit sie aber keinen Erfolg hatten. Insofern bleibt ihnen nur mehr die Möglichkeit, diese zu zerlegen und Einzelteile zu verwenden – zumindest da, wo das möglich ist. Deren Wert liegt allerdings weit unter dem, was die vollständigen Geräte einbringen.

Umbruch in der Landwirtschaft
Der Vorfall zeigt nicht zuletzt, wie stark die Landwirtschaft in den vergangenen Jahren digitalisiert wurde. Erst unlängst hat John Deere etwa einen Traktor vorgezeigt, der vollständig autonom agiert, also mit einem selbstfahrenden System ausgestattet ist. Mithilfe von sechs Stereokamerapaaren hat das Gerät einen Rundumblick und kann dank künstlicher Intelligenz auf die Umgebung reagieren, also etwa stoppen oder ausweichen, wenn es wo notwendig wird. Die Genauigkeit der Fahrten soll dabei bei 2,5 Zentimeter liegen.

Kontroverse Entwicklung
Diese fortschreitende Digitalisierung ist aber längst nicht unumstritten. So musste sich etwa gerade John Deere über die Jahre immer wieder Kritik anhören, sind die Geräte dadurch doch ohne Hilfe des Herstellers kaum mehr reparierbar.

Im Rahmen der CES 2021 wurde denn auch einer der Mähdrescher des Unternehmens von der US-Bürgerrechtsorganisation Electronic Frontier Foundation (EFF) mit dem Negativpreis Worst of Show (also Das Schlechteste der Veranstaltung) ausgezeichnet. Dieser sei ein "goldener Käfig" mit proprietären Anschlüssen und Ersatzteilen.

In der Vergangenheit war John Deere auch immer wieder gegen Bastler vorgegangen, die eigene Software auf den landwirtschaftlichen Geräten installieren wollen. Damit setzt sich bei landwirtschaftlichen Geräten ein Trend fort, der aus anderen Bereichen bereits bekannt ist. Viele Smartphones sind etwa ähnlich versperrt und versuchen die Nutzung alternativer Software gezielt zu verhindern.
(apo, 2.5.2022)
Russisches Militär stiehlt teure Traktoren aus der Ukraine, Hersteller macht sie von außen unbrauchbar
 
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#4
EUROPAS ÖLEMBARGO
Herkulesaufgabe mit vielen Fragezeichen
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„Machen wir uns nichts vor: Es wird nicht einfach.“ Mit diesen Worten hat EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen am Mittwoch das umfassende Embargo für russisches Öl präsentiert. Der Druck auf Moskau soll damit weiter erhöht werden, aber noch ist unklar, welche Folgen ein Ölembargo nach sich ziehen könnte. Länder, die von russischem Öl abhängig sind, äußerten Bedenken – Konsequenzen könnte es aber auch außerhalb Europas geben.
Online seit gestern, 23.32 Uhr
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„Ein vollständiges Einfuhrverbot für sämtliches russisches Öl“ kündigte von der Leyen im Europaparlament in Straßburg an. Rohöllieferungen aus Russland sollen innerhalb von sechs Monaten, der Import raffinierter Erzeugnisse bis Ende des Jahres gestoppt werden.

Schon lange vor der Ankündigung zeichnete sich ab, dass dieser Plan Ausnahmen erfordern wird: Insgesamt kommt rund ein Viertel des Rohöls in der EU aus Russland, doch nicht alle Staaten sind gleichermaßen davon abhängig. In erster Linie ist, grob gesagt, die geografische Nähe zu Russland ausschlaggebend.

Wenig Begeisterung in Ungarn und anderen Ländern
So sind Länder wie Ungarn und die Slowakei praktisch ausschließlich von russischem Öl abhängig. Von Ungarn hieß es im Vorfeld etwa, dass das Land ohne russisches Öl nicht funktionieren könne. Zwar wurden Übergangsfristen bis 2023 für besonders schwer betroffene Länder in Aussicht gestellt – konkrete Details gibt es aber noch nicht.

APA/AFP/Patrick Hertzog
Von der Leyen stellte das neue Sanktionspaket am Mittwoch in Straßburg vor

Entsprechend wenig begeistert von den Plänen zeigte sich die ungarische Regierung: Es fehle eine Garantie für die Übergangsfrist, bemängelte Ungarn am Mittwoch. Auch sei unklar, wie für Ungarn der Übergang zu einer Ölversorgung ohne russische Importe bewerkstelligt werden könne. In der jetzigen Form lehne man den EU-Vorschlag daher ab, so Außenminister Peter Szijjarto. Die Slowakei forderte unterdessen eine deutlich längere Übergangsfrist. Auch Tschechien und Bulgarien forderten nach der Ankündigung Ausnahmen und begründeten das mit ihrer stark vom russischem Öl abhängigen Wirtschaft.

Ölpreis stieg nach Ankündigung
Der Ölpreis stieg am Mittwoch als Reaktion auf die Ankündigungen. Das könnte auch länger so bleiben, wie zuletzt schon Deutschlands Wirtschaftsminister Robert Habeck andeutete. Auch am Mittwoch wiederholte er nun: Zur Entwicklung der Preise könne er zwar nichts sagen, „aber natürlich können die Preise auch deutlich nach oben gehen“. Eine Verknappung beim Öl führe zuerst zu höheren Preisen. In Ostdeutschland und im Großraum Berlin könnte das Ölembargo nach Ansicht von Habeck zeitweise auch zu Benzinknappheit führen, da diese Regionen von einer Großraffinerie versorgt würden, die ausschließlich russisches Öl verarbeite.

Die „New York Times“ („NYT“) zitierte einen Experten, wonach die Trennung vom russischen Öl zwar machbar sei, aber: „Es wird kompliziert werden“, so Richard Bronze vom Energieversorgungsanalysten Energy Aspects. „Zwei stark verflochtene Systeme werden entkoppelt“, hier werde es „zu Störungen und Kosten“ kommen. Konsumentinnen und Konsumenten könnten davon hart getroffen werden, so das Blatt – und damit die wirtschaftliche Erholung von den Pandemiejahren vom Kurs abbringen.

Öl ist nicht gleich Öl
Die „NYT“ verweist auch darauf, dass Öl nicht gleich Öl ist: Raffinerien seien oft auf bestimmte Grade von Rohöl ausgelegt. Die ungarische MOL etwa sagte, es könne Jahre dauern und mehrere hundert Millionen Euro kosten, die Raffinerien umzustellen. Das Rohstoffunternehmen Kpler verweist gegenüber der Zeitung darauf, dass von all den Ersatzkandidaten für russisches Öl vor allem jenes aus Saudi-Arabien gut passen würde – das wiederum würde voraussetzen, dass dort künftig mehr Öl gefördert wird.

ORF.at/Carina Kainz
Erdöl – hier eine heimische Fördersonde – ist nicht automatisch mit allen Raffinerien kompatibel, warnen Fachleute

Russland könnte Deals mit anderen Kontinenten schließen
Außerhalb Europas könnte ein Ölembargo Russland sogar durchaus begünstigen, wie einige Fachleute im Zuge des angekündigten Plans sagten. Der Druck auf Russland würde die Preise steigen lassen und damit Russlands Ertrag steigern – auch bei weniger Produktion könnte es letztlich eine deutliche Umsatzsteigerung geben, zitiert die „NYT“ die norwegischen Energieexperten von Rystad Energy.

Der Thinktank European Council on Foreign Relations (ECFR) verweist in einem Artikel von letzter Woche wiederum darauf, dass Russland bereits im April angekündigt hatte, mehr Energie Richtung Asien, Afrika und Lateinamerika zu exportieren. Zwar gehe über die Hälfte der russischen Ölexporte nach Europa, aber immerhin 20 Prozent gingen nach China. Und Peking will auch unabhängiger vom Westen werden, was Moskau als Partner bei Öl womöglich attraktiver machen könnte. Gleichzeitig verweist ECFR darauf, dass die russische Infrastruktur Richtung Europa besser ausgebaut ist – ein Schwenk Richtung Asien könnte also auch hier eher ein langfristiges Unterfangen sein.

Auch Auswirkungen in Österreich zu erwarten
Österreichs Außenminister Alexander Schallenberg sagte nach dem Ministerrat, dass Österreich zwar nicht so stark von russischem Öl abhängig sei wie andere Staaten, Teuerungen seien aber auch hierzulande zu erwarten. Für Österreich sei es nach wie vor wichtig, die Abhängigkeit von Gas „zurückzuschrauben“. Ein Gasembargo stehe derzeit aber nicht zur Debatte, sagte Schallenberg.

Das geplante Embargo wird die heimische Wirtschaft dafür nur marginal bremsen und die Inflation wohl nur um einen halben Prozentpunkt anheizen. Das sagte WIFO-Chef Gabriel Felbermayr am Mittwoch im Ö1-Mittagsjournal. Natürlich bedeute jede Einschränkung der Ölimporte aus Russland weiter Druck auf dem Ölmarkt. Der werde an den Treibstoffmarkt weitergegeben, „aber nicht eins zu eins“.

IHS-Chef: Ölembargo für Österreich verkraftbar
Für den interimistischen IHS-Direktor Klaus Neusser ist das auf EU-Ebene beschlossene Ölembargo gegen Russland für Österreich verkraftbar. „Die Auswirkungen sind nicht so gravierend wie dargestellt“, sagte Neusser am Mittwochabend in der ZIB2. Es habe in der Vergangenheit mehrfach Phasen mit einem sehr hohen Ölpreis gegeben.

Jetzt liegt der Vorschlag der Kommission auf dem Tisch der Mitgliedsländer – dort wird wohl noch viel diskutiert werden, auch wenn die Zeit drängt. Eine im Vorfeld geäußerte Hoffnung auf eine Einigung im Laufe der kommenden Woche klingt angesichts der abwartenden Wortmeldungen aus betroffenen Ländern relativ ambitioniert. Am Mittwoch sollen sich erstmals Vertreterinnen und Vertreter der Mitgliedstaaten mit den neuen Strafmaßnahmen befassen. Für die Annahme ist ein einstimmiger Beschluss der 27 EU-Staaten erforderlich.

05.05.2022, bock, ORF.at, aus Brüssel/Agenturen

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Europas Ölembargo: Herkulesaufgabe mit vielen Fragezeichen
 

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#5
EU SUCHT NACH LÖSUNGEN
Mögliche Wege aus dem Gasdilemma
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Die EU steht vor mehreren großen Hürden beim Thema Gas: Die Abhängigkeit von Russland soll reduziert werden – und das, obwohl die Preise weiterhin extrem hoch sind. Die Speicher müssen noch vor dem Winter gefüllt werden. Während langfristig ein Ausstieg aus dem Gas auf dem Programm steht, werden auch kurzfristig Lösungen gesucht. Ansätze gibt es einige, doch die meisten haben zumindest einen Haken.
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Die hohen Preise für Energie sind freilich nichts Neues, schon vor dem Krieg in der Ukraine war die internationale Nachfrage enorm hoch, und damit auch entsprechend die Preise. Diese lägen etwa auf dem drei- bis vierfachen Niveau von 2018 und 2019, wie Christian Egenhofer vom Brüsseler Thinktank Centre for European Policy Studies (CEPS) im Gespräch mit ORF.at sagt. Durch den Krieg sei diese Phase „nochmal verlängert“ worden, so Egenhofer.

Erst im April gab es ein erstes Treffen der EU-Kommission mit den Mitgliedsstaaten, bei dem es um eine gemeinsame Plattform für den Kauf von Gas, Flüssigerdgas (Liquefied Natural Gas, LNG) und Wasserstoff ging – ähnlich wie beim Kauf der CoV-Impfstoffe will die EU hier an einem Strang ziehen.
In der zugehörigen Aussendung hieß es, dass man damit die europäische Energieversorgung zu „leistbaren Preisen“ in der derzeitigen Situation sicherstellen und die Abhängigkeit von russischem Gas zurückfahren wolle. Auch Österreich meldete bereits Interesse an.

Keine großen Preissprünge zu erwarten
Die EU will mit diesem Vorhaben also als Einheit auftreten, manche sagen auch: als Kartell – und damit größeres Gewicht in Verhandlungen bringen. Doch ausgerechnet die Aussicht auf „leistbare Preise“, wie es in der EU-Aussendung hieß, teilt der Experte nicht: „Das kann ich mir nicht vorstellen.“ So hohe Gaspreise wie jetzt „gab es noch nie“, damit werde es kurzfristig „schwer, Gas aufzutreiben“. In einem Artikel der Website EU Observer vom März werden ähnliche Zweifel geäußert: Darin wird ein nicht namentlich genannter EU-Diplomat zitiert, der sagt, dass es „kein Wundermittel“ gebe.

ORF.at/Roland Winkler
In der EU könnte künftig der Gaseinkauf gemeinsam koordiniert werden

Dennoch könnte der gemeinsame Kauf einen Zweck erfüllen – nämlich das Auffüllen der Gasspeicher, so Egenhofer. Länder wie Österreich, Deutschland und Italien seien stark abhängig von ausreichenden Gasvorräten. Um das Risiko eines plötzlichen Lieferstopps durch Russland zu minimieren, sei es wichtig, dass genügend Gas gespeichert sei, so Egenhofer.

Wettbewerb zwischen den EU-Ländern verhindern
Ein geeintes Vorgehen könnte Konkurrenz zwischen den Ländern und damit einen weiteren Preisanstieg durch internen Wettbewerb verhindern. Bisher wird der Einkauf privat abgewickelt – wie das künftig ablaufen könnte, ist zwar noch unklar. Das Wettbewerbsrecht könnte jedoch zur Hürde werden, wie etwa „Politico“ schreibt: „Die Tatsache, dass die EU mit einer speziellen Plattform günstige Angebote für private und teilstaatliche Energieunternehmen aushandelt, lässt bei den Kartellbehörden die Alarmglocken schrillen.“

Springt die EU ein und kauft das Gas selbst, um es anschließend zu speichern, spielen auch die Kosten für die Speicherung eine Rolle. Große Gasspeicher gebe es aufgrund der geologischen Voraussetzungen – Gas wird unterirdisch gespeichert – vor allem in Deutschland und einigen weiteren Ländern, so Egenhofer. Auch Österreich spielt bei der Lagerung eine Rolle. Entsprechend müssten jedenfalls die Kosten auch auf die anderen Länder aufgeteilt werden.

AP/Martin Meissner
Nicht überall kann Öl eingelagert werden, Deutschland – hier etwa Oberhausen – und auch Österreich spielen wichtige Rollen

Denkbar seien auch mehrjährige Deals, so der Energieexperte. So könnte man sich verpflichten, Gas aus anderen Staaten zu beschaffen – und dann beispielsweise ein Jahr einen niedrigeren Preis, neun Jahre dafür aber dann mehr zu zahlen. Das wäre womöglich auch mit politischen Zugeständnissen an nicht unumstrittene Länder verbunden. Eine gemeinsame Plattform dafür hält Egenhofer aber nicht für nötig.

Subvention würde Probleme nicht lösen
Doch was könnte den Preis für Erdgas tatsächlich drücken? Egenhofer sieht hier eine Deckelung als effiziente Möglichkeit, die Kosten für Verbraucherinnen und Verbraucher zu senken. Gas würde zum gleichen Preis eingekauft werden, Verbraucher würden nur einen Anteil davon zahlen – den Rest könne etwa der Staat stemmen. Denkbar sei das auch nur für einen Teil des Gases, etwa jenem Anteil, der für die Stromversorgung genutzt wird. Dieser betrage laut dem Experten etwa 20 Prozent, so könnten zumindest diese Kosten ausgeglichen werden.

Doch wirkliche Lösung sei auch das keine: Sollten die Endkundenpreise gleich bleiben, würde auch die Nachfrage praktisch unverändert bleiben. „Warum soll ich die Heizung runterschalten, wenn sie nicht mehr kostet?“, so Egenhofer exemplarisch. Die Gaspreise würden noch „zwei, drei, vier Jahre“ so hoch bleiben – für viele Staaten wäre eine Subventionierung über einen so langen Zeitraum wohl schwer zu tragen. Und: Der Lenkungseffekt bliebe in diesem Fall komplett aus.

Reduktion als Weg zur Unabhängigkeit von Moskau
Doch um die Abhängigkeit von Russland zu reduzieren, wird es ohne Reduktion des Gasbedarfs nicht gehen. So wird auch auf Anfrage im Klimaschutzministerium darauf verwiesen, dass man sich zwar „in großem Ausmaß am gemeinsamen Gaseinkauf der EU“ beteiligen will, wie Ministerin Leonore Gewessler (Grüne) Ende April sagte. Gleichzeitig bedeute jede getauschte Gastherme aber mehr Unabhängigkeit von Russland, hieß es weiter.

Nach dem diese Woche beschlossenen EU-Ölembargo solle jedenfalls auch beim Gas der russische Import stark reduziert werden. Noch im Mai solle ein Plan vorgestellt werden, wie man zwei Drittel der russischen Gasimporte bis Jahresende ersetzen könnte, so EU-Energiekommissarin Kadri Simson. Man sei in Kontakt mit anderen Anbietern, um Alternativen für Lieferungen aus Russland zu finden.

Ausstieg als Antwort auf „politische Waffe“
„Gas ist eine politische Waffe“, so Egenhofer im Gespräch. Das wisse Südosteuropa schon seit jeher, nun gelte das für die gesamte EU. Vorübergehende Einschränkungen, nicht zuletzt für die Industrie, sind der Einschätzung des Experten zufolge wohl unausweichlich. Langfristig ist in den kommenden Jahrzehnten zwar ein Ausstieg aus Gas als Energiequelle geplant, um die Klimaziele zu erreichen. Die jetzige Situation könnte aber zum Anreiz werden, diesen Prozess zu beschleunigen.
07.05.2022, Florian Bock, ORF.at, aus Brüssel

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EU sucht nach Lösungen: Mögliche Wege aus dem Gasdilemma
 

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#6
KORNKAMMER UKRAINE
Jedes dritte Feld nicht bestellt
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Die Folgen des Ukraine-Krieges für die globale Nahrungsmittelsicherheit werden zunehmend sichtbar. Die Vereinten Nationen warnen bereits vor einer globalen Lebensmittelkatastrophe, weil etwa 30 Prozent der ukrainischen Agrarflächen nicht bestellt werden können. UNO-Generalsekretär Antonio Guterres erhöht unterdessen den Druck auf Moskau, Getreideexporte aus der Ukraine nicht weiter zu blockieren. Moskau junktimiert das jedoch mit den westlichen Sanktionen.
Online seit gestern, 23.07 Uhr (Update: gestern, 23.19 Uhr)
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Die Lage ist dramatisch angesichts der Rekordzahl an Hungerleidenden in der ganzen Welt. Einerseits kann in den großen ukrainischen Speichern gelagertes Getreide wegen der russischen Blockade derzeit nicht oder nur über Umwege und in viel geringerem Ausmaß etwa nach Afrika exportiert werden. Andererseits droht sich die Lage im Herbst, wenn die heurigen Ernteausfälle schlagend werden, noch dramatisch zu verschärfen. Das US-Landwirtschaftsministerium geht bei Weizen von kriegsbedingten Ernteeinbußen von rund einem Drittel aus.

Nach Zahlen aus der Ukraine selbst (Stand: 12. Mai) gingen die bestellten Flächen um mehr als 40 Prozent zurück. Dabei fällt der Anbaurückgang nicht bei allen Feldfrüchten so dramatisch aus, wobei auch Unsicherheiten bei den Zahlen mit Blick auf die von Russland besetzten Gebiete bestehen.

Bei Wintergetreide liegen die Aussaatflächen mit 7,6 Millionen Hektar nur um 300.000 Hektar unter denen des Vorjahres. Bei Sommerweizen seien im Vergleich zum Vorjahr mit 187.500 Hektar nur zweieinhalb Prozent weniger Fläche ausgesät worden.

Reuters/Amit Dave
Ukraine ist weltweit einer der wichtigsten Getreideexporteure

Drastischer Einbruch bei Mais und Sonnenblumen
Stärker sei der Rückgang mit 32 Prozent bei der Sommergerste. Ein drastischer Rückgang ist vor allem bei Mais zu verzeichnen. Im Vergleich zum Jahr 2021 ist die Anbaufläche um 40 Prozent auf 3,2 Millionen Hektar geschrumpft. Und den vorliegenden Daten zufolge ist nur knapp die Hälfte der Vorjahresmenge bei Sonnenblumen ausgebracht worden. Nur 3,3 Millionen Hektar seien mit Sonnenblumen bestellt worden. Bisher war die Ukraine Weltmarktführer beim Export von Sonnenblumenöl.

Ein Rückgang um zwölf Prozent wurde bei Hafer registriert. Raps wurde etwa um 20 Prozent weniger angebaut. Bei den für Viehfutter wichtigen Sojabohnen liegt der Rückgang bei 43 Prozent. Einschneidend ist auch der Einbruch beim Anbau von Buchweizen. Das einst traditionelle Getreide wurde den ukrainischen Daten nach nur noch auf 12.200 Hektar gesät – ein Einbruch um 85 Prozent. Stark ist der Rückgang auch mit 21 Prozent bei Kartoffeln. Sie werden noch auf einer Million Hektar angebaut.

Keine Daten zu Luhansk
In seiner Mitteilung hat das ukrainische Agrarministerium das gesamte umkämpfte ostukrainische Gebiet Luhansk herausgenommen. Keine Angaben machte das Ministerium zur Datenlage für die teils besetzten, teils umkämpften ostukrainischen und südukrainischen Gebiete Donezk, Saporischschja und Cherson. Cherson ist dabei traditionell ein Zentrum für Obst- und Gemüseanbau.

Süßkirschen aus Melitopol und Melonen werden kaum den Weg in die nicht besetzte Ukraine finden. Bereits jetzt klagen die südukrainischen Bauern über den fehlenden Absatz für ihre Frühkartoffeln, und in den Landesteilen, die nicht umkämpft oder besetzt sind, steigen die Preise für das sonst aus der Südukraine stammende Gemüse.

Ausfuhren dramatisch eingebrochen
Und die ukrainische Getreideausfuhr geht weiter dramatisch zurück. Die Exporte erreichten nach offiziellen Angaben im Mai bisher nur gut ein Drittel der Menge im Vorjahreszeitraum. Zunächst seien 643.000 Tonnen exportiert worden, teilte das Landwirtschaftsministerium mit. Darunter seien etwa 617.000 Tonnen Mais und 16.000 Tonnen Weizen. Im Mai 2021 seien dagegen 1,8 Millionen Tonnen Getreide ins Ausland geliefert worden.

Guterres appelliert an Moskau
UNO-Chef Guterres fordert nun erneut von Russland, „den sicheren Export von in ukrainischen Häfen gelagertem Getreide“ zuzulassen. Laut deutschen Angaben blockiert Moskau aktuell die Ausfuhr von 20 Mio. Tonnen Getreide, großteils im Hafen von Odessa. Der von Russland begonnene Krieg drohe viele Millionen Menschen in eine Ernährungsunsicherheit zu stürzen und eine Krise auszulösen, „die Jahre andauern könnte“. Zusammen produzieren die Ukraine und Russland laut Guterres fast ein Drittel des Weizens und der Gerste der Welt und die Hälfte des Sonnenblumenöls.

Den Vereinten Nationen zufolge hat der weltweite Hunger einen neuen Höchststand erreicht: „In nur zwei Jahren hat sich die Zahl der Menschen mit starker Ernährungsunsicherheit verdoppelt, von 135 Millionen vor der Pandemie auf heute 276 Millionen“, meinte Guterres.

Baerbock wirft Moskau „Kornkrieg“ vor
Die deutsche Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) warf Russland vor, einen „Kornkrieg“ zu führen und die Blockade von Getreideexporten als Kriegswaffe einzusetzen. Damit fache Russland eine „globale Nahrungsmittelkrise“ an, so Baerbock.

Tatsächlich junktimierte Moskau am Donnerstag eine mögliche Öffnung ukrainischer Häfen für die Ausfuhr von Getreide an eine teilweise Aufhebung der westlichen Sanktionen. „Wenn unsere Partner eine Lösung erreichen wollen, dann müssen auch die Probleme gelöst werden, die mit einer Aufhebung jener Sanktionen verbunden sind, die auf den russischen Export gelegt wurden“, so der russische Vizeaußenminister Andrej Rudenko.

USA und Russland mit gegenseitigen Vorwürfen
US-Außenminister Antony Blinken warf Moskau auf einer Sitzung des UNO-Sicherheitsrates am Donnerstag vor, die Lebensmittelversorgung „von Millionen Ukrainern und Millionen weiterer Menschen auf der ganzen Welt“ in Geiselhaft zu nehmen.

„Hören Sie auf, Ländern, die Ihren Angriffskrieg kritisieren, mit einem Exportstopp für Lebensmittel und Düngemittel zu drohen“, fügte Blinken hinzu. Er forderte Russland auf, die Ausfuhr von ukrainischem Getreide zuzulassen, das in Häfen am Schwarzen Meer blockiert wird.
Der russische UNO-Botschafter Wassili Nebensia wies die Vorwürfe zurück. Die Welt leide infolge einer Inflationsspirale seit Langem unter einer Nahrungsmittelkrise. Diese sei durch steigende Versicherungskosten, logistische Engpässe und Spekulationen auf westlichen Märkten verursacht worden. Sanktionen westlicher Länder verschärften die weltweite Ernährungslage.

Russland will „Verpflichtungen erfüllen“
„Auf der einen Seite werden verrückte Sanktionen gegen uns verhängt, auf der anderen Seite fordern sie Lebensmittellieferungen. So funktioniert das nicht, wir sind keine Idioten“, erklärte Russlands Ex-Präsident Dmitri Medwedew später auf Telegram.

Russland sei bereit, seine „Verpflichtungen in vollem Umfang zu erfüllen“, aber es erwarte auch „Unterstützung von seinen Handelspartnern“, fügte der heutige stellvertretende Vorsitzende des russischen Nationalen Sicherheitsrates hinzu. „Die Länder, die unseren Weizen und andere Lebensmittel importieren, werden es ohne Lieferungen aus Russland sehr schwer haben“, erklärte der Ex-Präsident. „Und auf europäischen und anderen Feldern wird ohne unsere Düngemittel nur saftiges Unkraut wachsen.“
19.05.2022, red, ORF.at/Agenturen

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Kornkammer Ukraine: Jedes dritte Feld nicht bestellt
 

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#7
UKRAINISCHE HÄFEN
Suche nach Weg aus Würgegriff
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Mit der Blockade der ukrainischen Häfen im Schwarzen und Asowschen Meer hat Russland gleich zu Beginn des Ukraine-Krieges eine Achillesferse des angegriffenen Nachbarlandes getroffen und damit einen der größten Getreideexporteure vom Weltmarkt abgeschnitten. Die Suche nach Möglichkeiten, die Blockade zu durchbrechen, bleibt schwierig: Während Russland eine Lockerung der Seeblockade zuletzt von einer Sanktionslockerung abhängig machte, wird im Westen über neue Druckmittel – die Lieferung von Anti-Schiff-Raketen an die Ukraine – debattiert.
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Nachdem bereits im März im Zuge des NATO-Gipfels in Brüssel von Beratungen die Rede war, gebe es inzwischen „eine Reihe von Staaten, die grundsätzlich zur Entsendung derartiger Raketen an die Ukraine bereit wären“, berichtete Reuters mit Verweis auf mit der Sache vertraute US-Regierungsvertreter.

Allerdings wolle niemand das als Erster tun – aus Furcht vor der russischen Reaktion, sollte ein Kriegsschiff durch eine Rakete aus den Beständen dieses Landes versenkt werden. Einer der Regierungsvertreter sagte Reuters, es gebe nun ein „gut ausgestattetes“ Land, das möglicherweise bereit sei, als Erstes zu liefern. Dann könnten andere Staaten folgen.

Reuters zufolge seien gegenwärtig zwei Raketentypen in der Diskussion. Das seien die von Boeing hergestellte Harpoon mit einer Reichweite von bis zu 300 Kilometern und die Naval Strike Missile (NSM) von Kongsberg und Raytheon Technologies mit 250 Kilometern. Dem Marineexperten Bryan Clark vom Hudson Institute zufolge wären zwölf bis 24 derartige Raketen ausreichend, um die russischen Kriegsschiffe zu bedrohen und die Regierung in Moskau zu einem Ende der Blockade zu bewegen.

Anhaltende Hindernisse und Bedenken
Russland hat nach Einschätzung des britischen Verteidigungsministeriums etwa 20 Kriegsschiffe – einschließlich U-Boote – in der Gefechtszone im Einsatz. Die russische Marine hat im Ukraine-Krieg bereits nennenswerte Verluste erlitten, insbesondere den Untergang des Raketenkreuzers „Moskwa“, des Flaggschiffs der Schwarzmeer-Flotte. Clark zufolge könnten die größeren russischen Schiffe in Gefahr sein, sollte die Ukraine fortgeschrittene Waffen erhalten und Präsident Wladimir Putin trotzdem an der Blockade festhalten: „Sie können sich im Schwarzen Meer nirgendwo verstecken.“

Früheren Angaben aus den USA zufolge gibt es mehrere Hindernisse und Bedenken bezüglich der Übergabe von mächtigeren Waffen mit einer größeren Reichweite an die Ukraine. Dazu gehören lange Ausbildungszeiten, Schwierigkeiten bei der Wartung der Systeme sowie die Sorge, dass die russischen Streitkräfte deren habhaft werden könnten. Zudem wird eine Eskalation des Konflikts befürchtet. Dazu kommen technische Schwierigkeiten, da etwa die Harpoon eigentlich nicht für den Abschuss von Land vorgesehen ist.

Russland stellt Bedingungen
Russland hat eine mögliche Öffnung ukrainischer Häfen für die Ausfuhr von Getreide indes an eine Teilaufhebung der westlichen Sanktionen gegen Moskau geknüpft. „Wenn unsere Partner eine Lösung erreichen wollen, dann müssen auch die Probleme gelöst werden, die mit einer Aufhebung jener Sanktionen verbunden sind, die dem russischen Export auferlegt wurden“, sagte der russische Vizeaußenminister Andrej Rudenko der Agentur Interfax zufolge am Donnerstag.

Die internationale Gemeinschaft fordert seit Wochen von Russland, den Export von ukrainischem Getreide zu ermöglichen. „Russland muss den sicheren Export von in ukrainischen Häfen gelagertem Getreide zulassen“, sagte UNO-Chef Antonio Guterres zuletzt bei einem von den USA abgehaltenen Außenministertreffen bei den Vereinten Nationen in New York.

Nach deutschen Angaben blockiert Russland in der Ukraine die Ausfuhr von 20 Millionen Tonnen Getreide, ein Großteil davon im Hafen von Odessa. Guterres sagte weiter, es sei notwendig, den extrem wichtigen Getreideproduzenten Ukraine wieder auf den Weltmarkt zu bringen – genauso wie von Russland und Belarus produzierte Lebens- und Düngemittel. Der von Russland begonnene Krieg drohe, viele Millionen Menschen in eine Ernährungsunsicherheit zu stürzen und eine Krise auszulösen, „die Jahre andauern könnte“. Zusammen produzieren die Ukraine und Russland laut Guterres fast ein Drittel des Weizens und der Gerste der Welt und die Hälfte des Sonnenblumenöls.

Exporte um zwei Drittel gesunken
Während vor der russischen Invasion um die 90 Prozent der ukrainischen Getreideexporte über die nun blockierten Seehäfen erfolgten, hat das Land offenbar andere Wege gefunden, zumindest einen Teil weiter auszuführen. Offiziellen Angaben zufolgte hat die ukrainische Getreideausfuhr im Mai bisher rund ein Drittel der Menge des Vorjahres erreicht. Zunächst seien 643.000 Tonnen exportiert worden, teilte das ukrainische Landwirtschaftsministerium am Donnerstag mit. Darunter seien etwa 617.000 Tonnen Mais und 16.000 Tonnen Weizen. Im Mai 2021 seien dagegen 1,8 Millionen Tonnen Getreide ins Ausland geliefert worden. Wie es nun transportiert wurde, gab das Ministerium nicht bekannt.

Ausweichhafen Constanta
Als wichtiger Umschlagplatz für ukrainische Agrarprodukte wurde zuletzt verstärkt der rumänische Schwarzmeer-Hafen Constanta genannt. Ein erstes Schiff mit 70.000 Tonnen ukrainischem Mais hat den Scharzmeer-Hafen erst vor wenigen Tagen verlassen – weitere werden laut Medienberichten beladen. In den Fokus rücken dabei auch Transportalternativen auf dem Landweg: Nicht nur eine derzeit stillliegende Eisenbahnstrecke zum Hafen Constanta solle reaktiviert werden – EU-Plänen zufolge sei auch die Lieferung von bis zu 20 Millionen Tonnen Agrarprodukten auf dem direkten Landweg nach Europa angedacht.

Reuters
Der Krieg hat Constanta zu einem wichtigen Umschlagplatz für den Export von ukrainischem Getreide gemacht

Nachdem man schon im März damit begonnen habe, Hilfsgüter über eine „Schienenbrücke“ in die Ukraine zu bringen, sei man jetzt dabei, „eine ‚Schienenbrücke‘ dahingehend zu befähigen, künftig große Mengen an Agrarprodukten zu Häfen an der Nordsee und der Adria zu transportieren“, sagte ARD-Angaben zufolge der deutsche Verkehrsminister Volker Wissing. Offen bleibt freilich, wie viele Transporte auf welchen Strecken überhaupt möglich wären, wobei der Chef der Deutschen Bahn, Richard Lutz, laut ARD sagte: „Wenn bisher 90 Prozent des Getreides über die Seehäfen exportiert wurden, wird man an Kapazitätsgrenzen auf der Schiene kommen.“

20.05.2022, pepr, ORF.at/Agenturen

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#8
PREISHAUSSE
Wie Getreide zum Mittel der taktischen Kriegsführung wurde
In der Ukraine stecken Millionen Tonnen an Weizen fest. Während weltweit humanitäre Krisen drohen, werden Rohstoffe in Österreich zwar nicht knapp, aber teurer
Wien – Im Krieg Russlands gegen die Ukraine erhält Getreide immer größeres militärisches Gewicht. Millionen Tonnen an Weizen stecken in der Kornkammer Europas fest. Es geht um Rohstoffe, die hunderte Millionen Menschen vor allem in Schwellenländern dringend benötigen. Den Vereinten Nationen zufolge erreicht der weltweite Hunger heuer einen neuen Höchststand: Innerhalb von nur zwei Jahren verdoppelte sich die Zahl der akut hungerleidenden Menschen auf rund 276 Millionen. Mehr als eine Million Menschen ist vom Hungertod bedroht – fünfmal mehr als 2016.


Die Schwarzmeerregion spielt für ihr Überleben eine Schlüsselrolle. Die Ukraine versorgt weltweit mehr als 400 Millionen Menschen mit Getreide, die eigene Bevölkerung nicht eingerechnet. Sie ist der fünftgrößte Weizenexporteur der Welt, bei Gerste die Nummer drei. Ihre Böden eignen sich gut für Landwirtschaft, und in Relation zur Zahl ihrer Einwohner ist das Potenzial an Agrarflächen riesig.

Vor allem Schwellenländer im Nahen Osten und in Afrika sind auf Importe aus der Kornkammer Europas angewiesen. Jeder zweite bis dritte Laib Brot in ihrer Region wird aus ukrainischem Getreide gebacken. Ihre eigene Landwirtschaft ist vielerorts nicht produktiv genug, um die wachsende Bevölkerung zu ernähren. Und der Klimawandel verschärft die Misere ihrer Bauern. In Afrika schrillen die Alarmglocken: Die Angst ist groß, in der Versorgung von Russland abhängig zu werden.

Erinnerung an Arabischen Frühling
Allmählich kommen Erinnerungen an den Arabischen Frühling hoch, damals – ab Ende 2010 – sorgten ebenso steigende Lebensmittelkosten für schwere Unruhen. In Ägypten und Tunesien wurden die politischen Machthaber gestürzt. In anderen Staaten wie Libyen und Syrien entbrannten Bürgerkriege, die teilweise immer noch andauern. "Die Ironie dieses Krieges ist, dass alle eine Krise in Russland erwarteten", sagt Beata Javorcic von der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung mit Blick auf den Ukraine-Krieg. "Dabei sind es tatsächlich gerade die nordafrikanischen Länder, die wegen der hohen Lebensmittelpreise näher an einer Notlage sind."

Kein Ende der Preishausse
Mehr als 400 Euro sind für eine Tonne Weizen auf dem Weltmarkt mittlerweile zu zahlen. Dieser Preis ist für viele Länder, die ohnehin in der Armutsspirale gefangen sind, fast unbezahlbar. Explodierende Kosten für Sprit, Dünger, Pflanzenschutz und Tierfutter bringen sie zusätzlich in die Bredouille. Ein Ende der Preisrally ist, solange sich die Krise in der Schwarzmeerregion nicht entschärft, unabsehbar.


In Kenia gehen Menschen bereits auf die Straße, um für niedrigere Lebensmittelpreise zu demonstrieren.
Foto: APA/AFP/TONY KARUMBA

Weltweit sind Lagerbestände bei Getreide, Eiweiß- und Ölsaaten auf einem Langzeitiefstand. Indien als wichtiges Anbauland erteilte nach einer Dürre ein Exportverbot, was die Nerven der internationalen Rohstoffhändler zusätzlich flattern lässt. Agrarexperten sehen die 400 Euro pro Tonne daher mittelfristig nur als preisliche Untergrenze.

Schwere Ernteeinbußen
Die Ukraine rechnet heuer mit maximal zwei Dritteln ihrer üblichen Getreideernte. Bei Mais zeichnen sich Einbußen von 31 Prozent ab, bei Sonnenblumenöl Verluste von 28 Prozent. Auch die Viehwirtschaft leidet. Schweineherden wurden um 20 Prozent, jene der Rinder und Hühner um 15 Prozent dezimiert.

Ob die Ukraine Getreide überhaupt verkaufen kann, ist ungewiss. Uno-Generalsekretär António Guterres erhöhte vergangene Woche einmal mehr den Druck auf Russland: Präsident Wladmir Putin müsse den sicheren Export von Weizen zulassen, der in ukrainischen Häfen gelagert ist. Derzeit blockiert Russland die Ausfuhr von rund 20 Millionen Tonnen. Die Silos sind voll. Das Gros des bereits geernteten Getreides liegt im Hafen von Odessa. Die See davor ist vermint. Zehn von 13 ukrainischen Häfen stehen aktuell still, einzig an jenen, die an der Donau liegen, gibt es Warenumschlag. Deren Kapazität reicht an jene der Seehäfen jedoch bei weitem nicht heran.


Ägypten importiert jährlich mehr als drei Millionen Tonnen Weizen aus der Ukraine. Die Lage ist für viele Staaten in Afrika und im Nahen Osten bereits sehr brenzlich. Auch Erinnerungen an den Arabischen Frühling kommen hoch.
Foto: AP Photo/Nariman El-Mofty

Putin stellt Bedingungen
Putin knüpft die mögliche Öffnung der Häfen, über die in Friedenszeiten 98 Prozent aller Lebensmittelexporte abgewickelt wurden, an eine teilweise Aufhebung der westlichen Sanktionen gegen Moskau.

An der Grenze zu Rumänien warten unzählige vollbeladene Lkws darauf, das Land zu verlassen. Außerdem gibt es zehn alternative Routen für die Ausfuhr von Getreide über die Bahn. Doch es fehlen nicht nur dafür geeigneten Wagons. Als einstiges Mitglied der Sowjetunion hat die Ukraine ein etwas breiteres Gleissystem als Europa. Die Wagons müssen daher entweder mühsam umgehoben und das Fahrgestell angepasst werden – oder die Fracht wird an der Grenze in andere Züge umgeladen. Die EU hat finanzielle Hilfe für den Export angekündigt, diese ist auch bitter nötig.

Getreide als Diebsgut
Zudem mehren sich die Berichte, dass Russen in den besetzten Gebieten rund um Cherson und Saporischschja massenhaft ukrainisches Getreide stehlen und zu hohen Rabatten auf dem Weltmarkt verkaufen. Das Außenministerium in Kiew schätzt seinen Wert auf 100 Millionen Dollar und warnt potenzielle Abnehmer davor, sich zu russischen Komplizen zu machen.

Österreichs Abhängigkeit von der Ukraine als Exporteur bei Getreide ist überschaubar. 2021 wurden der Statistik Austria zufolge lediglich 735 Tonnen importiert, Weizen wurde in diesem Jahr überhaupt nicht eingeführt. Zum Vergleich: Heuer besteht bei Getreide ein Importbedarf von 1,288.000 Tonnen. 745.000 Tonnen davon dienen der menschlichen Ernährung. Der Rest geht in die Tierfütterung, wird industriell verarbeitet oder zu Biosprit.

Ihre Spuren hinterlässt die Krise jedoch bei den Preisen. Einer Erhebung der Arbeiterkammer zufolge kostete ein Kilo Weizenmehl der unteren Preisklasse im Juni 2021 im Schnitt 41 Cent, mittlerweile sind es 67 Cent.

Fleischbranche in der Bredouille
Österreich versorgt sich zu fast 90 Prozent selbst mit Getreide. Ein zweiter Vergleich: Bei Trinkmilch liegt der Selbstversorgungsgrad bei 170, bei Schweinefleisch bei 102 Prozent. Die Marktverwerfungen infolge der Pandemie, die durch den Krieg verschärft wurden, schlagen aufgrund der hohen Großhandelspreise aber auch hier durch. Sichtbar werden sie in der Schweine- und Geflügelindustrie. Denn für ein Kilo Fleisch braucht es zwischen drei und fünf Kilo Getreide als Futter. Für viele Betriebe lohnt sich die Mast nicht mehr. Quer durch Europa steigen Schweine- wie Geflügelhalter aus der Produktion aus.

Getreide wird in Österreich auch künftig nicht knapp. Der Fleischkonsum dürfte aber sinken, wie auch der Anteil an Lebensmitteln, der unverdorben im Müll landet – Landwirtschaft, Industrie, Handel, Gastronomen und Konsumenten entsorgen jährlich Millionen Tonnen davon.
(Verena Kainrath, Andreas Danzer, 22.5.2022)

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Wie Getreide zum Mittel der taktischen Kriegsführung wurde
 

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#9
GETREIDELIEFERUNGEN
Tauziehen um Blockade von Odessa
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Der Druck auf Russland, um ukrainische Getreidelieferungen, die im von Russland blockierten ukrainischen Schwarzmeer-Hafen Odessa festhängen, freizugeben, wird immer größer. Die UNO bemüht sich angesichts steigender Lebensmittelpreise und drohender Hungersnöte um Vermittlung, auch die Türkei will sich einschalten. Die USA warnen unterdessen vor einer militärischen Operation, um die Blockade zu beenden. Und auch die Idee eines geschützten Konvois wird debattiert. Die Zeit drängt.
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Die Blockade von Odessa ist nicht leicht zu lösen. Russland hat mittlerweile die Kontrolle über weite Teile der ukrainischen Schwarzmeer-Küste übernommen. Odessa ist der größte Hafen der Ukraine. In den Docks lagern Millionen Tonnen ukrainischen Getreides, das nicht exportiert werden kann und für den Weltmarkt von großer Bedeutung ist. Die Lager gehören auch wegen der kommenden neuen Ernte geleert.

Die Lebensmittelpreise steigen derweil weiter. Hauptabnehmer sind in der Regel Länder im Nahen Osten und in Nordafrika. Dort grassierende Hungersnöte werden durch die fehlenden Einfuhren aus der Ukraine derzeit noch verstärkt.

APA/AFP/Ed Jones
Ein Blick über einen Teil Odessas Mitte April

USA: Militärischer Einsatz „hochriskant“
US-Generalstabschef Mark Milley hält eine Beendigung der Blockade des Hafens von Odessa mit militärischen Mitteln für eine „hochriskante“ Option. „Derzeit sind die Seewege durch Minen und die russische Marine blockiert“, sagte Milley am Dienstag bei einem Besuch in London. „Um diese Seewege zu öffnen, wäre eine sehr große militärische Anstrengung eines Landes oder einer Gruppe von Ländern nötig.“ Ein solcher Einsatz wäre „ein hochriskanter Militäreinsatz“, so der US-General.

Die Ukraine und Russland gehören zu den weltweit wichtigsten Getreideproduzenten. Der Export aus beiden Ländern ist wegen des Krieges in der Ukraine, der russischen Blockade von Schwarzmeer-Häfen und der Sanktionen gegen Russland eingebrochen. Der Hafen von Odessa ist für die Ukraine äußerst wichtig. Sollte das Land die Stadt verlieren, wäre es mehr oder weniger an Land „eingesperrt“.

Litauen schlägt geschützten Schiffskonvoi vor
Der litauische Außenminister Gabrielius Landsbergis brachte indes vorige Woche bei einem Besuch in Großbritannien bei Gesprächen mit der britischen Außenministerin Liz Truss die Idee eines geschützten Getreideschiffskonvois aus Odessa ins Spiel, wie der „Guardian“ berichtete. Russland will man damit offenbar nicht weiter reizen. Es soll nach Landsbergis’ Vorstellung kein NATO-Einsatz sein. Es wäre eine nicht militärische humane Mission und etwa mit einer Flugverbotszone nicht vergleichbar.
Der Konvoi solle geschützt durch das Schwarze Meer an den russischen Kriegsschiffen vorbei geführt werden. Es könnten auch Länder, die Nutznießer von den Getreidelieferungen seien, für den Schutz sorgen. Landsbergis brachte etwa Ägypten ins Spiel. Großbritannien sei bereit zu helfen, so Truss letzte Woche.

APA/AFP/Ed Jones
Ein Blick auf eine Straße in Odessa Mitte April

„Die Zeit drängt“, so Landsbergis. Er bezog sich dabei auf die neue kommende Ernte und dass es keinen anderen praktikablen Weg für die Ausreise des Getreides außer den Hafen in Odessa gebe, wie er dem „Guardian“ weiter sagte. Es gebe keine Möglichkeit, das Getreide zu speichern und auch keine Alternativroute, so der litauische Außenminister. Es sei zwingend erforderlich, „dass wir gefährdeten Ländern zeigen, dass wir bereit sind, die notwendigen Schritte zu unternehmen, um die Welt zu ernähren“, so Landsbergis.

Rasmussen-Thinktank für Waffenlieferungen
Harry Nedelcu von der politischen Beratungsfirma Rasmussen Global kann dem Vorschlag laut Deutscher Welle etwas abgewinnen. Das sei eine gute Idee, wie man die Blockade im Schwarzen Meer brechen könne. Rasmussen Global wurde von dem ehemaligen NATO-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen gegründet. Russland habe im Schwarzen Meer ein paar Dutzend Kriegsschiffe, darunter auch U-Boote.

„Die andere Methode, um die Blockade zu brechen, wäre, dass man der Ukraine anspruchsvolle moderne Waffen gebe, um die russischen Schiffe zu versenken bzw. zu beschädigen“, so Nedelcu weiter. Dann wäre die Blockade beendet, und die Getreideschiffe hätten dann freie Fahrt, so der Berater.
APA/AFP/Genya Savilov
Für die Getreideexporte drängt die Zeit

UNO: Konstruktive Gespräche
Auch Papst Franziskus sorgt sich um ausbleibende Getreidelieferungen aus der Ukraine. „Bitte benutzen Sie Getreide, ein Grundnahrungsmittel, nicht als Kriegswaffe“, appellierte der Papst am Mittwoch bei seiner Generalaudienz auf dem Petersplatz – mehr dazu in religion.ORF.at.
Auch die UNO bemüht sich um die Wiederaufnahme der Getreideexporte aus Russland und der Ukraine. Die UNO-Beamtin Rebecca Grynspan habe konstruktive Gespräche mit dem russischen Vizepremier Andrej Belousow über Getreide- und Düngemittelausfuhren in Moskau geführt, teilte UNO-Sprecher Stephane Dujarric am Dienstag mit. Vergangenen Monat war UNO-Generalsekretär Antonio Guterres nach Moskau und Kiew gereist, um die Wiederaufnahme der ukrainischen Lebensmittelexporte und der russischen Lebensmittel- und Düngemittelausfuhren zu vermitteln.

AP/John Minchillo
UNO-Generalsekretär Antonio Guterres

Die US-Botschafterin bei den Vereinten Nationen, Linda Thomas-Greenfield, erklärte, die Vereinigten Staaten seien bereit, mittels Patronatserklärungen die Ausfuhr von russischem Getreide und Düngemitteln zu erleichtern. Sie wies darauf hin, dass beides nicht unter die Sanktionen gegen Russland falle. Allerdings seien Unternehmen offenkundig verunsichert, mit den russischen Produkten zu handeln. Die Patronatserklärungen sollten diese Unsicherheiten beseitigen.

Türkei verweist auf Lawrow-Besuch
Auch die Türkei will vermitteln. Der russische Außenminister Sergej Lawrow werde am 8. Juni mit einer Militärdelegation Gespräche in der Türkei führen, um die Möglichkeiten eines Korridors zur See auszuloten, teilte der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu am Dienstag mit. Der amtlichen Nachrichtenagentur Anadolu sagt Cavusoglu weiter, es gebe diesbezüglich Gespräche mit den Vereinten Nationen.
Die UNO habe die Einrichtung eines gemeinsamen Überwachungsmechanismus vorgeschlagen, um die Schiffsrouten zu beobachten. Die Türkei sei für einen solchen Vorschlag offen. Dennoch gebe es in der Sache weiter Streitpunkte zwischen Russland und der Ukraine, sagte Cavusoglu. So fordere Russland, dass westliche Sanktionen gegen die Versicherungsbranche aufgehoben würden, weil davon auch Schiffe betroffen seien, die für die Exporte gebraucht würden. Die Ukraine wolle indes verhindern, dass russische Kriegsschiffe im Hafen von Odessa anlandeten.

APA/AFP/Ed Jones
Der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu erwartet den russischen Außenminister Sergej Lawrow zu Gesprächen

Die Präsidenten der Türkei und Russlands, Recep Tayyip Erdogan und Wladimir Putin, berieten über das Thema am Montag telefonisch. Dabei sagte Putin zu, den Export des blockierten Getreides in Koordination mit der Türkei möglich zu machen.

Russland nimmt Getreide aus Cherson mit
Russland selbst importierte nun aus dem besetzten Schwarzmeer-Gebiet Cherson Getreide ins eigene Land. Kiew warf Moskau am Montag erneut vor, Getreidevorräte aus den besetzten Gebieten zu stehlen. Fast 500.000 Tonnen Getreide hätten russische Truppen illegal aus Charkiw, Cherson, Saporischschja, Luhansk und Donezk exportiert, wie der stellvertretende ukrainische Agrarminister, Taras Wysozkyi, am Montag sagte. Speziell über den von russischen Truppen eroberten Hafen Mariupol sollen größere Mengen verschifft worden sein, hatte es zuletzt geheißen.

2.500 Tonnen Walzblech nach Russland geschafft
Erstmals seit der Eroberung von Mariupol durch die russische Armee ist ein auch ein Frachter mit Stahl ausgelaufen. Das Schiff habe den Hafen von Mariupol mit 2.500 Tonnen Walzblech an Bord in Richtung Rostow am Don in Südrussland verlassen, erklärte der Anführer der prorussischen Separatisten in der selbst ernannten Volksrepublik Donezk, Denis Puschilin.

Puschilin sagte am Dienstag, der Hafen von Mariupol sei ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt für die gesamte ostukrainische Donbas-Region. „Er ist ein sehr wichtiger Hafen am Asowschen Meer und der einzige, in dem auch im Winter alle Arten von Waren umgeschlagen werden können.“ Laut russischen Nachrichtenagenturen kündigte Puschilin an, dass ein Teil der Schiffe aus Mariupol in die Handelsflotte der selbst ernannten Volksrepublik Donezk übergehen soll.

Zweitgrößter Hafen nun in russischer Hand
Der Hafen von Mariupol war vor dem Ukraine-Konflikt der zweitwichtigste Hafen der Ukraine nach Odessa. Von dort wurde auch viel Getreide exportiert, die Ausfuhr ist wegen der Kämpfe aber zum Stillstand gekommen. Nach einer wochenlangen Belagerung hatte Moskau am 21. April die Eroberung Mariupols verkündet. Hunderte ukrainische Kämpfer, die sich auf einem riesigen Stahlwerksgelände verschanzt hatten, ergaben sich aber erst vier Wochen später. In der vergangenen Woche wurde der Hafen offiziell wieder in Betrieb genommen. Das russische Verteidigungsministerium hatte zuvor den Abschluss der Minenräumung bekanntgegeben.
05.06.2022, baue ORF.at/Agenturen

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Getreidelieferungen: Tauziehen um Blockade von Odessa
 

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#10
EMBARGO
Russland flutet Indien mit Billigkohle und China mit Öl
Für Kohle und Öl aus Russland ist der Weg nach Europa versperrt. Umso mehr bemüht sich Moskau, anderswo Abnehmer zu finden, etwa in Indien und China

Mit Kohle, aber auch mit Rohöl und mit Gas sowieso macht Russland trotz der westlichen Sanktionen weiter gute Geschäfte.
Foto: Imago / Becker & Bredel

Der Rubel rollt, auch wenn Russland sein Öl und seine Kohle in Europa sanktionsbedingt nicht mehr zu Geld machen kann. Dafür sucht sich Moskau für seine Rohstoffe neue Absatzkanäle und pusht diese mit Dumpingpreisen auf Märkten, die sich an den Sanktionen nicht beteiligen. Das gilt für Kohle genauso wie für Rohöl.

Beispiel Indien: Das nach Bevölkerung zweitgrößte Land der Welt hat seine Kohle- und Ölimporte aus Russland zuletzt binnen Jahresfrist vervielfacht. Russische Rohstoffhändler verkaufen indischen Abnehmern Kohle mit bis zu 30 Prozent Rabatt, wie mehrere Insider der Nachrichtenagentur Reuters bestätigt haben. Der russisch-indische Kohlehandel dürfte auch im Juni florieren, wie Schifffahrtsdaten auf Refinitiv Eikon zeigen.

Viele Händler meiden Russland
Die westlichen Sanktionen gegen Russland als Antwort auf dessen Angriffskrieg gegen die Ukraine haben viele Kohle- und Ölimporteure dazu veranlasst, den Handel mit Moskau zu meiden. In der Folge ist Russland bereits im Mai zum zweitgrößten Öllieferanten Indiens nach dem Irak aufgestiegen und hat Saudi-Arabien auf den dritten Platz verdrängt. Russisches Öl wird an den Märkten aufgrund der gesunkenen Nachfrage mit Rekordabschlägen gegenüber anderen Sorten gehandelt. Indische Raffinerien, die zuvor die hohen Transportkosten für russisches Öl scheuten, greifen seitdem zu. Indien, das auch einen großen Teil seiner Waffen aus Russland bezieht, bemüht sich um eine neutrale Haltung zum Ukraine-Krieg.

Indischen Regierungsdaten zufolge stieg der Wert der indischen Ölimporte aus Russland zuletzt binnen Jahresfrist um mehr als das 31-Fache auf 2,22 Milliarden Dollar, was in Euro nur geringfügig weniger ist. Verglichen wurden dabei ein 20-Tage-Zeitraum bis vorigen Mittwoch und der entsprechende Zeitraum 2021. In der gleichen Periode kletterte der Wert indischer Kohleimporte und damit zusammenhängender Erzeugnisse um mehr als das Sechsfache auf 331,17 Millionen Dollar.

Moskau akzeptiert mitunter auch Fremdwährungen
Einem Insider zufolge freuen sich indische Abnehmer wie Kraftwerksbetreiber und Zementhersteller über ein Entgegenkommen ihrer russischen Lieferanten, die sogar auf die übliche Bezahlung in Dollar verzichteten. "Die russischen Händler sind großzügig bei den Zahlungswegen und akzeptieren auch die indische Rupie und den Dirham der Emirate", ließ der Insider Reuters wissen.

Beispiel China: Russland hat im Monat Mai so viel Rohöl an Abnehmer im Reich der Mitte verkauft wie nie zuvor und ist damit zu Chinas größtem Öllieferanten aufgestiegen.

Die Volksrepublik hat im vergangenen Monat nach Angaben der Zollbehörde in Peking knapp 8,4 Millionen Tonnen Rohöl russischer Provenienz importiert. Das sind knapp zwei Millionen Fass zu je 159 Liter am Tag und um 55 Prozent mehr als Ende 2021 sowie rund ein Viertel mehr als im heurigen April.

Damit hat Russland Saudi-Arabien nach 19 Monaten wieder vom Rang eins der größten Öllieferanten Chinas verdrängt. Chinesische Unternehmen wie der Raffineriekoloss Sinopec profitieren dabei ähnlich wie Wettbewerber in Indien von kräftigen Preisnachlässen, die Russland gewährt.

Löchrige Sanktionen

Die Europäische Union hat im Mai einen weitgehenden Importstopp für russisches Öl und russische Kohle beschlossen. Bei Öl betrifft das allerdings nur den Transportweg mit Schiffen.

Pipeline-Öl ist auf Drängen vor allem von Ungarn, das stark von russischem Öl abhängt, von dem Embargo ausgenommen worden. Das EU-Embargo ist zudem mit Übergangsfristen versehen, wobei Österreich kurz nach dem 24. Februar, dem Tag des Einmarschs russischer Truppen in die Ukraine, den Ölbezug aus Russland komplett eingestellt hat.

Bei Gas sieht sich Österreich in einer ähnlichen Situation wie Ungarn bei Öl und hofft auf Solidarität der EU-Partner – sprich, dass Gas nicht auf die Sanktionsliste kommt.
(Günther Strobl, 21.6.2022)
Russland flutet Indien mit Billigkohle und China mit Öl
 

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#11
„ERNSTE LAGE“
Wo wie viel weniger Gas fließt
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Zwar stehen die halbierten Lieferungen Russlands über die Gaspipeline „Nord Stream“ nach Deutschland im Fokus der Aufmerksamkeit in Europa, daneben hat Russland aber auch auf zahlreichen anderen Kanälen den Gasfluss nach Europa gedrosselt. In Summe kommt deutlich weniger Gas nach Europa – auch deutlich weniger als sonst zu dieser Jahreszeit. Es sei eine „ernste und sehr angespannte Lage“, sagte Carola Millgramm, Leiterin der Gasabteilung beim Energieregulator E-Control.
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So liegt seit Ende April die „Jamal“-Pipeline, die über Polen nach Brandenburg führt, ganz brach. Offizieller Grund dafür sind die russischen Sanktionen gegen das polnische Unternehmen Europol GAZ, Eigentümer des polnischen Teils der „Jamal“-Europa-Gaspipeline.

Derzeit ist eine Woche lang wegen Wartungsarbeiten die über die Türkei nach Südosteuropa führende Pipeline „TurkStream“ ganz gesperrt. Das war schon länger angekündigt. Branchenexpertinnen und -experten in Österreich hoffen, dass der Betrieb danach wieder aufgenommen wird. Aber eine Unsicherheit bleibt, obwohl damit Länder versorgt werden, die Russland freundlich gesinnt sind, wie die Türkei, Serbien und Ungarn.


Grafik: APA/ORF.at; Quelle: ENTSOG/IV

Drastischer Rückgang bei Pipelines über Ukraine
In Ungarn wird auch von der Politik betont, wie reibungslos die Gaslieferungen laufen – die Wartungsarbeiten werden in den staatlich kontrollierten Medien nicht einmal erwähnt. Auch in Serbien und der Türkei sind diese Wartungsarbeiten kein Thema.

Der russische Gasmonopolist Gasprom nutzt auch eine von zwei Pipelines durch die Ukraine gar nicht mehr und die Kapazitäten für die zweite Pipeline durch die Ukraine nur zu etwas mehr als der Hälfte. Gebucht und bezahlt wurden hier Tagesmengen von 77 Mio. Kubikmetern, es fließen aber nur 41 Mio. Kubikmeter, geht aus Zahlen der E-Control hervor.

„Nord Stream 1“ nur noch bei 40 Prozent
„Nord Stream 1“, die über die Ostsee nach Deutschland führt, wird derzeit nur mit 40 Prozent der Kapazität befüllt. Hier beruft sich Gasprom auf sanktionsbedingte Verzögerungen bei Reparaturarbeiten als Ursache und weist politische Motive von sich. Das wird aber in der EU allgemein bezweifelt. Zudem steht im Juli eine Wartung von „Nord Stream 1“ an, die zur vorübergehenden totalen Schließung der Verbindung führen wird – und die Wiederbefüllung danach ist offen.

So einen starken Rückgang bei den Gaslieferungen habe es in anderen Jahren nicht gegeben, sagte Millgramm im Gespräch mit der APA. „Typisch für den Sommer ist die Situation also nicht.“ Die E-Control beobachte das täglich, derzeit reichen in Österreich die ins Land kommenden Mengen, um den Verbrauch zu decken und etwas einzuspeichern. Aber im Juni, Juli und August gebe es auch die geringsten Verbräuche des Jahres. Daher stelle sich die E-Control jetzt schon auf verschiedenste Szenarien ein.

Vorerst keine Alarmstufe in Österreich
Der deutsche Wirtschaftsminister Robert Habeck hatte am Donnerstag die zweite von drei Eskalationsstufen im Notfallplan Gas ausgerufen, die „Alarmstufe“. Mit dieser soll Experten zufolge der Ernst der Lage verdeutlicht werden – mit dem Ziel, möglichst viel Energie freiwillig einzusparen. Die erste Stufe, die Frühwarnstufe, galt seit Ende März, also gut vier Wochen nach dem russischen Angriff auf die Ukraine, der die Energiepreise in die Höhe getrieben hat.

Österreich plant laut Klimaministerium vorerst keine Ausrufung der Alarmstufe im Gasnotfallplan. In Österreich gilt weiter die Frühwarnstufe. „Die Lage wird engmaschig überwacht und stündlich neu bewertet“, so Umwelt- und Klimaministerin Leonore Gewessler (Grüne) in einer Stellungnahme. Entscheidend seien Gasliefermengen und der Speicheraufbau. Sollte der Speicheraufbau gefährdet sein, „müssen wir Maßnahmen ergreifen“. Russland sei kein verlässliches Gegenüber.

IEA-Warnung vor totalem Stopp
Fatih Birol, Chef der Internationalen Energieagentur (IEA), mahnt die EU-Staaten in einem Interview mit der „Financial Times“, sich auf einen totalen Lieferstopp für russisches Gas einzustellen. Daher sollten die Nachfrage gebremst und Atomkraftwerke länger am Netz behalten werden. „Je mehr wir uns dem Winter nähern, desto mehr verstehen wir die Absichten Russlands“, sagte er. „Ich glaube, dass die Kürzungen darauf abzielen, zu verhindern, dass Europa die Lager füllt, und Russlands Hebelwirkung in den Wintermonaten zu erhöhen.“ Auch Habeck warnte vor einem Totalausfall der Lieferungen aus Russland.

Drastische Preiserhöhung erwartet
Die Bundesnetzagentur in Deutschland warnt: „Die Lage ist angespannt, und eine Verschlechterung der Situation kann nicht ausgeschlossen werden“, auch wenn die Versorgung aktuell gewährleistet sei. Die geplante Füllung der Gasspeicher auf 90 Prozent der Kapazität bis zum November sei aber bei den aktuellen Gasflüssen ohne „zusätzliche Maßnahmen“ nicht möglich. Auch die Weitergabe von Gas an Österreich, Frankreich oder Tschechien sei betroffen.


ÖSTERREICH
Voestalpine für Gasausfall gewappnet


Der Präsident der Bundesnetzagentur, Klaus Müller, warnt indes vor drastischen Preiserhöhungen. „Schon jetzt werden die Gaspreissteigerungen des letzten Herbstes weitergegeben“, sagte Müller am Freitag in der ARD. „Das ist knapp plus 30, plus 50, teilweise plus 80 Prozent. Das ist die Vergangenheit aus dem Herbst.“ Seitdem habe sich der Gaspreis Stand vergangene Woche vervierfacht und inzwischen sogar versechsfacht. Das seien riesige Preissprünge, die aber nicht alle eins zu eins an die Verbraucherinnen und Verbraucher weitergegeben würden.

Belgien warnt vor EU-weiten Auswirkungen
Belgiens Ministerpräsident Alexander de Croo hat vor EU-weiten Auswirkungen gewarnt, sollte Deutschland Schwierigkeiten mit der Gasversorgung bekommen. „Wenn Deutschland in Probleme gerät, dann hat das auch einen enormen Einfluss auf alle anderen europäischen Länder, auch auf unser Land“, sagte er am Freitag am Rande des EU-Gipfels in Brüssel. Mit Blick darauf, dass Russland sich eigentlich auch im Wirtschaftskrieg mit Europa befinde, müsse man zusammenstehen.

„Es gibt kein besseres Argument für die Tatsache, dass wir das gemeinsam machen müssen, als die Folgen zu betrachten, die Deutschland potenziell erleidet“, so der Regierungschef. Man werde vielleicht einen schwierigen Winter erleben. Mit Blick auf mögliche Schwierigkeiten bei der Gasversorgung sprach er sich für Preisobergrenzen und gemeinsame Einkäufe des Rohstoffs aus.

Während sich die EU-Staaten bereits im März bei einem Gipfel darauf verständigt hatten, Gas gemeinsam einkaufen zu wollen, sieht es bei Preisobergrenzen anders aus. Bisher gibt es nur für Spanien und Portugal entsprechende Ausnahmen. Vor allem Länder wie Deutschland und die Niederlande sehen Preisdeckel kritisch.
24.06.2022, red, ORF.at/Agenturen

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„Ernste Lage“: Wo wie viel weniger Gas fließt
 
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