Neue Bücher: 2019 - "Vergessen & verdrängt. Dark Places im Alpen-Adria-Raum" und 2021 "Lost Places im Alpen-Adria Raum"

josef

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#1
Nach
"Verfallen & Vergessen - Lost places in Kärnten und seinen Nachbarregionen"
und
" Vergessene Paradiese entdecken"
erschien ein neues Buch von Autor und Journalist Georg Lux und dem Fotografen Helmuth Weichselbraun:

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Styria Verlag
Vergessen & verdrängt. Dark Places im Alpen-Adria-Raum, ISBN 978-3-222-13636-8 , 192 Seiten, 23 Euro.

Düstere Reiseziele
Titos Leichenzug, Italiens Mumien
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Der Zug, in dem Titos Leichnam transportiert wurde, ein Spukschloss für Geisterfreunde, eine verfallende psychiatrische Anstalt: Fans des „Dark Tourism“-Trends fasziniert die Tragödie, der Schauder, das Abseitige. Der Grat zwischen Sensationslust und Geschichtsinteresse ist dabei schmal, wie ein Reiseführer für die Alpen-Adria-Region zeigt.
Instagram-Stars posieren vor Ruinen in Tschernobyl, Touristinnen knipsen sich selbst zwischen den Stelen des Holocaust-Mahnmals in Berlin: „Dark Tourism“, das Reisen an Orte mit düsterer Geschichte, hat ein angeknackstes Image in Zeiten oft gedankenloser Selbstdarstellung. Dabei umfasst der Begriff ein weites Spektrum, das sich seit Beginn des Massentourismus im Spannungsfeld zwischen dem Jahrmarktreiz von Foltermuseen und seriösen Studienreisen mit geschichtlichem Schwerpunkt bewegt.

Als „Dark Tourism“ oder auch „Grief Tourism“, also Trauertourismus, definiert sich eine Form von Tourismus an Orte, die im weitesten Sinne mit historischen Gräueltaten oder Tragödien in Zusammenhang stehen. Das können Tatorte von Verbrechen sein, Schauplätze von Katastrophen oder auch Gedenkstätten. Das Phänomen trifft zunehmend auch auf wissenschaftliches Interesse, berichtet etwa Gregor Holzinger von der KZ-Gedenkstätte Mauthausen: „Wir bekommen regelmäßig Anfragen von Studierenden, die zu Dark Tourism forschen.“

Styria/Helmuth Weichselbraun
Das luxuriöse Innenleben von Josip Broz Titos Zug, in dem später auch die Leiche des Diktators transportiert wurde
Styria/Helmuth Weichselbraun
Uhren von Opfern der Staudammkatastrophe in Longarone (Italien), bei der am 9. Oktober 1963 fast 2.000 Menschen ums Leben kamen

Styria/Helmuth Weichselbraun
Das für einen Stausee in Oberitalien geflutete Geisterdorf Movada taucht nur selten auf. Wenn der Stausee voll ist, sieht man von den Ruinen keinen Stein



Styria/Helmuth Weichselbraun
Wer Angst vorm Zahnarzt hat, sollte dieses Museum meiden: In Celje (Slowenien) werden historische Zahnarztordinationen und -utensilien ausgestellt



Styria/Helmuth Weichselbraun
Die berühmten Mumien aus dem Dom von Venzone (Italien) sind seit Jahrhunderten eine Attraktion – allerdings sind dabei fast die Hälfte durch Diebstahl abhanden gekommen



Styria/Helmuth Weichselbraun
Das elf Meter hohe Felsentor in Eberstein (Kärnten) soll der Sage nach ein ins Tal gerutschtes Höhlenportal sein



Styria/Helmuth Weichselbraun
Auf der venezianischen Laguneninsel Poveglia befand sich bis in die späten 1960er Jahre eine Art Altersheim. Seit der Schließung verfallen die Gebäude und fordern Reisende heraus.



Styria/Helmuth Weichselbraun
Untergang einer deutschen Sprachinsel: In der Gottschee (Slowenien) wurden vom kommunistischen Jugoslawien ganze Dörfer ausradiert. Nur einige Kirchenmauern hielten dem Sprengstoff stand.



Styria/Helmuth Weichselbraun
In der einstigen Reismühle Risiera di San Sabba in Triest war von 1943 bis 1945 ein Konzentrationslager mit eigenem Krematorium. Heute ist das Gebäude eine Gedenkstätte, in der an die Opfer erinnert wird.


Schaudern mit Geschichte
Die gesamte Bandbreite des Begriffs nutzt das Lese- und Reisebuch „Vergessen & verdrängt“ aus, das der Autor und Journalist Georg Lux gemeinsam mit dem Fotografen Helmuth Weichselbraun verfasst hat. Lux und Weichselbraun reisen seit vielen Jahren gemeinsam im Alpen-Adria-Raum auf den Spuren verlassener Orte, „nicht aus voyeuristischer Faszination am Grauen oder am Bösen, sondern weil auch dunkle Ereignisse nicht im historischen schwarzen Loch des Vergessens verschwinden dürfen“, heißt es im Vorwort, das zum „Nachdenken“ einlädt.


In 19 Kapiteln, von Kärnten über Oberitalien bis Slowenien, Kroatien und Serbien, haben Lux und Weichselbraun Ausflugsziele von ganz unterschiedlichem Anspruch versammelt. Die Auswahl fiel nicht leicht. „Wir hätten ein ganzes Buch machen können nur über verlassene Irrenhäuser in Italien“, sagt Lux im Gespräch mit ORF.at. „Besonders Italien ist ein Paradies für sogenannte Lost Places. Wenn dort ein Gebäude nicht mehr genutzt wird, wird es meistens nicht abgerissen, sondern verfällt einfach.“

Im Buch kommt nur eine Ruine eines psychiatrischen Krankenhauses vor, die Anstalt Mombello in Limbiate, in der Mussolinis vergessener Sohn Benito Albino Dalser zugrunde ging. Die Vielfalt an Orten ist beachtlich, da kommt das sagenhafte „Feld der steinernen Linsen“ im Kärntner Guttaring ebenso vor wie der Dom von Venzone (Italien) mit seinen Mumien, der Salonzug des jugoslawischen Diktators Josip Broz Tito, der nach dessen Tod als sein Leichenwagen zum Einsatz kam, oder das Staudammunglück von Longarone, wo 1963 fast 2.000 Menschen in den Tod gerissen wurden.

Spielplatz für Erwachsene
Das unhinterfragte Nebeneinander von realen Todesorten, sagenumwobenen Plätzen und inszenierten Gruselkabinetten ist allerdings seltsam, und „der Vielfalt geschuldet“, erklärt Lux: Da wird ein Escape-Room in einem ehemaligen Schlachthof empfohlen, also ein inszenierter Spielplatz für erwachsene Rätselfreunde, und ein paar Seiten weiter wird im selben Umfang die KZ-Gedenkstätte Risiera di San Sabba in Triest beschrieben.
Zumindest der sachliche Fehler in den Hintergrundinformationen zum KZ soll in der nächsten Auflage behoben sein, verspricht Lux. Egal wie komplex die Geschichte des jeweiligen „Dark Place“ ist, mehr als vier schmale Seiten Reportage bekommt keiner; glücklich ist der Autor auf Nachfrage damit nicht. Als kurzweiliger Lesestoff für historisch vage interessierte Reisende taugt der Band, Weiterlesen bei anderen Quellen ist dringend empfohlen.

Magdalena Miedl, für ORF.at

Links:
Düstere Reiseziele: Titos Leichenzug, Italiens Mumien
 
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#4
Verlassene Orte in Slowenien

Neues Buch:
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Styria Verlag
Georg Lux, Helmuth Weichselbraun - Lost Places in der Alpen-Adria-Region,
ISBN 978-3-222-13681-8, 208 Seiten, Richtpreis € 27,-


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Verlassene Orte, sogenannte „Lost Places“ gibt es im Alpen-Adria-Raum viele zu entdecken. Der Kärntner Autor Georg Lux hat gemeinsam mit Fotograf Helmut Weichselbraun jene in Slowenien in einem Buch zusammengefasst, das jetzt in neuer, überarbeiteter Auflage erschien. Zu den Geheimtipps zählt das Laibacher Stadion, dessen Entwurf auf Jože Plečnik zurückgeht.
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Das Bezigrad-Stadion liegt mitten in der Slowenischen Hauptstadt Laibach. Im Jahr 1925 wurde im gleichnamigen Stadtteil im Auftrag des katholischen Turnverbandes der Grundstein für ein Stadion gelegt. Mit der Planung wurde Architekt Jože Plečnik beauftragt, dessen Bauten heute noch das Stadtbild prägen.
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Bezigrad-Stadion in Laibach

Autor Georg Lux und Fotograf Helmut Weichselbraun beschäftigen sich seit Jahren mit verlassenen Orten im Alpen-Adria-Raum. Einige davon sind abgelegen, mache versteckt. Autor Georg Lux sagt, jeder Platz sei ein Abenteuer: „Wir entdecken immer wieder Neues. Es ist natürlich nicht ganz ungefährlich und ein bisschen ein ‚Buben-Abenteuer‘. Wir dokumentieren den Verfall mit unseren Fotos, weil uns das ein inhaltlich großes Anliegen ist. Wir drücken die Pause-Taste, um zu zeigen, wie ein Ort genau in dem Moment aussieht. Wir erzählen auch die Geschichte. Wir nennen das auch Reiseführer gegen das Vergessen. Jeder Ort hat eine Geschichte, die es wert ist, nicht vergessen zu werden.“

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Georg Lux und Helmut Weichselbraun

„Reiseführer gegen das Vergessen“
Georg Lux und Helmut Weichselbraun besuchen ihre Lost Places immer wieder und betrachten sie aus verschiedenen Perspektiven. Nichts bleibt gleich, der Zahn der Zeit nagt an den Objekten und die Natur holt sich ihren Platz wieder zurück. Das Bezigrad-Stadio soll nun aber zu neuem Leben erweckt werden. Wann es allerdings soweit sein wird, steht noch nicht fest.

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Kapelle in Rosenbach

Gedenken an Bau von Eisenbahntunnel
In Rosenbach in Kärnten ist nicht mehr viel übrig von der einstigen Jahrhundertbaustelle des Karawanken-Eisenbahntunnels, wo zwischen 1901 und 1906 der Bahntunnel entstand. Wo der Friedhof für die verunglückten Arbeiter war, ließ sich jahrelang nur mehr durch den Standort der 1903 errichteten Kapelle erahnen.

Allein auf Kärntner Seite arbeiteten damals gut 2000 Menschen aus ganz Europa im und beim Tunnel. Danach wurde es ruhig, bis dann die Kapelle während des Abwehrkampfs 1919 schwer beschädigt wurde. Seit fünf Jahren ist sie nun aber konserviert und hält, sagt Fotograf Helmut Weichselbraun: „Jeder Lost Place hat eine eigene Stimmung. Das kann ein bisschen etwas Morbides oder Geheimnisvolles sein oder der Lost Place möchte eine Geschichte erzählen.“

Licht erzeugt richtige Stimmung
Auch die Technik spiele eine Rolle, so der Fotograf: „Man versucht, aus verschiedenen Perspektiven zu fotografieren. Man hat oft sehr hohe Stative mit, damit man von oben dazu kommt. Manchmal muss man sich auch richtig anschleichen und das richtige Licht spielt eine Rolle. Man versucht auch mit Licht zu malen, um Stimmung zu erzeugen und alles raus zu holen.“

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Buchcover „Lost Places“

Alter Bahnhof weckt Erinnerungen
In Tarvis befindet sich der verlassene Bahnhof Tarvisio Centrale, der mittlerweile ebenfalls zu einem Lost Place wurde.
Eisenbahn-Historiker Christoph Posch sagt, der Bahnhof Tarvisio Centrale wurde von der Kronprinz Rudolf Bahn Mitte der 1870er Jahre – als Teil der Strecke nach Ljubljana – gebaut. Von hier aus ging eine Seitenlinie nach Pontebba, die 1869 eröffnet wurde. Im Laufe der Zeit brachten die neuen Grenzen neue Verkehrserfordernisse mit sich. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts haben die Italienischen Eisenbahnen eine Neubaustrecke in einer anderen Linienführung gebaut. Der Bahnhof selbst verlor dann seine Bedeutung."

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Arrestzelle am Bahnhof Tarvisio Centrale

Seit 20 Jahren verlassen
Der letzte Zug verließ den Bahnhof Tarvisio Centrale vor mehr als zwanzig Jahren. Die Geleise wurden schon lange entfernt und heute fahren dort nur mehr Sportbegeisterte auf dem Alpe-Adria-Radweg vorbei. Es blieben die Reste des oft geschäftigen Betriebs, die heute noch besichtigt werden können – nicht ganz erlaubt, aber auch nicht ausdrücklich verboten, wie Lost-Places-Fans immer wieder sagen.

Georg Lux: „Dort, wo es gefahrlos möglich ist, laden wir die Leser ein, auf unseren Spuren zu wandeln. Wir beschreiben das auch ganz genau. Dort, wo es Privateigentum ist, bitten wir darum, das auch zu respektieren, davon Abstand zu nehmen oder den Besitzer zu fragen. Wir geben im Buch auch Sicherheitshinweise.“

ORF
Bahnhof Tarvisio Centrale

Betroffen mache ihn die Zerstörungswut vieler Menschen: „Wenn man heute einen Lost Place besucht sollte man ihn so verlassen, wie man ihn vorgefunden hat – nichts verändern, nichts mitnehmen, nichts zerstören.“
16.10.2021, red, kaernten.ORF.at
Verlassene Orte in Slowenien
 
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