Nervenheilstätten-Psychatrien Wien-Steinhof (Spiegelgrund), Gugging bei Klosterneuburg, Mauer-Öhling bei Amstetten und Graz-Feldhof

#21
WIDER DAS VERGESSEN
„Heil und Pflegeanstalt Mauer“: 275 Tote in 77 Gräbern
NÖN Amstetten, 08. MAI 2023
Hermann Knapp

Neun Patienten wurden am 18. April im Massengrab 64 auf dem erweiterten Anstaltsfriedhof beerdigt. Foto:
FOTO: NOEN, Philipp Mettauer

Am Donnerstag, 11. Mai, um 18 Uhr, werden im Rathaussaal Amstetten die Ergebnisse und Geschichten der Recherchen und Nachforschungen rund um die Grabstätten des NS-Euthanasie-Friedhofs Mauer im Rahmen des „Top-Citizen-Science-Projekts“ präsentiert.

„Heil und Pflegeanstalt Mauer“: 275 Tote in 77 Gräbern
 

josef

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#24
MÄCHTIGSTER NS-MEDIZINER
Die grauenhaften Verbrechen des Doktor Karl Brandt
Der Mediziner war mitverantwortlich für die "Aktion T4" und an Medizinverbrechen in Konzentrationslagern beteiligt.
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Porträt von Karl Brandt als Angeklagter im Nürnberger Ärzteprozess 1946.
United States Holocaust Memorial Museum

Heute ist sein Name nur wenigen geläufig, obwohl er vor 80 Jahren noch der einflussreichste Mediziner im deutschen Sprachraum war. Manche werden meinen, dass Karl Brandt zu Recht weitgehend in Vergessenheit geriet. Ich finde dagegen, dass es lehrreich sein kann, sich an den Begleitarzt Hitlers zu erinnern, der vor ziemlich genau 120 Jahren im Elsass geboren wurde.

Nach dem Abitur studierte Brandt Medizin und promovierte 1928 in Freiburg. Er schlug dann eine chirurgische Karriere ein und war offenbar hochethisch gesinnt: Der junge Arzt wollte sich dem Team des Mediziners Albert Schweitzer in Afrika anschließen, was die französischen Behörden jedoch vereitelten.

1932 trat er dann der NSDAP bei. Mehreren Zufällen ist es zu verdanken, dass Brandt kurze Zeit später Hitlers persönliche Bekanntschaft machte. Dieser war von dem offensichtlich begabten Chirurgen und gutaussehenden jungen Mann beeindruckt. So kam es, dass Brandt schon bald in Hitlers engeren Kreis aufgenommen wurde. Bereits 1934 wurde Brandt offiziell zu Hitlers Begleitarzt ernannt.

Innerhalb der NSDAP machte der ehrgeizige Brandt mit Hitlers Rückendeckung eine rasante Karriere: SS-Gruppenführer der Allgemeinen SS, SS-Brigadeführer, Generalmajor der Waffen-SS sowie Generalkommissar für das Sanitäts- und Gesundheitswesen. Nach und nach schaltete er alle Konkurrenten aus und wurde schließlich der mächtigste Mediziner des Reichs.

"Euthanasie" und Menschenversuche
Brandts Rolle als Begleitarzt bedeutete nicht etwa, dass er Hitler ständig betreute. Das war die Domäne von Theodor Morell. Brandt wurden vielmehr andere Aufgaben zugeteilt. Am 1. September 1939 beauftragte Hitler Brandt und Phillip Bouhler, die Organisation der "Aktion T4" zu übernehmen, deren Name sich von der Adresse herleitet, an der die Verantwortlichen tätig waren: In der Tiergartenstraße 4 in Berlin beurteilten Mediziner jene Formulare, die von den Spitälern eingingen, und entschieden so über Leben und Tod der betroffenen Patientinnen und Patienten.

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Beauftragung der "Aktion T4" durch Adolf Hitler.
Gemeinfrei / Wikimedia

Ziel der Initiative war es, psychisch unheilbar Kranken – anfangs meist Kindern – den "Gnadentod zu gewähren". Nach dem damals geltenden Gesetz war dieses Unterfangen illegal und sollte daher geheim gehalten werden. In der Praxis lief es darauf hinaus, dass man – in der NS-Terminologie – "unnütze Esser" und "Nicht-Arier" ermordete, um erstens das deutsche Volk genetisch zu reinigen und zweitens freie Krankenhausbetten zu schaffen, die bald für verwundete deutsche Soldaten gebraucht wurden. Ab 1943 genügte es für eine Einweisung in eine Tötungsanstalt, dass es sich um Zigeuner-, Juden- oder "Mischlingskinder" handelte. Etwa 200.000 Menschen wurden im Laufe der "Aktion T4" und von deren Nachfolgeprogrammen ermordet.

Die "Aktion T4" in Österreich
In Österreich – nach dem "Anschluss" im März im Dritten Reich "Ostmark" genannt – fielen der "Aktion T4" etwa 13.500 Personen zum Opfer. Hier war ihre Durchführung besonders radikal und hatte den Charakter eines veritablen Blitzkriegs gegen die Kranken. Beispielsweise wurden allein aus der Wiener Anstalt Am Steinhof rund 3.200 Patienten umgebracht. Die Heil- und Pflegeanstalt Ybbs hatte vor 1938 einen Bettenstand von 1.650, sie wurde durch die "Aktion T4" nahezu komplett geräumt.

Aus der niederösterreichischen Heil- und Pflegeanstalt Gugging wurden 500 bis 600 Menschen in die Tötungsanstalt Hartheim bei Linz verbracht. Etwa 1.200 Patienten der Heil- und Pflegeanstalt Mauer-Ohling wurden deportiert, um dann getötet zu werden. Aus dem Feldhof bei Graz sind etwa 1.500 Opfer zu beklagen. Letztlich verantwortlich für diese und viele weitere Morde war (nach Hitler) Karl Brandt.

Als kriegsbedingt der Bedarf an Betten zunahm, wurde die inzwischen auf Druck der Kirchen unterbrochene "Aktion T4" in die "Aktion Brandt" ausgeweitet. Dabei wurden auch Schwerkranke aus Spitälern verlegt und später getötet. Als Koordinator der medizinischen Forschung in Deutschland war Brandt auch bei einigen der unsagbar grausamen Versuche an KZ-Häftlingen federführend beteiligt.

Von Hitler entlassen
Obschon Brandt stets versuchte, Hitlers Anordnungen zu seiner Zufriedenheit zu befolgen, fiel er schließlich doch in Ungnade. Am "Hofe des Führers" hatte sich gegen Kriegsende eine Intrige unter den dort waltenden Ärzten entsponnen, die das Ziel hatte, den unbeliebten Leibarzt Hitlers, Theodor Morell, zu beseitigen. Dieser Schuss ging jedoch nach hinten los; Hitler schlug sich auf Morells Seite und entließ Brandt aus seiner Position als Begleitarzt.

Nun gehörte Brandt nicht mehr zu dem engeren Kreis um Hitler, und sein Stern war im Sinken. Als Hitler dann noch erfuhr, Brandt habe seine Familie vor den nahenden russischen Streitkräften in Sicherheit gebracht, verurteilte er Brandt kurzer Hand zum Tode. Brandt wurde sodann verhaftet, aber Himmler verhinderte in den letzten Kriegswochen die Vollstreckung des Urteils.

Bei Kriegsende versuchte Brandt sich über die sogenannte Rattenlinie Nord abzusetzen. Er wurde jedoch gefasst und von den Alliierten gefangen genommen. Brandt gelang es, in diversen Verhören von seiner Schuld abzulenken. Für das "Euthanasie"-Programm schien man sich zunächst noch kaum zu interessieren. Er wäre somit um ein Haar auf freien Fuß gesetzt worden.

Durchschaute Verschleierung
Erst nach und nach häuften sich die Verdachtsmomente, und man begann, Brandts Verschleierungstaktik zu durchschauen. Als sich die Beweise schließlich mehrten, sah sich Brandt gezwungen, seine Beteiligung am "Euthanasie"-Programm zumindest teilweise einzugestehen. Er betonte jedoch stets, dass er nur organisatorische Verantwortung gehabt habe und von hochethischen Beweggründen geleitet wurde.

Die Alliierten beschlossen schließlich, Brandt auf den ersten Platz der Liste der Angeklagten im Nürnberger Ärzteprozess zu setzen. Am 9. Dezember 1946 wurde das Verfahren gegen die 23 Angeklagten eröffnet. Die Verteidigung beharrte darauf, dass Brandt stets ethisch gehandelt habe, nie direkt in das "Euthanasie"-Programm involviert gewesen sei, und immer nur die Anweisung Hitlers befolgt habe. Sie betonte ferner, dass in den USA ähnliche Programme gelaufen seien.

Im Kreuzverhör verlor Brandt dann immer mehr an Glaubwürdigkeit. Als am 7. Februar 1947 dem Gericht eine Fülle von Dokumenten vorgelegt wurde, aus denen hervorging, dass Brandt nicht nur über Menschenversuche in Konzentrationslagern informiert gewesen war, sondern sogar einige davon selbst veranlasst hatte, wurde Brandts Schuld offensichtlich.

An folgenden Menschenversuchen in Konzentrationslagern war Karl Brandt laut Anklage beteiligt:
  • Unterdruckversuche in Dachau, 1942: Dabei wurden Häftlinge einem Unterdruck ausgesetzt, um zu eruieren, wie bei abgeschossenen Piloten ein Tod durch solche Bedingungen zu vermeiden sei. Zahlreiche Gefangene verstarben.
  • Malariaversuche in Dachau, 1942–45: Über 1.000 Häftlinge wurden infiziert und diversen Behandlungen unterworfen, um eine wirksame Therapie zu identifizieren. Zahlreiche Gefangene verstarben.
  • Sulfonamidversuche in Ravensbrück, 1942: Häftlinge wurden mit diversen Erregern infiziert und mit Sulfonamiden und anderen Mitteln behandelt, um herauszufinden, welche Therapie wirksam sei. Einige Gefangene verstarben.
  • Transplantationsversuche in Ravensbrück, 1942–43: Knochen, Muskeln und Nerven wurden von einem Häftling auf einen anderen verpflanzt, um festzustellen, unter welchen Bedingungen solche Transplantationen erfolgreich sind. Die Gefangenen trugen bleibende Schäden davon.
  • Meerwasserversuche in Dachau, 1944: Häftlinge mussten in verschiedener Weise aufbereitetes Meerwasser trinken, um zu eruieren, wie Schiffbrüchige am ehesten überleben können. Die Gefangenen wurden schwer geschädigt.
  • Sterilisationsversuche in Auschwitz und Ravensbrück, 1941–45: Es wurden Strahlen und Medikamente ausprobiert, um eine Methode zu finden, mit der es möglich ist Millionen von Frauen unfruchtbar zu machen. Die Gefangenen wurden schwer geschädigt.
  • Fleckfieberversuche in Buchenwald und Netzweiler, 1941–45: Die Häftlinge wurden infiziert und mit diversen Medikamenten behandelt, um einen geeigneten Impfstoff zu entwickeln. Es kamen zahlreiche Gefangene ums Leben.
Am 20. August 1947 wurde Brandt der Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und der Mitgliedschaft in einer verbrecherischen Organisation für schuldig befunden und zum Tode durch den Strang verurteilt.


Karl Brandt bei der Urteilsverkündung. Seine Reaktion wurde wie folgt beschrieben: "In seinem Gesicht bewegt sich kein Muskel, kein Blinzeln, kein beschleunigter Atemzug. Völlig gefühllos scheint er sich ein Urteil anzuhören, das nicht ihn, sondern einen Fremden betrifft."
Gemeinfrei / Wikimedia

Reaktionen und Hinrichtung
Anfang September wurde Brandt in die Festung Landsberg überführt, wo auch Hitler einst einsaß und sein Buch "Mein Kampf" verfasste. Kurze Zeit später begann die Flut von Petitionen und Gnadengesuchen einflussreicher Ärzte, diverser Kirchenvertreter und anderer Prominenter. Sogar die von der "Euthanasie" betroffenen Betheler Anstalten beteiligten sich. Der oberste US-Militärbefehlshaber, General Lucius Clay, prüfte daraufhin die Beweislage erneut. Am 10. Mai stellte er fest: "Wenn ich gegenüber Menschen, denen Folter und Tod angetan wurde, Gerechtigkeit üben will, dann kann ich in diesem Fall keine Gnade walten lassen."

Am 2. Juni 1948 wurde Brandt trotz vieler weiterer Gnadengesuche gehängt. Auf dem Schafott hielt er eine letzte, erregte Ansprache: "Wie kann … die Nation, welche die Spitze in der Durchführung von Humanversuchen hält, wie kann es diese Nation wagen, andere, welche höchstens die vorgemachten Versuchsanordnungen nachmachen konnten, uns deswegen zu verurteilen? Und gar Euthanasie! Man schaue heute auf Deutschland und seine ausgeklügelt hingehaltene Not. Da ist es freilich nicht verwunderlich, wenn die Nation, welche vor der Geschichte der Menschheit ewig das Kainszeichen von Hiroshima und Nagasaki tragen wird, wenn diese Nation versucht, sich hinter moralischen Superlativen zu vernebeln. Sie braucht kein Recht zu beugen: Recht ist hier nie gewesen! Im Ganzen nicht wie im Einzelnen. Es diktiert die Macht. Und diese Macht will Opfer. Wir sind solche Opfer. Ich bin ein solches Opfer …"

Epilog
Im Januar 1951 fand in Landsberg eine Kundgebung mit rund 3.000 Teilnehmern gegen das am Stadtrand gelegene Lager für jüdische "displaced persons" statt. Der Bürgermeister erklärte damals vor der jubelnden Menge: "Juden sollen dorthin zurückgehen, woher sie gekommen sind." Die Menge antwortete daraufhin mit Rufen wie: "Juden raus!" Allmählich legte sich der Zorn, den viele über die Todesurteile und vermeintliche Rachejustiz der Alliierten hegten. Das Interesse an Brandt und den anderen Kriegsverbrechern des Dritten Reichs versiegte. Pastor Fritz deutete sogar die Geschichte um und erklärte gegenüber der BBC: "Brandt war kein schlechter Mensch, aber er war ein Idealist … Wenn man den Mut hatte, streng und fest mit ihm zu reden, dann wagte er nicht, etwas zu tun."

Brandt war weder ein Psychopath noch ein Antisemit. Einige Beobachter sehen in ihm den "anständigen Nazi", betonen aber gleichzeitig, dass dieser Typus für viele der Verbrechen des Regimes verantwortlich war. Er war wohl ein talentierter Arzt und ein intelligenter Mann, der sich vielleicht sogar selbst davon überzeugt hatte, dass er als Idealist ethisch handelte. Wir sollten uns ernsthaft fragen, wie sicher wir sein können, dass wir an seiner Stelle nicht ähnlich gehandelt hätten. Falsch verstandener Gehorsam, übertriebener Ehrgeiz, Rücksichtslosigkeit, Missachtung von Menschenleben und Menschenwürde, Mangel an Empathie mit schwer Leidenden sind Eigenschaften, die sicher nicht ausgestorben sind.

Brandts Geschichte sollte uns eine Lehre sein, die uns an die Gebote der medizinischen Ethik erinnert. Krasse Verletzungen dieser Gebote, die nach dem Nürnberger Ärzteprozess erstmals schriftlich fixiert wurden, gibt es leider auch heute noch. Wir schulden es den Opfern von Brandts Verbrechen, so meine ich, dass seine Geschichte nicht vergessen wird, sondern als eine wichtige Mahnung weiterlebt.
(Edzard Ernst, 10.2.2024)

Edzard Ernst ist deutsch-britischer Mediziner und Emeritus-Professor der University of Exeter. Er hatte dort die erste Professur für die Erforschung von Alternativmedizin in Großbritannien inne. Er ist Autor zahlreicher Bücher, unter anderem von "Gesund ohne Pillen – was kann die Alternativmedizin?" (mit Simon Singh), und hat sich im Laufe seiner Karriere immer wieder mit NS-Medizin und ihren Nachwirkungen (auch an der Uni Wien) beschäftigt.

Die grauenhaften Verbrechen des Doktor Karl Brandt
 

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#26
Mauer-Öhling will NS-Opfer dem Vergessen entreißen
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Die NS-Verbrechen in der „Heil- und Pflegeanstalt“ Mauer-Öhling sollen aufgearbeitet werden. Erstmals wurden der Friedhof und ein Gräberfeld untersucht. Dabei ist eine vollständige Aufarbeitung nicht mehr möglich, denn Teile des Friedhofs wurden bis in die 2000er-Jahre verbaut.
Online seit heute, 18.18 Uhr
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Durchgehender Autolärm dröhnt von der angrenzenden Bundesstraße über die Friedhofsmauer. Die B121 hatte auf den Friedhof größere Auswirkungen als Lärm. Vor etwas mehr als 20 Jahren wurde in Mauer (Bezirk Amstetten) die zweispurige Straße vierspurig und die Friedhofsmauer dafür nach innen in den Friedhofsbereich versetzt. Wer über die B121 fährt, fährt über Gräber aus der NS-Zeit.

„Eine der ungeklärten Fragen ist, wie viele Gräber wirklich unter dem Asphalt verschwunden sind. Mindestens 80 Gräber entlang der Straße wurden aufgelassen, 40 davon waren mit NS-Euthanasieopfern belegt“, sagt Philipp Mettauer, Historiker am Institut für jüdische Geschichte. Er begleitet das Projekt wissenschaftlich.

Die sogenannte Heil- und Pflegeanstalt Mauer-Öhling zählte zu den größten in der Ostmark. 2.400 Menschen starben direkt hier oder wurden zum Sterben nach Hartheim und Gugging geschickt. Sie waren Psychatriepatienten, Zwangsarbeiterinnen, Umsiedler und Kriegsgefangene. Das wirkliche Ausmaß wurde erst 2019 durch ein Forschungsprojekt bekannt.

Gräberfeld: Als der Friedhof überbelegt war
Fast 80 Jahre nach Kriegsende beginnt nun die Aufarbeitung. Der Friedhof und ein Gräberfeld wurden geomagnetisch und mit einem Bodenradar vermessen, denn wo genau die Gräber liegen, weiß man bislang nicht. Der Friedhof ähnelt zu großen Teilen einer Wiese. „Es reiht sich ein Sarg an den nächsten. Das war hier sehr dicht belegt“, sagt Archäologe Volker Lindinger, der die Messungen durchführte, mit einem Blick auf den Bildschirm des Bodenradars.

Fotostrecke
ORF/Nina Pöchhacker
Blick auf die B121 durch das Friedhofstor, sie ist eine der meistbefahrenen Straßen im Mostviertel
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Aus der Luft sind am Friedhof sechs Grabstreifen zu erkennen, die sich leicht abheben

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Auf diesem Feld wurden kurz vor Kriegsende 200 Menschen verscharrt

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An sie erinnert hier nichts

Über das Gräberfeld, direkt neben dem Friedhof, ist so gut wie nichts bekannt. Der Umgang damit kann in jene Jahrzehnte eingeordnet werden, in der in Österreich die Opferthese galt. Das Feld war Schauplatz eines Endphase-Verbrechens. Drei Wochen vor Kriegsende wurden dort 200 Menschen verscharrt, getötet von Ärzten und Pflegern, durch Überdosierungen, Injektionen und einem umgebauten Elektroschockgerät.

Der Friedhof mit 1.000 Plätzen war da schon doppelt belegt. Am angrenzen Feld wurden Gruben ausgehoben, 200 Tote in Massengräbern. Wer sie waren, ist unklar. Dann ließ man wörtlich Gras darüber wachsen, pflanzte einen Wald. „Darüber wissen wir am allerwenigsten, da gibt es nur ein Foto“, sagt Historiker Mettauer. Auch das Feld wurde durch den B121-Straßenausbau verkleinert.

Das Rätsel um die Mauerversetzung
Im Raum stand auch, den schmalen Grünstreifen zwischen B121 und Friedhofsmauer zu untersuchen – also jenen Bereich, der u.a. bis 2001 als Friedhof genutzt wurde. Das passiert aber nicht: „Außerhalb des Friedhofs werden wahrscheinlich noch Grablegen sein. Dort können wir aus Sicherheitsgründen nicht messen, weil die Autos mit hohem Tempo vorbeiziehen. Das mute ich meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern nicht zu“, erklärt Archäologe Lindinger. Eine oder mehrere Spuren müssten dafür temporär gesperrt werden.

Diese Messungen könnten aber Erkenntnis bringen, wie weit die Mauer Anfang der 2000er-Jahre wirklich zurückversetzt wurde. Das Bundesdenkmalamt bewilligte vier Meter. In den Akten der Straßenbauabteilung variieren die Meter und auch die Pläne seien unterschiedlich: „Es gibt verschiedene Quellen: jedenfalls fünf Meter, manche sagen sieben, es könnten auch neun sein“, so Historiker Philipp Mettauer.

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ORF/Nina Pöchhacker
Archäologe Lindinger mit dem Bodenradar vor der in den 2000ern neu gebauten Friedhofsmauer aus Beton
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Die Hyperbeln zeigen Särge an

Unterführung statt jüdischem Friedhof
In den Aufzeichnungen der Friedhofsverwaltung ist lediglich von zwei Gräbern, einem Schädel und einer Hand voll Knochen die Rede, die beim Straßenausbau gefunden worden seien. Das sei angesichts der Dokumente, Bilder und Daten „unrealistisch“, so Mettauer.

So ein großer Umbau war am Friedhof Mauer jedenfalls nichts Neues: In den 1960er-Jahren wurde der jüdische Teil am Friedhof verkleinert, weil eine Unterführung für Fußgänger und Radfahrer gebaut wurde. „Das ist vollkommen in Vergessenheit geraten“, sagt Mettauer, „wie viele Gräber dabei zum Opfer gefallen sind, wissen wir noch nicht“.

Dabei ist Österreich im Staatsvertrag zur Kriegsgräberfürsorge verpflichtet: „Die NS-Euthanasieopfer sind Kriegsopfer. Da hat die Republik Österreich die Verantwortung übernommen, die Gräber auf ewig zu erhalten und zu pflegen.“

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Das blieb vom jüdischen Teil übrig
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Hinter der Mauer liegt diese Unterführung, die unter die B121 führt

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Die einzige Gedenktafel am Friedhof

In Mauer wurde länger geschwiegen
Das Instituts für jüdische Geschichte bemüht sich schon länger um eine wissenschaftliche Aufarbeitung. Schwung erhielt das Vorhaben durch die Landesausstellung 2026, die im Landesklinikum Mauer stattfindet. Die Situation in der Region sei über Jahrzehnte „speziell“ gewesen: „Wenn wir das mit Wien vergleichen, mit dem Spiegelgrund oder am Steinhof, da wurde das in den 1990ern Thema. Hier in Mauer-Öhling, in Amstetten, war das noch einmal zehn, zwanzig Jahre länger ein Tabu“, sagt Mettauer.

Für die Dimension der Verbrechen sei das erstaunlich: „Erst 2010 kamen die Krankenakten ins Archiv. So lange wurde der Deckel darübergehalten und die Decke des Schweigens war dicht.“ Die Akten waren nicht vollständig, ein Teil wurde zuvor als nicht archivwürdig betrachtet und weggeworfen.

Durch den Generationenwechsel habe sich die Einstellung aber geändert, die Nachkommen der dritten und vierten Generationen würden aktiv ihre Familiengeschichte erforschen und etwa das Arbeitsleben ihrer Vorfahren als Pfleger oder Ärzte in Mauer hinterfragen, berichtet Mettauer. Das Tabu sei gebrochen.

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Luftbilddatenbank Dr. Carls GmbH
Luftbild aus 1945: Der jüdische Teil lag auf der rechten Seite.

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Der Friedhof 2024

Tote dem Vergessen entreißen
Durch die Landesausstellung gibt es nun auch genug Geld, um dieses Kapitel in Mauer aufzuarbeiten. Interesse von Nachfahren besteht, erzählt Mettauer: „Ich bekomme jede Woche mindestens eine Mail, von Menschen aus der Slowakei, aus dem Rheinland, aus ganz Europa, die bis heute die letzte Ruhestätte ihrer Vorfahren suchen und wo in der Familie weitergegeben wurde, dass sie mal in Mauer waren.“

Eine Möglichkeit des Trauerns und des Gedenkens soll geschaffen werden. Die zu Nummern gewordenen Patientinnen und Patienten von Mauer-Öhling sollen ihre Namen zurückbekommen. Das Friedhofsprotokoll ist noch erhalten. Spätestens zur Eröffnung der Landesausstellung 2026 soll es eine Datenbank mit den NS-Euthanasieopfern und dem Ort ihres Grabes geben – sofern es nicht überbaut wurde.
06.10.2024, Nina Pöchhacker, noe.ORF.at
Mauer will NS-Opfer dem Vergessen entreißen
 

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#28
Landessonderkrankenhaus bzw. Landesnervenkrankenhaus, heute Landeskrankenhaus Graz II in Graz-Puntigam - "Feldhof"

Bei der Durchsicht vor einiger Zeit gespeicherter "rechtsfreier" Flugaufnahmen aus den 1930 Jahren aus den Beständen der ÖNB fand ich auch Bilder der damaligen "Landesirrenanstalt am Feldhof" bei Graz. Nach weiteren Recherchen stieß ich dann auf einen ORF-Steiermark Beitrag aus 2011 zum Thema Euthanasie...

Erweitere nun den bestehenden Themen-Thread um Graz - Feldhof und nachfolgend der ORF-Beitrag aus 2011:

Kinder als „Euthanasie“-Opfer im einstigen Feldhof
Die gezielte Tötung von Kindern und Jugendlichen mit Behinderung durch das NS-Regime gilt als eines der dunkelsten Kapitel der Medizingeschichte. Hunderte Kinder wurden im damals so genannten Feldhof in Graz „euthanasiert“. In Graz fand dazu am Freitag ein Gedenksymposium statt.

Der Grazer Feldhof zur NS-Zeit
Während der NS-Herrschaft wurden auch in Graz im Rahmen der „T-4-Aktion“ Erwachsene und Kinder mit einer Behinderung eingeliefert. Insgesamt schickten vier verantwortliche Grazer Ärzte bis Kriegsende mehr als 1.000 Patienten im Feldhof in Graz-Puntigam in den Tod.

Der ehemalige Feldhof in Graz-Puntigam, heute die Landesnervenklinik Sigmund Freud, war während der Zeit der Nationalsozialisten für viele Kinder und Jugendliche die letzte Station. Im Feldhof gab es eine „Kinderfachabteilung“. Kinder und Jugendliche mit einer Behinderung wurden hier eingewiesen und begutachtet, schilderte der deutsche Historiker, Thomas Oelschläger, der sich seit Jahren mit diesem Thema beschäftigt, bei dem Gedenksymposium in Graz.


ORF
Der Feldhof in Graz-Puntigam zur Zeit der NS-Herrschaft

ORF
Die Gedenktafel erinnert an die Gräueltaten im ehemaligen Feldhof in Graz

Gutachter entschieden über Leben oder Tod
Das im Feldhof diagnostizierte Krankheitsbild sei direkt der Kanzlei des Führers Adolf Hitler in Berlin gemeldet worden, so Oelschläger. Mehrere Gutachter entschieden, ob ein Kind getötet werden konnte oder nicht. Im Grazer Feldhof fanden 270 Kinder und Jugendliche den Tod. Die Tötungen wurden mittels Verabreichung von Barbituraten und Schlafmitteln in Überdosierung durchgeführt. „Das war keine Ad-hoc-Tötung, es wurde sukzessiv vorgenommen, damit es nicht so auffiel“, sagte der Historiker.


ORF
Ein Gutachten ausgestellt von Ärzten des damaligen Feldhofes

In nassen Kleidern bei offenem Fenster verhungert
Nicht alle Kinder wurden auf diese Weise ermordet, zahlreiche Kinder habe man auch einfach verhungern lassen, sagte Rainer Danzinger, Facharzt für Psychiatrie und Organisator des Symposions: „Zum Teil hat man sie einfach sterben lassen durch Unterernährung, bei offenem Fenster mit nasser Kleidung liegen gelassen, das ist aus den Krankengeschichten erkennbar, wie die Kinder immer weniger spielen, immer stiller werden, und dann sind sie plötzlich tot.“

Vorfälle blieben jahrelang geheim
Trotz Dutzender Mitwisser wurde nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges nur ein Arzt des Feldhofs angeklagt. Außerdem sei dieses dunkle Kapitel jahrelang vertuscht worden, weil nach Kriegsende zahlreiche belastende Krankengeschichten verschwunden seien, so die Organisatoren des Symposiums. Mit dem Symposium am Freitag wollte man die Beteiligung der Grazer Ärzteschaft an Patientenermordungen aufarbeiten, aber auch eine Brücke in die Gegenwart schlagen, betonte Danzinger.

Aus der Sicht Danzingers geht es auch maßgeblich um die Bedeutung der Trennung der Patienten, und zwar in solche, die die teuren Leistungen der Medizin bekommen, und jene, für die es sich nicht mehr auszahlt. Hier, so Danzinger, müsse eine Brücke zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart geschlagen werden.

Buch zu „Euthanasie“-Verbrechen in der Steiermark
Mit dem Gedenksymposium am Grazer LKH sollte dieser jahrzehntelange Mantel des Schweigens endgültig gelüftet werden - im März erscheint dazu auch ein Buch, das unter dem Titel „Schattenseiten“ bisher verleugnete „Euthanasie“-Verbrechen in der Steiermark behandelt.
Publiziert am 04.11.2011
Kinder als „Euthanasie“-Opfer im einstigen Feldhof
 

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#29
Weitere Infos zum "Feldhof" in Graz-Puntigam:

LKH Graz II Standort Süd – Wikipedia
Neues Denkmal für Opfer der T4-Tötungsaktion an der ehemaligen „Irrenanstalt Feldhof“ in Graz gefordert - BIZEPS



Ein Artikel der "Steirer Krone" vom 21.05.2023
Steirische Geschichte
Ein 150 Jahre langer Weg zum Vorzeigekrankenhaus

Der Feldhof, der in dünn besiedeltem Gebiet vor den Toren von Graz aus einem Gutshof entstand.
(Bild: Landesarchiv / Franz Winkler)

Stundenlange Zwangsbäder, eiskaltes Abduschen, Elektroschocks: 1873 entstand vor den Toren von Graz die „Irrenanstalt“ - und es war ein langer, düsterer Weg bis zum heutigen modernen Haus; im beklemmenden Schatten brutaler Nazi-Morde.

enschen kamen mit den unterschiedlichsten Diagnosen, „die sich gar nicht so sehr von heutigen Erscheinungsbildern unterscheiden“, kennt Experte Weiss Krankenakte. „Aufgezählt wurden Dementia, Manie, Wahnsinn, Melancholie, epileptische Störung - es gab aber auch Pfleglinge, die unter ,Simulanten’ eingestuft wurden.“

Norbert Weiss, Experte im Landesarchiv
(Bild: Christian Jauschowetz)

Wahnsinn sah man in Gesichtern
Von den Insassen gibt es gar nicht wenige Fotos, einer der Direktoren stellte sie gerne vor die Mauer, um sie ablichten zu lassen. „Damit er zeigen konnte, welche Art von Geisteskrankheit sich wie in den Gesichtern widerspiegelt“, sagt Weiss. Damit konnten sich psychiatrische Experten austauschen - so wie auch bei den Behandlungsformen, deren Auswüchse heutzutage blankes Entsetzen aufkommen lassen. Kalte Duschen waren es laut Weiss, stunden- oder tagelange Zwangsbäder, dazu die Galvanotherapie, eine, wie sie verharmlosend erklärt wurde, elektrotherapeutische Methode. Kompressen am Kopf, Zwangsschlaf und Eisbeutel waren nicht unüblich, dazu Methoden, die zu scheußlich sind, um sie hier zu beschreiben. Patienten wurden mit Opium, Morphium, Hypnotika ruhiggestellt. Brechkuren oder Aderlässe, deren Vorbilder man schon in der Antike fand, und anderes, was an Folter erinnert, rundeten die „Therapien“ ab.

Ihre Lage war aussichtslos: Patienten wurden nach Oberösterreich gebracht und vergast; 1000 Morde wurden nachgewiesen.
Norbert Weiss


Ein dunkles Kapitel
Das dunkelste Kapitel aber war während der NS-Zeit. Auf einem simplen Zettel wies Hitler den, wie es ausgedrückt wurde, „Gnadentod“ von Insassen an. Weiss: „Alles musste sehr geheim bleiben.“ Doch ewig blieb es nicht geheim, dass Patienten um 5 Uhr in der Früh in eine Lok mit angehängtem Viehwaggon steigen mussten und in ein Lager nach Oberösterreich gebracht wurden; in ein Haus inmitten einsamer Felder, „in dem es gar keine Betten gab. Weil die Leute noch am selben Tag umgebracht wurden“, so Weiss. Den so zum Tod Verurteilten wurden in Graz Nummern auf ihre Jacken gestempelt. „Einige Bewohner tauschten die Jacken aus; danach wurden die Nummern einfach auf ihre Haut geschrieben.“ Einfach aussichtslos. Verzweifelte Fluchtversuche wurden unternommen - oft halfen dabei Ärzte oder Pfleger, viel zu oft vergebens.
Was Kindern angetan wurde, bricht einem völlig das Herz; Unterernährung, Spritzen, die tödliche Infektionen auslösten - und das alles streng geheim; Hunderte wurden, ersieht Norbert Weiss aus den düsteren Aufzeichnungen, zwischen 1939 und 1945 ermordet. Totgespritzt. „Und überall wurden die Krankenakten verfälscht, damit das den Verwandten ja nicht auffiel.“

Das LKH Graz II, Standort Süd
(Bild: KRONEN ZEITUNG)

Langer Weg zum LKH Graz II
Was für ein langer, düsterer, beklemmender Weg bis zur heutigen modernen Institution, dem LKH Graz II, Standort Süd, das über einen hervorragenden Ruf verfügt und etwa bekannt ist für die Behandlung nach Schlaganfällen. Und längst keine Irrenanstalt mehr ist.
21.05.2023 11:30, Christa Blümel
Ein 150 Jahre langer Weg zum Vorzeigekrankenhaus

Luftbild aus den frühen 1930iger Jahren
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Bildquelle: Rechtsfreies Foto aus dem Fundus des ÖNB-Projekts Österreichische Nationalbibliothek Crowdsourcing
 
#31
Mauer-Öhling will NS-Opfer dem Vergessen entreißen
Anhang anzeigen 124722

Die NS-Verbrechen in der „Heil- und Pflegeanstalt“ Mauer-Öhling sollen aufgearbeitet werden. Erstmals wurden der Friedhof und ein Gräberfeld untersucht. Dabei ist eine vollständige Aufarbeitung nicht mehr möglich, denn Teile des Friedhofs wurden bis in die 2000er-Jahre verbaut.
Online seit heute, 18.18 Uhr
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Mauer will NS-Opfer dem Vergessen entreißen
Ab Min. 25.33
 

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#32
Forschungsprojekt
NS-Euthanasie: Verein sucht Fotos und Dokumente
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Der Verein MERKwürdig erforscht die Schicksale von Menschen aus dem Bezirk Melk, die ab 1939 in der Euthanasie-Aktion während des Nationalsozialismus ermordet wurden. Nachkommen werden um Unterstützung gebeten: Gesucht werden Fotos und Dokumente.
Online seit heute, 18.15 Uhr
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Elfriede Knasmüllers Zuhause ist nicht zu übersehen: Das Schloss Persenbeug (Bezirk Melk) thront über der Donau, ihr Mann arbeitete in den 1930er-Jahren für die Schlossbesitzer. Sie hatten einen Sohn. Ein für damalige Verhältnisse geregeltes, sicheres Leben, bis bei Knasmüller eine mutmaßlich psychische Erkrankung festgestellt wird.

Privatbesitz Elfriede Schmutzer
Elfriede Knasmüller

Knasmüller ist eine von tausenden Menschen, die in der Euthanasie-Aktion der Nationalsozialisten umgebracht wird. 1941 wird sie von der sogenannten „Heil- und Pflegeanstalt“ Mauer-Öhling (Bezirk Amstetten) ins Schloss Hartheim transportiert und dort mit nur 37 Jahren in der Gaskammer ermordet. Eine für die Nachfahren bis vor kurzem unbekannte Information.

„Die Enkelin von Frau Knasmüller hatte ein Schreiben, dass sie in Hadamar in Deutschland an einer Rippenfellentzündung gestorben sei“, erzählt Historikerin Christina Kandler vom Verein MERKwürdig – Zeithistorisches Zentrum Melk. Der Witwer erhielt damals eine Urne aus Hadamar mit willkürlich ausgewählter Asche. Durch Transportlisten aus Hartheim konnte Kandler nachweisen, dass Knasmüller in Oberösterreich ermordet wurde.

Mord an den Kranken wurde verschleiert
„Die falschen Trostbriefe mit falschen Todesorten und -ursachen sollten die Euthanasie-Aktion vertuschen“, so Kandler. In der auch „T4“ genannten Aktion wurden ab 1939 Menschen mit Behinderungen, psychischen Krankheiten, Lernschwierigkeiten sowie Patientinnen und Patienten aus Pflegeheimen und Anstalten systematisch ermordet.

Die Opfer kamen aus regionalen Heil- und Pflegeanstalten in Mauer-Öhling, Ybbs an der Donau (Bezirk Melk), Gugging (Bezirk Tulln) oder Am Steinhof in Wien in sechs eigens ausgewählte Tötungsanstalten in Deutschland und Österreich. „Weil das aber ein offenes Geheimnis war und es viel Protest aus der Bevölkerung gab, wurden die Transporte eingestellt und die Aktion wurde in den regionalen Anstalten dezentral fortgesetzt“, sagt Kandler.

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Schloßstraße 1 war die prominente Adresse Elfriede Knasmüllers und ihrer Familie
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Stolperstein für Elfriede Knasmüller vor dem Schloss Persenbeug

Hat man als Angehöriger ein Dokument mit natürlichen Todesursachen wie „Herzschwäche“ oder „Lungenentzündung“ aus einer Heil- und Pflegeanstalt, sollte man stutzig werden: „Patientinnen und Patienten wurde bis in die letzten Kriegstage anstaltsintern durch Injektionen, Mangelernährung, herbeigeführte Infektionen und Vernachlässigung getötet“, erklärt Kandler.

Viele Schicksale ungeklärt
In ihrem Forschungsprojekt „Der Mord an den Kranken“ konzentriert sie sich auf Betroffene aus dem Bezirk Melk. Dabei ist sie auf Fotos, Dokumente, Briefe der Nachfahren angewiesen: „Aber auch jegliche Geschichte, die noch jemand im Hinterkopf hat, die in der Familie weitergegeben wurden, Nachbarn, die sich erinnern, dass da jemand verschwand – jedes kleine Stück hilft, die Schicksale zu rekonstruieren.“

Die Ermordeten verschwanden aus der Ortsgeschichte und dem öffentlichen Gedächtnis. „Psychische Krankheiten und Behinderungen unterliegen einem Stigma. Man wollte damals nicht zugeben, dass jemand so etwas hatte in der Familie. Das war mit sehr viel Scham behaftet“, ordnet Kandler ein, weshalb die Leben bis jetzt großteils unerforscht sind. Sie geht von 200 bis 300 Opfer im Bezirk Melk aus, die in Akten der Heil- und Pflegeanstalten als Patienten geführt werden.

Die Forschungsergebnisse sollen in einer Broschüre zusammengefasst werden, in Zusammenarbeit mit den Gemeinden seien auch Erinnerungszeichen im öffentlichen Raum möglich, sagt Kandler. Denn Angehörige haben bis heute kein Grab und keine Gedenkstätte, um zu trauern. Elfriede Knasmüller ist in gewisser Weise zu ihrem alten Zuhause zurückgekehrt, an sie erinnert nun ein Stolperstein vor dem Schloss Persenbeug.

Kontakt zum Forschungsprojekt
Informationen, Dokumente und Fotos können an den Verein MERKwürdig – Zeithistorisches Zentrum Melk bzw. an Christina Kandler unter 0676/3300650 oder christina.kandler@zhzmelk.at gesendet werden.
03.09.2025, Nina Pöchhacker, noe.ORF.at

Link:
Verein MERKwürdig – Zeithistorisches Zentrum Melk

NS-Euthanasie: Verein sucht Fotos und Dokumente
 

josef

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#33
Gedenkveranstaltung für Spiegelgrund-Opfer
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Auf dem Zentralfriedhof sind sterbliche Überreste von Spiegelgrund-Opfern, die bei Bestandsaufnahmen an der Medizinischen Universität Wien und im Naturhistorischen Museum entdeckt worden waren, beigesetzt worden. Aus diesem Anlass fand eine Gedenkveranstaltung statt.
Online seit heute, 11.00 Uhr
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Vizekanzler Andreas Babler, Innenminister Gerhard Karner sowie Angehörige eines Opfers nahmen an der Gedenkveranstaltung teil. An der „Jugendfürsorgeanstalt Spiegelgrund“ wurden in der NS-Zeit Hunderte Kinder ermordet. Die Beisetzung stelle „einen weiteren Schritt in der historischen Aufarbeitung eines der dunkelsten Kapitel der österreichischen Zeitgeschichte dar“, erklärte das Innenministerium in einer Aussendung.

Die Schicksale der rund 800 Kinder und Jugendlichen, die zwischen 1940 und 1945 in der Heil- und Pflegeanstalt Am Steinhof ermordet wurden, seien viel zu lange anonym geblieben, sagte der für die Kriegs- und Opfergräber zuständige Innenminister Karner. „Was am Spiegelgrund passiert ist, ist für uns unvorstellbar und dennoch geschehen. Es ist unsere Pflicht, an die Gräuel zu erinnern und der Opfer zu gedenken“, erklärte Babler, dessen Ministerium die Forschungsarbeit zur Identifikation einiger der beigesetzten Opfer veranlasste.

Alte Präparate in Med-Uni und im NHM gefunden
Die symbolische Gedenkveranstaltung fand drei Tage nach der eigentlichen Beisetzung der sterblichen Überreste statt, diese erfolgte im kleinsten Kreis. Die Leichen der in der „Jugendfürsorgeanstalt Spiegelgrund“ ermordeten Kinder mit geistiger oder körperlicher Beeinträchtigung wurden von den Nationalsozialisten unter anderem zur medizinischen Forschung bereitgestellt.

Aus diesem Grund wurden bei Bestandsaufnahmen der Medizinischen Universität Wien und im Naturhistorischen Museum Restbestände von alten Präparaten gefunden. Die Überreste konnten alle bereits bekannten und beigesetzten Opfern zugeordnet werden. Bereits 2002 und 2012 waren Opfer auf dem Zentralfriedhof beigesetzt worden. Insgesamt 789 Kinder sind dort begraben.
01.12.2025, red, wien.ORF.at/Agenturen
Gedenkveranstaltung für Spiegelgrund-Opfer
 

josef

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#34
Mauer-Öhling: 2.848 Patienten in NS-Zeit ermordet
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Im Klinikum Mauer-Öhling (Bezirk Amstetten) wurden während der NS-Zeit 2.848 Patientinnen und Patienten ermordet. Am Sonntag wurde der Opfer gedacht. „Diese Verbrechen mahnen uns, wachsam zu sein“, sagte Innenminister Gerhard Karner.
Online seit heute, 17.53 Uhr
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Das Klinikum Mauer war während der NS-Zeit als „Heil- und Pflegeanstalt Mauer-Öhling“ eine zentrale Stelle der sogenannten Medizinverbrechen. Für die Patienten sei es zunächst ein Ort der Hoffnung gewesen, erinnerte Karner laut einer Aussendung. „Stattdessen wurden sie unter dem Deckmantel medizinischer Behandlung ausgegrenzt, deportiert und ermordet.“

Im Rahmen einer Gedenkveranstaltung wurde am Sonntag an die Opfer der NS-Euthanasie in Mauer-Öhling erinnert. 2.848 Patientinnen und Patienten wurden dort während der Zeit des Nationalsozialismus ermordet. „Die hier verübten Verbrechen mahnen uns, wachsam zu sein. Sie fordern uns auf, für eine Gesellschaft einzustehen, in der jedes Leben gleich viel wert ist“, betonte Karner.

BMI/Karl Schober
Am Sonntag wurde der rund 2.800 Patientinnen und Patienten gedacht, die während der NS-Zeit in Mauer-Öhling ermordet worden waren

Anstaltsfriedhof wird historisch aufgearbeitet
Bei der Zeremonie wurde auch eine Gedenktafel für elf in Mauer ermordete Kriegsgefangene aus der Sowjetunion, Polen, Serbien, Frankreich und Italien enthüllt. Ihre Gräber befinden sich ebenso wie jene von rund 1.100 unmittelbar am Klinikgelände bestatteten Opfern der NS-Euthanasie am Anstaltsfriedhof.

Dieser wird aktuell vom Innenministerium gemeinsam mit dem Land im Zuge der bevorstehenden niederösterreichischen Landesausstellung „Wenn die Welt Kopf steht – Mensch.Psyche.Gesundheit“ zeithistorisch kontextualisiert. Das Ziel ist dabei auch, das Schicksal der ermordeten Menschen sichtbar zu machen. Laufen wird die Landesausstellung von 28. März bis 8. November – mehr dazu in Klinikum Mauer: Landesausstellung kann einziehen (noe.ORF.at; 30.11.2025).
18.01.2026, red, noe.ORF.at/Agenturen
Mauer: 2.848 Patienten in NS-Zeit ermordet
 
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