Mit jeder Pandemie kamen Verschwörungstheorien - die Suche nach Schuldigen gab es schon bei Pest und Cholera

josef

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CORONA
Medizinhistoriker: "Mit jeder Pandemie kamen Verschwörungstheorien"
Massenerkrankungen stellen Gesellschaft seit jeher auf die Probe. Die Suche nach Schuldigen gab es schon bei Pest und Cholera, sagt Medizinhistoriker Wolfgang Eckart

Der letzte große Pest-Ausbruch war Anfang des 20. Jahrhunderts. Die Krankheit gibt es immer noch.
Foto: Istockphoto/ManuelVelasco

Immer dann, wenn man mit aktuellen Situationen schlecht zurechtkommt, kann ein Blick in die Vergangenheit neue Erkenntnisse bringen. Lernen aus der Geschichte also. Wenn es um Pandemien geht, ist das gar nicht so leicht, sagt Medizinhistoriker Wolfgang U. Eckart, weil es auf den Kontext der Zeit ankommt. Was er auch weiß: Seit jeher schüren Krankheiten Verschwörungstheorien. Seine gute Nachricht: Noch jede Pandemie ist auch wieder vorübergegangen.

INTERVIEW:
STANDARD: Was war aus Ihrer Sicht die schlimmste Pandemie in der Menschheitsgeschichte?
Eckart: Es gab immer wieder die Pest. Wobei man bei einem Ausbruch in der griechischen und römischen Antike nicht wirklich sagen kann, ob es tatsächlich die Pest war. In Berichten von damals werden ganz andere Symptome beschrieben. Tatsächlich belegt ist die Justinianische Pest im 6. Jahrhundert nach Christus. Der Erreger wurde in Knochenmark von damals gefunden. Bis ins 8. Jahrhundert brach die Pest immer wieder aus. Und im 14. Jahrhundert kam der Schwarze Tod: Der Pest-Erreger wurde mit Ratten auf venezianischen Handelsschiffen von der Krim eingeschleppt. Die Pest flackerte bis ins 17. Jahrhundert immer wieder auf. Der letzte große Pest-Ausbruch war 1911 in China. Und die Krankheit gibt es immer noch.

STANDARD: Welche Krankheiten grassierten noch?
Eckart: Im 19. Jahrhunderts gab es die Asiatische Cholera, die in mehreren Wellen in Europa wütete. 1918 kam die Spanische Grippe, dann die Asiatische und die Hongkong-Grippe, die Schweinepest, die Vogelgrippe.

STANDARD: Und jetzt Corona.
Eckart: Die Menschheit war nie frei von Seuchenbedrohungen. Ob sie zur Pandemie wurden, war auch immer davon abhängig, wie groß das Weltbild zur jeweiligen Zeit war. Eine tatsächlich weltweite Ausbreitung von Krankheiten begann erst mit der Ausweitung von Verkehrswegen in der Kolonialzeit. Die Cholera zum Beispiel kam über den Schiffsweg nach Europa und wurde von dort in die Neue Welt transportiert.

STANDARD: Sind Pandemien vergleichbar? Viele sehen ja Parallelen zwischen Spanischer Grippe und Corona.

Eckart: Damit tue ich mir schwer. Jede Seuche entsteht in ihrem eigenen Kontext und muss aus diesem Kontext heraus verstanden und interpretiert werden. Da geht es nicht nur um die Eigenschaften des jeweiligen Erregers, sondern auch um soziale und politische Aspekte dieser Zeit, die vergleichbar sein müssen. Die Spanische Grippe zum Beispiel zeichnete eine völlig verquere Situation in Mitteleuropa aus. Der Kontinent befand sich im Krieg, zwei große Monarchien brachen kurz darauf zusammen. Der Krieg und die damit einhergehenden Hungerkatastrophen waren die dominanten Faktoren dieser Zeit, nicht die Grippe. Das macht Corona und Spanische Grippe schwer vergleichbar.

STANDARD: Erkennen Sie zwischen Pandemien Gemeinsamkeiten?

Eckart: Meine etwas gewagte These ist, dass es zwischen der Cholera-Pandemie des 19. Jahrhunderts und der Corona-Pandemie tatsächlich Ähnlichkeiten gibt. Bei beiden handelte es sich um Phänomenen von langer Dauer. Das klingt für die Corona-Pandemie vielleicht verfrüht, aber man kann heute schon sagen, dass noch einige Jahre ins Land ziehen werden, bis global wieder Normalität hergestellt sein wird. Auch wenn man den Grippeimpfstoff in Europa und Nordamerika bald bekommt, werden ärmere Länder erst viel später damit versorgt werden können. Und es gibt auch bei der medialen Berichterstattung Ähnlichkeiten. Auch die Cholera sah man durch die Zeitungen immer näher kommen. Sie kam vermutlich aus dem Gangesdelta. Dann kam sie über Moskau nach Warschau – und schließlich nach Berlin. Das lässt sich alles in den Zeitungen nachlesen.

STANDARD: Wie wurde damals auf die wachsende Bedrohung reagiert?
Eckart: Als Gegenmaßnahme versuchten die k.u.k. Monarchie und Preußen, die Grenzen abzuriegeln und Quarantänelager, sogenannte Kontumaz-Stationen, einzurichten. Es gab Reise- und Handelsbeschränkungen, Absperrungen und dergleichen. Das hat natürlich alles nicht funktioniert. Dass Händewaschen, Abstandhalten und das Wechseln von Kleidung wichtig ist, wusste man damals übrigens auch bereits, ohne eine Ahnung von den Erregern der Krankheit zu haben.

STANDARD: Ist die Pandemiemüdigkeit, von der viele jetzt berichten, eine neue Entwicklung?

Eckart: Nein. Angst, Verzweiflung, Bedrückung und erschöpfte Lähmung sind eine Begleiterscheinung von Seuchen. Es gab vonseiten Reicher und Adeliger auch Versuche, zu fliehen, etwa im Italien des 14. Jahrhunderts, als die Pest kam. Aber die meisten Menschen blieben wie heute an ihren engen Lebenskreis gebunden, ja geradezu gefesselt.

STANDARD: Kommen mit einer Pandemie immer schon auch Verschwörungstheorien auf?

Eckart: Die Frage nach den Urhebern einer Seuche hat die Menschen immer beschäftigt. Manchmal wurden die Juden beschuldigt, wie etwa im 14. Jahrhundert oder bei der Wiener Pest 1679 mit ungefähr 12.000 Opfern. Während der Mailänder Pest kamen bestimmte politische Gruppen in Verruf. Während der Cholera-Pandemie im 19. Jahrhundert in Paris waren es erst die Lumpensammler am Ufer der Seine, dann ausländische Agenten, die als vermeintliche Urheber ausgemacht wurden.

STANDARD: Mit welchen Folgen?
Eckart: Mit Verdächtigen ging man in Frankreich brutal um: An den Grenzen wurden Reisende durchsucht. Wenn man mit verdächtiger Materie im Koffer angetroffen wurde, konnte das schon Grund genug sein, um an der nächsten Laterne aufgeknüpft zu werden. In den USA dachte man 1918, deutsche U-Boote hätten die Influenza in die Gewässer der amerikanischen Ostküste bewusst verschleppt. Als Strafe überlegten eifrige US-Bürger, über Berlin Glaskonserven mit dem Blut Infizierter aus Flugzeugen abzuwerfen.

STANDARD: Wie sind Gesellschaften in der Vergangenheit aus einer Pandemie hervorgegangen? Gab es Bruchstellen?

Eckart: Kaum. Wenn man sich die Spanische Grippe anschaut, so war diese schon wenig später in der kollektiven Erinnerung wieder bedeutungslos. An der Front hatte es im Ersten Weltkrieg Millionen Tote gegeben. Die Übersterblichkeit wegen Hungers war zu dieser Zeit in Deutschland doppelt so hoch – wie wegen der Spanischen Grippe. Die Menschen haben sich später viel mehr an den Hunger erinnert als an die Pandemie.

STANDARD: Hat sich die Medizin durch diese Ausnahmesituationen weiterentwickelt?

Eckart: Sehr eingeschränkt. Aus der Pest kommt das Konzept der Quarantäne. Aus der Spanischen Grippe hat sich hauptsächlich Ratlosigkeit ergeben. Man war erst 1930 in der Lage, die Grippeviren unter einem Elektronenmikroskop zu sehen. Aber aus der Corona-Pandemie erwarte ich mir – neben dem Impfstoff natürlich –, dass vorbeugende Maßnahmen, die in den letzten Jahren relativ lax geworden sind, auf einem hohen Niveau bleiben. Dass also zum Beispiel Schutzanzüge und Masken als Vorrat angelegt werden. Die relative Sicherheit, in der wir uns jahrzehntelang gewogen haben, hat sich als trügerisch erwiesen. Der nächste Erreger könnte schon um die nächste Ecke warten.

STANDARD: Wie haben Pandemien eigentlich in der Vergangenheit geendet?

Eckart: Dazu gibt es verschiedene Hypothesen. Eine Möglichkeit ist die Selbstverbrauchung. Eine Seuche ist irgendwann zu Ende, wenn ihr Nährboden weg ist. Bei manchen Pandemien hat sich irgendwann eine Immunität eingestellt, sodass die Krankheit nicht mehr in dem Umfang ausbrechen konnte. Manchmal verschwindet das, was in der Vergangenheit als Seuche erlebt wurde, aber es bleibt als permanent impfpflichtige Krankheit wie die Grippe. Ich vermute ja, dass das auch bei Corona der Fall sein wird.
(Franziska Zoidl, 6.12.2020)

Wolfgang U. Eckart ist Medizinhistoriker und ehemaliger Direktor des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg.

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