Krieg in Europa: Angriff Russlands auf die Ukraine

josef

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#41
FLUGABWEHRKANONENPANZER
Totgesagte Geparde jagen in der Ukraine
Berlin hat die Lieferung von 50 Flugabwehrkanonenpanzern genehmigt. Der eigentlich bereits eingestaubte Gepard erlebt damit eine mediale und militärische Renaissance

Alles binnen 5.000 Meter Entfernung und unter 2.500 Meter Flughöhe läuft Gefahr, vom Flugabwehrkanonenpanzer Gepard abgeschossen zu werden.
Foto: imago/photothek/Thomas Imo

"Eine Raubkatze verlässt die Bühne." So eröffnete die deutsche Bundeswehr vor zehn Jahren eine Video-Hommage zur Ausmusterung eines ihrer kampfkräftigsten und zugleich am schwierigsten zu bedienenden Geräte: des Flugabwehrkanonenpanzers Gepard.

Bundeswehr

Nun erlebt der eigentlich bereits eingestaubte Panzer eine mediale und militärische Renaissance. Denn Deutschland hat am Dienstag die ukrainische Bestellung von 50 Geparden beim Rüstungsunternehmen Krauss-Maffei Wegmann freigegeben und damit mit seiner bisherigen Linie gebrochen, die die Lieferung von schweren Waffen ausschloss – zu groß war bis dahin die Angst, Russlands Präsident Wladimir Putin allzu sehr zu erzürnen.

Keine rein defensive Waffe
Verkündet wurde der Kurswechsel ausgerechnet am US-Luftwaffen- und Nato-Kommandostützpunkt im deutschen Ramstein, was Putins Laune wohl kaum verbesserte. Auch nicht, dass der Gepard nicht die rein defensive Waffe ist, als die sie dieser Tage gern beschrieben wird. In den richtigen Händen kann er Gegnern im Bodenkampf erheblichen Schaden zufügen und ganze Fahrzeugkolonnen binnen Minuten ausschalten.
Seine dringend benötigte Kernaufgabe ist aber eine andere: 1955 erstmals erdacht und nach vielen überarbeiteten Plänen und gescheiterten Prototypen ab 1976 erstmals in der westdeutschen Armee eingesetzt, sollte der Flakpanzer in zweiter Reihe hinter Kampf- und Schützenpanzern für freie Lüfte sorgen. Das tat er mit 35-Millimeter-Geschoßen aus zwei Maschinenkanonen, die bei jeder Witterung, Tages- und Nachtzeit binnen sechs Sekunden Ziele anvisieren und attackieren können. 640 Schuss Munition können bei Bedarf unter einer Minute verschossen werden, das Nachladen dauert dafür eine knappe Stunde.

Komplexe Radartechnologie
Die Ziele des 65 km/h schnellen Panzers sind Tiefflieger und Kampfhubschrauber. Komplexe Radartechnologie erlaubt dabei das Erspähen von feindlichen Luftkräften in 15 Kilometer Entfernung. Alles binnen 5.000 Meter Entfernung und unter 2.500 Meter Flughöhe läuft dabei Gefahr, abgeschossen zu werden.

Die Brüder des 47,5-Tonnen-Kolosses waren auch schon in Belgien und den Niederlanden im Einsatz. Heute besitzen nur wenige Länder ausgemusterte Systeme, etwa das Nato-Land Rumänien, Jordanien oder Brasilien und Katar. Letztere wollten und wollen damit bei Fußball-WMs die Stadien sichern. Nach wohl wochenlanger Ausbildung der Soldaten werden die Geparde aber auch in der Ukraine wieder jagen.
(Fabian Sommavilla, 27.4.2022)
Totgesagte Geparde jagen in der Ukraine
 

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#42
GEPARD FÜR DIE UKRAINE:
Schweiz blockiert Munitionslieferung
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Der Flugabwehrpanzer Gepard (Archivbild von 2004) Bild: AFP

Der deutsche Panzer Gepard soll bald in der Ukraine zum Einsatz kommen. Seine Munition aus der Schweiz darf er dann nicht an Bord haben.
Die einst in der Schweiz hergestellte Munition für den Flugabwehrpanzer Gepard darf Deutschland nicht an die Ukraine weiterreichen. Dies bekräftigte ein Sprecher des Staatssekretariats für Wirtschaft (SECO) in Bern der F.A.Z. Die deutsche Verteidigungsministerin Christine Lambrecht hatte am Dienstag angekündigt, von der Bundeswehr ausgemusterte Panzer dieses Typs an die Ukraine liefern zu wollen.

In diesem Zusammenhang ging beim SECO eine Anfrage aus Deutschland zur Weitergabe von 35-Millimeter-Munition für den Gepard ein. Das sei schon im März geschehen, teilte das Amt mit – mithin Wochen vor Lambrechts Ankündigung. Der Botschafter der Ukraine in Deutschland Andrij Melnyk sagte am Mittwoch den Sendern RTL/ntv, sein Land habe in den ersten Kriegstagen in Berlin nach dem Gepard gefragt, jedoch als Antwort erhalten, es sei sinnlos, weil die notwendige Munition fehle. Von dem Sinneswandel der Bundesregierung sei Kiew „völlig überrascht“ worden.

Eine zweite Anfrage an die Schweiz betraf offenbar 12,7-Millimeter-Munition. Beide Anfragen habe man mit Verweis auf die Schweizer Neutralität und die zwingenden Ablehnungskriterien der Schweizer Kriegsmaterialgesetzgebung abschlägig beschieden, erklärte der Sprecher des SECO.

Die Munition für den Gepard wurde einst vom Zürcher Unternehmen Oerlikon-Bührle produziert. Als sie geliefert wurde, musste Deutschland sich verpflichten, sie nur mit Schweizer Zustimmung weiterzugeben. Dass die Schweizer diese verweigern, erklären sie mit den rechtlichen Zwängen aus dem erwähnten Kriegsmaterialgesetz und dem geltenden Neutralitätsrecht. Demnach darf die Schweiz keine Kriegsmaterialexporte in Länder genehmigen, die „in einen internen oder internationalen bewaffneten Konflikt verwickelt“ sind.
Gepard für die Ukraine: Schweiz blockiert Munitionslieferung
 
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#43
TIERE IM KRIEGSEINSATZ
Militärisch trainierte Delfine dürften russische Flotte beschützen
US-amerikanischen Satellitenbild-Analysen zufolge sollen Delfine im Hafen von Sewastopol auf der Halbinsel Krim feindliche Taucheinsätze abwehren

Delfine könnten Teil der russischen Militärstrategie sein.
Foto: imagebroker / SeaTops

Die russische Marine hat im Verlauf des Ukraine-Kriegs kürzlich einen bedeutsamen Rückschlag verzeichnet: Das ukrainische Militär sorgte aller Wahrscheinlichkeit nach für den Untergang des Flaggschiffs Moskwa. Nun wurde ein bemerkenswertes Element der russischen Verteidigungsstrategie öffentlich, wie etwa die "Washington Post" und der "Guardian" berichteten. Satellitenbilder liefern Anzeichen dafür, dass offenbar für Militärzwecke trainierte Delfine zum Schutz eines Stützpunkts im Schwarzen Meer eingesetzt werden.

Schauplatz ist der Hafen der Stadt Sewastopol, die sich auf der 2014 durch Russland annektierten Halbinsel Krim befindet. Bereits im Februar, als der erneute Angriff auf die Ukraine begann, wurden an der Hafeneinfahrt zwei Unterwassergehege platziert, wie eine Non-Profit-Organisation, das US Naval Institute (USNI), berichtet. Auch Fachleute des US-amerikanischen Satellitenfotodiensts Maxar schließen sich an: Dessen Aufnahmen decken sich mit den Indizien des USNI.

Trainierte Tiere in Norwegen und Syrien
Dass in Russland Delfine in Diensten des Militärs stehen, ist prinzipiell nicht verwunderlich – zumindest war bereits bekannt, dass die cleveren Säugetiere wie auch andere Meereslebewesen auf bestimmte Einsatzmöglichkeiten getestet werden. Vor ziemlich genau drei Jahren fiel vor der norwegischen Küste ein Weißwal auf: Der Beluga trug ein Geschirr am Körper, an dem sich wohl Waffen oder Kameras befestigen ließen. Außerdem machte er sich durch sein Verhalten bemerkbar, denn er schwamm auf Fischerboote zu, gab sich in der Interaktion mit Menschen zahm – und versuchte, an Seilen der Boote zu ziehen.

Neben den Belugas wolle die russische Marine auch Seehunde und Delfine im Polarmeer als "Assistenztiere" nutzen, hieß es damals. Die Tests hatten gezeigt, dass Delfine eher dafür infrage kommen, Marinestützpunkte zu bewachen und zu verteidigen. Während der befragte Militärexperte Wiktor Baranez damals den Verdacht der norwegischen Meeresbiologen, der Weißwal sei dem Marinestützpunkt Murmansk entkommen, als "Unsinn" bezeichnete, machte er aus dem Einsatz von Delfinen kein Geheimnis. Während des Syrien-Kriegs dürften von russischer Seite ebenfalls Delfine an der Küste vor der Stadt Tartus zum Einsatz gekommen sein, wie Satellitenbilder aus dem Jahr 2018 zeigen.

Kampfdelfine in USA und Sowjetunion
Auch im internationalen Vergleich ist dies nicht ungewöhnlich: Die Sowjetunion und die USA trainierten während des Kalten Krieges Delfine für Aufklärungsjobs, also um beispielsweise in Häfen und um Schiffe zu patrouillieren. Außerdem könnten sie Taucherinnen und Taucher begleiten – oder abwehren, wenn diese versuchen, Schiffe zu sabotieren. Manche der Meeressäuger können auch darauf abgerichtet werden, Minen auf feindlichen Schiffe abzusetzen – oder diese sowie andere Waffen aufzuspüren, wobei ihnen ihr ausgeprägter Hörsinn nützt. In den USA wurden mindestens 28 Millionen Dollar dafür ausgegeben, Delfine und Seelöwen zu unterhalten.

Schon im Kalten Krieg seien dem USNI zufolge in einem Aquarium in der Nähe von Sewastopol "Kampfdelfine" entsprechend trainiert worden. Das Projekt ging nach dem Ende der Sowjetunion an die Ukraine, geriet in den 1990er-Jahren in Vergessenheit und wurde 2012 reaktiviert, heißt es.

Hafenpatrouille gegen Unterwasserangriffe
Nach der Krim-Annexion zwei Jahre später habe man die Rückgabe der Tiere gefordert, doch Russland behielt sie und plante damals, das Programm auszuweiten. Eine russische Nachrichtenagentur berichtete, dass neue Geräte entwickelt wurden: Die schallbasierte Unterwasserortung der Delfine, mit der sie Ziele erfassen können, wurde in ein Signal umgewandelt, das auf einem Monitor kontrolliert werden kann.

"Der ukrainischen Marine fehlten die Mittel für dieses Know-how, und einige Projekte mussten eingemottet werden", wurde mitgeteilt. Für die nachfolgenden Jahre ist ein Ausschreibungsverfahren dokumentiert, um für 1,75 Millionen Rubel – damals rund 25.000 Euro – fünf weitere Delfine nach Sewastopol zu liefern, möglichst "mit perfektem Gebiss". Ob diese nun zur Hafenpatrouille gehören, ist unklar. Viele der russischen Schiffe im Hafen seien der USNI zufolge für Raketen schwierig zu erreichen, aber anfällig für Unterwasserangriffe – und gegen manche davon könnten sich die Säugetiere als hilfreich erweisen.
(sic, 28.4.2022)

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Militärisch trainierte Delfine dürften russische Flotte beschützen
 

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#44
UKRAINE-KRIEG
Wenn Atomkraftwerke zu Kriegsschauplätzen werden
Russlands Angriff auf die Ukraine zeigt eine Gefahr auf, die in der AKW-Sicherheit bisher kaum berücksichtigt wurde: Die Anlagen können zu Orten von Kampfhandlungen werden

Bereits in Friedenszeiten ist AKW-Sicherheit ein heißes Thema. Dass Atomanlagen in der Ukraine nun auch zu Kriegsschauplätzen wurden, hat die Debatte auf eine neue Ebene gehoben.
Foto: APA/AFP/ANDREY BORODULIN

Spätestens am 4. März 2022 wurde klar, dass Atomwaffen nicht die einzige nukleare Gefahr sind, um die man sich im russischen Angriffskrieg in der Ukraine Sorgen machen muss. Damals gingen die Meldungen um die Welt, dass das Atomkraftwerk Saporischschja zum Kriegsschauplatz wurde.

Es gab Feuergefechte, wobei ein Trainingsgebäude in Brand geriet, ein Trockenlager von Artillerie getroffen und ein Reaktorgebäude beschädigt wurde. Zuvor kam es bereits bei der Atomruine von Tschernobyl zu Kämpfen, was einen potenziell gefährlichen Stromausfall und erhöhte Strahlenwerte durch Staubentwicklung zur Folge hatte.

Das Institut für Sicherheits- und Risikowissenschaften der Wiener Boku widmete der Bedrohungslage, die von AKWs im Kriegsgebiet ausgehen könnte, vergangene Woche eine Onlineveranstaltung. Experten aus Wissenschaft, Militär und Bundesverwaltung sprachen über Bedrohungslagen, mögliche Auswirkungen und Maßnahmen im Ernstfall.

Frühwarnsystem
Diese "Risikobetrachtungen", die vom langjährigen Leiter der Nuklearkoordination der Bundesregierung, Andreas Molin, moderiert wurden, fanden im Andenken an den im März verstorbenen Juri Andrejew statt. Der aus Russland stammende "Chefliquidator" von Tschernobyl, der die Aufräumarbeiten nach dem Reaktorunfall von 1986 geleitet hatte, lebte seit 1992 in Wien und fand an der Boku eine neue berufliche Heimat.
Die gute Nachricht für Österreich: Sollte in der Ukraine Radioaktivität frei werden, wissen die Behörden in Österreich dank der nationalen und internationalen Messstellen sowie einer engen Vernetzung mit ausländischen Partnern in kürzester Zeit Bescheid. Das versicherte Peter Hofer von der Abteilung Strahlenschutz des Klimaschutzministeriums.

In Österreich wurde in Reaktion auf die Katastrophe in Tschernobyl ein Frühwarnsystem implementiert. Mittlerweile stehen umfassende Diagnose- und Prognosewerkzeuge bereit, die die Ausbreitung radioaktiver Substanzen vorhersagen. Demnach bedarf es einer enorm starken Freisetzung, damit eine relevante Gefahr für Österreich besteht.

Worst-Case-Szenario
"Wir haben eine Worst-Case-Berechnung mit einem schweren Unfall im westukrainischen AKW Riwne gemacht. Selbst bei ungünstigsten Wetterverhältnissen ist auszuschließen, dass in Österreich Maßnahmen wie das Einnehmen der Kaliumjodidtabletten oder das Verbleiben in den Häusern notwendig sind. Im schlimmsten Fall könnten Maßnahmen im Lebensmittelbereich zu setzen sein", betont Hofer.

Dennoch: Zum ersten Mal sind AKWs nun Schauplatz von Kriegshandlungen. Neben den vier stillgelegten Blöcken von Tschernobyl gibt es in der Ukraine 15 Reaktorblöcke an vier aktiven Standorten. Dort, wo Brennelemente noch im Betrieb sind, ist für den Physiker und Risikoforscher Nikolaus Müllner von der Boku auch das Risiko am größten.

"In den Sicherheitsnachweisen der AKWs sind kriegerische Ereignisse außen vor gelassen. Im schlimmsten Fall stellt man sich wohl einen terroristischen Anschlag mit Unterstützung eines Insiders vor", erklärt Müllner. Für ihn stellt sich nicht nur die Frage, wie gut AKWs in Kriegswirren geschützt sind, sondern auch, wie die Sicherheitskonzepte nach diesen Kriegserfahrungen zu erweitern sind.

Meteoriteneinschlag und Flugzeugabsturz
Derzeit sehen sie den Schutz vor Naturereignissen und technischen Gebrechen bis zu einer gewissen Eintrittswahrscheinlichkeit vor – die Gefahr von Meteoriteneinschlägen ist beispielsweise nicht mehr berücksichtigt.

Neben potenziell gefährlichen Situationen wie der Zerstörung von Infrastruktur wie Notstrom, Turbinenhalle, Abklingbecken oder Frischdampfleitungen wäre das wohl gefährlichste durch Kriegshandlungen hervorgerufene Szenario eine Kernschmelze, bei der sowohl der Reaktordruckbehälter als auch das umgebende Containment zerstört wird. Müllner: "Dann haben wir sehr erhebliche Freisetzungen von radioaktivem Material in kurzer Zeit."

Der Großteil der Reaktoren in der Ukraine ist vom Typ WWER 1000. Die Wände des Containments sind hier aus 1,2 Meter starkem Spannbeton – eine Struktur, die laut Sicherheitsnachweis etwa dem Aufprall eines zehn Tonnen schweren Flugzeugs mit 750 km/h standhalten muss. Was braucht es nun, um eine Schutzvorrichtung dieser Art mit "militärischen Einsatzmitteln" zu durchbrechen? Bernhard Traxl vom ABC-Abwehrzentrum des Bundesheeres, der mit Müllner bei der Analyse kooperiert hat, hebt mehrere Beispiele hervor.

Bunkerbrechende Waffen
Dazu gehören bunkerbrechende Gefechtsköpfe, die mit ihren speziell gehärteten Oberflächen mehrere Meter Stahlbeton durchschlagen, bevor sie explodieren. "Wenn dieser Gefechtskopf im Inneren eines Reaktors detoniert, ist es sicher, dass eine Zerstörung des Containments stattfindet", sagt Traxl.

Weiters sind die wesentlich kleineren Hohlladungsgefechtsköpfe, die üblicherweise gegen gepanzerte Fahrzeuge eingesetzt werden, eine Gefahr. Ein stark beschleunigter Metallstachel dieser Waffen hätte die Energie, das Containment zu durchschlagen, ohne aber im Inneren mit einer Explosion weiteren Schaden anzurichten. Das Resultat wäre ein Leck in der Schutzhülle.

Kaum Schutzmechanismen
Traxl geht nicht von einem vorsätzlichen Beschuss der AKWs in der Ukraine aus – dagegen ließen sich kaum Schutzmechanismen finden. Es seien aber dennoch Szenarien denkbar, in denen es zu Beschuss kommt. So könnten sich etwa Soldaten in einem AKW verschanzen, weil die Anlage einem Bunker gleicht, woraufhin die Gegner zu den erwähnten Waffensystemen greifen.

Wenn auch die Stromzufuhr ausfällt und Hilfestellung unmöglich ist, wäre eine Kernschmelze mit Austritt von radioaktivem Material möglich. "Es müssen schon zwei, drei Faktoren zusammenkommen, dass ein Beschuss erfolgt", betont Traxl.

Natürlich ist aber auch ein unabsichtliches – versehentliches oder von Unwissenheit geleitetes – Bombardement nicht auszuschließen. Besonders gefährlich wäre das in Riwne, wo die Anlagenarchitektur des hier errichteten WWER-440-Typs das Abklingbecken vergleichsweise ungeschützt lässt, wie Müllner hervorhebt. Dennoch: "Wenn man es nicht darauf anlegt, ist es sehr unwahrscheinlich, dass das Containment durchschlagen wird", lautet auch das Resümee des Risikoforschers.
(Alois Pumhösel, 4.5.2022)

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Wenn Atomkraftwerke zu Kriegsschauplätzen werden
 

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#45
STAHLWERK IN MARIUPOL
Erbitterter Kampf für symbolischen Sieg
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Seit Wochen dauert der erbitterte Kampf um das Asow-Stahl-Werk in Mariupol schon an. Dabei hatte der russische Präsident Wladimir Putin am 21. April seinem Verteidigungsminister Sergej Schoigu vor laufenden Kameras den Befehl gegeben, die Erstürmung abzubrechen. Doch zuletzt wurden die Bombardements verstärkt, berichtet wurde vom Eindringen russischer Soldaten in den Komplex. Alles deutet darauf hin, dass Russland rasch einen symbolischen Sieg erringen will.
Online seit gestern, 23.08 Uhr
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Am Freitag setzte das russische Militär nach ukrainischen Angaben seine Offensive auf das Stahlwerk in Mariupol fort. Die russischen Streitkräfte hätten „in einigen Gebieten mit Unterstützung der Luftstreitkräfte die Einsätze zur Übernahme der Kontrolle über die Fabrik wieder aufgenommen“, teilte das Verteidigungsministerium in Kiew mit.

Russland hatte am Mittwochabend eigentlich eine dreitägige Feuerpause für Evakuierungseinsätze aus dem Industriekomplex angekündigt. Die Ukraine warf Russland jedoch vor, dagegen verstoßen zu haben. Der Kreml bestritt die Vorwürfe – obwohl auf Videoaufnahmen der Beschuss und Explosionen deutlich zu sehen waren.

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Satellitenbild des Asow-Stahl-Werkes vom 2.5.2022 mit Schadensanalyse der UNO-Behörde UNITAR.
Airbus/UNITAR/ORF.at

Die Behörden in Mariupol warfen den russischen Streitkräften vor, ein Auto beschossen zu haben, das an Evakuierungsmaßnahmen beteiligt gewesen sei, hieß es. Dabei seien ein ukrainischer Kämpfer getötet und sechs weitere verletzt worden. In den vergangenen Tagen war es nach ukrainischen Angaben im Zuge von UNO-geführten Einsätzen gelungen, fast 500 Zivilpersonen aus der Stadt und aus dem Stahlwerk zu bringen. Weitere 50 wurden laut Vizeministerpräsidentin Iryna Wereschtschuk am Freitag aus dem Industriekomplex geholt.

Unklare Situation im Stahlwerk
Am Donnerstag hatte es aus Kiew geheißen, russische Truppen seien auf das Gelände des belagerten Stahlwerks vorgedrungen. „Mit Unterstützung der Luftstreitkräfte hat der Gegner seinen Angriff mit dem Ziel erneuert, das Fabriksgelände unter seine Kontrolle zu bringen“, teilte der ukrainische Generalstab mit.

Unklar ist weiterhin, wie viele ukrainische Kämpfer sich im Stahlwerk verschanzt haben und wie viele Zivilisten ebenfalls dort ausharren. Unter dem Stahlwerk gibt es riesiges Gang- und Bunkersystem aus Sowjetzeiten.
Schon in den vergangenen Wochen hatte es immer dramatischere Hilferufe aus dem Stahlwerk gegeben: Nahrung und Trinkwasser würden zur Neige gehen, auch an Medikamenten fehle es. Zeitweise war auch die Kommunikation nach außen zusammengebrochen. Eine Aufgabe schlossen die ukrainischen Kämpfer dennoch kategorisch aus.

Erschütternde Schilderungen
Auch Zivilistinnen und Zivilisten, die in den vergangen Tagen über Evakuierungsaktionen das Stahlwerk verlassen konnten, beschrieben ein schockierendes Bild aus dem Inneren. „Wir standen unter ständigem Beschuss, schliefen in improvisierten Betten, wurden von den Explosionen zu Boden geworfen“, schilderte eine junge Mutter die Lage.

„Mütter, Kinder und Großeltern haben von dem Trauma erzählt, Tag für Tag unter unerbittlichem Beschuss und mit Todesangst zu leben“, berichtete der Ukraine-Beauftragte des UNO-Nothilfebüros (OCHA), Osnat Lubrani. Es habe im Stahlwerk kaum Wasser und Nahrungsmittel und nur völlig unzureichende Sanitäranlagen gegeben. Die Menschen seien durch die Hölle gegangen. Russland wirft der Ukraine hingegen vor, die Menschen als Schutzschilde in den verzweigten Kellern des Werkes teils gegen ihren Willen festgehalten zu haben.

Erfolg für 9. Mai gesucht
Am Wochenende hatte Russland erstmals größere Rettungsaktionen für Zivilisten aus dem Stahlwerk in Richtung ukrainisch gehaltenes Gebiet zugelassen. Beobachter sahen darin ein Zeichen, dass Russland eine Erstürmung des Geländes vorbereiten könnte. Nach Ansicht britischer Geheimdienstexperten muss die russische Armee das aber mit hohen Verlusten an Soldaten, Material und Munition bezahlen – und das vor allem für einen symbolischen Sieg.

Reuters/Alexander Ermochenko
Russischer Panzer nahe dem Stahlwerk

Schon seit Wochen heißt es, Russland wolle am 9. Mai, am Jahrestag des Sieges über Hitler-Deutschland, einen Erfolg vorweisen. Nachdem sonstige Erfolge rar sind, könnte das eben die Einnahme des Stahlwerks und damit von ganz Mariupol sein. Nach Cherson im Süden wäre es die zweite Stadt, die Russland unter seine Kontrolle bringen kann.

Symbolische „Entnazifizierung“
Mariupol eignet sich als symbolischer Sieg insofern gut, da das Stahlwerk vor allem von Kämpfern des Asow-Regiments verteidigt wird. Die ehemalige Miliz ist zwar seit einigen Jahren in die ukrainische Nationalgarde eingegliedert, gilt aber als Sammelbecken von Rechtsextremen. Die Asow-Bewegung gehört zu den wichtigsten nationalistischen und rechtsextremen Gruppen der Ukraine. Die „Befreiung“ Mariupols würde daher in die Kreml-Rhetorik der „Entnazifizierung“ der Ukraine passen – auch wenn diese Parole laut Medienbeobachtern in Russland immer seltener verwendet wird.

Reuters/Alexander Ermochenko
Immer wieder sind Rauchwolken über dem Gelände zu sehen

Parade auch in Mariupol?
Der ukrainische Präsidentenberater Mychailo Podoljak spekuliert, dass am Montag nicht nur in russischen Städten Feiern und Paraden abgehalten werden, sondern auch in Mariupol – und er befürchtet, dass die russischen Angreifer zu diesem Anlass ukrainische Gefangene aufmarschieren lassen könnten. Ähnlich waren bereits 2014 prorussische Separatisten in der Ostukraine vorgegangen, nachdem sie die Stadt Donezk eingenommen hatten.

„Sie haben Soldaten der ukrainischen Armee durch die Straßen marschieren lassen, man hat sie mit Müll beworfen“, sagte Podoljak mit Blick auf die Ereignisse 2014 am Freitag. „Acht Jahre später hat der Kreml beschlossen, das am 9. Mai in Mariupol mit Zivilisten in Militäruniform nachzuspielen.“ In der Umgebung von Mariupol wurden zudem inzwischen die auf Ukrainisch und Englisch beschrifteten Straßenschilder durch russische ersetzt.
06.05.2022, red, ORF.at/Agenturen

Stahlwerk in mariupol: Erbitterter Kampf für symbolischen Sieg
 

struwwelpeter

Well-Known Member
#47
Na klar, lt. Beschreibung während des "kalten Krieges" gebaut, um den 40.000 Stahlarbeitern im Falle einer nuklearen Attake einen sicheren Ort zu geben.
Also direkt im "nuklearen Krater".
Meiner Meinung nach eine völlige Fake-Nachricht - die schlägt ja sogar unser "Bisamberg-Thema" :)
 

josef

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#48
Satellitenbilder sollen zerstörtes russisches Schiff zeigen
Online seit heute, 6.47 Uhr

Satellitenbilder des US-Unternehmens Maxar zeigen ein vermutlich durch einen ukrainischen Raketenangriff getroffenes russisches Versorgungsschiff der Serna-Klasse im Schwarzen Meer.


APA/AFP/2022 Maxar Tec

Nach Angaben des Unternehmens befindet sich das beschädigte Schiff unweit der Schlangeninsel nahe der ukrainischen Seegrenze zu Rumänien. Ein Sprecher der ukrainischen Streitkräfte für den Militärbezirk Odessa hatte bereits zuvor mitgeteilt, dass die russische „Wsewolod Bobrow“ von ukrainischen Streitkräften angegriffen, getroffen und in Brand gesetzt worden sei. Russland äußerte sich bisher nicht zu diesen Meldungen.
13.05.2022, red, ORF.at/Agenturen
news.ORF.at
 

josef

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#49
SYMBOL DES WIDERSTANDS
Ukrainische Eisenbahn trotzt Angriffen
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Transport von Geflüchteten, Rohstoffen und – auch westlichen – Waffen: Die ukrainische Eisenbahn hat mit ihrem 22.000 Kilometer umfassenden Schienennetz einen entscheidenden Anteil im ukrainischen Widerstand gegen die russische Invasion. Trotz gezielter russischer Angriffe auf zentrale Punkte der Bahninfrastruktur wie Eisenbahnbrücken und Logistikzentren gelang es den russischen Truppen bisher nicht, die Bahn in der Ukraine lahmzulegen.
Online seit heute, 7.33 Uhr
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Obwohl viele Städte und Dörfer zerstört wurden, ist die weit verzweigte Eisenbahn noch funktionsfähig. Eigentlich spielt die Bahn auch für die Logistik russischer Truppen eine wichtige Rolle, analysiert die Russland-Expertin Emily Ferris vom britischen Royal United Services Institute in „Foreign Policy“. Doch Russland schaffte es weder große Logistikzentren der ukrainischen Bahngesellschaft Ukrsalisnyzja völlig unter Kontrolle zu bringen noch wichtige Eisenbahnknotenpunkte im Norden der Ukraine etwa in Tschernihiw und der Region Kiew.

Das führte dort zu logistischen Problemen, wo Russland auf die Straße angewiesen war und Fahrzeuge aufgrund der anfänglich winterlichen Bedingungen stecken blieben. Die Offensive im Norden schlug letztlich fehl. Nun fokussiert sich Russland auf den Süden und Osten. Fehlende vollständige Kontrolle und zerstörte Knotenpunkte der Eisenbahn verunmöglichen es Russland aber weiterhin, per Bahn für Nachschub zu sorgen. Ferris bezeichnete das „übermäßige Vertrauen auf die Eisenbahn“ für den Einsatz in der Ukraine als einen der „größten Stolpersteine“ Russlands.

AP/Philip Crowther
Viele Städte und Dörfer wurden zerstört, die Bahn kann bisher dennoch Mobilität und Logistik aufrechterhalten

Verstärkte Angriffe auf Eisenbahninfrastruktur
Da eine Kontrolle des Eisenbahnnetzes in der Ukraine derzeit aussichtslos scheint, versucht Russland nun offenbar verstärkt, die Infrastruktur zu zerstören. Das ukrainische Eisenbahnnetz ist seit einigen Tagen zunehmend ins Visier der russischen Truppen geraten. Angegriffen wurden vor allem Bahnhöfe, Umspannwerke, die die Bahn mit Strom versorgen, und Eisenbahnbrücken – nicht zuletzt um Waffenlieferungen aus dem Westen zu unterbinden.

Auch soll die Verstärkung für die im Osten und Süden eingesetzten ukrainischen Soldaten erschwert werden. Moskaus „Ziel ist es, kritische Infrastrukturen aus militärischen, wirtschaftlichen und sozialen Gründen so weit wie möglich zu zerstören“, sagte der stellvertretende Infrastrukturminister Juri Waskow gegenüber Reuters.

Reuters/Janis Laizans
EU-Kommissionschefin von der Leyen reiste mit dem Zug nach Kiew

Transportiert wurden bisher Millionen Flüchtlinge, Hilfslieferungen, Rohstoffe und westliche Waffen. Ärzte ohne Grenzen richtete in Zügen mobile Krankenstationen ein. Auch die zahlreichen Politiker und Politikerinnen, die Kiew einen Besuch abstatteten – vom britischen Premier Boris Johnson bis zur EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen – reisten per Bahn in die Ukraine.

Trotz Ausbaus beschränkte Kapazitäten
Bis Kriegsbeginn wurde der Großteil der Exporte von Rohstoffen wie Weizen, Kohle und Stahl über die Schwarzmeer-Häfen abgewickelt. Drei Viertel des ukrainischen Außenhandels liefen vor der russischen Invasion über diese Seehäfen. Aufgrund deren Blockade durch russische Kriegsschiffe, der durch zerstörte Brücken und Kontrollpunkte blockierten Straßen sowie des knappen Treibstoffs entwickelte sich die Bahn zu einer wichtigen Verbindung nach außen. Die Westgrenzen und die Donau-Häfen seien derzeit die einzige Möglichkeit für Export und Import, sagte Waskow.
Allein im April seien 3,5 Mio. Tonnen Fracht über die westlichen Grenzen auf der Schiene transportiert worden. Die Eisenbahnbetreiber entwickeln demzufolge Grenzterminals für Stück- und Flüssiggüter und für die Umladung von Breit- auf Schmalspur und umgekehrt. Aber selbst wenn man diese Kapazität um 50 Prozent steigern könne in den nächsten Monate, werde das „nicht einmal ausreichen, um mindestens die Hälfte der Mengen zu befördern, die in Friedenszeiten über die Seehäfen transportiert wurden“, so Waskow.

APA/AFP/Michal Cizek
Der Transport über die Schiene wurde auch für zahlreiche Hilfsgüter genützt

Auch ÖBB-Chef Andreas Matthä sagte kürzlich im „FAZ“-Interview, dass die Transportkapazitäten über die Bahn begrenzt seien. Es gebe einen „Flaschenhals wegen fehlender Kapazitäten bei Wagen und Lokomotiven sowie an den Umschlagsorten an den Grenzen der Ukraine zu Ungarn, Polen und der Slowakei“.

Bahn-Chef: Bis zu 200.000 Passagiere täglich
Auch muss – auf dem Gebiet der Ukraine – bei der Streckenplanung flexibel reagiert werden, wenn gefährliche Gebiete durchfahren werden müssen oder wenn Schienen zerstört wurden und Ausweichrouten gefunden werden müssen. Nach Angaben des Ukrsalisnyzja-Chefs Olexandr Kamyschin gegenüber Reuters würden seit Kriegsbeginn täglich bis zu 200.000 Menschen transportiert werden. Diese Angaben sind unabhängig nicht überprüfbar.

Auch die 230.000 Beschäftigten der Bahn sind laut Kamyschin großteils weiterhin im Dienst. Vor dem Krieg zählte die ukrainische Bahngesellschaft zu den größten Arbeitgebern. Die Bahn wurde erst 2012 für die Fußballeuropameisterschaft modernisiert und die Infrastruktur um rund 700 Mio. Euro verbessert, berichtete die Deutsche Welle.

Reuters
Diese zerstörte Eisenbahnbrücke in der Region Kiew wurde innerhalb weniger Wochen wieder aufgebaut

Es gibt jedenfalls Beispiele, die zeigen, wie schnell zerstörte Infrastruktur wieder aufgebaut werden kann. Das gehe ohne Rücksichtnahme auf lange bürokratische Wege, heißt es aus dem Bahnunternehmen. Das gilt auch für größere Bauten. Innerhalb eines Monats etwa wurde die Eisenbahnbrücke wieder instandgesetzt, die die vom Krieg zerstörten Städte wie die Kiewer Vororte Irpin, Butscha und Borodjanka mit der Hauptstadt verbindet.
15.05.2022, red., ORF.at/Agenturen

Links:
Symbol des Widerstands: Ukrainische Eisenbahn trotzt Angriffen
 

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#50
Ukrainer nutzen E-Bikes, um russische Panzer mit Raketen zu zerstören
Das ukrainische Start-up Delfast liefert nach eigenen Angaben bereits seit Kriegsbeginn seine Gefährte für den Fronteinsatz
Mit dem Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine haben sich auch für die Start-up-Szene des Landes die Prioritäten von einem Tag auf den anderen komplett geändert. Wie sehr, das verdeutlicht nun ein aktueller Bericht von Electrek.

Anschleichen
Die für besonders leistungsstarke E-Bikes bekannte Firma Delfast versorgt demnach bereits seit Wochen ukrainische Truppen mit speziell angepassten Versionen der eigenen Gefährte. Deren Aufgabe: Soldaten zu ermöglichen, sich möglichst unauffällig an russische Panzer heranzuschleichen, um sie dann mit leichten Panzerabwehrwaffen anzugreifen.



Quelle: https://www.facebook.com/photo?fbid=5486759144701664&set=pcb.5486763964701182

Diese Behauptung illustriert der Gründer von Delfast, Daniel Tonkopi, mit einigen Bildern, die er auf Facebook geteilt hat. Darauf ist besagte Spezialversion eines Delfast-E-Bikes zu sehen, die mit einer Halterung für eine "Next Generation Light Anti-Tank Weapon" (NLAW) ausgestattet ist. Dass er damit jetzt an die Öffentlichkeit geht, argumentiert Tonkopi damit, dass man auf eine offizielle Erlaubnis der Armee gewartet habe – die nun gegeben wurde.

Schnell und leise
NLAW-Raketen können von einer einzelnen Person abgefeuert werden und wiegen nur 12,5 Kilogramm. Die E-Bikes bieten sich dabei als unauffälliges Transportmittel an. Immerhin sind sie äußerst leise und doch leistungsstark. Bei einer Reichweite von rund 320 Kilometern erreichen sie Spitzengeschwindigkeiten von 80 km/h.

Der Bericht ist eine Erinnerung daran, dass neue Technologien in Kriegen immer schon eine wichtige Rolle gespielt haben. Delfast ist nicht einmal der erste E-Bike-Hersteller, der ukrainische Truppen versorgt. So hat die ebenfalls aus der Ukraine stammende Firma Eleek erst vor wenigen Tagen öffentlich gemacht, dass man E-Bikes an die eigene Armee liefert. Diese sind aber nicht für direkte Angriffe gedacht, sondern dazu, Scharfschützen einen möglichst flotten und unauffälligen Standortwechsel zu erlauben.

Viel Interesse
Die Ukraine ist auch nicht das einzige Land, das den militärischen Einsatz von E-Bikes erprobt. Die norwegischen Streitkräfte verwenden entsprechende Gefährte schon seit 2018 bei Grenzpatrouillen. Doch auch in Australien und den USA werden entsprechende Gefährte seit Jahren getestet.
(red, 19.5.2022)
Ukrainer nutzen E-Bikes, um russische Panzer mit Raketen zu zerstören
 

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#51
Rumoren in der russischen Armee

Nach weiter ausbleibenden durchschlagenden Erfolgen in der Ukraine scheint es im russischen Militär zu rumoren. Nach Informationen des britischen Geheimdienstes wurden mehrere hochrangige Kommandeure ihres Postens enthoben. Sündenböcke für die Lage verantwortlich zu machen würde aber die russische Armee weiter schwächen, glaubt der Geheimdienst. Zuvor waren von russischer Seite erstmals öffentlich Schwierigkeiten und Fehler eingeräumt worden.
Online seit gestern, 20.07 Uhr
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Des Amtes enthoben wurde laut den Angaben der Kommandant der russischen Schwarzmeer-Flotte, Igor Ossipow. Die Schwarzmeer-Flotte hatte Mitte April ihr Flaggschiff „Moskwa“ verloren – nach ukrainischer Darstellung durch Beschuss mit zwei Raketen. Zudem wurde nach britischen Angaben der russische Generalleutnant Sergej Kissel nach erfolglosen Angriffen in der Region Charkiw abgelöst. Von russischer Seite gab es dafür keine Bestätigung.

Über die angebliche Entlassung der beiden hochrangigen Militärs hatten kürzlich schon der ukrainische Geheimdienst und anschließend Medien wie der Sender Hromadske berichtet. Dort war von weiteren hochrangigen Kommandanten die Rede, die den Platz hätten räumen müssen: Wladislaw Jerschow, Kommandeur der Sechsten Armee, der Generalmajor Arkadi Marzojew und der für Logistik zuständige Michail Ponomarew.

AP/Russisches Verteidigungsministerium/Valim Savitsky
Die gesunkene „Moskwa“ auf einem Archivbild

Druck auf Kommandeure wächst
Nach Einschätzung des britischen Geheimdiensts dürften viele russische Militärs zunehmend damit beschäftigt sein, die Verantwortung für Rückschläge von sich zu weisen. „Das wird wahrscheinlich den Druck auf die zentralisierten russischen Kommandostrukturen weiter erhöhen“, hieß es in der Mitteilung: Offiziere würden wohl zunehmend versuchen, wichtige Entscheidungen an ihre Vorgesetzten zu delegieren. Unter diesen Bedingungen werde „es für Russland schwierig sein, die Initiative wiederzuerlangen“.

Die nun offenbar abgelösten hochrangigen Offiziere sind nicht die ersten Köpfe, die ausgetauscht wurden. Schon im März wurde berichtet, dass der Abteilungsleiter des Geheimdienstes FSB für Spionage in ehemaligen Sowjetländern, Sergej Beseda, und sein Stellvertreter Anatoli Boljuch abberufen wurden. Beseda soll nach Medienberichten mittlerweile im Hochsicherheitstrakt eines Gefängnisses sitzen.

Gerüchte über Generalstabschef und Putin-Einmischung
Spekulationen gibt es auch über Generalstabschef Waleri Gerassimow. Nach dem Rückzug aus Kiew bekam er das zentrale Kommando für die russischen Streitkräfte, um insbesondere die Offensive im Donbas zum Erfolg zu führen. Gelungen ist das bisher nicht. Bei der großen Militärparade am 9. Mai war er – wie Vizeadmiral Ossipow – nicht zu sehen, was Gerüchte anheizte, auch er könnte mittlerweile in Ungnade gefallen sein. Der britische Geheimdienst glaubt allerdings, dass er wahrscheinlich noch das Kommando hat.

Reuters/Jorge Silva
Zerstörte Militärfahrzeuge nördlich von Kiew

Allerdings berichtete der „Guardian“ kürzlich ebenfalls unter Berufung auf Geheimdienstkreise, dass sich der russische Präsident Wladimir Putin mittlerweile persönlich in die Militärplanung einmischt: „Wir glauben, dass Putin und Gerassimow an taktischen Entscheidungen auf einer Ebene beteiligt sind, von der wir normalerweise erwarten würden, dass sie von einem Oberst oder einem Brigadegeneral getroffen werden“, hieß es in dem Bericht. Wie glaubwürdig das ist, ist unklar: Zu Beginn hatte es ja geheißen, Putin werde kaum über den Verlauf informiert und sei daher weitgehend ahnungslos.

Schwierigkeiten eingeräumt
In den vergangenen Tagen hatte es von russischer Seite erstmals sanfte Eingeständnisse gegeben, dass der Angriff nicht nach Plan verläuft. „Trotz aller Schwierigkeiten wird die militärische Spezialoperation bis zum Ende fortgeführt“, sagte der stellvertretende Sekretär des Nationalen Sicherheitsrates, Raschid Nurgalijew, am Mittwoch. Trotz der Waffenlieferungen des Westens an die Ukraine gehe die Operation weiter.
Der Präsident der russischen Teilrepublik Tschetschenien im Nordkaukasus, der als Diktator geltende Ramsan Kadyrow, sprach sogar von „Fehlern“ zum Start des am 24. Februar begonnen Krieges gegen die Ukraine. „Am Anfang gab es Fehler, einige Unzulänglichkeiten gab es, aber jetzt läuft alles hundertprozentig nach Plan“, meinte Kadyrow auf einem politischen Forum. Die gestellten Aufgaben würden jetzt in vollem Umfang erfüllt.

Offene Worte im Staatsfernsehen
Und im russischen Staatsfernsehen hatte am Montag ein Militärexperte die Zuschauer einer Talkshow mit einer pessimistischen Bewertung des Ukraine-Krieges überrascht. Die ukrainischen Streitkräfte seien weit von Zerfall entfernt und Russland in der Welt durch den Krieg isoliert, sagte der ehemalige russische Generalstabsoffizier Michail Chodarjonok.

Er widersprach einer Reihe von Behauptungen der russischen Staatspropaganda, die er als „Info-Beruhigungstabletten“ kritisierte. „Das größte Problem unserer militärisch-politischen Lage ist unsere völlige geopolitische Isolation“, sagte der Oberst. Moskau müsse daher einen Ausweg aus der Lage finden, „dass die ganze Welt gegen uns ist“. Chodarjonoks Aussagen stießen auch deshalb auf so großes Interesse, weil kritische Stimmen in Russland seit Kriegsbeginn weitgehend ausgeschaltet wurden.

Allerdings dürfte nach der Sendung jemand ein ernstes Wort mit ihm geredet haben. Am Mittwoch war er wieder im staatlichen Fernsehen zu Gast und zeigte sich dort überzeugt, dass Russland die Ukraine militärisch schlagen werde. Zudem empfahl er, die von den USA jüngst gelieferten Haubitzen vom Typ M-777 besonders ins Visier zu nehmen. Zu glauben, dass die Ukrainer einen Gegenangriff starten könnten, sei „eine große Übertreibung“.

Desaster bei Flussüberquerung
Als möglicher Auslöser der Kritik und auch der Entlassungen gilt ein völlig verunglückter Vorstoß der russischen Armee am 11. Mai: Bei dem Versuch der russischen Truppen, den Fluss Siwerskyj Donez im Donbas zu überqueren, verloren die Russen bei einem ukrainischen Gegenangriff offenbar alle gepanzerten Fahrzeuge einer taktischen Bataillonsgruppe. Dabei fielen laut Berichten auch mehrere hundert russische Soldaten.

Laut „New York Times“ gab es danach scharfe Kritik prorussischer Militärblogger, die auch in Russland ein großes Publikum haben. Von „Dummheit“ sprach einer, ein weiterer schrieb, die Aktion sei nicht mehr „Idiotie, sondern bereits direkte Sabotage“. Gefordert wurde ein Köpferollen der Verantwortlichen.

Kaum Frontverschiebungen erwartet
Schnelle russische Erfolge sind in nächster Zeit laut Militärexperten nicht zu erwarten. Zuletzt musste man sich aus der Umgebung von Charkiw zurückziehen. Der vermutete Plan zu Beginn der Offensive im Donbas, die ukrainischen Streitkräfte im großen Stil einzukesseln, gilt als gescheitert. Zuletzt konnte die russische Armee zwar mehrere kleine Orte einnehmen, große Frontverschiebungen gab es aber nicht. Und Experten erwarten für die nächsten Wochen weiter einen Stellungs- und Abnützungskrieg.

AP/Bernat Armangue
Auch die Umgebung von Charkiw wird wieder von der Ukraine kontrolliert

Die Ukraine werde die Zeit wohl nutzen, die neu aus dem Westen gelieferten Waffen in ihren Verteidigungsverbund zu integrieren und Schulungen daran vorzunehmen, heißt es. Und Russland muss nach schweren Verlusten möglicherweise seine Kräfte neu formieren. Dabei steht man allerdings vor dem Problem, nicht endlos Kräfte als Nachschub zur Verfügung zu haben, meinen Experten. Schon jetzt leide die Moral der Truppe sehr – und das sei kein Zufall, schrieb zuletzt „Foreign Policy“: Russland behandle seine Soldaten notorisch schlecht, auch der Umgang mit den Angehörigen von Gefallenen schrecke Männer ab, sich rekrutieren zu lassen.

Proteste gegen Rekrutierungen in „Volksrepubliken“
Doch damit nicht genug. In den von Russland annektierten „Volksrepubliken“ Luhansk und Donezk regt sich laut ukrainischen Quellen immer mehr Widerstand gegen die Zwangsrekrutierung von Männern. In den prorussischen Gebieten werden Männer bis 60 Jahre zum Kampf verpflichtet. Schon in den vergangenen Wochen hatte es Meldungen gegeben, wonach sich Männer verstecken würden, um nicht eingezogen zu werden: Dem Vernehmen nach werden die Männer teilweise mit museumsreifen Waffen an die Front geschickt. Nun gibt es Berichte, wonach es in Donezk und Luhansk bereits Proteste gibt – auch weil keine Entschädigungen an die Familien von Verletzten und Gefallenen gezahlt werden.
20.05.2022, ckör, ORF.at/Agenturen

Links:
Berichte: Rumoren in der russischen Armee
 

josef

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#52
Russland nutzt nach eigenen Angaben Laserwaffen in Ukraine, die USA widersprechen
Russische Regierung will angeblich mit der neuen Technologie die nächsten Wochen für sich entscheiden. Im Pentagon weiß man nichts vom Einsatz solcher Waffen

Laserwaffen werden seit Jahrzehnten in zahlreichen Ländern erforscht. Zum Einsatz kamen sie bisher selten.
Foto: Reuters/US Navy

In einem offiziellen Statement hat der russische Vizeministerpräsident Juri Borissow am Mittwoch wissen lassen, dass man derzeit neue Laserwaffen im Krieg in der Ukraine einsetze, um damit den aus dem Westen importierten Waffen begegnen zu können, mit denen sich die Ukraine aktuell erfolgreich gegen die Invasion stemmt.

Angeblich im Einsatz
Laut Borissow sind unter dem Namen Sadira bereits Waffen mit der neuen Lasertechnologie im Einsatz, primär für den Abschuss von Drohnen. In einem Test sei ein kleines Objekt auf eine Entfernung von rund fünf Kilometern getroffen und innerhalb weniger Sekunden verbrannt worden, zitierte die Nachrichtenagentur Reuters den Vizeministerpräsidenten. Man sei drauf und dran, bisherige Waffen mit der neuen Technologie auszutauschen. Ein weiteres System, Pereswet, könne zudem aktuell bereits Satelliten blenden, die bis zu 1.500 Kilometer über der Erde schweben.

Widerspruch
Eine Reaktion des US-Verteidigungsministeriums nährt allerdings gewisse Zweifel an dieser Darstellung. Es gebe bisher keinerlei Hinweis auf den Einsatz von Laserwaffen in der Ukraine, formuliert es das Pentagon.

Auch ein neues, von Russland als revolutionär gepriesenes Raketensystem wird derzeit in der Ukraine getestet. Die Kinschal-Hyperschallraketen können von Kampfjets abgefeuert und laut russischen Angaben nicht abgewehrt werden. Dem haben US-Behörden allerdings bereits widersprochen. Sie bezeichnen die Kinschal als herkömmliche Waffe, deren besondere Fähigkeit einzig darin bestehe, aus der Luft abgefeuert werden zu können.

Forschung läuft
Schon seit Jahrzehnten wird an Laserwaffen geforscht. In den letzten Jahren haben sich die sogenannten Wave Laser durchgesetzt, also Dauerstrichlaser, die auf das Ziel gerichtet werden müssen und dann einen anhaltenden Strahl abfeuern, um das Objekt zu zerstören. Die USA forschen parallel dazu schon länger an der Pulstechnologie, die kurze Pulse mit sehr hoher Leistung abschießen kann. Unter der Bezeichnung Tactical Ultrashort Pulsed Laser stellte das US-Militär Anfang 2021 eine solche Waffe vor – zum Einsatz ist sie offiziell noch nicht gekommen.

Aber auch andere Länder arbeiten nachweislich an dieser Technologie. Das israelische Militär sprach bereits 2020 von einem einsatzbereiten Lasersystem, das Raketenbeschuss aus dem Gazastreifen oder anderen Regionen effektiv abfangen könne. In einem Tweet erklärte Premierminister Naftali Bennett erst vor wenigen Tagen, dass das System einsatzbereit und zudem kostengünstig sei.

Auch China will schon länger über starke Laserwaffen verfügen. Wirklich im Einsatz hat man die meisten dieser Waffen allerdings noch nicht gesehen – genauso wie die Laserwaffen, die Russland angeblich derzeit in der Ukraine einsetzt und die von den USA aufgrund ihres nicht nachgewiesenen Einsatzes jetzt als Propaganda bezeichnet werden.
(red, 20.5.2022)
Russland nutzt nach eigenen Angaben Laserwaffen in Ukraine, die USA widersprechen
 

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#53
ORF - Liveticker zu den Kämpfen in der Ukraine - Teil 4:
Fortsetzung von Beitrag #40:


25.05.: Selenskyj: „Lage im Donbas äußerst schwierig“

26.05.: Mariupol-Kämpfer: Kiew hofft auf Gefangenenaustausch

27.05.: Separatisten: Haben Lyman eingenommen

28.05.: Gouverneur: Russen in Sjewjerodonezk eingedrungen

29.05.: „Sehr schwere“ Woche für Sjewjerodonezk

30.05.: Kiew meldet Eroberungen bei Cherson

31.05.: Sjewjerodonezk zum Teil in russischer Hand

01.06.: USA wollen moderne Raketensysteme liefern

02.06.: Ukraine: Luhansk in „schwierigster Situation“

03.06.: Durchhalteparolen an Tag 100 des Ukraine-Krieges

04.06.: Kiew: Russland verstärkt Truppen bei Sjewjerodonezk

05.06.: Kiew erstmals seit Wochen wieder beschossen

06.06.: Keine Überflugrechte: Lawrow streicht Serbien-Reise

07.06.: Ukraine: Heftige Straßenkämpfe in Sjewjerodonezk

08.06.: Trotz Überlegenheit kein russischer Durchbruch

09.06.: Kiew: Russen ändern Taktik in Sjewjerodonezk

10.06.: London warnt vor Choleraausbruch in Mariupol

11.06.: Von der Leyen traf Selenskyj in Kiew

12.06.: Kiew: Kontrolle über Chemiewerk in Sjewjerodonezk

13.06.: Nur noch eine Brücke nach Sjewjerodonezk

14.06.: Asot-Fabrik: Moskau kündigt Korridor nach Luhansk an

15.06.: Macron: Kiew wird mit Moskau verhandeln müssen

16.06.: UNO: Schwere Gräueltaten in Mariupol

17.06.: Chemiefabrik in Sjewjerodonezk praktisch zerstört

18.06.: Kiew: Hohe materielle Verluste der Armee

19.06.: NATO-Chef: „Krieg könnte Jahre dauern“

20.06.: Experten: Russische Schwächen bei Offensive

21.06.: Entwurf: Neue Sanktionen gegen Russland geplant

22.06.: Russische Geländegewinne bei Sjewjerodonezk

23.06.: Ukrainischen Truppen droht Einkesselung

24.06.: Sjewjerodonezk: Ukraine ordnet Rückzug an
 
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#54
RUSSISCHER ANGRIFF
100 Tage Krieg in der Ukraine und kein Ende in Sicht
Die Menschen, die geblieben sind, versuchen den Kriegsalltag so gut wie möglich zu bewältigen und sich der Realität zu stellen. Die kulturelle "Entrussifizierung" schreitet voran

Arbeiter demontieren in Kiew das sowjetische Denkmal der ukrainisch-russischen Freundschaft, das 1982 errichtet wurde.
Foto: Genya Savolov / AFP

Als der Radiomoderator und Sportjournalist Kostjantyn Dulzew am Morgen aus dem Kiewer Randbezirk Obolon mit der U-Bahn ins Stadtzentrum zur Arbeit fährt, weiß er bereits, dass sein ziviles Leben in wenigen Tagen vorübergehend vorbei sein wird: "Als der Krieg begann, wollte ich eigentlich der Territorialen Verteidigung beitreten. Ich wurde aber vorerst nicht genommen, weil es keine Waffen mehr gab", erzählt der kräftige Mann in seinen späten Dreißigern.

Nun wurde er aber vom Wehramt doch eingeladen und beginnt in Kürze mit der Ausbildung zum Pionier. "Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, ich hätte keine Angst, auch wenn es sich bei mir nicht um die vordere Front handelt. Ich will aber etwas zum Sieg beitragen."

Glaube an den Sieg
100 Tage nach dem Beginn der großangelegten russischen Invasion bleiben die ukrainische Hauptstadt sowie die gesamte Gesellschaft trotz allem ähnlich zuversichtlich und siegessicher wie Kostjantyn. Mehr als 90 Prozent der Ukrainer glauben unterschiedlichen Umfragen zufolge an einen Sieg der ukrainischen Streitkräfte. Laut einer aktuellen Studie des Kiewer Internationalen Soziologie-Instituts von Mitte Mai lehnen 82 Prozent der Ukrainer jegliche territorialen Kompromisse ab.

Selbst im Osten liegt diese Zahl bei 68 Prozent. "Es ist aber klar, dass dieser Krieg lange dauern wird", sagt Dulzew, dem allerdings die Erfahrungen der ersten Tage viel Kraft geben: "In unserem Wohnblock wurden damals Molotowcocktails gebaut, und wir waren bereit, sie auf russische Panzer zu werfen. Unter allen, die nicht ausgereist sind, herrschte Einheit. Das motiviert."

Große Konsolidierung
"Wir erleben tatsächlich eine große Konsolidierung der ukrainischen Gesellschaft. Die innenpolitischen Streitigkeiten spielen fast keine Rolle mehr", erzählt Petro Oleschtschuk, Politologe von der Kiewer Schewtschenko-Universität. "Mit seinem Angriff wollte Russland zeigen, dass die Ukraine keine eigene Nation ist. Das Bekenntnis zur ukrainischen Nation findet sich aber nicht nur in Kiew und Lwiw, sondern nun auch deutlich in Sumy, Charkiw und in den besetzten Städten Cherson und Melitopol. Putin erreicht das Gegenteil dessen, was er wollte", sagt Oleschtschuk.

Schon seit der Annexion der Krim und dem Beginn des Donbass-Krieges vor acht Jahren sind die Sympathien der Ukrainer gegenüber Russland gesunken. Anfang Februar 2022 waren nach Angaben des Kiewer Internationalen Soziologie-Instituts noch 34 Prozent Russland gegenüber positiv eingestellt, wobei hier ohnehin mehr das Land und weniger das Putin-Regime gemeint war. Inzwischen sind das nur mehr zwei Prozent. Und auch hier gilt: Selbst im überwiegend russischsprachigen Osten liegen die Sympathien für Russland nur noch bei wenigen Prozent.

Sowjet-Denkmäler entfernt
Die Ereignisse von 2014 haben in der Ukraine bereits zur sogenannten "Entkommunisierung" geführt. Noch während der Maidan-Revolution wurden etwa Lenin-Denkmäler spontan durch Aktivisten abgerissen. Bis 2018 wurden dann gezielt im Rahmen der staatlichen Politik die meisten Reminiszenzen an die sowjetische Herrschaft entfernt.

Nun folgt, vorerst ähnlich spontan, die "Entrussifizierung". So gibt es in mehreren Städten Initiativen zur Umbenennung der nach Russen benannten Städte. In Kiew wurden mehr als 12.000 Vorschläge eingereicht, die nun ein Expertenrat prüfen wird. Anschließend werden die Optionen den Bewohnern zur Online-Wahl gestellt. "Das ist jetzt einfach an der Zeit", betont Politologe Oleschtschuk, "das ist eine Initiative, die wirklich direkt von den Menschen kommt."

Der Politologe Taras Rad, einer der Autoren dieser Initiative im westukrainischen Lwiw, meint, dass es dabei nicht um Nulltoleranz gegenüber der russischen Kultur gehe. "Eigentlich geht es schlicht um die Dekolonisierung", erklärt er. "Natürlich gibt es zum Beispiel russische Schriftsteller, die zum Kulturerbe der Welt gehören. Doch viele dieser Schriftsteller haben gar keinen Bezug zur Ukraine", erläutert Rad. Sie seien schlicht ein Überbleibsel aus der Sowjetzeit, als die russische Kultur quasi als wertvollere Kultur und die ukrainische als provinziell gegolten habe. "Puschkin wusste natürlich nicht, dass seine Bücher als Instrument der sowjetischen Expansion benutzt werden würden. Doch was hat eigentlich eine Puschkin-Straße in Lwiw oder in Iwano-Frankiwsk zu suchen?"

Ausdauer und Realismus
Insgesamt haben sich die Menschen an den Krieg gewöhnt", glaubt Oleschtschuk. "Er wird für längere Zeit Realität sein, die Menschen müssen ihr Leben irgendwie fortsetzen." Die ukrainische Gesellschaft sei laut Oleschtschuk realistisch genug, um zu wissen, dass der große Sieg der Ukraine weder morgen noch übermorgen komme. "Es ist aber den Menschen klar, dass irgendwelche halbherzigen Schritte – eine Art neues Minsker Abkommen – keinen Sinn mehr machen. Man muss das Problem mit Russland diesmal wirklich lösen."

Dass ausgerechnet der menschliche Wolodymyr Selenskyj in diesem Moment Präsident ist, hält Oleschtschuk dabei für wichtig. "Die Ukrainer brauchen einen Leader wie Selenskyj. Das ist bei einem langen und schweren Kampf nicht zu unterschätzen."
(Denis Trubetskoy aus Kiew, 3.6.2022)

Zum Thema:
Kiew zweifelt an militärischer Rückeroberung aller Gebiete
Stalins verdrängter Massenmord in der Ukraine

100 Tage Krieg in der Ukraine und kein Ende in Sicht
 

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#55
Innenpolitische Konflikte in der Ukraine wegen des Krieges auf Sparflamme
Nach dem Überfall Russlands stieg die Zustimmung für Präsident Selenskyj. Die Streitigkeiten in der Innenpolitik werden zurzeit nicht offen ausgetragen

Kriegsbedingte Zurückhaltung: Präsident Selenskyj und ...
Foto: AFP/RONALDO SCHEMIDT


... dessen Vorgänger Poroschenko befinden sich im Dauerkonflikt.
Foto: EPA/MIGUEL A. LOPES

Die ukrainische Innenpolitik war bis unmittelbar vor Beginn der russischen Invasion von größeren Turbulenzen geprägt: Zum einen war da der Konflikt zwischen Präsident Wolodymyr Selenskyj und seinem Erzrivalen und Vorgänger Petro Poroschenko; zum anderen eskalierte auch Selenskyjs Auseinandersetzung mit dem reichsten Mann der Ukraine, Rinat Achmetow, der unter anderem mit der sogenannten Entoligarchisierung unzufrieden war. Die von Achmetow kontrollierten Medien griffen Selenskyj hart an. Der Präsident, der von ihm zunächst unterstützt worden war, gab sich beleidigt.

Doch der 24. Februar veränderte die Lage dann grundlegend. Zwar war Selenskyj auch schon vor dem großen Krieg in der Beliebtheitsskala auf dem ersten Rang gelegen, jedoch lediglich mit Werten um die 25 Prozent – ein gewaltiger Unterschied zu den 73 Prozent, mit denen er die Wahl 2019 gewonnen hatte. In den ersten Umfragen nach Kriegsbeginn im Februar lag die Unterstützung für Selenskyj dann bei 91 Prozent. Dieser Wert mag inzwischen zwar wieder etwas gesunken sein – die breite Unterstützung für den Präsidenten ist aber unbestritten.

Auch der Konflikt mit Achmetow hat sich beruhigt. Der Großunternehmer gilt als größter Einzelspender für die ukrainische Armee. Seine Medien machen beim "Fernsehmarathon" Gemeinsame Nachrichten, der von großen Sendern gemeinsam übertragen wird, an vorderer Stelle mit, was noch Mitte Februar unvorstellbar schien.

Kritik über die Bande
Trotzdem herrscht in der Ukraine kein vollständiger innenpolitischer Waffenstillstand wegen des russischen Angriffskriegs. Da Ex-Präsident Poroschenko zu schlechte Karten hat, um seinen Nachfolger öffentlich zu kritisieren, übernehmen das Abgeordnete seiner Partei Europäische Solidarität sowie seine Nachrichtensender, die dem TV-Nachrichtenmarathon trotz gesetzlicher Verpflichtung nicht beitreten wollten und deswegen aus der digitalen Senderliste genommen wurden. "Dadurch haben sie zehn bis 20 Prozent der Zuschauer verloren", schätzt Medienexperte Andrij Janizkyj von der Kyiv School of Economics. "Die Poroschenko-Sender hätten im Rahmen des Marathons ihre Linie nicht wie gewünscht bringen können, und das Büro von Selenskyj hatte Angst vor möglicher Kritik."

Aus dem Poroschenko-Lager wird Selenskyj oft vorgeworfen, die westlichen Warnungen vor einer großen Invasion nicht ernst genug genommen und sich weniger auf die Finanzierung der Armee als auf verschiedene Bauprojekte konzentriert zu haben. Außerdem gibt es Forderungen nach Aufklärung: Wie konnte es zu einer derart schnellen Besetzung der südukrainischen Stadt Cherson durch russische Truppen kommen? Das will der Staat zwar untersuchen, aber eher erst nach dem Krieg groß thematisieren.

Es geht aber nicht nur um direkte Kritik: Die Unterstützer Poroschenkos schreiben fast alle Erfolge der ukrainischen Armee auf die positiven Entwicklungen während dessen Amtszeit 2014 bis 2019 zu. In der Gesellschaft wird dies durchaus mit Humor quittiert – etwa mit Scherzen wie: "Die Band Kalush, die den Eurovision Song Contest gewonnen hat, wurde während der Amtszeit von Poroschenko gegründet."

Probleme mit QR-Code?
Aber auch das Team um Selenskyj spart nicht mit Stichen gegen Poroschenko: So durfte dieser Ende Mai erst im dritten Anlauf das Land verlassen, um dem Parteitag der Europäischen Volkspartei und der Parlamentarischen Versammlung der Nato beiwohnen zu können. Angeblich konnten die Grenzpolizisten den QR-Code in Poroschenkos Dienstreisedokumenten nicht scannen.

"Ich weiß nicht, ob dies das einzige Problem war. Die Erlaubnis ist das eine – die vorliegenden Strafverfahren gegen Poroschenko sind das andere", betonte der Selenskyj nahestehende Politologe Wolodymyr Fessenko im Radiosender NV. "Ihn nicht rauszulassen, das war aber trotzdem ein Fehler."

Nach Angaben des Online-Mediums Ukrajinska Prawda (Ukrainische Wahrheit) endete Poroschenkos Dienstreise übrigens am 2. Juni, er wurde allerdings nach diesem Datum in London gesichtet – was in Medien und sozialen Netzwerken eifrig debattiert wurde, denn schon seit längerem wird Poroschenko vorgeworfen, zusammen mit dem Putin-nahen Politiker und Unternehmer Wiktor Medwedtschuk an der umstrittenen Zulassung einer Ölpipeline sowie an illegalem Kohlehandel mit den selbsternannten Volksrepubliken im Donbass mitgewirkt zu haben.

Poroschenko belastet
Medwedtschuk selbst war deswegen vor dem 24. Februar in Hausarrest, verschwand dann unter unklaren Umständen, wurde letztlich aber wieder festgenommen und belastete Poroschenko schwerwiegend im Rahmen einer Befragung durch den Inlandsgeheimdienst. Ob seine Aussagen ernst zu nehmen sind, ist aber fraglich.

Der Konflikt zwischen Selenskyj und Poroschenko ist jedenfalls trotz des Krieges noch lange nicht zu Ende, auch wenn er aktuell nun eine untergeordnete Rolle spielt.
(Denis Trubetskoy aus Kiew, 9.6.2022)

Zum Thema:
Selenskyj schließt "Patt" und Gebietsabtretungen vehement aus
100 Tage Krieg in der Ukraine – und was nun?
"Time Magazine" listet Selenskyj unter 100 einflussreichsten Menschen

Innenpolitische Konflikte in der Ukraine wegen des Krieges auf Sparflamme
 

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#56
Kiews Munitionsvorräte teils höher als zu Kriegsbeginn
Online seit heute, 13.42 Uhr
Die ukrainische Armee hat aus dem Westen bereits mehr als 150 schwere 155-Millimeter-Haubitzen aus NATO-Beständen bekommen.
„Die Munitionsvorräte dieses Kalibers übersteigen bereits um zehn Prozent die Bestände großer sowjetischer Kaliber zum Stand 24. Februar 2022“, schrieb Verteidigungsminister Olexij Resnikow heute in einem Beitrag auf Facebook. An 24. Februar hatte der russische Angriff auf die Ukraine begonnen.

Geschütze, Panzer, Flugkörper
Dazu seien noch etwa 50 Geschütze anderen Kalibers eingetroffen, sagte Resnikow. Für diese lägen die Munitionsvorräte bei gut 75 Prozent des Bestands vom Kriegsbeginn. Geliefert worden seien auch Dutzende Raketenwerfer sowjetischen Typs und Hunderte schwere Granatwerfer mit entsprechender Munition.

Resnikow berichtete zudem über den Erhalt von Hunderten Panzern und Schützenpanzern sowjetischen Typs und etwa 250 westlichen gepanzerten Fahrzeugen. Daneben wurden Tausende an tragbaren Flugabwehr- und Panzerabwehrsystemen und Granatwerfern und Hunderte Drohnen, darunter Dutzende Angriffsdrohnen, geliefert.

Die Küstenverteidigung sei durch von den USA gelieferte moderne Seezielflugkörper des Typs A/R/UGM-84 „Harpoon“ entscheidend gestärkt worden.

Weitere Lieferungen gefordert
Trotzdem forderte Resnikow weitere und schnellere Lieferungen. „Ich kann nicht sagen, dass ich zufrieden bin mit der Geschwindigkeit und der Zahl der Waffenlieferungen“, fasste Resnikow zusammen.

Ziel sei es, Raketenwerfer westlichen Typs mit Munition zu erhalten und sowjetische Artilleriesysteme komplett durch westliche zu ersetzen. Zudem seien für eine Gegenoffensive Hunderte schwere Panzer, Kampfflugzeuge und Flugabwehrsysteme nötig.
09.06.2022, red, ORF.at/Agenturen

news.ORF.at
 

josef

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#57
RUSSLAND VS. NATO
Exklave Kaliningrad als neuer Brennpunkt
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Als Folge der russischen Invasion könnte nun ein weiterer, potenziell gefährlicher, Konflikt entstehen: Litauen verbietet unter Verweis auf EU-Sanktionen teils russische Warenlieferungen per Zug in die baltische Exklave Kaliningrad. Russland reagiert wütend. Das Gefährliche daran: Eine Eskalation könnte im schlimmsten Fall zu einer bisher strikt vermiedenen direkten Konfrontation Russlands und der NATO führen.
Online seit heute, 18.52 Uhr
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Das EU- und NATO-Mitglied Litauen hat am Wochenende Beschränkungen für den Güterverkehr von Russland via Litauen in die Exklave Kaliningrad in Kraft gesetzt und beruft sich dabei auf die Umsetzung der EU-Sanktionen gegen Russland. Moskau reagierte empört und sprach umgehend von einer „Blockade“ und „illegalen“ Maßnahmen. Der nationale Sicherheitsrat Russlands kündigte am Dienstag Gegenmaßnahmen an.

Die Exklave Kaliningrad um das ehemalige Königsberg liegt zwischen den beiden EU- und NATO-Staaten Litauen und Polen. Sie ist nur etwa 350 Kilometer von Warschau und 500 Kilometer von Berlin, aber mehr als 1.000 Kilometer von Moskau entfernt. In der Exklave hat Russland seine Ostsee-Flotte stationiert.

OpenStreetMap
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Außerdem sind dort Iskander-Raketensysteme stationiert. Dieses fahrzeuggebundene System kann sowohl ballistische Kurzstreckenraketen als auch Marschflugkörper abfeuern – unklar ist bisher, ob sich Nuklearsprengköpfe in der Exklave befinden. Im Mai, als im Westen die Angst vor einer möglicherweise gestiegenen Gefahr einer nuklearen Auseinandersetzung einen vorläufigen Höhepunkt erreichte, hielt Russland in Kaliningrad Übungen – inklusive Iskander-Raketensystemen – ab.

Warnung vor und Ruf nach Landkorridor
Bereits kurz nach der russischen Invasion in die Ukraine gab es im Westen Spekulationen, Russland könnte im Fall eines raschen Erfolgs als Nächstes versuchen, eine Landverbindung zur Ostsee-Exklave zu schaffen. In Talkshows des russischen Staatsfernsehens erhoben Teilnehmer in den vergangenen Wochen mehrfach die Forderung nach der Schaffung eines „Korridors“ zwischen Kernrussland und der Ostsee-Exklave Kaliningrad. Das würde allerdings eine direkte Auseinandersetzung mit zwei NATO-Staaten – Litauen und Lettland – bedeuten.
Eine andere, in baltischen Staaten auch genannte Alternative eines russischen Angriffs wäre die „Suwalki-Spalte“ – eine knapp 100 Kilometer breite Ost-West-Linie zwischen Kaliningrad und Belarus. Hier könnte Russland von beiden Seiten gleichzeitig vorstoßen, so die vom früheren estnischen Präsidenten Toomas Hendrik Ilves gegenüber der Nachrichtensite Politico geäußerte Befürchtung. In diesem Fall wären effektiv die baltischen Staaten damit vom Rest der EU und der NATO abgeschnitten. Dafür müsste Russland freilich Litauen und Polen, also zwei NATO-Staaten, angreifen.
Der Vizevorsitzende des russischen Sicherheitsrats, Dimitri Medwedew, hatte bereits im April gewarnt, im Fall eines NATO-Beitritts von Schweden und Finnland werde die Region nicht „atombombenfrei“ bleiben können. Er deutete damit an, dass Russland entweder bereits in Kaliningrad befindliche Atomsprengköpfe öffentlich machen oder solche dorthin bringen könnte.

EU setzt auf Beruhigung
Die EU versucht zu beruhigen. Man werde nach russischer Kritik an Beschränkungen des Bahntransits eine Überprüfung von Leitlinien zu den Sanktionen vornehmen, so der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell. Zugleich appellierte die Kommission an Moskau, sich „eskalierender Schritte und Rhetorik“ zu enthalten.

„Diese Entscheidung ist wirklich beispiellos und stellt eine Verletzung von allem dar“, sagte freilich bereits am Montag Kreml-Sprecher Dmitri Peskow. Bereits die Entscheidung der EU, überhaupt Sanktionen gegen Russland zu verhängen, sei illegal. Er sprach von einer „mehr als ernsten Situation“.

Der Chef des russischen Nationalen Sicherheitsrats, Nikolai Patruschew, warnte Litauen: Die russischen Gegenmaßnahmen würden „schwerwiegende negative Folgen für die Bevölkerung in Litauen haben“.

Borrell verteidigt Litauen
Borrell betonte freilich, Litauen habe keinerlei unilaterale Maßnahmen erlassen, sondern handle auf Grundlage von Leitlinien der EU-Kommission zur Umsetzung von Sanktionen. Anschuldigungen gegen das Land seien „falsch“ und „reine Propaganda“. Borrell betonte zudem, dass der Transit von Personen und nicht sanktionierten Gütern weiter laufe.

Litauen hat seit Samstag den Bahntransit von Waren über sein Territorium nach Kaliningrad verboten, die auf westlichen Sanktionslisten stehen. Laut dem Chef der Gebietsverwaltung in Kaliningrad, Anton Alichanow, betrifft das 40 bis 50 Prozent aller Transitgüter, etwa Baumaterialien, Metalle und Luxusgüter.

Moskau forderte Vilnius dazu auf, die Restriktionen „unverzüglich“ aufzuheben. Anderenfalls werde Russland „Maßnahmen zum Schutz seiner nationalen Interessen treffen“. Durch die EU-Sanktionen wurde Kaliningrad weiter isoliert. Russische Flugzeuge müssen seither einen Umweg über die Baltische See nehmen.

Lange und reiche Geschichte
Die gesamte Region hat neben großartigen Landschaften – etwa den Sanddünen an der Kuhrischen Nehrung – eine reiche und wechselhafte politische und kulturelle Geschichte zu bieten. Mitte des 13. Jahrhunderts eroberte der Deutsche Orden die Region und gründete Königsberg. Die Stadt wurde 1525 zum Hauptsitz des Herzogtums Preußen und war bis 1918 eine der drei Residenzstädte der preußischen Monarchie. Im Zweiten Weltkrieg lange Zeit aufgrund der abgelegenen Lage von Kriegshandlungen relativ verschont, wurde es in den letzten Monaten des Kriegs weitgehend zerstört.

Sowjettruppen zogen nach der Kapitulation der deutschen Truppen im April in die Stadt ein. Noch im Herbst 1945 annektiere Sowjet-Machthaber Josef Stalin den nördlichen Teil der ehemaligen Provinz Ostpreußen inklusive Königsberg. Er rechtfertigte das vor allem mit dem Bedarf für einen eisfreien Hafen in der Ostsee.

Zwei Jahre später wurde die verbliebene deutsche Bevölkerung vertrieben. Die Region wurde zu einem militärischen Sperrgebiet, das weitgehend von der Außenwelt abgeschottet war. Durch den Zerfall der Sowjetunion und die Unabhängigkeit der baltischen Staaten 1990 wurde Kaliningrad zu einer Exklave.
21.06.2022, guti, ORF.at/Agenturen

Links:
Russland vs. NATO: Exklave Kaliningrad als neuer Brennpunkt
 
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