Krieg in Europa: Angriff Russlands auf die Ukraine

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Militärexperte Reisner über die "Achillesferse" der Ukraine, Trump und Drohnen gegen Europa
Militäranalytiker Markus Reisner in der "ZiB 2" über fehlende Abwehrsysteme, er prognostiziert einen "sehr harten Winter" für die Ukraine
Seit Beginn des Ukrainekriegs ist Militärexperte Markus Reisner, Offizier beim Bundesheer, ein gefragter Experte. Zu Recht. Immer am Punkt erklärt er kenntnisreich und verständlich die Lage in der Ukraine. So auch Sonntagabend in der ZiB 2 bei Marie-Claire Zimmermann.

Die für die Ukraine von Frankreich zugesagten Abwehrraketen werden nicht reichen, sagt er. Die Ukraine bräuchte monatlich etwa 50 Stück, die europäische Produktion hinke hier weit hinterher und die Amerikaner seien nicht bereit wieder Raketen herzugeben.

Von Trump fehle die Zusage, dass er 300 Stück Patriot Raketen liefert. Es geht um die sechs Monate, die es brauche, bis die Ukraine diese Abwehrraketen selber bauen könne. Trump versuche damit Druck auszuüben, um eine Art Waffenstillstand zu haben, um das dann als Erfolg verkünden zu können, analysiert Reisner. "Nachdem sich die USA im Iran völlig verzettelt hat, versucht man das jetzt quasi mit der Ukraine zu richten", sagt er.

Wird da aufgehen oder spielt das Russland in die Hände? Putin sehe, dass diese fehlenden Abwehrraketen die "Achillesferse der Ukraine" sei. Das sei auch der Grund, warum Russland seine Angriffe steigert. Mit neuen Waffensystemen und Drohnen, mit ballistischen Raketen aus Russland aber auch aus Nordkorea. "Russland ist überzeugt davon, diesen Krieg für sich entscheiden zu können"

Russland mobilisiert
Zimmermann weist an dieser Stelle auf die ukrainischen Drohnen hin, die etwa russische Öllager unter Beschuss nehmen. Hilft das alles nichts? Im Frühjahr und Sommer habe es die Ukraine geschafft, auf operativer und strategischer Ebene die Initiative für sich zurückgewinnen zu können. Aber jetzt verliere die Ukraine verliere gerade wieder, so Reisner. Die Russen hätten es immer wieder geschafft, sich anzupassen. Man gehe davon aus, dass Russland nach der Duma-Wahl noch eine Mobilisierung durchführen könnte und damit mit rund 300.000 Mann die Entscheidung an der Front herbeiführen möchte.


Militärexperte Markus Reisner war Sonntagabend zu Gast in der "ZiB 2".
Screenshot: ORF On

Hybride Kriegsführung gegen Europa
Und wie sieht Reisner die Drohnen, die sich in den vergangenen Monaten immer wieder auf osteuropäisches und Nato-Gebiet verirrt haben? Eine Provokation Russlands? Beabsichtigt Russland die Nato einzubeziehen in die Kämpfe? Reisner unterscheidet hier zwischen der Eskalation des Luftkrieges, die dazu führe, dass Drohnen auch in die Nachbarländer der Ukraine einfliegen.

Und auf der anderen Seite gezielte Drohneneinsätze, etwa jenem vor Leipzig-Halle, die Teil der hybriden Kriegsführung Russlands gegen Europa sei. Denn aus Sicht Russlands seien einige europäische Staaten wie Deutschland bereits Kriegspartei. Weil diese Staaten Drohnenbestandteile oder Bauteile produzieren, die die Ukraine für ihre Langstreckenkampagne brauche.

Sind diese Nato-Länder ausreichend gerüstet, um da abzuwehren? "Das versucht man gerade", so Reisner und erwähnt an dieser Stelle freilich, dass die Nato in den vergangenen Jahrzehnten abgerüstet hat und jetzt langsam wieder nachrüstet. Das sei natürlich zu kurz, "man hat ganz klar gesehen dass - wenn es der Gegner darauf ansetzt - er immer bezüglich Zeit und Ort überraschen kann". Das müsse man berücksichtigen, "wenn wir diese ganzen Drohnenüberflüge und auch Angriffe tatsächlich in Europa sehen".

"Sehr harter Winter" für die Ukraine
Am Ende gibt einen recht deprimierenden Ausblick. Der Winter in der Ukraine werde ein sehr harter werden, prognostiziert Reisner. Die Ukraine benötige laut Selenskyj dringend Patriot-Raketen um die im Winter erwarteten ballistischen Angriffe abfangen zu können. 80 Prozent der kritischen Infrastruktur der Energieversorgung seien zerstört oder beschädigt. Nach dem letzten Winter sie diese Infrastruktur kaum instand gesetzt worden. (Astrid Ebenführer, 24.8.2026)
Militärexperte Reisner über die "Achillesferse" der Ukraine, Trump und Drohnen gegen Europa
 

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Ukraine
Viele Tote nach Angriff auf Munitionsdepot
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Bei einem russischen Luftangriff auf das Dorf Myla in der Region Kiew sind Freitagabend mindestens 37 Menschen getötet worden, Dutzende wurden verletzt. Nach ukrainischen Angaben wurde ein Munitionsdepot getroffen. Die ukrainischen Behörden prüfen, ob das Kriegsgerät dort überhaupt gelagert werden durfte. Die Staatsanwaltschaft leitete Ermittlungen wegen Fahrlässigkeit ein.
Online seit heute, 16.06 Uhr (Update: 17.58 Uhr)
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Nach Angaben der Staatsanwaltschaft wurde bei dem Drohnenangriff auf das knapp fünf Kilometer von der Stadtgrenze Kiews entfernte Dorf Myla ein Unternehmensgelände getroffen. Infolge des Angriffs sei ein Feuer ausgebrochen, zudem sei es zu weiteren Explosionen gekommen, so Tymur Tkatschenko, Gouverneur der Region Kiew.

Die Explosion zog die umliegende Infrastruktur in Mitleidenschaft. Laut Präsident Wolodymyr Selenskyj entstanden an einem Wohnblock, einem Altersheim und einer Einrichtung für Menschen mit Behinderung erhebliche Schäden. 300 Rettungskräfte standen im Einsatz. Die Hauptverbindungsstrecke von Kiew Richtung Westen musste in der Folge auf einem mehrere Kilometer langen Abschnitt für die Lösch- und Rettungsarbeiten komplett gesperrt werden.

Reuters/State Emergency Service Of Ukraine
Der Angriff auf das Industriegebiet in Myla ereignete sich Freitagabend

„Kriminelle Fahrlässigkeit“
In dem Depot des ukrainischen Militärs seien große Mengen von Granaten, Minen und Drohnen gelagert worden, sagte Selenskyj. Die Waffen hätten „dort absolut nicht sein dürfen“, fügte er hinzu. „Diejenigen, die das zugelassen haben, müssen dafür zur Rechenschaft gezogen werden“, sagte er. „Munition darf nicht in der Nähe von Häusern oder Wohngebieten gelagert werden.“ Der Angriff ereignete sich am Freitag gegen 20.00 Uhr (Ortszeit). Noch in der Nacht gab die Staatsanwaltschaft die Einleitung von Ermittlungen wegen „dienstlicher Fahrlässigkeit“ bekannt.

Reuters/Oleksandr Gusev
Die Löscharbeiten in Myla gingen am Samstag weiter

Premier Serhij Korezkyj verwies auf einen ähnlichen Vorfall Anfang Juli am südwestlichen Stadtrand von Kiew. Damals sei zutage getreten, dass sich ein Staatsunternehmen trotz der Nähe zu Wohngebäuden nicht an die Vorschriften für die Lagerung von explosivem Material gehalten hatte. „Im fünften Kriegsjahr werden ein und dieselben Fehler begangen, das ist kriminelle Fahrlässigkeit“, schrieb er auf Telegram. Nach offiziellen Angaben starben im Juli mindestens neun Menschen.

In der Hauptstadt Kiew sind im Tagesverlauf bei russischen Drohnenangriffen mindestens ein Mensch getötet und acht weitere verletzt worden. Bei dem Todesopfer handle es sich um ein zweijähriges Mädchen, teilte Bürgermeister Witali Klitschko auf Telegram mit.

Russische Angriffe auf Häfen
Davor nahm die russische Armee in der Nacht erneut Hafeninfrastruktur ins Visier. In der Oblast Odessa starb bei einem russischen Angriff nach Behördenangaben eine Person. Drei seien verletzt worden, teilte der Gouverneur der Region, Oleh Kiper, mit. Fünf Getreidetransporter seien ausgebrannt, drei weitere beschädigt worden. Alle Brände konnten laut Kiper gelöscht werden.

In der Region Ismajil, in dem sich die Donauhäfen des Landes befinden, wurde nach behördlichen Angaben Transportinfrastruktur beschädigt. Russlands Verteidigungsministerium teilte weiters mit, seine Truppen hätten auch einen Umschlagterminal im ukrainischen Hafen von Mykolajiw getroffen. Zudem seien ein Liegeplatz für Tankschiffe sowie Entladestellen für Kraft- und Schmierstoffe getroffen worden.

Tote durch ukrainische Angriffe in Russland
Bei einer ukrainischen Drohnenattacke auf die russische Region Belgorod seien unterdessen drei Menschen getötet worden, wie lokale Behörden am Samstag mitteilten. Drei Menschen seien schwer verletzt worden, hieß es weiter.

In Sewastopol auf der von Russland annektierten Halbinsel Krim wurde laut Behörden ein Mensch getötet, drei weitere erlitten Verletzungen. Im südrussischen Gebiet Rostow wurden laut Lokalbehörden mindestens sieben Menschen bei ukrainischen Attacken verletzt. Ein Kind sei schwer verletzt ins Spital eingeliefert worden, berichtete die staatliche Nachrichtenagentur TASS. In der russischen Hafenstadt Rostow am Don wiederum wurden laut dem regionalen Gouverneur Jury Sljusar zwei Wohnblöcke durch herabstürzende Drohnentrümmer beschädigt. Sieben Personen wurden verletzt.

Medien: Erneut Angriff auf russisches Warenlager
Ukrainischen Medienberichten zufolge soll auch das Warenlager eines Elektronikhändlers in Flammen aufgegangen sein. Seit Wochen attackieren die ukrainischen Streitkräfte immer wieder Logistikzentren großer russischer Unternehmen. Insbesondere die Onlineversandhändler Wildberries und Ozon gerieten dabei ins Visier.

29.08.2026, red, ORF.at/Agenturen

Ukraine: Viele Tote nach Angriff auf Munitionsdepot
 

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Militärtechnik
Wegen Drohnen: Ukraine muss Abrams-Panzer parken – aber nicht für immer
Der Abgesang auf den Kampfpanzer ist zu früh, meint der Kommandeur der ukrainischen Einheit Skala. Aktuell wartet man aber auf verlässliche Drohnenabwehr

Die Truppen in der Ukraine loben die Panzerung, Mobilität und Feuerkraft. Aber durch seine Größe ist der Abrams schwer zu tarnen. (Im Bild: Ein US-Abrams während einer Übung)
REUTERS/David Mdzinarishvili

Einst galten westliche Kampfpanzer als potenzielle Wende im Ukraine-Krieg. Doch an den Brennpunkten der Front stehen viele der gelieferten M1A1 Abrams derzeit still.

Wie ein Bericht des Fachmagazins The War Zone unter Berufung auf Interviews des ukrainischen Senders Hromadske offenbart, hat die 425. Sturmbrigade "Skala" ihre Abrams vorerst aus dem aktiven Gefecht zurückgezogen. Der Grund dafür ist kein Mangel an Feuerkraft, sondern die Veränderung des modernen Krieges. Dennoch warnen Militärs und Besatzungen davor, den Kampfpanzer voreilig für tot zu erklären.

Tödlich transparent: Der Drohnenwald über Pokrowsk
Der Hauptgrund für den vorübergehenden Rückzug ist die vollständige Überwachung des Luftraums durch russische Drohnen. Über dem umkämpften Logistikknotenpunkt Pokrowsk ist das Schlachtfeld buchstäblich "gläsern" geworden.

Das ist für den gewaltigen Abrams aus mehreren Gründen ein Problem. Mit seiner enormen Silhouette ist der Panzer im offenen Gelände kaum zu verbergen. Russische Aufklärungsdrohnen erfassen jede Bewegung der Panzer sofort.

Großangelegte Einsätze waren zuletzt fast nur noch bei dichtem Nebel und Regen möglich, um der optischen Erfassung zu entgehen. Sobald das Wetter aufklarte, gerieten die Kolonnen unter massiven Beschuss.

Gelingt die Aufklärung, folgen umgehend Angriffe durch günstige FPV-Kamikaze-Drohnen. Ein ukrainischer Besatzungsangehöriger mit dem Rufnamen "Kent" berichtete Hromadske, sein Panzer sei bei einem einzigen Einsatz von über 20 Drohnen getroffen worden. Oft ist von Drohnenschwärmen die Rede, jedoch gleichen die Angriffe eher Drohnenketten. Die Drohnen attackieren der Reihe nach ihr Ziel, ist es zerstört oder kampfunfähig, zieht die Kette weiter zur nächsten Angriffsmöglichkeit.

Durstig, wartungsintensiv, tödlich
Der M1A1 bleibt eine anspruchsvolle Maschine. Bei extremem Treibstoffverbrauch von 400 bis über 700 Litern Diesel pro 100 Kilometer und einem wartungsintensiven Fahrwerk wiegt das Risiko eines Totalverlusts durch billige Drohnen schwer. Dazu kommt ein logistisches Problem, das sich bereits sehr früh zeigte: Für den Abrams ist eine Mischung aus Werkzeug im metrischen sowie im imperialen System der USA nötig. Diese Mischung macht auch die Beschaffung von Ersatzteilen schwierig.

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Dennoch lobt die ukrainische Truppe die Vorzüge des Abrams. Im Vergleich zu den russischen T-72 oder T-90 sind die Optiken hervorragend, die Motorleistung ist immens und die Kanone leistungsstark. Außerdem wird die Mobilität gelobt: Der Abrams kann auf einer sprichwörtlichen Münze umdrehen und hat im Gegensatz zu den russischen Modellen sogar einen brauchbaren Rückwärtsgang.

Dennoch: Von den insgesamt 80 aus den USA und Australien zugesagten Abrams-Panzern gelten laut Bildnachweisen bereits mindestens 25 Einheiten als zerstört, beschädigt oder aufgegeben. Ohne flächendeckende Gegenmittel fehlt derzeit die Möglichkeit die Kampfpanzer effektiv einzusetzen.

Lebensretter statt Fehlinvestition
Aber: Trotz der hohen Verlustraten weisen die Soldaten Kritik an den bisherigen Einsätzen entschieden zurück. Der Einsatz des Panzers habe sich jedes Mal gelohnt – vor allem, weil er Menschenleben rettete.

Die Alternative zum Panzervorstoß bestand oft darin, Infanteristen kilometerweit zu Fuß durch ungeschütztes Gelände marschieren zu lassen. Unter permanenter Drohnenbeobachtung käme dies einem Himmelfahrtskommando gleich. Der Abrams bot nicht nur gewaltige Feuerunterstützung für Schützenpanzer, sondern erwies sich als extrem widerstandsfähig. Dank robuster Panzerung, zusätzlicher Reaktivpanzerung (ERA) und behelfsmäßiger Abwehrgitter überlebten Besatzungen massive Treffer, die in Panzern sowjetischer Bauart tödlich geendet hätten. "Zuallererst schützt der Panzer die Leben der Mannschaft", erklärt der Kommandeur der Einheit mit dem Condamen Kubik.

Kein Nachruf, sondern eine Atempause
Die Entscheidung, die Panzer vorerst in Reserve zu halten, markiert nicht das Ende der Panzerwaffe, sondern eine taktische Anpassungsphase, wie der Kommandeur erklärt.

Militärhistorisch betrachtet folgte auf jede offensive Waffeninnovation stets die Entwicklung passender Abwehrmaßnahmen. Kubik unterstreicht, dass das Konzept des Kampfpanzers keineswegs obsolet sei. Weder Infanterie noch Artillerie können die Kombination aus geschützter Mobilität, Durchbruchskraft und direkter Feuerwirkung vollständig ersetzen.

Der Abgesang ist zu früh
Die aktuelle Gefechtspause der M1A1 Abrams ist daher ein Abwarten: "Es wird der Tag kommen, an dem einer unserer klugen Köpfe eine hervorragende Lösung gegen Drohnen findet – und dann werden wir sie wieder einsetzen."

Gemeint sind effektive, mobile Abwehrsysteme – sei es durch tragbare Jammer zur elektronischen Kampfführung (EW), Laser oder automatisierte Nahbereichs-Flugabwehr. Sobald diese serienreif auf den Fahrzeugen integriert sind, werden die stählernen Speerspitzen auf das Schlachtfeld zurückkehren, meint Kubik: "Wir warten vorerst einfach ab und lassen sich Zeit. Panzer abzuschreiben – ist meiner Meinung nach – noch zu früh." (Peter Zellinger, 13.9.2026)

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Zivile Infrastruktur
Neue russische Strategie: In Kyjiw brennen immer öfter die Tankstellen und Supermärkte
Russland nimmt in der Hauptstadtregion immer häufiger Orte ins Visier, die für die zivile Versorgung entscheidend sind: Tankstellen ebenso wie Verteilzentren für Lebensmittel und Medikamente
Nahe der Front gehören sie seit den ersten Kriegstagen zum vertrauten Bild: ausgebrannte und verwüstete Tankstellen, die am Straßenrand vor sich hin rosten, wie Überreste eines längst vergangenen zivilen Alltags. Zuletzt hat Russland seine Angriffe auf Tankstellen jedoch ausgeweitet. Längst trifft es auch Anlagen in der Hauptstadt Kyjiw.

Listen in Sozialen Medien
Erst am Freitag schlugen russische Drohnen in zwei Tankstellen in der ukrainischen Hauptstadt ein. Mindestens zwei Menschen wurden getötet, zwölf weitere verletzt, teilte Bürgermeister Witali Klitschko mit. Auch am Tag davor war eine Tankstelle zerstört worden. Alle drei gehören dem staatlichen ukrainischen Öl- und Gasunternehmen Ukrnafta – und sie könnten erst der Anfang sein. In den sozialen Medien kursieren seit Tagen Listen mit Adressen von Tankstellen in Kyjiw, die – so die Angst im Netz – bald zu weiteren Zielen russischer Angriffe werden könnten.


Eine zerstörte Trankstelle in Kyjiw. Diese wurde am Freitag zum Ziel russischer Angriffe.
AFP/STRINGER

Ermöglicht werden solche gezielten Angriffe fernab der Front durch eine neue Generation russischer Drohnen: Die Jetdrohnen mit Strahltriebwerk erreichen Geschwindigkeiten von bis zu 600 Kilometern pro Stunde. Damit sind sie deutlich schwieriger abzufangen als die älteren, von einem Schubpropeller angetriebenen Shahed-Drohnen.

"Diese verdammten Drohnen sind wirklich lästig", erklärt Oleksandr Kharchenko, Leiter des Kyjiwer Energie-Thinktanks "Energy Industry Research Center", gleich zu Beginn des Gesprächs mit dem STANDARD am Telefon. Das Fluchen lässt sich nachvollziehen. Im Hintergrund ist erneut der Lärm von Sirenen zu hören. Inzwischen schickt Russland fast täglich die Jetdrohnen, tagsüber ebenso wie nachts.

"Sinn der Angriffe ist Terror"
Ein verändertes Tankverhalten beobachtet Kharchenko bisher weder bei sich selbst noch in seinem Umfeld – noch nicht. Doch den Menschen sei inzwischen bewusst, dass eine Tankstelle während eines Luftalarms kein Ort sei, an dem man sich länger als nötig aufhalten sollte. "Eine Tankstelle in Kyjiw ist kein militärisches Ziel. Das hat mit dem Militär nichts zu tun. Es ist schlicht Terror gegen die Zivilbevölkerung", so der Energieexperte. "Es geht darum, psychologischen Druck auszuüben: Seht her, sie treffen sogar die Tankstellen."


An der Front, hier etwa bei Kramatorsk, gehören brennende Supermärkte schon länger zum traurigen Bild.
IMAGO/Francisco Richart

Auf die Treibstoffversorgung haben sich die Angriffe laut Kharchenko bisher kaum ausgewirkt. Weder Engpässe noch Preissteigerungen seien darauf zurückzuführen. Allein in Kyjiw und der umliegenden Region soll es knapp 800 Tankstellen geben. "In den vergangenen zwei Wochen wurden drei davon beschädigt. Die tatsächlichen Auswirkungen auf die Energieversorgung der Bevölkerung sind praktisch null. 50 Meter von einer beschädigten Tankstelle entfernt gibt es die nächste, 100 Meter weiter wieder eine", erklärt Kharchenko. In seiner Stimme schwingt Trotz mit.

Schutzräume in Planung
Auch Serhij Kujun, Direktor der auf den Treibstoffmarkt spezialisierten Consulting Group A-95, sieht die Versorgung noch nicht gefährdet. Zwar seien seit Beginn der russischen Angriffswelle landesweit mehr als 300 Tankstellen getroffen worden, rund 80 Prozent davon würden jedoch wieder instandgesetzt. Neu sei die Taktik ohnehin nicht, schreibt Kujun auf Facebook: "Es ist dieselbe wie in Sumy, Charkiw, Saporischschja und Dnipro." Dort hat man längst begonnen, sich darauf einzustellen, indem an Dutzenden Tankstellen in den frontnahen Regionen mobile Schutzräume errichtet wurden. Kujun rechnet damit, dass solche Schutzräume bald auch an Kyjiwer Tankstellen häufiger zu sehen sein werden.

Auch die Ukraine hat ihre Angriffe im russischen Hinterland ausgeweitet. Im Mittelpunkt stehen dabei Raffinerien und Treibstoffanlagen, deren Ausfälle die Benzinversorgung in Teilen Russlands bereits unter Druck gesetzt haben. Seit dem Sommer wurden zudem mehrfach Logistikzentren des russischen Onlinehändlers Wildberries getroffen. Kyjiw erklärt die Angriffe damit, Russlands Treibstoffversorgung und militärische Logistik schwächen zu wollen.

Medikamente als Ziel
In der Region Kyjiw wiederum sind Tankstellen längst nicht die einzigen Orte der zivilen Versorgung, die zuletzt ins Visier geraten sind, auch Verteilzentren von Supermarktketten sind darunter. Die Folgen waren in den vergangenen Wochen zeitweise auch immer wieder in den Geschäften zu sehen: Bei einzelnen Produkten kam es erstmals seit den ersten Kriegstagen wieder zu Versorgungsschwierigkeiten, manche Supermarktregale blieben ganz leer. Auch bei den Preisen könnten sich die Angriffe bald bemerkbar machen. Taras Wyssozkyj, Minister für Agrarpolitik und Ernährung, warnt, dass Lebensmittel infolge der Angriffe auf Lagerinfrastruktur um 2,5 Prozent teurer werden könnten.

Besonders deutlich werden die Folgen der Angriffe bei Medikamenten. Anfang September wurde nahe dem Flughafen Boryspil, östlich von Kyjiw, eines der größten Pharmalager der Ukraine getroffen. In den vom Unternehmen Biocon betriebenen Hallen lagerten Medikamente verschiedener Pharmahändler und Apothekenketten. Zu den betroffenen Unternehmen gehört die Apothekenkette "Apteka Dobroho Dnja", eine der größten des Landes. Deren Direktor für strategische Entwicklung und Innovation, Serhij Hornizkyj, veröffentlichte nach dem Angriff Bilder der Zerstörung auf Facebook und schrieb: "Hunderte Tonnen Medikamente, auf die Patienten im ganzen Land zur Behandlung unterschiedlichster Krankheiten gewartet haben, wurden in einem einzigen Augenblick zerstört." Der Betrieb in dem beschädigten Logistikzentrum wurde eingestellt; wann er wiederaufgenommen werden kann, ist bisher unklar. "In der Ukraine ein Unternehmen zu führen, bedeutet, jeden Tag einen Überlebensmarathon zu laufen – um jeden Arbeitsplatz und jede Möglichkeit zu kämpfen, weiterzumachen", erklärt Hornizkyj.

In der Nacht auf Sonntag wurde bei Kyjiw ein weiteres großes Pharmalager getroffen. Auf 21.000 Quadratmetern lagern dort Waren für einige der größten Pharmagroßhändler des Landes. Über sie gelangen Medikamente weiter in Apotheken in der ganzen Ukraine. Zusammen mit den jüngsten Angriffen auf Tankstellen zeichnet sich damit ein Muster ab: Getroffen werden Versorgungspunkte weit entfernt von der Front, von der ein möglichst normaler Alltag im Krieg abhängt.
(Daniela Prugger, 13.9.2026)
Neue russische Strategie: In Kyjiw brennen immer öfter die Tankstellen und Supermärkte
 
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