Ausstellung in St. Pöltener Luftschutzkeller

Geist

Zeitgeschichte im Untergrund
Mitarbeiter
#1
Luftschutzkeller als beklemmendes Zeitzeugnis

Rund um Ostern 1945 hat St. Pölten kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges die schwersten Bombenangriffe erlebt. Viele Menschen suchten in dieser Zeit in Luftschutzkellern Zuflucht. Jener unter dem Bistumsgebäude auf dem Domplatz ist nun öffentlich zu besichtigen.

Vom 20. März bis 3. April 1945 erlitt St. Pölten die massivsten Bombentreffer. Unter dem Bistumsgebäude am Domplatz wurde schon ab 1938 ein Luftschutzkeller eingerichtet, für rund 400 Menschen. Die historischen Kellergewölbe des Gebäudes wurden damals in drei Bereiche unterteilt: einen öffentlichen Luftschutzkeller für die Bevölkerung, einen für die NSDAP, als Befehlsstelle für die Nazis eingerichtet, und einen Sanitätsluftschutzkeller, quasi ein Spital unter der Erde, das beheizt werden konnte und fließendes Wasser hatte.

In der Ausstellung „Wir sind Gefangene des Augenblicks“ des Museums am Dom im ehemaligen Luftschutzkeller kommen Zeitzeuginnen in Videoaufnahmen zu Wort. Zugleich erzählen prominente Personen im Zusammenhang mit dieser Zeit und über den Luftschutzkeller.

Von der Gestapo überwacht

So lebte auch der spätere Kardinal Franz König in der Zeit des Zweiten Weltkriegs in St. Pölten, wohnte im Bistumsgebäude und fand auch im Luftschutzkeller Zuflucht. Der damalige St. Pöltner Bischof Michael Memelauer hatte den jungen Priester Franz König als Jugendseelsorger und Religionslehrer nach St. Pölten geholt. König wurde wegen dieser christlichen Jugendarbeit auch von der Gestapo überwacht und vorgeladen, erzählt die Kuratorin der Ausstellung Manuela Rechberger.

In die Zeit der schweren Bombenangriffe fiel auch der Ostersonntag am 1. April 1945. 15 Mal gab es an diesem Tag Bombentreffer in St. Pölten. In seinem Kriegstagebuch berichtet der damalige Generalvikar Michael Distelberger, wie er mit König in den Angriffspausen oben nach dem Rechten sah und wieder hinunter in den Keller flüchtete. „So bin ich noch nie in den Luftschutzkeller hinuntergestürmt wie diesmal. Der Luftschutzleiter fragte mich, ob er das Zeichen zur Generalabsolution geben sollte. Ich sagte geschwind, es werden sofort Bomben fallen“ – ist in Auszügen in der Ausstellung als Zitat zu lesen.

Der Generalvikar schreibt, dass der St. Pöltner Bischof Memelauer an diesem Ostersonntag allen im Luftschutzkeller die Generalabsolution erteilte, die Loslösung von den Sünden. „Die Menschen hatten Todesangst, sie fürchteten, jede Minute, jede Sekunde zu sterben. Es gab keine Garantie, dass man aus einem Luftschutzkeller wieder lebend herauskam. Es gab Beispiele in St. Pölten, wie den Luftschutzkeller am Eisberg, der einstürzte, wodurch etliche Menschen starben", erzählt Manuela Rechberger vom Museum am Dom.

Die Ausstellung des Museums am Dom im ehemaligen Luftschutzkeller des Bistumsgebäudes ist beklemmend authentisch, geht unter die Haut und macht nachdenklich. Sie ist heuer noch bis Oktober zu sehen, und wird vermutlich als Dauerausstellung bleiben.

Sabine Daxberger, noe.ORF.at
Quelle mit Videobeitrag: Luftschutzkeller als beklemmendes Zeitzeugnis
 
Oben