Museen vermitteln erstmals NS-Zeit im Ötztal
Die Ötztaler Museen behandeln in einem umfangreichen Vermittlungsprojekt die Geschichte des Nationalsozialismus im Tal. Mehrere Ausstellungen, Buchpräsentationen und ein Audio-Guide greifen erstmals die Zeit von 1938 bis 1945 auf. Den Auftakt macht ein Thema, das tabuisiert wurde.
Online seit heute, 6.01 Uhr
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Pflicht erfüllen oder Widerstand leisten? An der Front kämpfen oder Fahnenflucht begehen? Still bleiben und ein verbrecherisches Regime mittragen oder in die Berge flüchten? Diese Fragen beschäftigten speziell jene Menschen, die im Zweiten Weltkrieg zu Deserteuren der Wehrmacht wurden. Gerade im Tiroler Ötztal (Bezirk Imst) gab es verhältnismäßig viele Fälle von Deserteuren.
Häufig kehrten sie nach einem Urlaub in der Heimat nicht mehr an die Front zurück, versteckten sich in den Bergen und genossen die Unterstützung von Familie und Bekannten. Nach dem Krieg wurden sie jedoch teilweise als „Verräter“ verunglimpft. Der Umgang mit deren Geschichte war deshalb lange Zeit ein Tabu.
Besonderes Objekt für Familie
Einer der Ötztaler Deserteure war Alfons Auderer aus Tumpen. Im September 1944 erschien er nicht mehr bei seinem Kommando. Er entschloss sich, den Dienst als Soldat nicht länger zu leisten. Gemeinsam mit anderen Männern aus dem Tal versteckte er sich über mehrere Monate in der Nähe der Gehsteigalm.
Ötztaler Museen/privat, ORF
Spurensuche von Oetz durch das Ötztal zwischen damals und heute: Die Aufnahme oben stammt von einem US-Soldaten vom Mai 1945
In seinem Versteck schnitzte er ein Salzfass – ein besonderes Objekt mit besonderer Bedeutung für seine Familie, wie seine Tochter Hildegard Frischmann erzählte: „Er hat damit gerechnet, dass er wieder nach Hause kommt und er ist Gottseidank auch wieder heimgekommen.“ Mit dem Schnitzen des Salzfasses habe er sich die Zeit vertrieben, so die bald 85-Jährige.
„Am liebsten schweigt man“
Im Tal sei die NS-Zeit bisher kaum noch breit erforscht oder vermittelt worden. „Es fällt den Menschen sehr schwer, über diesen Zeitraum zu sprechen, weil man nicht sicher ist, was man sagen und was man nicht sagen darf“, sagte Hessenberger. „Am liebsten schweigt man dann eigentlich dazu.“
Dadurch würde die jüngste Generation zwar einen Einblick in den Nationalsozialismus in Österreich haben. Das Wissen über die lokale Geschichte sei aber wenig vorhanden. „Ich glaube die NS-Zeit im Ötztal ist für viele Neuland.“
Fotostrecke
Ötztaler Museen
Alfons Auderer (links) mit seiner Frau und seiner Tochter Hildegard wenige Monate nach deren Geburt
ORF
Das Salzfass von Alfons Auderer wurde von seinen Nachkommen wie ein kleiner Familienschatz gehütet
ORF
Seine Tochter Hildegard Frischmann (links) übergab das Objekt an Edith Hessenberger von den Ötztaler Museen
ORF
Für die Ötztaler Museen ist das Salzfass ein seltenes Objekt, das für die Geschichte der Desertion und die Geschichte einfacher Menschen steht
Weiter in der Dieses Neuland betritt Hessenbergers Team und gibt dem Thema eine Sprache. Unter dem Motto „WER WIDERSTAND?“ werden Fragen nach Desertion und Zivilcourage gestellt. Die Ausstellung zeigt die Forschungen des Historikers Peter Pirker. Er beschäftigte sich in den vergangenen Jahren intensiv mit der Geschichte der Deserteure in Tirol und Vorarlberg.
Rund 80 Deserteure im Ötztal
Für das Ötztal konnte Pirker rund 80 Fälle nachweisen. Im Vergleich zu anderen Landesteilen war das eine sehr große Zahl. „Ein Grund war, dass Deserteure im Ötztal relativ sicher waren, sie konnten auf die Hilfe von Angehörigen zählen und Gendarmen sahen weg“, erklärte der Historiker gegenüber dem ORF Tirol.
Zwischen Haiming und Obergurgl habe Franz Hofer, NSDAP-Gauleiter von Tirol und Vorarlberg, keine Sippenhaft als Mittel der Verfolgung und Einschüchterung angewandt. Anders gestaltete sich die Situation im benachbarten Passeiertal im heutigen Südtirol. Dadurch seien gewaltsame Auseinandersetzungen ausgeblieben.
Fotostrecke
ORF
In nur einem Raum gibt die Ausstellung „WER WIDERSTAND?“ viele Einblicke in die Geschichte der Deserteure im Ötztal
ORF
Mit zahlreichen Fotoaufnahmen spannt das Projekt einen Bogen zu Menschen vom Haimingerberg bis nach Sölden
Ötztaler Museen/Bibliothek Ferdinandeum
Die „Rettenbacher-Brüder“ (Johann, Georg und Hermann) bei ihrem Versteck
ORF
Die Ötztaler Museen wollen dem Thema Nationalsozialismus und Desertion im Ötztal eine Sprache geben
ORF
Das Turmmuseum in Oetz ist einer von mehreren Standorten der Ötztaler Museen
Gemeinsam mit Co-Kuratorin Verena Sauermann von den Ötztaler Museen gestaltete Pirker die Ausstellung im Turmmuseum Oetz. Dafür rekonstruierten sie mehrere Lebensgeschichten und Verstecke von Deserteuren. Mit vielen Bildern, Porträt- und Landschaftsfotos geben sie Einblicke in die Welt der Deserteure und ihre Helferinnen.
Mythos der Partisanen widerlegen
Eine wichtige Erkenntnis ist für Pirker, dass die Soldaten nicht aus patriotischen Motiven handelten. Der „Mythos, es hätte im Ötztal große patriotische Partisanengruppen gegeben“, sei erst im Nachhinein entstanden. Politiker, Journalisten und Publizisten hätten diesen geschaffen. Tatsächlich habe es sie aber nicht gegeben.
Vielmehr spricht Pirker von „Fluchtwiderstand“. Ausschlaggebend dafür waren Frauen wie Elisabeth Sam (geb. Mair). Mit mutigen Aktionen leisteten sie einen wesentlichen Beitrag zur Rettung und zum Überleben der Fahnenflüchtigen. Auf diese Weise verdeutliche die Ausstellung, dass „Widerstand gegen den NS-Staat viele Gesichter und Formen hatte“.
Vielfältiges Vermittlungsprogramm
Über ein Jahr lang gehen die Ötztaler Museen an unterschiedliche Schauplätze. Den Auftakt dafür bildet die Ausstellung zu den Deserteuren, die am Donnerstag, 27. März eröffnet wird. Im Laufe des Jahres sind noch Formate zur NS-„Euthanasie“, das heißt der Ermordung von psychisch oder körperlich behinderten Menschen, oder allgemein zur NS-Zeit geplant. Außerdem wird es einen talweiten Audio-Guide, Buchpräsentationen und Vorträge geben.
Zeitzeugin im Interview
Die Erfahrungen von Menschen aus dem Tal nehmen jeweils einen zentralen Stellenwert ein, zum Beispiel mit Auszügen aus Interviews mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen. Eines davon gab Elisabeth Sam (1920-2007) im Jahr 1983 im Rahmen der ORF-Dokumentation „Österreich II“ von Hugo Portisch und Sepp Riff (siehe Link unten).
Warum an NS-Zeit erinnern?
Auf die Frage, warum es diese Auseinandersetzung 80 Jahre nach Kriegsende noch braucht, meinte Museumsleiterin Edith Hessenberger: „Es ist gut, wenn Menschen, die in einer Region leben und sie auch für den Tourismus bewerben und vermarkten, nicht nur die schönen, sondern auch die dunklen Seiten der Geschichte kennen.“
Auch für Hildegard Frischmann, die Tochter des Deserteurs Alfons Auderer, geht es nicht um Schuldzuweisungen und auch nicht um Anerkennung für ihren Vater. „Wichtig wäre, dass die Leute und vor allem die Jungen die Einstellung bekommen, dass es nicht immer angebracht ist, den großen Schreiern nachzuspringen“, meinte sie.
Ausstellungseröffnung:
„WER WIDERSTAND? Deserteure der Wehrmacht und wer ihnen half“, 27. März, 18.00 Uhr, Turmmuseum Oetz/Saal Etz
Eine Anerkennung für den Akt des Widerstandes habe Auderer nach dem Krieg nie erhalten. Vielmehr hätten er und andere als „Feigling“ gegolten. Das Salzfass ging nun aber in die Geschichte ein: als Objekt im Museum. Es sei kein Zeugnis einer Heldengeschichte, sondern steht für die Erfahrungen von einfachen Menschen in der Zeit des Nationalsozialismus, betont das Team rund um Edith Hessenberger, Leiterin der Ötztaler Museen.
27.03.2025, Benedikt Kapferer, tirol.ORF.at
Links:
NS-Zeit im Ötztal (Ötztaler Museen)
Interview mit Elisabeth Sam (ORF On)
Blog Flucht und Zufluchtsorte von Wehrmachtsdeserteuren (Institut für Zeitgeschichte)
Online seit heute, 6.01 Uhr
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Pflicht erfüllen oder Widerstand leisten? An der Front kämpfen oder Fahnenflucht begehen? Still bleiben und ein verbrecherisches Regime mittragen oder in die Berge flüchten? Diese Fragen beschäftigten speziell jene Menschen, die im Zweiten Weltkrieg zu Deserteuren der Wehrmacht wurden. Gerade im Tiroler Ötztal (Bezirk Imst) gab es verhältnismäßig viele Fälle von Deserteuren.
Häufig kehrten sie nach einem Urlaub in der Heimat nicht mehr an die Front zurück, versteckten sich in den Bergen und genossen die Unterstützung von Familie und Bekannten. Nach dem Krieg wurden sie jedoch teilweise als „Verräter“ verunglimpft. Der Umgang mit deren Geschichte war deshalb lange Zeit ein Tabu.
Besonderes Objekt für Familie
Einer der Ötztaler Deserteure war Alfons Auderer aus Tumpen. Im September 1944 erschien er nicht mehr bei seinem Kommando. Er entschloss sich, den Dienst als Soldat nicht länger zu leisten. Gemeinsam mit anderen Männern aus dem Tal versteckte er sich über mehrere Monate in der Nähe der Gehsteigalm.
Spurensuche von Oetz durch das Ötztal zwischen damals und heute: Die Aufnahme oben stammt von einem US-Soldaten vom Mai 1945
In seinem Versteck schnitzte er ein Salzfass – ein besonderes Objekt mit besonderer Bedeutung für seine Familie, wie seine Tochter Hildegard Frischmann erzählte: „Er hat damit gerechnet, dass er wieder nach Hause kommt und er ist Gottseidank auch wieder heimgekommen.“ Mit dem Schnitzen des Salzfasses habe er sich die Zeit vertrieben, so die bald 85-Jährige.
„Am liebsten schweigt man“
Im Tal sei die NS-Zeit bisher kaum noch breit erforscht oder vermittelt worden. „Es fällt den Menschen sehr schwer, über diesen Zeitraum zu sprechen, weil man nicht sicher ist, was man sagen und was man nicht sagen darf“, sagte Hessenberger. „Am liebsten schweigt man dann eigentlich dazu.“
Dadurch würde die jüngste Generation zwar einen Einblick in den Nationalsozialismus in Österreich haben. Das Wissen über die lokale Geschichte sei aber wenig vorhanden. „Ich glaube die NS-Zeit im Ötztal ist für viele Neuland.“
Fotostrecke
Alfons Auderer (links) mit seiner Frau und seiner Tochter Hildegard wenige Monate nach deren Geburt
Das Salzfass von Alfons Auderer wurde von seinen Nachkommen wie ein kleiner Familienschatz gehütet
ORF
Seine Tochter Hildegard Frischmann (links) übergab das Objekt an Edith Hessenberger von den Ötztaler Museen
ORF
Für die Ötztaler Museen ist das Salzfass ein seltenes Objekt, das für die Geschichte der Desertion und die Geschichte einfacher Menschen steht
Weiter in der Dieses Neuland betritt Hessenbergers Team und gibt dem Thema eine Sprache. Unter dem Motto „WER WIDERSTAND?“ werden Fragen nach Desertion und Zivilcourage gestellt. Die Ausstellung zeigt die Forschungen des Historikers Peter Pirker. Er beschäftigte sich in den vergangenen Jahren intensiv mit der Geschichte der Deserteure in Tirol und Vorarlberg.
Rund 80 Deserteure im Ötztal
Für das Ötztal konnte Pirker rund 80 Fälle nachweisen. Im Vergleich zu anderen Landesteilen war das eine sehr große Zahl. „Ein Grund war, dass Deserteure im Ötztal relativ sicher waren, sie konnten auf die Hilfe von Angehörigen zählen und Gendarmen sahen weg“, erklärte der Historiker gegenüber dem ORF Tirol.
Zwischen Haiming und Obergurgl habe Franz Hofer, NSDAP-Gauleiter von Tirol und Vorarlberg, keine Sippenhaft als Mittel der Verfolgung und Einschüchterung angewandt. Anders gestaltete sich die Situation im benachbarten Passeiertal im heutigen Südtirol. Dadurch seien gewaltsame Auseinandersetzungen ausgeblieben.
Fotostrecke
In nur einem Raum gibt die Ausstellung „WER WIDERSTAND?“ viele Einblicke in die Geschichte der Deserteure im Ötztal
Mit zahlreichen Fotoaufnahmen spannt das Projekt einen Bogen zu Menschen vom Haimingerberg bis nach Sölden
Die „Rettenbacher-Brüder“ (Johann, Georg und Hermann) bei ihrem Versteck
ORF
Die Ötztaler Museen wollen dem Thema Nationalsozialismus und Desertion im Ötztal eine Sprache geben
ORF
Das Turmmuseum in Oetz ist einer von mehreren Standorten der Ötztaler Museen
Gemeinsam mit Co-Kuratorin Verena Sauermann von den Ötztaler Museen gestaltete Pirker die Ausstellung im Turmmuseum Oetz. Dafür rekonstruierten sie mehrere Lebensgeschichten und Verstecke von Deserteuren. Mit vielen Bildern, Porträt- und Landschaftsfotos geben sie Einblicke in die Welt der Deserteure und ihre Helferinnen.
Mythos der Partisanen widerlegen
Eine wichtige Erkenntnis ist für Pirker, dass die Soldaten nicht aus patriotischen Motiven handelten. Der „Mythos, es hätte im Ötztal große patriotische Partisanengruppen gegeben“, sei erst im Nachhinein entstanden. Politiker, Journalisten und Publizisten hätten diesen geschaffen. Tatsächlich habe es sie aber nicht gegeben.
Vielmehr spricht Pirker von „Fluchtwiderstand“. Ausschlaggebend dafür waren Frauen wie Elisabeth Sam (geb. Mair). Mit mutigen Aktionen leisteten sie einen wesentlichen Beitrag zur Rettung und zum Überleben der Fahnenflüchtigen. Auf diese Weise verdeutliche die Ausstellung, dass „Widerstand gegen den NS-Staat viele Gesichter und Formen hatte“.
Vielfältiges Vermittlungsprogramm
Über ein Jahr lang gehen die Ötztaler Museen an unterschiedliche Schauplätze. Den Auftakt dafür bildet die Ausstellung zu den Deserteuren, die am Donnerstag, 27. März eröffnet wird. Im Laufe des Jahres sind noch Formate zur NS-„Euthanasie“, das heißt der Ermordung von psychisch oder körperlich behinderten Menschen, oder allgemein zur NS-Zeit geplant. Außerdem wird es einen talweiten Audio-Guide, Buchpräsentationen und Vorträge geben.
Zeitzeugin im Interview
Die Erfahrungen von Menschen aus dem Tal nehmen jeweils einen zentralen Stellenwert ein, zum Beispiel mit Auszügen aus Interviews mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen. Eines davon gab Elisabeth Sam (1920-2007) im Jahr 1983 im Rahmen der ORF-Dokumentation „Österreich II“ von Hugo Portisch und Sepp Riff (siehe Link unten).
Warum an NS-Zeit erinnern?
Auf die Frage, warum es diese Auseinandersetzung 80 Jahre nach Kriegsende noch braucht, meinte Museumsleiterin Edith Hessenberger: „Es ist gut, wenn Menschen, die in einer Region leben und sie auch für den Tourismus bewerben und vermarkten, nicht nur die schönen, sondern auch die dunklen Seiten der Geschichte kennen.“
Auch für Hildegard Frischmann, die Tochter des Deserteurs Alfons Auderer, geht es nicht um Schuldzuweisungen und auch nicht um Anerkennung für ihren Vater. „Wichtig wäre, dass die Leute und vor allem die Jungen die Einstellung bekommen, dass es nicht immer angebracht ist, den großen Schreiern nachzuspringen“, meinte sie.
Ausstellungseröffnung:
„WER WIDERSTAND? Deserteure der Wehrmacht und wer ihnen half“, 27. März, 18.00 Uhr, Turmmuseum Oetz/Saal Etz
Eine Anerkennung für den Akt des Widerstandes habe Auderer nach dem Krieg nie erhalten. Vielmehr hätten er und andere als „Feigling“ gegolten. Das Salzfass ging nun aber in die Geschichte ein: als Objekt im Museum. Es sei kein Zeugnis einer Heldengeschichte, sondern steht für die Erfahrungen von einfachen Menschen in der Zeit des Nationalsozialismus, betont das Team rund um Edith Hessenberger, Leiterin der Ötztaler Museen.
27.03.2025, Benedikt Kapferer, tirol.ORF.at
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NS-Zeit im Ötztal (Ötztaler Museen)
Interview mit Elisabeth Sam (ORF On)
Blog Flucht und Zufluchtsorte von Wehrmachtsdeserteuren (Institut für Zeitgeschichte)
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